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GEWERKSCHAFTSPOLITIK Drei Fragen an Frings

aus DER SPIEGEL 24/1957

Die alte Domstadt Fulda, die, den Leichnam des Heiligen Bonifatius, des »Apostels der Deutschen«, in ihren Mauern beherbergt wird am Donnerstag nach Pfingsten Tagungsort einer erlauchten Versammlung sein. Am Bonifatiusgrab wollen die deutschen katholischen Bischöfe zu einer Konferenz zusammentreten. Dem Gremium liegt ein Brief zur Beratung vor, dessen Inhalt allerlei Auseinandersetzungen heraufzubeschwören droht.

Es handelt sich um ein Schreiben, das einer der beiden stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Bernhard Tacke, am 16. Mai an Joseph Kardinal Frings, 70, richtete, den Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz. Der 50jährige Tacke ist Repräsentant des christkatholischen Elements im DGB. Das Dokument trägt die Unterschrift von insgesamt 107 katholischen ehren- und hauptamtlichen DGB-Funktionären; allen in der Bundesrepublik residierenden Bischöfen und dem Bischof von Berlin wurden Abschriften zugesandt.

Die katholischen DGB-Gewerkschaftler erheischen in diesem Schreiben von ihren Seelenhirten Antwort auf drei präzise Fragen:

- Kann ein Katholik Mitglied der Einheitsgewerkschaft sein?

- Darf ein Katholik Funktionär im DGB sein?

- Darf ein Katholik an Lehrgängen der Gewerkschaftsschulen teilnehmen und sich an solchen Schulen als Lehrperson betätigen?

Diese Fragen haben sich den christlichen DGB-Funktionären gestellt, weil es als Konkurrenz zum DGB eine »Christliche Gewerkschaftsbewegung Deutschlands« (CGD) gibt, und zwar seit dem 30. Oktober 1955. An jenem Tage hoben die CDU-Bundestagsabgeordneten Johannes Even, Bernhard Winkelheide (beide katholisch) und Heinrich Voß (evangelisch) die CGD aus der Taufe.

Zunächst sah es allerdings nicht so aus, als könne diese Neugründung irgendwelche DGB - treuen christlichen Gewerkschaftler in Gewissenskonflikte stürzen. Denn die beiden christlichen Konfessionen verhielten sich gegenüber der CGD durchaus abwartend. 21 führende Persönlichkeiten der evangelischen Kirche, unter ihnen mehrere Bischöfe, sprachen sich sogar ausdrücklich dafür aus, daß die gewerkschaftliche Einheit erhalten bleibe.

Die katholischen Bischöfe ließen am 6. November 1955 verlautbaren, jeder katholische Arbeitnehmer könne »die Entscheidung für oder gegen die Einheitsgewerkschaft frei nach seinem Gewissen treffen. Allerdings: »Wenn sich nun christliche Arbeitnehmer aus echter innerer Bedrängnis nach langen Überlegungen in Freiheit zur Neugründung entschlossen haben, so achten wir diese sachlich wohlbegründete Entscheidung und erwarten für sie Verständnis, besonders im kirchlichen Bereich.

Diese indifferente Stellungnahme des Episkopats mag dazu beigetragen haben, daß die Christliche Gewerkschaftsbewegung Deutschlands keine besonders großen Mitgliederzahlen verbuchen konnte, obgleich sie auf starken Zulauf aus katholischen Arbeiterkreisen gerechnet hatte.

Der Seelenfrieden jener christlichen Gewerkschaftler, denen ihr Gewissen geboten hatte, auch nach der Gründung der CGD treu zum DGB zu stehen, wurde Indes durch ein Schreiben gestört, das Joseph Kardinal Frings am 8. April 1956 an den Gewerkschaftssekretär Karl Braukmann in der Düsseldorfer DGB-Zentrale richtete. In diesem Brief bahnte der Kardinal eine Wende im kirchlichen Verhalten gegenüber den beiden Gewerkschaften an, indem er der Verlautbarung der Bischöfe vom 6. November 1955 einen Sinn unterlegte, der nicht ohne weiteres aus ihr herausgelesen werden konnte.

Die Bischöfe, so schrieb Frings, hätten »mit Absicht« eindeutig festgestellt, daß sie die Installierung christlicher Gewerkschaften für eine »sachlich wohlbegründete Entscheidung« hielten. Wenn auch die Gewissensentscheidung der beim DGB verbleibenden Christen zweifellos respektiert werde, so hätten doch die Bischöfe an keiner Stelle davon gesprochen, daß auch dies eine »sachlich wohlbegründete Entscheidung« sei. Drei Wochen später, am 30. April 1956, sprach der Kardinal im Kölner Dom der CGD öffentlich ein Lob aus.

Doch die Saat seiner Worte fiel auf steinigen Boden. Auf der Fuldaer Bischofskonferenz im Sommer 1956 führte Joseph Frings vor seinen Amtsbrüdern bewegt Klage, die CGD sei immer noch nichts geworden und habe gerade eine fünfstellige Mitgliederzahl erreicht, die man sich zu veröffentlichen schäme.

Nun ist die Meinung des Kardinals, daß die CGD auf Kosten des DGB kirchlich zu fördern sei, keineswegs Allgemeingut der katholischen Geistlichkeit. Als der Deutsche Gewerkschaftsbund im Oktober 1956 in Hamburg seinen Bundeskongreß abhielt, saß im Kongreßsaal die ganze Zeit über ein Herr im geistlichen Gewand, der Jesuitenpater Herbert Reichel, 44, der von seinem Orden für die Gewerkschaftsarbeit freigestellt war.

Pater Reichel hat 1952 an der Universität Mainz über »Die deutsche Einheitsgewerkschaft und ihr geistiger Standort« zum Dr. phil. promoviert. Er ist der geistliche Mentor jener christlichen Minderheit im DGB, die sich als »Christlich-Soziale Kollegenschaft« bezeichnet Wohlwollen in großen Teilen der Geistlichkeit genießt und die eine Spaltung des DGB verhinderte, als die CGD gegründet wurde.

Pater Reichel hatte wesentlich dazu beigetragen, daß die »Christlich-Soziale Kollegenschaft« auf dem Hamburger DGB-Kongreß zum erstenmal als geschlossene Gruppe auftrat: Sie stellte 32 der Insgesamt 403 stimmberechtigten Delegierten. Reichel und die christlich-sozialen DGB-Kollegen sorgten dafür, daß Bernhard Tacke, einer der aktivsten DGB-Christen, zum stellvertretenden DGB-Vorsitzenden gewählt wurde.

Mit welchem Schmerz Kardinal Frings zur Kenntnis nahm, daß auch andere Repräsentanten des katholischen Volkes mit der CGD nichts im Sinne haben, wurde im März 1957 besonders deutlich. Die katholische »Allgemeine

Sonntagszeitung«, die in Würzburg erscheint, hatte am 10. März 1957 sichtlich schadenfroh berichtet, daß die CGD nur 11 235 Mitglieder und ein monatliches Defizit von rund 15000 Mark habe. Überschrift: »Die Massen blieben aus.«

Schon sechs Tage später, am 16. März 1957, richteten die Bischöfe der Kirchenprovinzen Köln und Paderborn - die dem Kardinal Frings besonders nahe sind - und der Bischof von Mainz ein Schreiben an die Generalpräsides aller katholischen Organisationen und Verbände. Es sei falsch, so hieß es, die Stellungnahme der Gesamtheit der Bischöfe vom November 1955 zum Gewerkschaftsproblem so zu deuten, als bleibe es dem persönlichen Geschmack oder der ganz persönlichen Einstellung des einzelnen Katholiken vorbehalten, »seinen eigenen grundsätzlichen Standpunkt zu wählen. Noch weniger kann daraus die Berechtigung hergeleitet werden, die Christlichen Gewerkschaften in ihrer Existenzberechtigung zu verneinen oder sie öffentlich oder versteckt zu bekämpfen«.

Die Bischöfe der Erzdiözesen Köln und Paderborn gaben vielmehr ihrer Besorgnis Ausdruck über »gewisse Verlautbarungen von kleineren Gruppen und Einzelpersönlichkeiten im katholischen Raum«, die sich gegen die Christlichen Gewerkschaften richten. »Auch von diesen Katholiken erwarten wir, daß sie zum mindesten alles unterlassen, was das weitere Wachstum der Christlichen Gewerkschaften hindern könnte; wir wünschen vielmehr, daß sie sich bemühen, zu einer günstigen Entwicklung der neugegründeten Gewerkschaften beizutragen.«

Bischof Dr. Albert Stohr von Mainz bekam den Spezialauftrag, die »Allgemeine Sonntagszeitung« darauf hinzuweisen, wie unangebracht ihre Schadenfreude über das CGD-Fiasko sei. In einem Brief nach Würzburg nannte der Seelenhirte die Meldung des Blattes über die CGD einen »unerhörten Skandal«.

Für den 10. April lud Kardinal Frings die geistlichen Chefs der katholischen Laienverbände in seine Wohnung in Köln-Bayenthal zum Tee ein und forderte sie auf, in ihren Verbänden nunmehr offen Mitglieder für die CGD zu werben. Die katholischen Laienführer dieser Verbände waren nicht gebeten worden, weil sie vom Kardinal für Freunde der Einheitsgewerkschaft gehalten werden.

Am 4. Mai befaßte sich der Zentralausschuß der »Christlich-Sozialen Kollegenschaft« im DGB mit der Resolution der westdeutschen Bischöfe zugunsten der CGD. Der Bischof von Limburg, Dr. Wilhelm Kempf, 50, der zur Kirchenprovinz Köln gehört, hatte die Christlich-Soziale Kollegenschaft im DGB durch seinen Domvikar Stein wissen lassen, daß er sich von der Erklärung seiner Amtsbrüder in den westdeutschen Diözesen distanziere.

Der Zentralausschuß der Christlich - Sozialen Kollegenschaft stellte fest, es sei völlig indiskutabel für die Christen im DGB, ihre aktive Mitarbeit in dieser Einheitsgewerkschaft aufzugeben. Zwei Wochen später schrieb dann der Repräsentant dieser Gruppe, der stellvertretende DGB-Vorsitzende Bernhard Tacke, seine drei Fragen an Kardinal Frings, über die nun am Donnerstag nach Pfingsten in Fulda beraten werden soll.

Namhafte katholische Theologen haben die Bischöfe schon darauf aufmerksam gemacht, wie schwierig es sei, Tackes Frage, ob Katholiken im DGB mitarbeiten dürften, mit einem Nein zu beantworten. Zu einer solchen Erklärung seien die Bischöfe nur befugt, wenn der DGB die Glaubens- und Sittengesetze der katholischen Kirche angreife. Das habe er bisher aber nicht getan.

Kardinal Frings hat an den Generaloberen des Jesuitenordens in Rom, Pater Dr. Janssens, schriftlich die Forderung gerichtet, er möge den Spiritus rector der Christlich-Sozialen Kollegenschaft im DGB, Pater Dr. Herbert Reichel, abberufen. Er passe nicht mehr in seine, des Kardinals, kirchenpolitische Konzeption. Jesuiten-General Janssens hat dem Wunsch des Kardinals inzwischen formal entsprochen. Pater Reichel darf jedoch in Westdeutschland bleiben. Jesuiten-General Janssens übertrug ihm neue Aufgaben im Katholischen Betriebsmännerwerk, so daß Reichel weiterhin zur Christlich-Sozialen Kollegenschaft Kontakt halten kann.

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