Zur Ausgabe
Artikel 22 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

WINDJAMMER Drei Strich Backbord

Die Hamburger wollen zwei Millionen Mark für den Ankauf eines Windjammers sammeln. Aber wenn sie das Geld zusammenhaben, ist das Schiff wahrscheinlich weg.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Es ist eine Schande«, sprach der Hamburger Ex-Senator Helmuth Kern, »da ist dieser große Weithafen und hat nicht ein einziges Denkmal aus der alten Segelschiffszeit.« Nun sollen die Hanseaten nicht länger in Schande leben.

»In Norwegen«, machte Kern mobil. »ist ein Windjammer zu haben, den sollten wir kaufen.« Die Welthafenstadt geriet in »Windjammer-Fieber«, melden die Lokalzeitungen.

»Bild«, sonst eher mäkelig, wenn es um Finanzpolitik im sozialliberalen Stadtstaat geht, gab sich generös: »Es gibt eine Menge Dinge, die wir brauchen, Aber den Segler, den leisten wir uns.« Finanzsenator Hans-Joachim Seeler gelobte öffentlich, »meine ganze Familie wird spenden«. Die »Welt« befand. Hamburg »soll und wird die Heimat eines alten Großseglers werden« -- Punktum.

Eilig erklärten Politiker aller großen Parteien ihr Einverständnis; Oppositionsführer Echternach erinnerte sich gar daran, die Christdemokraten hätten »für diese Idee seit Jahren gekämpft«. Windjammer-Photos und Windjammer-Storys wurden veröffentlicht. alte Fahrensleute interviewt ("War ein tolles Schiff! Drei Strich Backbord! Antreten! Wegtreten!")« Geschäftemacher hängten sich dran: Montag letzter Woche kam ein »Windjammer-Spiel« zur »Welturaufführung« ("Hamburger Morgenpost").

In all dem Trubel verfingen nicht einmal schlechte Nachrichten aus Norwegen. Mit der von Kern ausersehenen Dreimastbark »Statsraad Lehmkuhl«, die für zwei Millionen Mark in Bergen zum Verkauf steht, wird es wohl nichts. Die Norweger, heißt es, wollen das 1914 auf einer Bremerhavener Werft als »Großherzog Friedrich August« vom Stapel gelaufene Stahlschiff nun doch lieber behalten; auch die Russen scheinen interessiert.

Hamburg, im Fieber, kümmert das nicht. Ebensowenig ficht es Windjammer-Fans an, daß der norwegische Großsegler gar keine Beziehungen zur Hansestadt hat, weil er den Hafen niemals angelaufen hat. »Macht nichts«, findet Wilhelm ("Fiete") Schmidt, Vorsitzender des Vereins »Windjammer für Hamburg«, »Hauptsache, er stammt von einer deutschen Werft.«

Prominente Hanseaten gaben auf der Internationalen Bootsausstellung täglich Autogrammstunden und sammelten für das ferne Schiff; am Ende hatten sie mehr als 13 500 Mark zusammen. »Bild« verkauft seit voriger Woche Windjammer-Aufkleber für zwei Mark das Stück, der Hamburger Sport-Verein (HSV) will für den Windjammer spielen, Kern erwartet Spenden aus der Wirtschaft von mindestens 500 000 Mark, und den Rest hofft er mit Hilfe einer »regelrechten Lotterie« zusammenzufechten -- inklusive Kosten für den Umbau (rund 800 000 Mark) zum Museumsschiff.

Am Ende aber, sorgt sich nun auch Kern, wird es »mit der »Statsraad« vielleicht gehen wie vor zwei Jahren mit der »Peking"« -- und Ende der 50er Jahre mit der »Passat": Jedesmal kamen die Hamburger zu spät. Als die »Passat«, ein Schnellsegler von der legendären »Flying P-Line« der Hamburger Reederei Laeisz, zum Verkauf angeboten wurde, kamen die Hanseaten nicht über ihren Schatten hinweg: Ein Schiff. das nichts einbrachte, sondern noch kostete, dafür war kein Geld da.

Die »Passat« wurde von der Hansestadt Lübeck erworben und liegt seitdem, längst Wahrzeichen, im Hafen von Travemünde. Die »Peking«, Schwesterschiff der »Passat«, hat in New York festgemacht; auch dieser Rahsegler stand, vor zwei Jahren, allerdings schon ziemlich angegammelt, zum Verkauf, und Hamburg konnte sich wieder nicht entschließen.

Nun ist nicht mehr viel übrig. Ein Laeisz-Schiff, die ehemalige »Padua«, schwimmt noch als »Krusenstern"mit Sowjet-Kadetten an Bord durch die Meere, und die ehemaligen Schulschiffe der Kriegsmarine fahren unter fremden Namen und fremden Flaggen.

Für Kern, Motor der jetzigen Windjammer-Kampagne, ist es »durchaus drin«, daß die Spenden-Aktion erst abgeschlossen werden kann, wenn die

»Statsraad Lehmkuhl« schon verkauft ist. Dann haben die Hamburger zwar Geld, aber noch kein Schiff -- macht nichts: »Irgendwann in den nächsten Jahren kommt mal die »Krusenstern« auf den Markt« (Kern).

Wenn es klappt, fehlt allerdings noch der attraktive Liegeplatz, ohne den das Museumsschiff die Unkosten nicht einbringen würde. Überseebrücke oder St. Pauli-Landungsbrücken, eigentlich die einzig denkbaren Plätze für ein solches Schiff, »kommen nicht in Frage«, ließ Hafenkapitän Götz Hungar schon wissen, »weil sie als Verkehrsanlagen benötigt werden«.

Macht auch nichts. »Wenn wir einen Windjammer anbringen«, beharrt Kern, »wird der Senat uns im Notfall eine Brücke bauen.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 22 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.