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BUNDESWEHR Drgd. melden

Schlamperei beim Territorialkommando Schleswig-Holstein: Geheimunterlagen, die in den Panzerschrank gehören, sind aus einem Offiziersauto verschwunden. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Der Aufruf richtete sich an einen unbekannten Dieb. »Die Person«, die Mitte Januar in Kiel aus »meinem Polo d. Aktenkoffer entw. hat«, wurde »drgd. gebeten, sich zu melden!« - Telephon oder Chiffre »T 2717«.

Die unscheinbare Annonce, im Anzeigenteil der »Kieler Nachrichten« neben Offerten wie »Bodybuilding f. Frauen« und »Reparaturdienst für Haararbeiten« plaziert, verriet die Verlegenheit des Auftraggebers. Denn »nicht die Wertsachen« wie Schecks wollte der bestohlene Inserent wiederhaben, nur seine »Unterlagen« waren ihm »wichtig«.

Der Koffer gehört Jörg Leister, Major im Generalstab des Territorialkommandos Schleswig-Holstein, Abteilung G 3, militärische Operation. Während er mit Kameraden in der Sporthalle am Kieler Elendsredder Volleyball spielte, wurde ihm »ohne Anzeichen von Gewaltanwendung« (Kripo) der Aktenkoffer aus dem Auto gestohlen - ein Diebstahl von besonderer Brisanz.

Denn die Unterlagen, auf deren Rückgabe der Offizier so großen Wert legt, sind durchweg nur für den Dienstgebrauch bestimmt: 150 Blatt Bundeswehr-Verschlußsachen, teilweise »Vertraulich« eingestuft, ein Großteil wegen seines bedeutsamen Inhalts sogar mit der zweithöchsten Geheimhaltungsstufe ("Geheim") versehen.

Das Päckchen enthielt unter anderem Alarm- und Mobilmachungspläne der für Schleswig-Holstein zuständigen Heimatschutzbrigade 51, die Aufschluß über Alarmierungssystem und »Bereitstellungsräume« geben. Aus ihnen ist ersichtlich, wie im Ernstfall wichtige »Objekte« geschützt werden, die Bevölkerung in der Nähe militärischer Einrichtungen evakuiert, mit zivilen Stellen zusammengearbeitet und die »Verkehrsleitung« organisiert wird.

Das Bonner Verteidigungsministerium bewertet das Kieler Vorkommnis denn auch ohne Umschweife als »skandalhaft«. Zwar seien die Papiere »nicht von entscheidender Bedeutung für die Landesverteidigung«, sagt Ministeriumssprecher Oberst Jürgen Reichardt, aber für gegnerische Geheimdienste »wichtig genug, um bei sorgfältigem Studium« aufschlußreiche Informationen zu erhalten und »daher schutzbedürftig«.

Wer die Papiere liest, erfährt viel über die Aufgaben des Territorialkommandos, das im Krieg die Operationsfreiheit der Nato-Streitkräfte im schleswig-holsteinischen Hinterland sichern soll. Die

Alarm- und Mobilmachungspläne sind nach dem Urteil von Fachleuten in Kiel und Bonn von erheblicher militärstrategischer Bedeutung und großenteils als »Nato-secret« eingestuft, weil sie »Belange des westlichen Verteidigungsbündnisses berühren«.

Die Bundeswehr-Führung auf der Bonner Hardthöhe hat auf die »menschliche Panne«, wie der Kieler Kommandosprecher, Fregattenkapitän Klaus Reinicke, den ärgerlichen Verlust erklärt, aufgeschreckt reagiert. Heeresinspekteur Meinhard Glanz entzog dem Major ab sofort jegliche Ermächtigung zum Umgang mit Verschlußsachen. Eine zum 1. Februar geplante Beförderung und Versetzung wurde gestoppt. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ermittelt gegen Leister wegen »leichtfertiger Preisgabe von Staatsgeheimnissen«.

Doch als »Organisationspanne allerersten Grades«, wie sie intern im Kieler Kommando verstanden wird, will die Bonner SPD-Opposition die Angelegenheit nicht durchgehen lassen. Der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Horst Jungmann, Mitglied des Verteidigungsausschusses, beklagt »die Häufigkeit der Verluste von Geheimunterlagen in jüngster Zeit« und fordert Aufklärung, ob »hier leichtfertig Sicherheitsinteressen aufs Spiel gesetzt werden«.

Gleich mehrfach sind in den vergangenen Wochen Bundeswehrpapiere aufgetaucht, wo sie nicht hingehören. In einer Hecke bei Wetzlar fanden sich die Grundrisse einer Kaserne samt Munitionsbunker, im Müllcontainer beim Münchner Amt für Verteidigungslasten lagen hausinterne Aktennotizen und Abrechnungen von Manöverschäden - mit Anschrift, Bankverbindung und Kontonummer der Geschädigten. In einem

Straßengraben nahe Koblenz entdeckte ein Autofahrer »Arbeitshilfen« des Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung, in denen umfangreiches Zahlenmaterial aus dem Rüstungsprogramm der Bundeswehr aufgelistet war.

Einen Zusammenhang zwischen diesen Nachlässigkeiten und den gestohlenen Geheimpapieren gibt es nach Auskunft Reichardts nicht. Die Schlamperei in Kiel sei in dieser Art »der einzige Fall innerhalb der Bundeswehr in den letzten Jahren«.

So ganz stimmt das offenkundig nicht. Allein im Territorialkommando Schleswig-Holstein sind in den beiden vergangenen Jahren in mindestens zwei Fällen Verschlußsachen verschwunden. Knapp hundert Blatt »VS-Vertraulich« aus der Abteilung Verkehrsführung, die sich Anfang des Jahres »nicht am ordnungsgemäßen Aufbewahrungsplatz« (Reichardt) befanden, sind zwischenzeitlich wieder gefunden - eine »Unzulänglichkeit« bei der Buch- und Aktenführung, so die Auskunft des stellvertretenden Befehlshabers Brigadegeneral Werner Heumann auf Anfrage des SPIEGEL.

Auch 180 Blatt mit »Geheim«-Unterlagen aus dem Alarmkalender, die vor zwei Jahren plötzlich in der Abteilung G 2 (Militärische Sicherheit) vermißt wurden, seien nur »zeitweise nicht auffindbar gewesen«, wiegelt Fregattenkapitän Reinicke ab. Die Papiere, so habe sich herausgestellt, seien ordnungsgemäß vernichtet worden, »der Fall ist erledigt«.

Allerdings nicht so, wie das die peniblen Sicherheitsbestimmungen vorschreiben. Die Geheimunterlagen, widerspricht der Bonner Oberst Reichardt offiziell der Kieler Version, sind »fahrlässig vernichtet worden«.

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