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ERSTER WELTKRIEG Dreimal geschwiegen

aus DER SPIEGEL 43/1964

Fünf geschichtlich bedeutsame Jahre lang - von 1912 bis 1917 - vertraute Dr. Kurt Riezler, persönlicher Referent und Berater des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg, einem Tagebuch die politischen

Gedanken seines Chefs an. Der Nachwelt blieben sie bisher vorenthalten.

Zwar erwog der Kanzler-Ratgeber dreimal, seine Notizen zu veröffentlichen; jedesmal aber bewogen ihn Umstände oder Personen, die Aufzeichnungen vor fremdem Einblick zu bewahren:

- zum erstenmal nach dem Ersten Weltkrieg - aus Sorge, den Siegermächten neues Material gegen Deutschland zu liefern;

- zum zweitenmal während seiner New Yorker Emigration zur Hitler-Zeit

- aus Furcht, der Nazi-Hetze gegen

die politische Haltung der deutschen Emigranten neuen Auftrieb zu geben;

- zum drittenmal nach dem Zweiten Weltkrieg - auf Anraten des gleichfalls emigrierten deutschen Historikers Hans Rothfels, der angesichts der schwierigen Lage Deutschlands empfahl, die Dokumente nun erst recht nicht preiszugeben.

Professor Rothfels, der nach dem Krieg in der Bundesrepublik zum Nestor der deutschen Zeitgeschichte aufrückte, hielt es zu jener Zeit weder für zweckmäßig noch für vordringlich, Beweismittel für die Kriegswilligkeit Bethmann Hollwegs im Juli 1914 zu veröffentlichen, und Riezler befolgte den freundschaftlichen Rat: Er hielt die Tagebücher unter Verschluß und übergab sie, ehe er 1955 starb, seinem Bruder Walter mit dem Auftrag, sie zu vernichten. Was Kurt Riezler selbst einmal eine »Fundgrube für junge Historiker« genannt hatte, sollte für immer verschlossen bleiben.

Riezlers politisch begründetes Schweigen hatte wissenschaftliche Konsequenzen. Es nahm einer ganzen Historiker -Generation die Möglichkeit, sich über Politik und Person des Kanzlers Bethmann Hollweg, über dessen Entscheidungen in der Julikrise 1914 und mithin über den Umfang des deutschen Anteils an der Schuld am Kriegsausbruch

schlüssig zu werden.

Auswirkungen dieser Unkenntnis sind bis heute spürbar: Auch auf der »26. Versammlung Deutscher Historiker« vorletzte Woche in Berlin traten die Verfechter der These von Deutschlands Hauptschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges, angeführt vom Hamburger Professor Fritz Fischer ("Griff nach der Weltmacht"), und die Kriegsschuldverneiner, angeführt von den Traditions-Historikern Hölzle, Ritter ("Eine neue Kriegsschuldthese?") und Zechlin, wieder zum Gefecht im Halbdunkel an

- keiner von ihnen kennt die Riezler -Tagebücher.

Alle aber wissen um die Bedeutung, die diese bislang unausgeschöpfte Quelle zur Geschichte des Ersten Weltkriegs für ihre eigenen Forschungsergebnisse haben muß (siehe Seite 50).

Die Annahme, daß Riezlers Aufzeichnungen von außerordentlich hohem zeitdokumentarischem Wert sind, wird vom Wissen um die geistige Verwandtschaft zwischen Kanzler und Berater - Grundlage des jahrelangen Vertrauensverhältnisses - noch verstärkt: Der damals erst 32jährige,Ratgeber legte seine Gedanken zur deutschen Politik in zwei 1913 und 1914 erschienenen Büchern nieder, die als Reflexion der imperialistischen Grundstimmung im Vorkriegs -Deutschland gelten können*.

Riezler konstatierte: »Die Ansprüche des deutschen Volkes auf Macht und Geltung nicht nur in Europa, sondern rings um die Erde, sind schnell gestiegen.« Und für die Beziehungen der

Staaten untereinander, so schrieb des

Kanzlers Berater, »ist Feindschaft ... erstes und unterstes Gesetz«, denn jedes Volk wolle »wachsen, sich ausdehnen, herrschen und unterwerfen ohne Ende ... immer höhere Ganzheit werden, bis das All unter seiner Herrschaft ein organisches geworden«.

Als Nahziel stellte der Kanzler-Ratgeber in voller Übereinstimmung mit seinem Chef dem deutschen Volk die Aufgabe, die französisch-russisch-englische Triple-Entente zu zerstören, sich »von dem 'Cauchemar des coalitions' zu befreien«. Erstes Erfordernis deutsche Weltpolitik sei es, »daß Deutschland auf dem Kontinent so stark ist, daß jeder möglichen Konstellation gegenüber die Chancen des Sieges auf seiner Seite sind«. Zur Weltpolitik werde das Reich von »äußerer Notwendigkeit« und »innerem Lebensdrang« gezwungen.

Ihres philosophischen Beiwerks entkleidet, geben diese Riezler-Sätze genau jenen Weltgeltungsanspruch wieder, der am Vorabend des Ersten Weltkriegs die Politik des Kaiserreichs bestimmte. Riezler kannte die Folgen, und seine spätere Zurückhaltung hinsichtlich der Tagebücher und der Wunsch, sie zu vernichten, entsprangen erklärtermaßen der Sorge, auch ihr Inhalt werde vom Ausland zum Beweis des deutschen Chauvinismus herangezogen werden.

Doch seine Vorsorge war unzureichend: Die Tagebücher existieren noch immer. Kurt Riezlers Bruder Walter, einst Museumsdirektor in Stettin, verwahrte sie, statt sie, wie versprochen, in den Ofen zu stecken, in seinem Schreibtisch in Ebenhausen bei München. An eine Publikation aber dachte auch der Musik-Historiker Walter Riezler zunächst nicht: In einem Brief an einen Bekannten seines Bruders versprach er 1955 lediglich, er werde »vielleicht (aus den Tagebüchern) das Wichtigste denjenigen Freunden mitteilen, auf die man sich bis zum letzten verlassen kann«.

Im Jahr darauf bat Walter Riezler, damals 78, seine Betreuerin, Frau Pick -Duisberg, die in kleinen blauen Schulheften und auf losen Blättern gesammelten Vermerke in maschinenschriftlichen Klartext zu übertragen. Frau Pick-Duisberg: Es waren »eilig hingeworfene Skizzen, nach Stimmung und Gelegenheit aufgeschrieben, mit Bleistift und leichter Schrift, daher schwer zu entziffern«.

Ein Durchschlag des Klartextes ging per Post an Bundespräsident Theodor Heuss, der mit den Riezler-Brüdern befreundet war. (Heuss: »Lassen Sie mich ganz einfach sagen, daß ich Kurt-Riezler verehrt habe.")

Der Bundespräsident sprach sich für eine Veröffentlichung aus und gab seine Kenntnisse von der Geheimquelle an die ihm befreundeten Historiker Walter Goetz (München) und Peter Rassow (Köln) weiter. Erst jetzt erfuhr die Zunft deutscher Zeitgeschichtler von der Existenz der Riezler-Diarien. Frau Pick-Duisberg: »Die Aufregung, die Tagebücher zu erhalten, (war) groß.«

Das Rennen machte schließlich der Edeler Professor und Vorsitzende des Verbandes der Historiker Deutschlands Karl Dietrich Erdmann, den sein 1961 verstorbener Kölner Kollege Rassow über das Vorhandensein der Tagebücher informiert hatte.

Mit einem Empfehlungsschreiben der Witwe Rassows sprach Erdmann bei Walter Riezler vor: »Seiner außerordentlichen Geschicklichkeit, Intensität und Dringlichkeit gelang es, Einsicht in die Tagebücher ... zu erhalten«, erinnert sich Frau Pick-Duisberg. Und Kurt Riezlers Tochter Maria, die mit dem US -Historiker Howard White verheiratet ist, gab schließlich als Erbin ihr Einverständnis zur wissenschaftlichen Auswertung der Aufzeichnungen ihres Vaters.

Erste Bruchstücke aus den Notizen ließen erkennen, daß sich die Jagd auf die inzwischen 50 Jahre alten Kladden gelohnt hat. In einer Fernsehdiskussion im Juni dieses Jahres konnte Professor Erdmann anhand der Riezler-Notizen feststellen, daß Kanzler Bethmann Hollweg im Gegensatz zur bisher vorherrschenden Ansicht »vom ersten Augenblick an, und zwar vom 6. Juli, also in dem Augenblick, wo er den berühmten Blankoscheck an die Österreicher gab, ohne den der ganze Krieg gar nicht ins Rollen gekommen wäre ... mit der Möglichkeit gerechnet hat, daß sich daraus ein Weltkrieg entwickeln könnte«.

Erdmann: »Daß Bethmann Hollweg jetzt schon das Risiko gesehen hat, das ist in der Tat wirklich eine neue Sache.«

Und auf dem Berliner Historiker-Tag in der vorletzten Woche bekannte der Kieler Ordinarius: »Durch das Riezler -Tagebuch hat sich, glaube ich, wirklich etwas korrigiert. Es ist etwas Neues hinzugekommen in unserem bisherigen Bild der Dinge und auch in meinem eigenen Bild der Dinge. Man muß halt seine Ansichten korrigieren, und ich finde, das ist keine Schande für einen Wissenschaftler.«

Zum Beleg der neuen Erkenntnisse, die den Thesen der absoluten Kriegsschuld-Verneiner unter den deutschen Historikern widersprechen, publizierte Erdmann Auszüge aus Riezlers Notizen, darunter die Eintragungen vom 7. und 8. Juli 1914. Riezler hielt sich damals mit Bethmann Hollweg auf des Kanzlers Landsitz Hohenfinow in der Mark auf.

Bethmann Hollweg am 6. Juli, am gleichen Tage, an dem Deutschland Wien die Entscheidung über Krieg und Frieden überlassen hatte: »Unser altes Dilemma bei jeder österreichischen Balkanaktion. Reden wir ihnen zu, so sagen sie, wir hätten sie hineingestoßen; reden wir ab, so heißt es, wir hätten sie im Stich gelassen; dann nähern sie sich den Westmächten, deren Arme offenstehen, und wir verlieren den letzten mächtigen Bundesgenossen. Diesmal ist es schlimmer wie 1912; denn diesmal ist Österreich gegen die serbisch-russischen Umtriebe in der Verteidigung. Eine Aktion gegen Serbien kann zum Weltkrieg führen.«

Die Möglichkeit eines lokalen, auf Österreich-Ungarn und Serbien beschränkten Konflikts veranschlagte der Kanzler gering. Nach dem Zeugnis der Tagebücher war Bethmann sich von Anfang an sogar darüber im klaren, »daß England auf der Gegenseite sein würde«. »Ein erschütterndes Bild«, vermerkte denn auch der Ratgeber des Kanzlers, der die Lage nicht »so schlimm« eingeschätzt hatte.

Vor allem bedrückte Bethmann Hollweg jedoch die ständig zunehmende Kraft Rußlands, wie sich aus einer zweiten Diariums-Eintragung vom 7. Juli ergibt. Riezler notierte die Kanzler -Worte:

»Die Zukunft gehört Rußland, das wächst und wächst und sich als immer schwererer Alp auf uns legt.« In wenigen Jahren seien »Rußlands wachsende Ansprüche und ungeheure Sprengkraft« nicht mehr »abzuwehren, zumal wenn die jetzige europäische Konstellation bleibt«.

Die Angst vor dem russischen Koloß versetzte den Kanzler in die Torschlußpanik des »Jetzt oder nie«. Denn, so lautete Bethmann Hollwegs Rezept, das er seinem Ratgeber am 8. Juli 1914 anvertraute:

»Kommt der Krieg nicht, will der Zar nicht oder rät das bestürzte Frankreich zum Frieden, so haben wir doch noch Aussicht, die Entente über dieser Aktion auseinander zu manövrieren.« Rußland wäre dann zwar nicht militärisch, wohl aber diplomatisch von seinem Podest gestoßen.

Nach Kostproben dieser Art warten die deutschen Zeitgeschichtler nun auf die vollständige Publikation der Riezler-Tagebücher, von der sie sich die um ein halbes Jahrhundert verspätete Aufhellung einiger der weißen Flecken deutscher Geschichte erhoffen.

Der künftige Herausgeber Erdmann jedoch mahnt zur Geduld. Der Historiker-Präsident auf die Frage nach dem Erscheinungstermin: »Sie wissen ja selbst, so etwas dauert Jahre.«

* Kurt Riezler: »Die Erforderlichkeit des

Unmöglichen. Prolegomena zu einer Theorie der Politik und zu anderen Theorien«; 1913. - J. J. Ruedorffer (Pseudonym Riezlers): »Grundzüge der Weltpolitik in der Gegenwart«, 1914.

Reichskanzler-Berater Riezler: Von Weltmacht geträumt

Reichskanzler von Bethmann Hollweg

Mit dem Weltkrieg gerechnet

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