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AFFÄREN / LÜDKE Drei Kugeln

aus DER SPIEGEL 43/1968

Von 1966 bis 1968 versah der deutsche Flottillenadmiral Hermann Lüdke, 57, Dienst beim Nato-Hauptquartier in Europa (Shape). Seine Aufgabe war, »Richtlinien für die Streitkräfte der Paktstaaten auf dem Gebiet der Logistik« zu erarbeiten. Und diese blasse bürokratische Bezeichnung besagt, daß der Admiral den Lebensnerv des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses bis in die feinsten Verästelungen kannte: das gesamte Nachschub- und Versorgungssystem.

Wieviel Verbandszeug in den Bunkern des Nato-Abschnitts Nord lagert, wie viele Handgranaten der belgischen Armee zur Verfügung stehen, welche Straßen im Kriegsfall die Militärlastwagen im südwestdeutschen Raum zu fahren haben und welche Not-Rohbahnen die Transportflugzeuge der Nato ansteuern sollen, wie groß die Benzinreserven für die Bundeswehr sind und wieviel Munition die Panzer der 7. US-Armee verschießen können -- Hermann Lüdke wußte es.

Der Admiral war zum Beispiel informiert über

* die Leistungsfähigkeit der Atlantik- und Nordseehäfen für den Nachschub aus Übersee;

* den Transportraum an Schiffen, Eisenbahnen, Flugzeugen und Fahrzeugkolonnen;

* das System der Geleitzüge, die im Kriegsfall über den Atlantik kommen sollen;

* die Streckenführung und Leistungsfähigkeit der europäischen« Pipelines:

* die Kapazität der Kriegsindustrien in den einzelnen Nato-Ländern.

Seit letzter Woche steht die Frage, ob Lüdke an seinem Wissen über die westliche Verteidigungsmaschinerie feindliche Mächte hat teilhaben lassen. Der Militärische Abschirm-Dienst im Bundesverteidigungsministerium (MAD), die Bundesanwaltschaft und die Sicherungsgruppe Bonn ermitteln, ob der Admiral die vereinigten Vaterländer verraten hat,

Am Dienstag, dem 8. Oktober, gegen 16.30 Uhr war Hermann Lüdke in einem Forst nahe dem Eifeldörfchen Immerath tot aufgefunden worden. Über die Umstände seines Todes herrschte bis zum letzten Wochenende Ungewißheit. Nicht auszuschließen ist, daß Lüdke -- der Ende September in Pension ging und zuletzt in Bonn lebte -- von einem Unbekannten erschossen wurde. »Polizei vermutet Jagdunfall« meldete die »Süddeutsche Zeitung«. Und Hamburgs »Morgenpost« fragte: »Bonns größter Spionage-Skandal?«

Rätsel hatte der Admiral seiner Mitwelt schon zu Lebzeiten aufgegeben. Dem Bonner Rechtsanwalt Wilhelm Fischer, der mit dem Geheimnisträger befreundet war und in dessen Eifel-Revier der leidenschaftliche Jäger Lüdke häufig auf die Pirsch ging, fiel bereits Mitte des Jahres auf, daß der Mariner »arg mit den Nerven runter war.

Der Admiral wirkte zunehmend unstet. So erschien er an einem Sonnabend nicht pünktlich zum verabredeten Treffen in Fischers Jagdhütte, weil er »aus Versehen die falsche Strecke gefahren« war -- obschon er, wie der Anwalt sagt, »die Strecke wie im Schlaf fahren konnte«.

Ein andermal verspätete sich Lüdke um zwölf Stunden, ohne plausible Begründung. Und am nächsten Morgen erklärte er: »Ich muß wieder weg, nach Landsberg am Lech. Da ist mir in einem Staatsforst ein Bock freigegeben worden.«

Fischer letzte Woche verwundert: »Bei mir gibt's auch Böcke. Wer fährt schon, wenn er normal ist, von Bonn in die Eifel zur Jagd und dann plötzlich noch 1000 Kilometer weiter wegen eines Bocks?«

Einen schwachen »nervlichen Zustand« des Admirals hatte auch der älteste der fünf Lüdke-Söhne, Ingomar, 31, wahrgenommen. Gut vier Wochen lang war Lüdke zudem Anfang des Jahres wegen Herz- und Kreislaufbeschwerden im Koblenzer Bundeswehrlazarett gewesen. Später fuhr er zu einer sechswöchigen Kur in den Schwarzwald, dann ging es mit Ehefrau nach Milano Marittima an der italienischen Adria, und schließlich erholte sich der Admiral im steiermärkischen Pürgg, wo er ein altes Bauernhaus besaß.

Wie mit Nerven und Kreislauf, so stand es auch mit der Selbstkontrolle des Logistikers sichtlich nicht zum besten. Denn auf dem Film einer Minox-Kamera, den Lüdke letzten Monat dem Photoladen Danckert in der Bonner Sternstraße zum Entwickeln übergab, befanden sich außer Urlaubsbildern auch Aufnahmen von Dokumenten, die das Stempelzeichen »Nato-Secret« und »Secret« trugen.

Ladeninhaberin Trude Heike meldete diese Entdeckung eines Laboranten der Kripo, die den Filmstreifen beschlagnahmte. Und wenig später war der Minox-Kunde ausgemacht: Hermann Lüdke wurde vom MAI) verhört, doch auf freiem Fuß belassen.

Am 7. Oktober, zwei Tage nach der Hochzeit seines Sohnes Heimo, rief Photograph Lüdke Jagdfreund Fischer an: »Wenn du nichts dagegen hast, fahre ich morgen allein nach Immerath.« 8.15 Uhr verließ der Admiral Bonn. Er meldete sich kurz vor zehn bei Jagdaufseher Schneider, und um zwölf Uhr sagte er Oberförster Becker guten Tag. Gegen 15 Uhr hörten die Einwohner des Eifeldörfchens einen Schuß.

Neunzig Minuten später fand der Bauer Alois Zenzen Lüdkes Leiche in einem Seitenweg am Waldrand. Der Landwirt lief ins Dorf und schlug Alarm. Einer der ersten am Tatort war der Arzt Dr. Walter Drost, der den Landarzt Dr. Gerhard Remy im benachbarten Flecken Gillenfeld vertrat.

Drost fand den toten Lüdke auf dem Bauch liegend, links neben seinem blau-weißen Ford 20 M TS. Die Fahrertür des Wagens war halbgeöffnet, das linke Seitenfenster zur Hälfte heruntergekurbelt.

In Lüdkes linker Rückenseite, in Höhe des Herzens, entdeckte der Arzt ein pfenniggroßes Loch. Die Füße des Admirals wiesen zum Auto, der Kopf war abgewandt; die Hände steckten unter dem Körper, Handrücken nach unten.

Auf den Unterschenkeln des Toten lag der entsicherte Mauser-Repetierer -- Schaft auf dem Trittbrett, Lauf ins Freie gerichtet. Links hinten am Wagen waren Blutspritzer.

Bald danach fanden sich auch der Landarzt Remy und der Amtsgerichtsrat Jakob Haupenthal aus der Kreisstadt Daun ein. Lüdkes Leiche wurde umgedreht -- in der Brust des Toten, wiederum in Herz-Höhe, war eine faustgroße Wunde.

Mediziner Drost schrieb in den Totenschein: »Ursache ungeklärt.« Der Amtsgerichtsrat indessen konstatierte einen Jagdunfall und gab die Leiche zur Bestattung frei -- was dem Arzt »sehr seltsam« erschien und von der Bundesanwaltschaft zwei Tage später rückgängig gemacht wurde.

Lüdkes Leiche wurde beschlagnahmt, sein Karabiner ins BKA geschafft, Freund Fischer von der Kripo befragt. Der Anwalt: »Lüdke war charmant zu den Frauen und seiner eigenen Frau treu -- nix mit Homo und so.«

Während der Mainzer Gerichtsmediziner Professor Dr. Horst Leithoff die Leiche des Admirals von Amts wegen obduzierte, bemühte sich Mediziner und Jäger Remy privat um die Aufklärung der Todesumstände. Der Arzt, der Leiche und Fundort unmittelbar nach der Tat in Augenschein genommen hatte: »Ich habe vor meinem Wagen mit dem Gewehr alle Möglichkeiten ausprobiert -- Selbstmord, das geht nicht.«

Gegen einen Selbstmord spricht, daß die Schußbahn waagerecht durch den Brustkorb verläuft und das Projektil allem Anschein nach den Körper von hinten durchbohrt hat -- denn in der Regel ist die Einschußstelle kleiner als die Austrittswunde; zudem lag die Büchse des Admirals auf dessen Waden.

Einem Freitod widersprechen überdies Naturell und Zukunftspläne des Geheimnisträgers. Lüdke war ein leutseliger, stets gutgelaunter und sinnenfroher Mann. Jagdgefährte Fischer: »Der Typ eines Sonnyboys.«

Kurz vor seinem Tod hatte Lüdke in einem Bonner Waffengeschäft eine Großwildbüchse für 3500 Mark bestellt, mit der er demnächst auf Safari nach Afrika reisen wollte. Und auch seine Karriere sah der passionierte Mariner noch nicht abgeschlossen: Mit seinen Freunden diskutierte er Offerten, für das Internationale Rote Kreuz oder als Public-Relations-Manager in einer Industriefirma zu arbeiten.

Gute Gründe gibt es auch gegen die Unfall-These. Lüdke hätte mit entsichertem Gewehr im Auto über Waldwege holpern müssen, nach der Lage der Büchse den Lauf der Waffe gegen seinen Körper gerichtet -- unwahrscheinlich für einen erfahrenen Jäger und Soldaten. Und auch hier läßt der waagerechte Durchschuß unterhalb des Schulterblatts Zweifel zu. Freund und Rechtsanwalt Fischer: »Der verstand von Waffen eher zuviel als zuwenig.«

Bleibt die Vermutung, daß der ausgediente Nato-Experte ermordet wurde. Sie zählt zu den zahlreichen Spekulationen, die seit dem Tode des Admirals unter Deutschen mit und ohne Amt kursieren und die an 007-Appeal nichts vermissen lassen:

Lüdke sei ein großer Einzel-Agent gewesen, gesteuert von einem hohen Offizier in einer der europäischen Sowjetbotschaften, oder er habe in Verbindung gestanden mit dem zweiten Mann des Bundesnachrichtendienstes, Horst Wendland, der sich in seinem Amtszimmer am Todestag des Admirals erschoß. Den originellen Aspekt steuerte »Bild« bei: Der Admiral habe »die geheimen Unterlagen photographiert, um sie sich als Dokumente für seine Memoiren zu sichern«.

Und während der Fall Lüdke noch ungelöst war, stand in Bonn schon der nächste Fall zur Lösung an. Letzten Freitag gegen 13 Uhr schoß sich im Feldhaus 107 des Bonner Verteidigungsministeriums der Oberstleutnant Johannes Grimm, 54, in seinem Dienstzimmer mit einer Dienstpistole in den Kopf. Grimm, der noch vor dem Transport ins Krankenhaus starb, diente in der Abteilung III/7 (Alarm und Mobilmachung im Verteidigungsministerium).

Den dritten toten Geheimnisträger binnen zwei Wochen kommentierte ein deutscher Geheimdienstmann, der geheim bleiben möchte: »Die Sicherheitslage -- da wird dicker Mist eingefahren.«

Und der Pressesprecher des Verteidigungsministeriums, Oberst Lothar Domröse, begrüßte Anrufer mit dem Trostwort: »Ich lebe noch.«

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