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KRIMINALITÄT Drei Schüsse von hinten

Ein in Bayern gefaßter Mafioso hat bislang 35 Morde gestanden. Die italienische Justiz schützt ihn als Kronzeugen.
aus DER SPIEGEL 7/1999

Der Mann, den Beamte des Polizeipräsidiums Schwaben am 2. Mai vorigen Jahres am Bahnhof Kempten scheinbar routinemäßig kontrollierten, wirkte wie ein gewöhnlicher Reisender. Er hatte eine Fahrkarte nach München bei sich, dazu einen Lottoschein, den er bei einer Annahmestelle in Nordrhein-Westfalen abgegeben hatte.

Doch der Ausweis, der irgendwie merkwürdig aussah, veranlaßte die Polizisten, den Zugreisenden festzuhalten. Wegen Verdachts der Urkundenfälschung nahmen sie ihn mit.

Welchen Fang sie da gemacht hatten, ahnten die Beamten der Dienststelle zur Bekämpfung überregionaler Kriminalität noch nicht: Ihnen war einer der spektakulärsten Schläge gegen die italienische Mafia in der Bundesrepublik geglückt. Der Tip kam offenkundig aus dem Kreis im Allgäu lebender Italiener.

Nach Erkenntnissen deutscher Behörden gehört der in Kempten festgenommene Giorgio Basile, 38, zur Führungsebene der kalabrischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta. Die zählt neben der sizilianischen Mafia und der neapolitanischen Camorra zu den Stützen des organisierten Verbrechens in Italien.

Im zur 'Ndrangheta gehörenden Clan von Santo Carelli habe Basile, so die Ermittler, eine »besondere Vertrauensstellung eingenommen« und als »Auftragskiller« der Clanspitze gearbeitet. 35 Morde habe Basile seit seiner Festnahme gestanden, so Josef Geißdörfer, Chef des Dezernats Organisierte Kriminalität (OK) beim Bayerischen Landeskriminalamt (LKA), das die Ermittlungen leitet. Fünf davon offenbarte er den Vernehmern des LKA.

»Höchst bemerkenswerte, seltene Einblicke in die Strukturen« der 'Ndrangheta, der weltweit über 5600 Mitglieder zugerechnet werden, habe man bei den Vernehmungen gewonnen, sagt Geißdörfer. Insgesamt 25mal, meist ganze Tage lang, befragten die LKA-Ermittler Basile. Zeitweise zogen sie Experten der Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft aus dem italienischen Catanzaro hinzu.

In den Vernehmungen bestätigte sich, was OK-Ermittler bundesweit seit Jahren immer wieder feststellen: Deutschland wird von der Mafia nicht nur als Ruhe-, sondern auch als Aktionsraum genutzt. Zum einen versuchen die Clans, mit Schutzgelderpressung, Drogen- und Dokumentenhandel sowie Raubüberfällen Bargeld zu beschaffen. Zum anderen dienen insbesondere das Allgäu, das Rhein-Ruhr-Gebiet sowie die Großräume München und Nürnberg als Rückzugsareale für Mafiosi, die für einige Zeit aus Italien verschwinden wollen oder müssen.

Basile lebte mehr als 20 Jahre lang in Mülheim an der Ruhr. Dorthin war er als Kleinkind mit Mutter und Schwester aus dem süditalienischen Corigliano Calabro eingewandert. Er ging in Mülheim zur Schule, absolvierte eine Lehre als Betriebsschlosser und eröffnete 1980 als erstes eine Trinkhalle und ein Jahr später eine Pizzeria. 1984 pachtete er von dem Kaufmann Rudolf Möhlenbeck die Diskothek »Flair« in der Mülheimer Innenstadt.

Mit der Polizei geriet der Italiener erstmals 1985 in Konflikt. Am 10. April wurde Möhlenbeck auf bestialische Weise umgebracht. Der Verdacht fiel alsbald auf Basile, der mit dem angeblich äußerst vermögenden Kaufmann wegen Geldforderungen in Streit geraten war. Am 7. Januar 1986 wurde Basile vom Landgericht Duisburg wegen Beteiligung an dem Verbrechen zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Nachdem er zwei Drittel seiner Strafe abgesessen hatte, schob ihn die nordrhein-westfälische Justiz im September 1991 nach Italien ab.

Seitdem, gestand Basile den LKA-Ermittlern, sei er an führender Stelle für den Carelli-Clan tätig gewesen: Im November 1991 sei er nach Holland gereist, um einen Stützpunkt der 'Ndrangheta zu errichten. Im Juli 1993 habe er im Auftrag des damaligen Clan-Chefs Pietro Marinaro in Corigliano mit einem Freund den Lebensgefährten seiner eigenen Mutter erschossen. Drei Monate später brachte er nach eigenen Angaben in Marina di Schiavonea, das bis heute fest im Griff des Carelli-Clans sei, ein anderes Clan-Mitglied um. Im Januar 1997 tötete er bei einem stillgelegten Bahnhof nahe Corigliano ein Mitglied eines gegnerischen Clans.

Besonders kaltblütig habe Basile, so die Ermittler, im Auftrag Marinaros seinen Freund Domenico Sanfilippo beseitigt. Der Killer hatte Sanfilippo während der Haft in Deutschland kennengelernt, er half 1993 bei der Ermordung des Lebensgefährten von Basiles Mutter.

LKA-Ermittlungen zufolge lockte Basile den Freund »nach monatelanger Vorbereitung« Ende 1997 unter dem Vorwand nach Holland, er könne dort ein lukratives Kokaingeschäft mit ihm abwickeln. Als die beiden ankamen, tötete Basile den Komplizen am 30. November 1997 mit drei Schüssen aus einer spanischen »Astra«-Pistole von hinten. Den Toten versteckte er nahe Venlo in einem Abwasserrohr, die Leiche wurde bis heute nicht gefunden. Die Polizei vermutet, daß sie bei Hochwasser ins Meer gespült worden ist.

Die umfangreichen Angaben zu eigenen Taten, die Basile vor den LKA-Beamten machte, betreffen - mit Ausnahme des schon abgeurteilten Falles in Mülheim - allesamt Verbrechen auf italienischem oder holländischem Boden. Somit ist die dortige Justiz zuständig. Deshalb überstellten die bayerischen Behörden Basile am 25. November vergangenen Jahres in sein Heimatland. Seitdem sitzt er an geheimgehaltenem Ort in einem italienischen Hochsicherheitsgefängnis.

Die italienische Justiz, der Basile seit seiner Auslieferung vor knapp zwölf Wochen neben den 5 in München offenbarten weitere 30 Morde gestand, hat den Serienkiller in ihr Schutzprogramm für Kronzeugen aufgenommen. Weil er die Omertà (das Gesetz des Schweigens) gebrochen hat, gilt er als extrem gefährdet.

In Deutschland flog dank Basiles Gesprächigkeit voriges Jahr der 'Ndrangheta-Stützpunkt Nürnberg auf. Sieben Verdächtige wurden verhaftet, darunter der mutmaßliche mittelfränkische Carelli-Statthalter Arcangelo Conocchia alias »il dottore«. Die Kripo legt der Bande bewaffneten Raubüberfall sowie umfangreichen Handel mit Rauschgift und gefälschten Papieren zur Last. Zudem soll sie am 3. Dezember 1997 die Pizzeria »Nico Due« in Velburg (Kreis Neumarkt) »heiß saniert« - sprich: in Brand gesteckt - haben, um eine Versicherungssumme in Millionenhöhe zu kassieren.

Geißdörfer ist zuversichtlich, daß mit Hilfe zusätzlicher Aussagen Basiles bei seinen Vernehmungen in Italien weitere Mafia-Taten in Deutschland aufgeklärt werden können. »Da wird«, vermutet der Mann vom Münchner LKA, »noch viel Arbeit auf uns zukommen.« WOLFGANG KRACH

Wolfgang Krach
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