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»DREI KÖPFE ROLLTEN AUF MEIN BETT«

»Leichen, ich will mehr Leichen«, forderte General William Westmoreland, von 1964 bis 1968 Amerikas Oberbefehlshaber in Vietnam, von seinen Soldaten. Das behauptete am vorigen Dienstag der ehemalige US-Oberleutnant Larry Rottmann -- in einem Hearing aus Anlaß des Prozesses gegen Oberleutnant Calley, der des Mordes an 102 Vietnamesen in My Lai angeklagt ist. Für eine bestimmte Anzahl Leichen habe es oft einen Kasten Bier oder Sonderurlaub gegeben; deshalb hätten sich die Soldaten zuweilen um die Opfer geprügelt. My Lai, so behauptete Amerikas Regierung bislang, sei ein Einzelfall gewesen. In Wirklichkeit aber gab es zahllose My Lais in Vietnam, ebenso wie ihre asiatischen Verbündeten aus Südvietnam und Südkorea trieben amerikanische Soldaten vietnamesischen Zivilisten Bambussplitter unter die Fingernägel, schlossen ihren Gefangenen Stromkabel an Ohren und Hoden, vergewaltigten Krankenschwestern, mordeten Greise, Frauen und Kinder. Sie taten es nicht nur unter psychischem Druck an der Front, sie hatten es schon während ihrer Ausbildung in den USA gelernt. Was sie lernten, wie sie das Gelernte später beherzigten, gestanden ehemalige Vietnam-Kämpfer dem amerikanischen Rechtsanwalt Mark Lane. In Schweden, wohin viele von ihnen desertierten, aber auch in den USA, wo sie inzwischen wieder als ehrbare Bürger leben, sprachen 32 Ex-Soldaten auf Tonband, welche Greuel sie in Vietnam erlebten und an welchen sie selbst beteiligt waren. Lane, Autor auch einer vielbeachteten Untersuchung über die Fehler bei der Aufklärung des Mordes an John F. Kennedy, veröffentlichte seine »Gespräche mit Amerikanern« als Buch, das in diesen Tagen im New Yorker Verlag Simon and Schuster erschien und aus dem der SPIEGEL einen Auszug druckt.
aus DER SPIEGEL 50/1970
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