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NICARAGUA Drei Flügel

Der gemeinsame Feind einte die Koalition zwischen Bürgerlichen und Linken, die den Diktator Somoza stürzte. Wer schließlich siegt, ist ungewiß.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Seine Augen waren verbunden, seine Hände mit Handschellen gefesselt, in seinem Mund steckte ein Knebel, damit er nicht schrie: So vegetierte Tomás Borge, Mitbegründer der Sandinistischen Befreiungsfront Nicaraguas, sieben Monate lang in einer Gefängniszelle des Diktators Anastasio Somoza.

Heute ist Borge als neuer Innenminister der von den Sandinisten erkämpften Revolutionsregierung in Nicaragua selbst für Gefängnisse zuständig. Der Major der Nationalgarde, der damals Borges Folter befahl, sitzt jetzt seinerseits in Haft.

Wie andere Nationalgardisten. die sich nach dem Sturz des Somoza-Regimes in den vergangenen Tagen ergeben haben oder gefangengenommen wurden, kam er in ein früheres Flüchtlingslager nahe dem Flughafen von Managua, das als Gefangenen-Camp dient, aber unter Verwaltung und Aufsicht des Internationalen Roten Kreuzes belassen wurde.

»Ich weiß, daß Sie alle an den Iran denken«, erklärte der neue Innenminister vorige Woche einer Gruppe ausländischer Journalisten. »Wir wollen das Muster früherer Revolutionen durchbrechen. Würden wir auch mit Hinrichtungen und Folterungen anfangen, wofür hätten wir dann unsere Revolution gemacht?«

Noch freilich ist nicht klar, ob der erste erfolgreiche Guerillakrieg in Lateinamerika seit Fidel Castros Sieg vor 20 Jahren in ein autoritäres Links-Regime wie in Kuba münden wird -- oder ob der Umsturz schließlich, wie Portugals »Revolution der Nelken«, zur parlamentarischen Demokratie führt.

Die ersten Maßnahmen der neuen Machthaber lassen ideologische Rückschlüsse noch nicht zu -- sie waren vor allem diktiert von der schieren Notwendigkeit, ein durch Bürgerkrieg und Ausbeutung total ruiniertes Land wieder in Gang zu bringen:

Für zunächst 30 Tage wurde der Notstand verhängt, der unter anderem die vorübergehende Beschlagnahme von Privatbesitz, auch von Privatfahrzeugen, ermöglicht. Bis auf weiteres sollen Schmuggel, Schwarzmarkthandel, Devisenvergehen und Spekulation mit bis zu zwei Jahren Arbeitslager geahndet und Arbeiter ohne Bezahlung zum Wiederaufbau verpflichtet werden können.

Die neue Regierung ließ ferner die Privatbanken des Landes ebenso wie sämtliche 51 Unternehmen verstaatlichen, die dem einstigen Diktator Somoza gehört hatten. Somozas Nationalgarde, seine Partei und der ihm hörige Kongreß wurden aufgelöst, Somoza-Denkmäler entfernt, nach Somoza benannte Straßen und Plätze umgetauft und jede Art von Propaganda für sein Regime verboten. An die Carter-Regierung soll ein offizielles Ersuchen um Auslieferung des in die USA geflüchteten Ex-Präsidenten ergehen.

Der Haß auf den Diktator und seinen Clan hatte in der Vergangenheit eine Widerstandsbewegung zusammengeschweißt, die im übrigen nur wenig Gemeinsames verband: wohlhabende

* Vor dem Fall Managuas; v. l.: Guerilla-Kommandeur Borge. jetzt Innenminister, Junta-Mitglieder Ortega, Ramirez, Violeta Chamorra, Robelo.

Unternehmer, die den Somozas zunächst nur ihr Geschäftsgebaren verübelten, und Guerillakämpfer, die sich zum Marxismus bekannten, Priester und Intellektuelle, analphabetische Slumbewohner und Technokraten.

Wie lange die ungewöhnliche Koalition aus Bürgern und Revolutionären den Abgang des gemeinsamen Feindes überdauert, ist noch nicht abzusehen. Fürs erste erhielten Radikale und Gemäßigte gleichermaßen ihren Anteil an der vereint errungenen Macht.

So etwa bekommt in dem 33köpfigen Staatsrat, der die künftige Verfassung und ein neues Wahlgesetz ausarbeiten soll, die Sandinistische Befreiungsfront ebenso sechs Sitze wie der Oberste Rat der Privatunternehmer, Nicaraguas wichtigste Vereinigung von Geschäftsleuten und Industriellen. Vertreter entsenden die verschiedenen Gewerkschaften, aber auch die Universitäten und die Geistlichkeit.

In dem aus 18 Mitgliedern bestehenden Kabinett ging der wichtige Posten des Innenministers an den Marxisten Borge, einen Sandinisten jenes an Kuba orientierten Flügels, der den »verlängerten Volkskrieg« (Guerra Popular Prolongada) auf seine Fahnen geschrieben hat. Kulturminister wurde ein weiterer Sandinist, der über sein Land hinaus bekannte Dichter und Priester Ernesto Cardenal. Dafür fielen sowohl das Finanz- als auch das Industrieministerium an angesehene Wirtschaftsfachleute, die keinerlei linker Neigungen verdächtig sind.

Sorgsam ausbalanciertes Gleichgewicht zwischen dem rechten und dem linken Flügel der Somoza-Opposition herrscht zur Zeit auch noch in der aus fünf Personen bestehenden »Junta des Nationalen Wiederaufbaus«, dem obersten Exekutivorgan der neuen Regierung: Der Pflanzenöl-Fabrikant Alfonso Robelo, 39, und die Zeitungsverlegers- Witwe Violeta Barrios de Chamorro, 49, gehören zum konservativen Lager, der Physiker Moisés Hassan, 34, und der Guerillaführer Daniel Ortega, 35, zu den Linken.

Ob die beiden Flügel einander künftig blockieren, bekämpfen oder ergänzen werden, könnte vom taktischen Geschick des Mannes in der Mitte abhängen -- des fünften Mitglieds und offenkundigen Chefs der Junta, Sergio Ramírez Mercado, 36.

Der Anwalt und Dichter, der vierzehn Jahre lang im Exil gelebt hat, darunter drei in der Bundesrepublik, war nie in der Guerilla. Doch außer einigen Romanen hat er auch eine Biographie jenes Cäsar Augusto Sandino geschrieben, der 1934 von Somozas Vater ermordet wurde und der Sandinistischen Befreiungsfront ihren Namen gab.

Die drei rivalisierenden Fraktionen der Sandinisten -- Castristen, orthodoxe Leninisten und nichtmarxistische »Terceristas« -- respektieren den Intellektuellen ebenso wie jene Geschäftsleute und Bankiers, die fürchten, die Guerrilleros könnten in Nicaragua ein zweites Kuba schaffen.

Nicaragua brauche, so soll Ramírez einmal gesagt haben, eher eine Sozialdemokratie westdeutschen Stils mit nicaraguanischem Einschlag, in keinem Fall aber eine »Volksdemokratie wie in den osteuropäischen Ländern, die innerhalb eines internationalen Blocks von der Sowjet-Union abhängig oder mit ihr verbunden sind«.

Inzwischen hat Ramírez angekündigt, daß Nicaragua sich der Gruppe der blockfreien Nationen anschließen wolle. »Wir sind zwar Teil eines Kontinents, in dem die USA strategische, politische und wirtschaftliche Interessen haben«, erklärte er dem SPIEGEL. »Doch müssen die USA begreifen, daß die servilen Beziehungen zwischen unseren beiden Nationen für immer vorbei sind.«

Innenminister Borge kündigte derweil an, die Sandinistische Befreiungsfront werde eine politische Partei gründen, die bei den für 1981 oder 1982 geplanten Wahlen kandidieren wolle.

Wie das Programm für diese Partei aussehen soll -- darüber freilich konnten sich Marxisten und Nicht-Marxisten innerhalb der drei Flügel der Befreiungsfront bislang nicht einigen.

Zwei prominente Zeugen machten sich vorige Woche dafür stark, daß Nicaragua seinen eigenen Weg gehen werde:

US-Präsident Jimmy Carter befand, der Wechsel in Nicaragua sei »in keiner Weise« von Kuba gesteuert. Und Kubas Fidel Castro erklärte am Nationalfeiertag seines Landes zu Ehren der eigenen Revolution, flankiert von Sandinisten-Führern: »Nicaragua wird nicht notwendigerweise denselben Weg wie Kuba nehmen.«

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