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RAUSCHGIFT Dreimal ram-ram

aus DER SPIEGEL 51/1966

Drei Berauschte - so heißt es in einer persischen Parabel - stehen nachts vor einem verschlossenen Stadttor: ein Opiumraucher, ein Säufer und ein Haschischesser.

Beratschlagend, wie man in die Stadt gelangen könne, empfiehlt der Opiumraucher, zu schlafen und den Morgen abzuwarten. Der Säufer rät, das Tor einzuschlagen. Der Haschischesser aber sagt: »Wir kriechen durchs Schlüsselloch.«

Die Weisheit aus dem Morgenland dämmert jetzt auch den Deutschen. Der heuduftige Rauch des Marihuana, wie Haschisch als Zigarettenfüllung zumeist genannt wird, wabert in den Spelunken von Hamburg-St.Pauli, in den Kaschemmen der Stuttgarter Altstadt, den Kneipen des Frankfurter Bahnhofsviertels und in den Ateliers von München -Schwabing.

Vielerorten und immer häufiger begeben sich Teenager und Twens, Gammler und Gastarbeiter auf eine

- so der französische Lyriker und

Lasterkenner Charles Baudelaire - »lange, seltsame Reise«, bei der »du ... gegenüber dem gewöhnlichen Reisenden den merkwürdigen Vorteil hast, nicht zu wissen, wohin du fährst«.

»Green stuff« oder auch »grüne Freude« nennen sie ihre Zigaretten, die sie häufig selber drehen. Und weil sie die schlechtgestopften »Reefers« immer senkrecht halten, damit die Glut samt Tabak nicht herausfällt, gelten sie als »steile Raucher«.

Sie suchen eine fremde Welt, andere Gefühle, neue Erlebnisse - wie jene, über die Baudelaires Zeit- und Standesgenosse Théophile Gautier nach dem ersten Haschischrausch schrieb: »Um mich herum war ein Rieseln und Herabstürzen von Geschmeiden aller Farben, ein immer wechselndes Rankenwerk, das ich am ehesten mit den wechselnden Bildern eines Kaleidoskops vergleichen könnte.«

In Hamburg boten im letzten Juli die Berliner Gymnasiasten Ulrich Breschke, 19, und Christian Becker, 16, dem Portier des St.-Pauli-Lokals »Miami« Haschisch zum Weiterverkauf an. Im Auto der beiden fand die Polizei einen mehrere Kilo schweren Plastiksack mit getrocknetem indischem Hanf (Cannabis indica), wie Haschisch unter Botanikern genannt wird. Die Berliner hatten den Stoff (Schwarzmarktwert: etwa 30 000 Mark) von einer Reise aus Tanger mitgebracht.

In Karlsruhe wurden Ende September ein ghanaischer Gaststudent sowie ein einheimischer Autoverkäufer und

ein Tankstellenpächter abgeurteilt, weil

sie - ebenfalls aus dem nordafrikanischen Tanger - Haschisch in die Bundesrepublik eingeschmuggelt hatten.

Im niedersächsischen Hameln flog Anfang des Jahres ein Party-Klub auf, dem etwa ein Dutzend Studenten und Oberschüler beiderlei Geschlechts angehörte. Außer der chemischen Rauschdroge LSD und aufputschenden Preludin-Tabletten konsumierten die Mitglieder des Zirkels vor allem beträchtliche Mengen Marihuana.

Und wenn sie »high« waren - wie professionelle steile Raucher den ersehnten Rauschzustand nennen -, schrieben sie einander blumige »high letters«. Zum Beispiel: »Abrakadabra 80mal positiv - täglich dreimal ram ram, kalter schwarzer Kaffee, gelber, bitterer Tee ... Blau ist die Heide und gelb der Himmel, es tropft grau.«

Oder: »Morgens purzeln die Volkswagen zu meinen Füßen, Stück für Stück, ganz für ganz, einer für jeden, alles für das Volk, Volk für Wagen, ein fahrendes Volk, ein stinkendes, praktisch zurechtgestauchtes, sehr billig laufend und aufzubewahren.«

Ganze 1,28 Kilogramm Marihuana waren es, die 1960 von den bundesdeutschen Rauschgiftdezernaten sichergestellt wurden. Letztes Jahr fanden deutsche Kriminalpolizisten im Gepäck leichtsinniger Gelegenheitsschmuggler und in den ausgeklügelten Verstecks gerissener Profis schon 45,40 Kilogramm Marihuana-Konterbande.

Und für dieses Jahr rechnen die Kriminalisten mit der doppelten Menge des Vorjahres - immerhin wurde bis Oktober allein in den Bundesländern Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen schon annähernd so viel Marihuana beschlagnahmt wie 1965 im gesamten Bundesgebiet.

Da jedoch »nach alter kriminalistischer Faustregel« (Regierungskriminalrat Rudolf Thomsen vom Bundeskriminalamt) nur zehn bis zwölf Prozent der illegal gehandelten Mengen beschlagnahmt werden, bedeutet das: Wenn das Jahr um ist, sind rund 800 Kilogramm Marihuana in der Bundesrepublik auf dem schwarzen Markt angeboten worden - genug »green stuff«, um

- etwa 800 000 Zigaretten zu präparieren,

- etwa 200 000 Anhänger der »grünen Freude« einmal in einen Rauschzustand zu versetzen,

- etwa 24 Millionen Mark Umsatz zu machen, denn ein Gramm Marihuana (oder eine Marihuana-Zigarette) wird zur Zeit auf den Umschlagplätzen in Hamburg, Frankfurt oder München von den Endverkäufern für drei bis vier Mark angeboten.

Damit ist Marihuana die heute in der Bundesrepublik illegal am stärksten verbreitete jener Drogen, die nach dem »Gesetz über den Verkehr mit Betäubungsmitteln (Opiumgesetz)« von 1929 als Rauschgift gelten*.

Außer dem indischen Hanf (Marihuana, Haschisch) gehören dazu das im Kokastrauch enthaltene Kokain und seine Verbindungen, das Opium, die sogenannten Alkaloide und Derivate des Opiums (etwa Heroin, Morphium und Codein) sowie Dutzende andere Pharmazeutika.

Zahlreiche Medikamente - wie das Narkoseweckmittel »Pervitin« - wurden diesen Betäubungsmitteln später durch Verordnungen »gleichgestellt«. Keine Betäubungsmittel im Sinne des Opiumgesetzes sind dagegen das in Deutschland als Aufputschmittel in Mode gekommene und zweckentfremdete Abmagerungspräparat »Preludin« (SPIEGEL 8/1966) und die Psycho-Droge LSD (SPIEGEL 18/1966).

Aber während die »blauen Götter« des LSD-Rausches, zu denen vorerst Bohemiens und experimentierfreudige Jungintellektuelle vereinzelt Zuflucht nehmen, für die deutsche Kripo noch nicht »polizeiauffällig« geworden sind, erscheint ihr die »grüne Freude« des Haschischrausches bereits beklemmend.

Der hannoversche Kriminalkommissar Arthur Meschkat sieht eine »gewaltige Rauschgiftwelle« auf westdeutsche Großstädte zubranden. Und Mediziner wie der Bad Rehburger Dr. Karl Neuß, Chef des größten geschlossenen Suchtkrankenhauses Deutschlands, fürchten gar, daß mit dem zunehmenden deutschen Haschischverzehr eine »Gefahr für die Volksgesundheit« heraufzieht - eine völlig neue dazu.

Das Opium entfesselte einst in China Kriege und versetzte ganze Völkerschaften Asiens in Elend und Lethargie. Im Reich der alt-südamerikanischen Inkas wurde das Koka-Blatt zum Emblem der Könige gewählt. In mohammedanischen Ländern des Nahen Ostens und Afrikas, etwa in Tunesien, ist Marihuana - dort Kif genannt ein Volks-Genußmittel; und die Tunesier genießen es mit der Selbstverständlichkeit, wie der Deutsche seinen Dämmerschoppen nimmt. In den USA konsumieren heute nach amtlichen Schätzungen 20 von 100 Studenten regelmäßig Rauschmittel, Marihuana zumeist.

Zwar galt auch in Deutschland während der Inflationsjahre das »Koksen«, der Kokaingenuß, in der Talmi-Gesellschaft zeitweilig als chic. Zwar war in der Hafenstadt Hamburg vor dem

Zweiten Weltkrieg Heroin vorübergehend ein Unter-der-Hand-Schlager. Es wurde als »Etsch« gehandelt, eine Bezeichnung, die von der englischen Aussprache des Buchstabens »h« herrührt.

Doch eine politisch oder soziologisch bedeutsame Rolle haben Rauschgifte in der deutschen Kriminal- und Sozialgeschichte bislang nicht gespielt. Und zwar vielleicht deshalb nicht, weil

- wie es der Hamburger Publizist Rudolf Walter Leonhardt vermutet - im Gegensatz zu den so puritanischen und zugleich so rauschanfälligen USA in Deutschland »eine wichtige Voraussetzung für Rauschgift-Epidemien fehlt«; die Neurose nämlich, die laut Leonhardt dann entsteht, »wenn das Tabu dar Nüchternheit durchbrochen wird«.

Die Rauschgiftkriminalität rangiert denn auch in der Bundesrepublik bislang fast am Ende der Kriminalstatistik. Von 1 789 319 Straftaten des Jahres 1965 waren nur 1003 sogenannte Rauschgiftdelikte.

Und die Kundschaft westdeutscher Rauschgiftdezernate rekrutierte sich

bislang überwiegend aus Kreisen der

- so der Polizeijargon - Normalsüchtigen: jenen Süchtigen, die ihren Rausch aus der Apotheke oder über den Arzt beziehen. Und zwar in Form der vielen pharmazeutischen Präparate, die nach dem Opiumgesetz als Betäubungsmittel gelten.

Normalsüchtige - das sind die Rezeptformulare stehlenden und rezeptfälschenden Morphinisten. Es sind die »Spritzer«, die in Arztpraxen als Leidende auftreten, um vom arglosen Mediziner die berauschende »Jetrium« - oder »Polamidon«-Injektion verabreicht zu bekommen.

So hatte der morphiumsüchtige amerikanische Jazz-Trompeter Chet Baker vor zwei Jahren in Berlin, angeblich von Gallenkoliken heimgesucht, binnen 24 Stunden sechs Ärzten insgesamt 40 Ampullen eines Morphiumpräparates abschwindeln können, ehe er verhaftet wurde.

Die Normalsüchtigen sind Labile, denen während einer Krankheit Betäubungsmittel injiziert wurden und die dann nicht mehr davon lassen konnten. Viele Kriegsverletzte gehören zu ihnen; sie bekamen den vermeintlichen Segen des Morphiumrausches erstmals auf den Hauptverbandsplätzen zu spüren, wo die Sanis mit der schmerzlindernden Injektion oft schneller bei der Hand waren als mit Klistier oder Ente.

Normalsüchtige schließlich sind häufig Angehörige rauschgiftnaher Berufe: So wurden in den ersten acht Monaten dieses Jahres in Nordrhein-Westfalen insgesamt 64 Personen polizeibekannt, weil sie sich unter das Opiumgesetz fallende Medikamente illegal beschafft und diese eingenommen oder injiziert hatten. Unter den 64 Tätern waren eine Sprechstundenhilfe, fünf Schwestern und zehn Ärzte.

Der verbotene Rausch aus Pillenröhrchen und Ampullen richtete nach Kriegsende Albert Matterstock, Leinwand-Idol der dreißiger Jahre, zugrunde. Hitlers Marschall Hermann Göring bot vor dem Nürnberger Tribunal den Anblick eines trockengelegten Morphinisten. Hitler-Filmliebling Renate Müller ruinierte sich mit Tabletten und Injektionen. Die Schauspielerin Sybille Schmitz spritzte sich wie Schriftsteller Hans Fallada ("Sachlicher Bericht vom Glück, ein Morphinist zu sein").

Aber der Mißbrauch von pharmazeutischen Markenartikeln ist weitgehend kontrollierbar - weil die Bezugsquellen kontrollierbar sind.

Nach dem Opiumgesetz sind die Apotheker verpflichtet, über die abgegebenen Mengen der dort aufgeführten Präparate ein sogenanntes Betäubungsmittelbuch zu führen. Und ein Arzt, der sich selbst oder seinen Patienten - sei es nun aus Mitleid, finanziellem Interesse oder weil er von diesen getäuscht wurde - über die Maßen Betäubungsmittel verschreibt, fällt so früher oder später dem kontrollierenden Amtsarzt auf.

Das Naturprodukt indischer Hanf hingegen läßt sich leichter unters Volk

bringen. Keine gelernten Pharmazeuten sind notwendig, um daraus ein Rauschmittel zu filtrieren, keine Tricks und Schwindelmanöver, es zu erlangen, kaum ein Aufwand, es zu genießen.

Denn fast so zahlreich wie seine Namen - außer den Bezeichnungen Haschisch. Marihuana und Kif gibt es über 100 weitere - sind die Möglichkeiten, den indischen Hanf zuzubereiten, zu konsumieren und illegal an die Kundschaft zu bringen.

Der Haschisch-Produzent kann - etwa mit einem warmen Bügeleisen

aus der Cannabis-Pflanze eine harzartige Masse herauspressen - das berauschende Hanföl Cannabinol. Er kann aus den weiblichen Blüten-Sprossen einen klebrigen Brei herstellen. Aus dem Kraut läßt sich eine Art Preßtabak verfertigen. Die getrocknete Pflanze läßt sich häckseln oder pulverisieren.

Der Haschisch-Konsument wälzt die Cannabis-Blüten entweder wie Kautabak zwischen den Gaumen oder dreht aus dem Haschisch-Brei kleine Kügelchen und gibt diese - wie es der Haschischesser Baudelaire am liebsten tat - schwarzem Kaffee bei. Er stopft den Cannabis-Teig in eine Wasserpfeife und inhaliert seine berauschenden Dämpfe. Er dreht aus dem getrockneten Kraut Zigaretten oder setzt Zigarettentabak ein paar Prisen Marihuana zu.

Der Haschisch-Verteiler und Schmuggler narrt Zoll und Polizei heute vorzugsweise, indem er das Marihuana -Kraut in die schlauchlosen Reifen seines Autos stopft. Er klebt den Haschischbrei wie einen Klumpen Kaugummi in einen Winkel hinter das Armaturenbrett oder verstreicht die schmierfettähnliche Masse im Werkzeugkasten oder im Kofferraum.

Auf Mitteleuropas bedeutendstem Haschisch-Nachschubmarkt, in Tanger, wird Marihuana schmuggelfertig in Leibgürteln abgepackt angeboten. In Berlin faßte die Polizei einen Lieferanten, der seine Ware in Dattelpackungen und Fleischbüchsen mit doppeltem Boden beförderte,

1378 befahl der ägyptische Emir Sudun Scheichuni, sämtliche Cannabis -Pflanzen zu vernichten und verbot den Genuß des berauschenden Krautes. Auf Zuwiderhandlung stand gewaltsames Entfernen der Zähne.

Die Verordnungen des Emirs waren ebenso erfolglos wie 400 Jahre später die Versuche des napoleonischen Generals Menou, den Haschisch-Brauch in Ägypten auszurotten. Bis heute blieb Haschisch in der islamischen Welt und in Südamerika, wohin es die Spanier importierten, der populärste Lustspender.

Seit 1923 steht das Rauschgift in der internationalen Liste der Narkotika, die heute von der Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) geführt wird. Trotzdem verzehren oder inhalieren nach Schätzungen von Experten derzeit mehr als 200 Millionen Menschen Produkte vom indischen Hanf.

Angesichts der Aussichtslosigkeit, das Laster auszurotten, forderten denn auch Wissenschaftler immer wieder, den Marihuana-Konsum zu legalisieren.

Tatsächlich ist die Schädlichkeit des Haschisch-Genusses unter Kennern und Wissenschaftlern umstritten.

Zwar stellte der Klassiker unter den Haschisch-Essern, Baudelaire, in seinem 1861 erschienenen Buch »Die künstlichen Paradiese« fest: »Gäbe es eine Regierung, die den Untergang ihrer Untertanen beabsichtigte, sie müßte nur zum Genuß von Haschisch ermutigen.« Und der deutsche Pharmakologie-Professor Erich Hesse befürchtete in seinem renommierten Werk »Die Rausch- und Genußgifte« eine »zunehmende Verblödung« der Haschisch -Dauerkonsumenten.

Doch in New York, wo es während des Zweiten Weltkriegs im Negerviertel Harlem 500 illegale Marihuana -Raucher-Klubs gab, kam 1944 eine Untersuchungskommission nach gründlichen Ermittlungen zu dem Schluß, daß der Haschisch-Genuß keineswegs zur Süchtigkeit im medizinischen Sinne des Begriffs führe. »Die Äußerungen über katastrophale Folgen des Rauchens von Marihuana in New York« seien unbegründet.

Daß »nach Haschischmißbrauch keine echte körperliche Gewöhnung« eintrete wie nach dem Morphium-Rausch oder

etwa bei notorischen Alkoholikern, vermerkte der Wissenschaftler Dr. Reininger in der medizinhistorischen »Ciba -Zeitschrift«. Daß man Marihuana von der Liste der Rauschgifte streichen, seinen Verbrauch legalisieren und ihm »denselben soziologischen Status wie dem Alkohol« geben möge, forderte das ehrwürdige britische Ärzteblatt »The Lancet« 1963. Nach der Einwanderung Hunderttausender Farbiger ins englische Mutterland hatte der Marihuana -Konsum unter den Twens und Teenagern Großbritanniens damals zugenommen »wie die Geburtenrate in Indien« (der Londoner »Daily Sketch").

Zweifellos ist auch in Deutschland die Marihuana-Welle Resultat einer modernen Völkerwanderung. Nach Beobachtungen des BKA-Kriminalrat Thomsen »fällt die aufsteigende Linie bei Marihuana zusammen mit der steigenden Zahl von Gastarbeitern, die nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch Marihuana mitgebracht haben«.

In der Tat wär der Marihuana-Import in die Bundesrepublik bislang nahezu fest in nichtdeutscher Hand. Und neben den nordafrikanischen oder orientalischen Gastarbeitern machen auch in Deutschland hängengebliebene ehemalige GIs Geschäfte - ein Kilo Marihuana-Zigarettenfüllung, von Tanger schwarz in die Bundesrepublik transportiert, bringt immerhin einen Reingewinn von nahezu 3000 Mark. Anzeichen sprechen jedoch dafür, daß die Deutschen das Geschäft allmählich selber in die Hand nehmen: Von 1964 auf 1965 stieg der Anteil Deutscher unter den wegen Rauschgift-Schmuggels und Rauschgift-Handels Festgenommenen schon von 38 auf fast 50 Prozent. Deutsche Touristen bringen den »green stuff« aus dem Urlaub mit. Ferienreisende Jugendliche, wie die in Hamburg festgenommenen Berliner Ulrich Breschke und Christian Becker, finanzieren damit ihre Reisespesen. Nach Meinung von Kripo-Oberkommissar Dieter Schenk vom hessischen Landeskriminalamt ist »kein Gammler, der etwas auf sich hält, nicht schon in Tanger gewesen, um Marihuana zu besorgen«.

Und kaum enthüllte sich den Deutschen erstmals »die ganze Vielfalt des Seins ... in zuvor nie erlebter Herrlichkeit« (Baudelaire), da bemühen sie sich bereits, autark zu werden: Im letzten Frühsommer zog ein findiger Kriminalpolizist aus einem gemauerten Blumentrog vor dem Stuttgarter Rathaus eine etwa zwei Meter hohe, kurz vor der Blüte stehende Staude - die Ernte eines unbekannten Haschisch-Pflanzers.

Und ein Student, 34, mit 14 Semestern, aber ohne Examen, der in Frankfurt wegen Verstoßes gegen das Opiumgesetz vor Gericht stand, hatte sich indischen Hanf für den Eigenverzehr auf 40 Quadratmeter Acker im Garten seiner Eltern angebaut.

* Strafen bis zu drei Jahren Gefängnis droht das Opiumgesetz demjenigen an, der die dort aufgeführten Betäubungsmittel ohne Genehmigung herstellt, ex- oder importiert, handelt oder erwirbt.

Rauschgiftkeller in München: Auf der Suche nach neuen Gefühlen ...

Beschlagnahmtes Haschisch in Berlin

... eine Reise durchs Schlüsselloch

Rauschgiftsüchtiger Fallada

Durch grüne Freude ...

Rauschgiftsüchtiger Göring*

... eine neue Gefahr ...

Rauschgiftsüchtige Sybille Schmitz

... für die Volksgesundheit?

Deutscher Marihuana-Konsument: Für steile Raucher. ..

Deutscher Morphinist

... ein künstliches Paradies

* 1946 in Nürnberg.

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