Zur Ausgabe
Artikel 17 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

FAMILIENPOLITIK Drei Sternchen

Ein Zeitungsbericht über ein »Pro Familia«-Beratungsgespräch hat den Streit um die Abtreibung neu entfacht. *
aus DER SPIEGEL 33/1984

Sie wollen abbrechen?« fragte die Ärztin ihre nicht mehr ganz junge Besucherin. Die Antwort: »Ja«.

Erstens, so begründete die Frau ihren Entschluß, gehe sie im Spätsommer zur Mitarbeit an einem Forschungsprojekt in die Vereinigten Staaten, zudem habe sie schon eine 18jährige erwachsene Tochter.

Die Ärztin zeigte Verständnis. »Sie sind ja sehr entschlossen. Ich möchte Sie nur kurz untersuchen, bevor ich Ihnen die Indikation schreibe.«

So wurde in der »Stuttgarter Zeitung« vom 30. Juli der Alltag einer »Pro Familia«-Beratungsstelle in Baden-Württemberg geschildert. Der Bericht entsprach genau dem Vorurteil von Bundesfamilienminister Heiner Geißler, daß die unabhängige Organisation den Frauen das Abtreiben zu leicht mache. Statt der Schwangeren zu helfen, »sich dem biologischen Zwang und der ethischen Pflicht ... von Mutterschaft zu stellen« (so die Interministerielle Arbeitsgruppe der Bundesregierung zum Programm »Schutz des ungeborenen Lebens") und die Abtreibungswillige auf die Segnungen der kürzlich ins Leben gerufenen »Stiftung Mutter und Kind« hinzuweisen (SPIEGEL 29/1984), seien die Berater nur allzuschnell bereit, die Bescheinigung für eine soziale Indikation auszustellen.

Doch mit dem in der »Stuttgarter Zeitung« wiedergegebenen Gespräch hatte es seine besondere Bewandtnis; die angeblich in der neunten Woche Schwangere war keineswegs guter Hoffnung, sondern von dem Blatt ausgesandt worden, um die Beratungspraxis von »Pro Familia« anzuprangern.

Statt des Namens der Testerin zierten drei Sternchen den Erlebnisbericht; jeglicher Hinweis auf Zeit, Ort und Umstände des merkwürdigen Dialogs fehlten. Aber der Artikel reichte hin, den gerade erst beigelegten Streit um »Pro Familia« neu zu entfachen.

Anfang Juli hatte Bundesfamilienminister Geißler der unabhängigen Beratungsorganisation vorgeworfen, sie ermuntere Frauen nicht genügend zum Austragen einer Schwangerschaft und boykottiere seine neugegründete Stiftung. Die Länder, so Geißler, sollten »Pro Familia« schärfer kontrollieren und den Beratungsstellen gegebenenfalls die Anerkennung entziehen.

In Baden-Württemberg führte Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder die Geißler-Kampagne fort. Der Ressortchef schmähte die Arbeit der elf südwestdeutschen »Pro Familia«-Dependancen in fehlerhaftem Latein als »contra familia«, gegen die Familie gerichtet.

Doch die Angegriffenen erhielten von höchster Stelle Beistand. Ministerpräsident Lothar Späth und die neue Familienministerin Barbara Schäfer bescheinigten den »Pro Familia«-Mitarbeitern im Land, an ihrer Arbeit sei nichts auszusetzen. Die Gesellschaft, so betonte CDU-Fraktionschef Erwin Teufel, halte sich an die Richtlinien; nur wenn wirklich gegen die gesetzlichen Bestimmungen verstoßen worden sei, könne man der Organisation die Anerkennung entziehen.

Nach der Veröffentlichung des Berichts in der »Stuttgarter Zeitung« kamen der Familienministerin Barbara Schäfer auf einmal Zweifel. Mit »großer Sorge«, bekannte die verwitwete, kinderlose Katholikin, verfolge sie die ständig wachsende Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen nach der Notlagenindikation. Die staatliche Anerkennung, so Frau Schäfer, könne für »Pro Familia« »kein Freibrief« sein, die »Beratungspraxis nicht an den Richtlinien des Sozialministeriums zu orientieren«.

Doch die Zeitungsattacke schlug fehl, erwies sich für den Südwestfunk gar als »Ärgernis der Woche« - wegen der Begleitumstände. Denn die Landesredaktion des Blattes hatte sich eine ganz spezielle Testperson ausgesucht, jemand, der »nicht wie eine Arbeiterfrau« aussah, »die schon sechs Kinder zu versorgen hat« (so der Ressortleiter Jörg Bischoff). Seine Wahl fiel auf eine ständige freie Mitarbeiterin der Zeitung in Freiburg, Ulla Bettge.

Unter falschem Namen meldete sich die Journalistin bei der »Pro Familia«-Beratungsstelle in der Freiburger Bertoldstraße. Weil die angeblich Schwangere sich mit gutem Grund weigerte, einer Untersuchung zuzustimmen, brach die beratende Ärztin Annette Lange das Gespräch nach einer halben Stunde ab.

»Ich hatte von Anfang an das Gefühl«, erinnert sich die Medizinerin an das Gespräch vom 23. Juli, »daß irgend etwas nicht stimmte, daß sie mir etwas vorenthielt.« Die zunächst in Aussicht gestellte Indikationsbescheinigung erhielt die Besucherin nicht. Gleichwohl überschrieb die »Stuttgarter Zeitung« ihren Artikel später: »Nach fünf Minuten die Indikationsbescheinigung«.

Die scheinschwangere Autorin versteht die ganze Aufregung um ihre Geschichte ohnehin nicht. »Im Grunde genommen«, gesteht sie, »bin ich ein unpolitischer Mensch.« Den heiklen Auftrag habe sie aus Neugier und Interesse angenommen, nicht um »Pro Familia« anzugreifen. »Die politische Note«, so die Journalistin, habe die Redaktion hinzugefügt. _(Rechts: Beraterin Dr. Annette Lange. )

Rechts: Beraterin Dr. Annette Lange.

Zur Ausgabe
Artikel 17 / 79
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.