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ENGLAND / FRIEDENSSPIONE Dritter Verrat

aus DER SPIEGEL 17/1963

Gefahr! Staatsgeheimnis!« stand auf über 4000 anonymen Pamphleten. Sie wurden am Karfreitag unter den Teilnehmern des jährlichen Atomtod -Protestmarsches vom Kernforschungszentrum Aldermaston nach London verteilt.

Die zwölf eng mit Schreibmaschine beschriebenen Seiten der hektographierten Broschüre enthielten:

- Standorte und Telephonnummern

von zwölf unterirdischen Befehlsbunkern, sogenannten Regional Seats of Government (RSG), regionalen Regierungssitzen, von denen aus England nach einem Atomangriff verwaltet werden soll;

- Lageplan und Grundrißskizze des »RSG 6«, eines weitläufigen Bunkers bei Reading in der Grafschaft Berkshire;

- eine Liste der Personen und Behörden, die bei drohender Atomkriegsgefahr in dem »RSG 6«-Bunker untergebracht werden sollen;

- eine Photographie des hinter Buschwerk und Unterholz verborgenen »RSG 6«-Eingangs.

Die Autoren des Pamphlets, die sich geheimnisvoll »Spione für den Frieden« nannten, verkündeten: »Wir haben beschlossen, ein Staatsgeheimnis zu veröffentlichen. Es ist nicht das einzige, das wir preisgeben werden.«

Premier Harold Macmillan befahl eine rücksichtslose Fahndungsaktion nach Informanten und Agenten der »Spione für den Frieden«.

Am Dienstag vergangener Woche hatten der britische Spionageabwehrdienst M.I.5 und das politische Sonderdezernat von Scotland Yard nach Dutzenden von Verhören und Hausdurchsuchungen ermittelt: Die Friedensspione rekrutierten sich durchweg aus Mitgliedern und Mitläufern der Kommunistischen Partei Großbritanniens. Die Identität der Täter soll jedoch geheimgehalten werden, bis auch der letzte Informant überführt worden ist.

Pazifist und Philosoph Bertrand Russell, der vor fünf Jahren einen »Feldzug für nukleare Abrüstung« mitbegründet hatte, erklärte: »Die Autoren der von den 'Spionen für den Frieden' publizierten Broschüre haben der Öffentlichkeit einen Dienst erwiesen.«

Es war vor allem ein Dienst für die Labour-Partei. Nach einem Spionageskandal im U-Boot-Entwicklungszentrum Portland im Jahre 1961 und dem Spionagefall Vassall vom Herbst vorigen Jahres sind die Enthüllungen über die Atombunker der dritte Fall von Geheimnisverrat, den die Regierung Macmillan zu verantworten hat.

Die angeschlagene innenpolitische Position Harold Macmillans wurde damit weiter unterhöhlt.

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