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WERFTEN Drei unter Druck

aus DER SPIEGEL 31/1965

Binnenländler planen eine Revolution in Hamburgs Hafen: Die ehrwürdigen Werftunternehmen Blohm & Voß AG (88 Jahre alt), H. C. Stülcken Sohn (124 Jahre alt) und Howaldtswerke AG (127 Jahre alt) sollen verschwinden. Sie sollen zu einer Hamburger Werften-AG fusionieren.

Staatssekretär Ludwig Kattenstroth vom Bonner Schatzministerium - es ist für die bundeseigene Howaldtswerft zuständig - gebar die Idee. Die Misere der deutschen Werften ist ihm wohlvertraut.

Die Schiffbauer arbeiten zumeist mit nur geringem Gewinn oder mit roten Zahlen. Howaldt zum Beispiel zahlte erst im letzten Jahr wieder eine Dividende (fünf Prozent). Blohm & Voß (BV), je zur Hälfte im Eigentum der Gründerfamilie Blohm und der Düsseldorfer Phoenix-Rheinrohr AG, hatte 1962 und 1963 Verluste. Die Stülcken-Werft hielt sich mit dem Bau von Bundeswehrzerstörern nur notdürftig bei Kasse.

Die Konkurrenten, vor allem die japanischen Großwerften, sind billiger und fangen deshalb den westdeutschen Firmen die meisten Aufträge weg. Auch zinsgünstige Kredite aus öffentlichen Mitteln, mit denen Aufträge zu 80 Prozent vorfinanziert werden, konnten die Kosten nicht auf das teils noch großzügiger subventionierte Weltniveau drücken.

Selbst die bundeseigene Hugo Stinnes AG bestellte drei Frachter von je 8000 Tonnen in Fernost. Stinnes-Chef Heinz P. Kemper entschuldigte sich: »Die Japaner waren 25 Prozent billiger. Wir konnten beim besten Willen den teuren Deutschen nicht den Auftrag geben.«

Kattenstroth sah eine Möglichkeit, billiger zu arbeiten: Fusion. Tatsächlich

liegt Blohm & Voß mit Stülcken auf der Elbinsel Steinwerder Wand an Wand, Howaldt nur ein paar hundert Meter entfernt, so daß sie sich zum kostensparenden Gemeinschaftsbetrieb geradezu anbieten.

Ohnehin hatten sich zwei von ihnen bereits einträchtig an der Erbschaft des gescheiterten Werftherrn Willy Schlieker beteiligt: Stülcken übernahm dessen Ottensener Eisenwerke, ebenfalls auf Steinwerder, Blohm & Voß einen Teil der Schlieker-Werft.

Schon am 25: November letzten Jahres deutete Kattenstroth vor dem Besitzausschuß des Bundestags seine Pläne vorsichtig an. Er sprach von einer Sanierung der Werftindustrie durch »stärkere Konzentration« und »überbetriebliche Maßnahmen«. Die Abgeordneten hatten nichts einzuwenden.

Beim Hamburger Senat fand das Konzept des Staatssekretärs ebenfalls Anklang. Lediglich Kattenstroths ursprüngliche Absicht, auch die Kieler Werft Howaldtswerke AG (Tochter der bundeseigenen Salzgitter AG) einzubringen, mißfiel den Senatoren. Sie wollten nicht zusätzlich ein schleswig-holsteinisches Problem in die Hansestadt importieren.

Die Deutsche Werft AG, das vierte Hamburger Schiffbauunternehmen und im Mehrheitsbesitz der Gutehoffnungshütte und der AEG, schied ebenfalls aus dem Fusionsplan aus. Das Unternehmen erwirtschaftet immer noch vier Prozent Dividende.

Bei den drei Verbliebenen hatte nur die Familie Blohm Bedenken. Hier unternahm es Ernst Wolf Mommsen, Vorstandsmitglied des BV-Teilhabers Phoenix-Rheinrohr, den Blohms in einer »Partnersitzung« die Fusion nahezulegen. Mommsens Konzept: Mit der Ruhr als Rückendeckung sollen

- Stülcken nur noch Schiffe bis 15 000

Tonnen,

- Howaldt Schiffe mittlerer Größe

und

- Blohm & Voß Großschiffe bauen.

Anfang Juni beriet die Familie Blohm ohne binnenländische Einflüsse. Senior Rudolf Blohm, 79, ein Sohn des Werftgründers Hermann Blohm: »Für mich sind die Worte 'Fusion' und 'Rationalisierung' nur Schlagworte.« Ehe man verhandle oder gar eine gemeinsame Firma gründe, müsse doch erst geklärt werden, was davon an Vorteilen zu erwarten sei, zumal Blohm & Voß die modernsten Anlagen der drei Werften habe. Ein entsprechender Brief ging an Phoenix -Rheinrohr ab.

Immerhin aber hatte der Hamburger Familienrat doch beschlossen, Verhandlungen nicht gänzlich abzulehnen. Blohm & Voß kann sich auch eine Splendid isolation kaum leisten.

Howaldt und Stülcken sind entschlossen, notfalls auch ohne den dritten Mann über die Fusion zu verhandeln. Ein geldschwerer Partner steht im Hintergrund: Der Elektrokonzern Siemens ist bereit, sich mit 35 Millionen Mark an der künftigen Werft-AG zu beteiligen - wenn die künftige Werft Siemens-Geräte in die Schiffe der Zukunft einbaut.

Blohm & Voß-Senior Blohm

Revolution im Hafen?

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