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QUELLE-FERTIGHAUS Dritte Haut

aus DER SPIEGEL 15/1965

Fürths Versandhaus-Nabob Dr. h. c. Gustav Schickedanz, Gründer einer eigenen Quelle-Fertighaus-GmbH, verhieß »nach jahrelanger Entwicklungsarbeit« den deutschen Bausparern »ein Haus, in dem Generationen glücklich wohnen werden«.

Bauen, so verkündete die in 200 000 Exemplaren verbreitete »Quelle-Fertighaus-Fibel«, »darf kein Abenteuer sein« - und dank Quelle sei es nun auch keines mehr.

Gleichwohl prophezeit das Karlsruher »Forschungsinstitut für Holzwerkstoffe und Holzleime« dem Karlsruher Quelle -Fertighaus-Besitzer Albert Hartig eine eher abenteuerliche als glückliche Zukunft: »Mit einer bei Bauten üblichen Lebensdauer«, so der Institutsleiter Dr. Plath, sei »im vorliegenden Fall . . . nicht zu rechnen«.

Und Professor Bley, Ordinarius für Architektur an der Technischen Hochschule Karlsruhe, gutachtete im Auftrage Hartigs noch präziser: »Innerhalb weniger Jahre« werde »die gesamte Außenwand« des Hartig-Hauses »so angegriffen sein, daß . . . seine Benutzung kaum noch möglich sein wird«.

Das Quelle-Fertighaus, in dem der Schickedanz-Kunde Hartig Eigenheim -Freuden zu finden wähnte, wurde im Juli 1963 montiert. Es kostete laut Vertrag 51 594 Mark. An Baunebenkosten aber sind mittlerweile 20 000 Mark für Anwälte, Sachverständige, Gerichte und Zeugen zu erwarten.

Quelle-Chef Schickedanz hatte im Spätsommer 1962 als erster deutscher Versandhausboß ein Fertighausprogramm präsentiert. Es kam bei dem großen Heer der Eigenheimer gut an. Dr. Kreck, Geschäftsführer der Quelle -Fertighaus-GmbH, -bekennt freimütig: »Wir sind jetzt im sechsten Hundert der Aufträge und liefern in diesem Monat das 400. Haus.«

Als einer der ersten ließ sich der Karlsruher, Möbelkaufmann Hartig die

»Quelle-Fertighaus-Fibel« kommen und schon im November 1962 betrieb er für eines der darin angepriesenen Modelle das Baugenehmigungsverfahren.

Der Fürther »Typ 100« hatte ihm mehr als alle anderen Produkte des Fertighausmarkts gefallen, vor allem deswegen, weil die Quelle-Fibel damals über die Außenwände des Hauses zu sagen wußte, die Fertigbau-Platten seien »nach außen ... durch eine mit wetterfestem Kunstharzanstrich versehene Aluminiumblechhaut gegen die Witterung geschützt«.

Gerade dieses bedeutsame Detail, die Aluminiumblechhaut, fiel Hartig auch bei einer Musterhaus-Besichtigung in Nürnberg angenehm auf. Und im sogenannten Fertighausverzeichnis, das Professor Triebel von der Technischen Hochschule Hannover im Auftrag des Bonner Wohnungsbauministeriums bearbeitet, war gleichfalls registriert: »Außenwandverkleidung: Aluminiumblech mit Kunstharzanstrich.« Noch im Frühjahr 1964 teilte Quelle anfragenden Interessenten mit, an dieser Wandausführung habe sich nichts geändert.

Am 31. Mai 1963 war der Vertrag zwischen Haus-Freund Hartig und der Quelle perfekt. In seinem Paragraphen 1 wurde ausdrücklich auf die Quelle -Fertighaus-Fibel »Bezug genommen«. Hartig war überzeugt, ein Idealhaus für Generationen - mit Aluminiumblechhaut - gekauft zu haben.

Zwei Monate später rollten die Bauteile und Monteure auf dem Grundstück Karlsruhe-Waldstadt, Elbingerstraße 7, an, um Hartigs Quelle-Quartier auf die vorbereiteten Fundamente zu stellen. Es entstand ein Haus mit vielen Kinderkrankheiten, deren Anzahl der Besitzer Hartig auf mehr als 20 bezifferte: Auf dem Flachdach blieben Wasserlachen stehen, in der Küche fehlte der Entlüfter, Türen und Fenster klemmten, Heizkörper hingen schief und tropften, Zwischenwände verzogen sich, Zimmerdecken saßen schräg, und die elektrische Leitung zum Außenlicht fehlte.

Was die Quelle-Fibel für Küche und Bad als »Kunststoff-Fliesen« avisiert hatte, entpuppte sich als simple Kunststoffplatte mit eingeprägtem Fliesenmuster. Architektur-Professor Bley definierte die Zierwand als »billigen, imitierten Ersatzwerkstoff«.

Dem Fachmann, testete Gutachter Bley, sei allerdings »klar, daß für den Preis, zu dem das (Quelle-)Haus angeboten wird, keine erstklassige Qualität zu liefern ist«. Gerade im Fall des Quelle-Produkts, »dem eine ausgezeichnete Konzeption bescheinigt werden kann«, sei dies bedauerlich.

Laie Hartig bedauerte zudem, daß die versprochene Haut aus Aluminiumblech fehlte. Erinnert sich Dr. Kreck von der Quelle-Fertighaus-Tochter: »Da war nämlich ein Wurm drin. Wir kamen gleich am Anfang von der Aluminiumblechhaut ab - außer den Musterhäusern wurde kein Bau mit diesen Platten versehen - und machten von der Möglichkeit der Kunstharzbeschichtung Gebrauch.«

Diese neuen Außenwandplatten erwiesen sich allerdings am Hause Hartig als so wenig wetterfest, daß Bau-Professor Bley schon im achten Monat nach dem Einzug »Gefahr für die Existenz des Gebäudes« signalisieren mußte.

Als Gefahrenquelle ortete der Karlsruher Holzforscher Dr. Plath:

- Für Hartigs Hausaußenwände seien sogenannte »Werftplatten« verwendet worden - Holzspanplatten, die beim Innenausbau von Schiffen nützliche Dienste leisteten, jedoch als Außenmaterial bei ungenügendem Kantenschutz die Eigenschaft hätten, Regenwasser und Kondensniederschlag aufzusaugen;

- der Quelle-Dispersionsanstrich auf diesen Werftplatten sei nicht wasser- und wasserdampfdicht genug - eindringende Feuchtigkeit lasse die Platten irreversibel aufquellen. Über das Haus, zu dessen Finanzierung Hartig eine Hypothek mit 30 Jahren Laufzeit aufnahm, gutachtete Plath: »Über kurz oder lang« würden sich die Außenwände allesamt »aufzulösen beginnen«. Und Professor Bley sekundierte: »Eine Reparatur der Außenwandtafeln erscheint nicht möglich. Sämtliche Tafeln ... (müssen) durch andere ersetzt werden.«

Der Hauskäufer fühlte sich arglistig getäuscht. Mit den zwei Gutachten glaubte er indes die Quelle fassen zu können. Kleinere Beanstandungen hatten Schickedanz-Abgesandte ohnehin bereits auf dem Kulanzwege beseitigt, nun aber forderte Hartig ein Haus, »das den durchschnittlichen Ansprüchen ... der Quelle-Fertighaus-Fibel . . . genügt« - speziell »eine neue Außenhaut«.

Quelle war bereit, neue Haut auf Hartigs Haus zu transponieren. Zwar stelle »die neue Außenausführung gegenüber der Aluminiumhaut eine technische Verbesserung dar«, doch sei im Fall Hartig vorzuschlagen, nachträglich »das gesamte Haus mit einem Aluminiumblech, ein Millimeter stark, zu verkleiden«.

Das gleiche Rezept verschrieben die Fürther Fertighäusler zur selben Zeit auch 70 anderen Kunden, die Quelle -Außenwände einer in Jugoslawien gefertigten Serie erwischt hatten. Auch diese drohten davonzuquellen. In Karlsruhe-Durlach war im Dezember 1964 ein Haus dieser Serie zu sehen, das der Besitzer vorsichtshalber ganz mit Folien verhängt hatte. Nachdem Reklamationen von drei Bauherren eingegangen waren, gab Schickedanz freiwillig allen 70 Häusern zusätzlichen Wetterschutz aus Holz oder Aluminium. Mindestens zwei Quelle-Kunden suchten sich selbst stabile Aluminium-Verkleidungen aus, da ihnen die von Fürth angebotene Ersatzhaut unzulänglich erschien.

Hartig indes blieb hart. Eine nachträgliche Aluminium-Verkleidung, fand er, würde dem Haus »das Aussehen einer Wellblechbaracke« geben. Da schalteten auch die Schickedanzer auf stur. Man traf sich wieder vor Gericht.

Anwälte beider Seiten produzierten umfangreiche Schriftsätze. Die Einlassungen des Quelle-Anwalts Dr. Seydel in Karlsruhe wurden für Hartig zu einem lehrreichen Quellenstudium. Seydel kreidete dem Kläger Hartig an,

- seine Beanstandungen seien »von keinerlei Sachkenntnis« getrübt,

- er laufe »zur Zeit bei den Erwerbern von Quelle-Fertighäusern herum, um diese aufzuhetzen«, und

- sei offenbar »niemals zufriedenzustellen«, was Quelle allerdings »zu spät erkannt« habe.

Außerdem klärte Rechtsanwalt Seydel Kläger und Gericht auf, wenn im Kaufvertrag ausdrücklich auf die Quelle-Fertighaus-Fibel »Bezug genommen« wird, so sei dies für den Kunden praktisch belanglos. Denn »für die Beurteilung der Frage, welche Leistung die Beklagte vertragsgemäß zu erbringen hat«, sei die Fürther Fibel »ohne Bedeutung«. Sie sei »ihrer ganzen Natur nach« nicht dazu geeignet, Vertragsbestandteil zu sein, sondern erläutere lediglich »werbemäßig und feuilletonistisch den Charakter, die Art und den Aufbau der Fertighäuser der Beklagten«.

Jeglichen Anspruch auf »Wandelung« des strittigen Bauwerks sowie auf Schadensersatz lehnten die Fürther ab. Auch beim jüngsten Gerichtstermin am 17. Februar 1965 konnten sich die Prozeß-Parteien nicht über die Außenwand-Änderung einigen - dafür aber auf einen weiteren Sachverständigen: Der Professor an der TH Karlsruhe Möhler soll ein neues Gutachten erstatten.

Unterdes hat die Quelle-Fertighaus-GmbH ein weiteres Mal die Platte gewechselt. Nach den Aluminium-Blechhaut-Elementen der ersten Musterhäuser wurden Mitte 1964 auch die Werftplatten-Außenwände aus dem Programm genommen. Neuerdings liefert die Quelle Außenhaut aus Asbestzement, der sich in der Branche bereits als wetterfest bewährt hat.

Ausgewechselt wurde auch der Preis des Serienprodukts: Statt ursprünglich 49 800 Mark kostet der von den Kinderkrankheiten genesene Typ 100 mit Flachdach nunmehr 66 500 Mark.

Beanstandetes Quelle-Fertighaus in Karlsruhe. Abenteuer hinter Aluminium-Wand

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