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BONN / SPANNUNGSFALL Drop-in

aus DER SPIEGEL 35/1968

Seit Wochen horchten die Funkpeiltrupps der Bundeswehr an der bayrisch-tschechischen Grenze den Äther nach verdächtigen Geräuschen ab. Aus dem regen Funkverkehr zwischen Roter Armee und Nationaler Volksarmee rekonstruierten sie den Aufmarsch an den Grenzen der CSSR. Bonns militärischer Führungsstab analysierte: 27 moskautreue Divisionen mit einer Viertelmillion Mann standen zum Überfall bereit.

Doch als Dubceks Feinde losschlugen, lag Bonn in militärischem Tiefschlaf. Dreieinhalb Stunden bereits rollten die roten Panzer in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch westwärts, ehe Kanzler Kiesinger erfuhr, was sich an der Südostflanke der Bundesrepublik abspielte. Und er erfuhr es nicht von seinen Militärs, sondern von der Deutschen Presse-Agentur.

Um 21 Uhr marschierten die Interventionstruppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei ein. Um 1.15 Uhr sendete dpa über Nacht-Sammelschaltung die Meldung Nummer 6: »Angeblich sowjetische Truppen in die CSSR eingerückt.«

Aber das Wort »angeblich« bewog den Redakteur vom Dienst im Bonner Bundespresseamt, Hans Töpfer, das Fernschreiben zur Seite zu legen. Er wartete auf Bestätigung.

Sie kam um 2.25 Uhr als Blitz-Meldung über den dpa-Ticker. Die kleine Residenz am Rhein erwachte jäh aus ostpolitischen Entspannungsträumen.

Redakteur Töpfer weckte den amtierenden Bundespressechef Ahlers. Ahlers weckte den Kanzleradjutanten Neusel. Neusel weckte seinen Chef Kiesinger. Um 2.32 Uhr schellte im Schlafzimmer des Schaumburg-Bungalows das Telephon.

Verschlafen kommandierte der Kanzler: »Lassen Sie gleich mal die Gesamtlage bei uns feststellen.« Das große Wecken ging weiter.

Die nächsten, die aus dem Schlaf fuhren, waren die beiden Staatssekretäre Carstens und Duckwitz, Verwaltungschefs des Kanzleramtes und des Auswärtigen Amtes.

Und dann erst, kurz vor drei Uhr, erfuhr es auch die Bundeswehr. Redakteur Töpfer alarmierte den Offizier vom Dienst der Gesamtstreitkräfte im Verteidigungsministerium auf der Bonner Hardthöbe. Der ließ seinen Staatssekretär von Hase aus den Federn holen. Von ihm schließlich hörte die Neuigkeit der Oberbefehlshaber der Bundeswehr, Bundesverteidigungsminister Schröder, der unter dem Reetdach seines Hauses »Atterdag« in Kampen auf Sylt Ferien machte. Schröder bestellte ungesäumt einen Jet-Star der Bundeswehr, der ihn heimholen sollte.

Schwerer hatte es Hase-Kollege Duckwitz, seinen Chef, Außenminister Brandt, beim Fischen in den nordnorwegischen Fjorden vor Narwik zu orten. Kurz vor fünf Uhr früh erst kam Brandts Bürochef Ritzel über See-Funk-Telephon zum Küstendampfer »Erling Jan« der »Hurtig-Rute« durch, Wenig später nahm das Schiff Kurs auf Harstad. Dort ging der Gesuchte von Bord und ließ sich mit einem einmotorigen Wasserflugzeug nach Bodoe in Mittelnorwegen bringen, wohin ihm eine Bundeswehr-Convair entgegenflog.

Während die Regierungsgehilfen so ihre urlaubenden Chefs zusammensuchten, läutete um 4.29 Uhr Kiesingers Telephon zum zweitenmal. Bundestagspräsident Gerstenmaler ("von meiner Wache geweckt") fragte seinen Kanzler, ob er schon wisse, daß die Russen in Prag einmarschiert seien.

Einsatzfreudig erkundigte sich Gerstenmaier: »Was haben Sie für Meldungen? Gibt es Komplikationen an der Grenze? Ist was in Berlin?« Doch Kiesinger war gelassen wie immer: »Ich habe keinerlei Nachrichten dieser Art.«

Von Bett zu Bett besprachen die beiden Schwaben, was in dieser Stunde zu tun sei. Aber viel fiel ihnen nicht ein. Kiesinger beschied sich mit seinen begrenzten Möglichkeiten: »Ich werde erhöhte Bereitschaft für die Aufklärungsdienste anordnen. Mehr kann ich

* V. l.: Minister Schiller, Staatssekretär Arndt, Referent Hange und Staatssekretär Guttenberg im Palais Schaumburg. nicht tun. Der Rest ist Sache der Nato.«

Gerstenmaier erkannte seine Chance, wieder einmal als erster deutscher Politiker in schicksalsschwerer Stunde mit einem staatsmännischen Wort für Volk und Vaterland präsent zu sein. Er sprang aus dem Bett, rasierte sich »in aller Ruhe«, rief seinen Stab im Bundeshaus zusammen und gab bereits kurz nach sechs der Deutschen Presse-Agentur ein Interview zur Lage: »Daß deutsche Truppen, wenn auch unter der Fahne mit Hammer und Sichel, an der Besetzung der CSSR beteiligt sind, ist ein Skandal ...«

Die militärische Lage enthüllten eine halbe Stunde später die für die Ermittlung der Feindlage zuständigen Offiziere im »Lagezentrum« des Hochhauses auf der Hardthöhe ihren Vorgesetzten, darunter Staatssekretär von Hase, Generalinspekteur de Maizière und Heeresinspekteur Moll. Um 7.30 Uhr brachen die Militärs zum Palais Schaumburg auf.

Im großen Kabinettssaal harrte ihrer eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft. Von Kiesinger, Carstens und Ahlers zusammengetrommelt. kamen nach und nach Staatssekretäre und Minister, die Fraktionsvorsitzenden von CDU und FDP, der SPD-Fraktionsgeschäftsführer, der Parlamentspräsident und der Bundesratsdirektor herein. CDU-Barzel: »Es war ein riesiges drop-in.«

Generalinspekteur de Maizière entrollte eine Lagekarte mit der Beschriftung »Dislozierung und Entwicklung«. Auf Klarsichtfolie waren mit Farbstift alle Truppenbewegungen eingezeichnet.

Der Vter-Sterne-General trug vor, Rußlands Rote und Ulbrichts Nationale Volksarmee seien »durch die klassischen Einfallpforten« in die CSSR vorgestoßen: aus dem sächsischen Grenzraum südlich Dresdens acht sowjetische Divisionen und die siebente Panzerdivision der DDR-Volksarmee direkt auf Prag, aus Schlesien polnische Verbände über das Riesengebirge nach Nordböhmen.

Dazu rückten aus dem Erzgebirge parallel zur westdeutsch-tschec]iischen Grenze sechs sowjetische Divisionen und Ulbrichts elfte motorisierte Schützendivision über Pilsen in Richtung Budweis vor, um die in Westböhmen stehenden tschechischen Truppen von der Bundesrepublik abzuriegeln.

Noch ein zweites Mal, um 10 Uhr, mußte de Maizière Vortrag halten

diesmal vor dem Bundeskabinett, dem endlich versammelten einzig kompetenten Beschlußorgan der Bundesregierung.

Unterdessen hatte auch der Kanzler die politischen Erkenntnisse des jähen Erwachens im Morgengrauen zu einer Theorie geordnet. Kiesinger vor dem Kabinett: Den Ausschlag für Rußlands Eingreifen habe nach dem Besuch des Jugoslawen Tito offensichtlich die Prag-Reise des rumänischen Partei- und Staatschefs Ceausescu gegeben. Nach den Ovationen des tschechischen Volkes für die beiden Moskau-abtrünnigen Kommunisten hätten die Kreml-Herren wohl befürchtet, die Tschechoslowaken könnten sich mit Rumänen und Jugoslawen zu einem antisowjetischen KP-Block vereinen.

Bestärkt habe die Sowjets in dieser Befürchtung ein Bericht ihres deutschen Statthalters Ulbricht über sein Treffen mit Dubcek in Karlsbad am Montag vorvergangener Woche. Ulbrichts Urteil über den tschechischen Genossen: Mit Dubcek sei nicht klarzukommen.

Dabei hatte es gerade in Karlsbad noch so ausgesehen. als wäre selbst Ulbricht in den Sog des Reformkommunisten Dubcek geraten und darüber sogar zu innerdeutschen Entspannungsgesten bereit gewesen.

Gespräche zwischen Ministern aus Bonn und Ost-Berlin -- die Erfüllung langgehegter Wünsche gesamtdeutscher Idealisten schienen noch nie so nahe wie vor vierzehn Tagen.

Einem Treffen von Bundeswirtschaftsminister Schiller mit seinem Ost-Kollegen, dem DDR-Minister für Außenwirtschaft Sölle, ohne die üblichen politischen Vorbedingungen (Aufgabe des westdeutschen Alleinvertretungsanspruchs, Anerkennung der DDR-Grenzen und vertraglich vereinbarter Gewaltverzicht) schien damit nichts mehr im Wege zu stehen.

Schon im Frühling hatten die sozialdemokratischen Teilhaber der Großen Koalition die Chance gewittert. die Richtigkeit ihrer bisher erfolglosen Entspannungs- und Deutschlandpolitik wenigstens durch einen gesamtdeutschen Wirtschaftskontakt bestätigt zu bekommen.

Motiv: die Zufahrtswege nach Berlin, die innerdeutsch nur im Interzonenhandelsabkommen von 1960 abgesichert sind, vor weiteren Störungen zu schützen.

Ziel: den Interzonenhandel, der im letzten Jahr um neun und im ersten Halbjahr 1968 um weitere sieben Prozent zurückgegangen war, im Interesse West-Berlins mindestens wieder so stark zu machen, daß er zehn Prozent des DDR-Außenhandels ausmachen und damit für Ulbricht interessant bleiben würde.

Nach einem Zufallskontakt auf der Hannover-Messe mit Ulbrichts Interzonenhändler Behrendt im letzten April entwarf Schillers Parlamentarischer Staatssekretär Arndt -- als Berliner in dieser Sache besonders engagiert eine Interzonenhandel-Mifrifi. Kernpunkte des Papiers, das dem Bundeskabinett zuging:

* den westdeutschen Handeiskredit für die DDR von bisher 200 auf 300 Millionen Mark zu erhöhen;

* auf den jährlichen Ausgleich der Salden im Interzonenhandel zu verzichten;

* der DDR 120 Millionen Mark Mineralölsteuer zurückzuvergüten, die auf DDR-Benzin-Lieferungen erhoben worden waren.

Doch erst auf Alibi-Suche gegen Dubcek streckte Ulbricht wieder Friedensfühler nach Westdeutschland aus. Behrendt fragte den westdeutschen Interzonenhandels-Beauftragten Pollak Ende Juli beim wöchentlichen Routinekontakt, ob Schiller-Adlatus Arndt wohl bereit wäre, die Leipziger Herbstmesse offiziell zu besuchen, wenn ihn die DDR-Regierung dazu einlüde.

Arndt sagte ja. Behrendt versprach, sich um eine Einladung zu bemühen.

Schon 48 Stunden später -- am Vorabend seines scheinheiligen Freundschaftsbesuchs bei Dubcek -- übertrumpfte Ulbricht in seiner Volkskammerrede vom 9. August die zarten Kontaktversuche der Wirtschaftsunterhändler mit einer politischen Großofferte.

Neben Verhandlungen zwischen den Staatssekretären der Regierungschefs in Bonn und Ost-Berlin (nach wie vor belastet mit politischen Vorbedingungen) bot der SED-Chef offensichtlich bedingungslos an: »Es können auch Verhandlungen zwischen dem Minister für Außenwirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik und dem Minister für Wirtschaft der· Bundesrepublik geführt werden.«

SPD-Schiller nahm die Einladung ernst. Und Ost-Behrendt brachte die Offerte tatsächlich zu West-Pollak an den Kurfürstendamm: ein anderthalbseitiges Einladungsschreiben des DDR-Außenwirtschaftsministers Sölle ohne An- und Unterschrift zur Weitergabe an Minister Schiller.

Darin schlug Sölle Verhandlungen mit Schiller »ohne Diskriminierung auf der Grundlage der Gleichberechtigung« über eben jene Punkte aus Arndts Angebots-Katalog vor, »deren Klärung unaufschiebbar geworden ist«. Als Verhandlungsorte stünden Ost-Berlin, die Leipziger Messe, notfalls auch Bonn zur Wahl.

Schiller kaprizierte sich sofort auf Ost-Berlin als Verhandlungsort. Er plante eine spektakuläre Pkw-Reise mit schwarzrotgoldenem Ministerstander über Helmstedt durch die DDR, möglichst langer Fahrt durch den Berliner Ostsektor und Rückkehr über West-Berlin.

Schiller zu Kiesinger: »Erst die Reise nach drüben ist der Durchbruch durch die Schallmauer.«

Dem Kanzler war die kühne Reiseplanung gleich nicht geheuer; er hätte den DDR-Sölle lieber nach Bonn zitiert. Und Finanzminister Strauß stemmte sich gegen die Schiller-Mission -- weil sie Bonn 120 Millionen Mark kosten sollte. Der Bayer murrte: »Denen sollen wir Geld geben, die uns immer nur in den Hintern treten?«

Doch Kiesinger beschwichtigte: »Die 120 Millionen müssen zum Verhandlungsvorschlag gehören.«

Und sogar Verteidigungsminister Schröder, als Entspannungsskeptiker der schwarz-roten Koalition verschrien, ließ sich am Vorabend des tragischen Prag-Mittwochs fernmündlich aus Kampen vernehmen: »Herr Kollege Schiller, ich bin für Ihre Ost-Expedition.«

Der SPD-Wirtschaftsminister frohlockte: »Dubcek hat mit Ulbricht für uns verhandelt.«

Aber als Kanzler Kiesinger letzten Mittwoch im Kabinett, nach Beratung der Kriegslage in Böhmen und Mähren, den ursprünglichen Hauptpunkt der Tagesordnung aufrief -- den Entspannungsdialog der Wirtschaftsminister von Rhein und Spree -, waren die kühnen Hoffnungen der Sozialdemokraten zunichte geworden.

Der Aufmarsch kriegsbereiter Russen-Divisionen an Bayerns Grenze brachte die herkömmliche Frontstellung der schwarz-roten Kabinettsherren -- traditionelle kalte Krieger auf dem rechten und überzeugte Entspanner auf dem linken Flügel -- ziemlich durcheinander.

Der sonst so besonnene Arbeitersohn Georg Leber appellierte zornentbrannt an seine Ministerkollegen, mit den Russen und ihrem Ulbricht nun wieder Fraktur zu reden, anstatt zu fraternisieren. Und das verband ihn mit Kiesingers deutsch-nationalem Vertriebenen-Obmann von Hassel, der empfahl, den Sölle-Kontakt »im Hinblick auf die Ereignisse in der Tschechoslowakei« gänzlich abzublasen.

Kiesinger hingegen suchte diesen Zorn zu besänftigen »Bei einer solchen Politik mit einem so schwierigen Gegenüber gibt es immer krisenhafte Schübe.« Und Schiller, vor allem um die Rettung seines gesamtdeutschen Auftritts mit Sölle bemüht, sekundierte seinem Kanzler: »Krisenhafte Schübe muß man eben durchstehen. Die Friedenspolitik muß trotz allem weitergehen.«

Unerwartete Unterstützung wurde dem jählings abgebremsten West-Ost-Verhandler dabei vom Oberbefehlshaber der Bundeswehr, Gerhard Schröder, zuteil. Die ausdrückliche Erwähnung eines Zusammenhangs zwischen CSSR-Besetzung und Aufschub des Gesprächs mit Sölle, wie ihn Gesinnungsfreund Hassel gefordert hatte, hielt Schröder für falsch. Auch solle man dem Anliegen des Kollegen Schiller zuliebe der Kommuniqué-Formulierung, das Kabinett habe »keine Entscheidung« über das Schiller-Sölle-Gespräch getroffen, das mildernde Wörtchen »noch« voranstellen.

Wenige Minuten nachdem die Minister-Limousinen aus dem Vorhof des Bundeskanzleramtes abgefahren waren, ließen sich kurz hintereinander -- der eine um 12 Uhr. der andere um 14 Uhr -- US-Botschafter Cabot Lodge und UdSSR-Botschafter Semion Zarapkin bei Kiesinger melden.

Die ungleichen Abgesandten trugen den gleichen Text vor: Lodge eine Wiedergabe der Erklärung seines in Washington stationierten Russen-Kollegen Dobrynin an Präsident Johnson, Zarapkin die wortgleiche« direkt für Kiesinger bestimmte Botschaft. Tenor: Die Russen seien zur Herstellung von Ruhe und Ordnung in die CSSR gerufen worden, und ihre Intervention beziehe sich nur auf das Territorium der Tschechoslowakei, auf kein anderes mitteleuropäisches Land.

Besorgt darum, die solchermaßen stabilisierte Lage an der großen Front der Weltmächte nicht mit kaltem Kriegsgeschrei aus dem politischen Unterholz der Bundesrepublik zu stören, schlossen die Polit-Strategen des Kabinetts am Abend, gleich nach dem Eintreffen des Nordlandfahrers Brandt, einen politischen Dreibund.

Christdemokrat Kiesinger und die beiden Sozialdemokraten Brandt und Wehner verschworen sich, für Ruhe und Ordnung in den eigenen Reihen und für die Fortsetzung der deutschen Entspannungspolitik zu sorgen. Kiesinger versprach, den Unkenrufen aus

* Lars Brandt (2. v. l.), Klassenkameradin. dem CDU-Lager von der »gescheiterten Politik Brandts« energisch entgegenzutreten.

Noch am selben Abend revanchierte sich das von Wehner in die SPD-Baracke befohlene Parteipräsidium der Sozialdemokraten. Auf Drängen des Wirtschaftsministers empfahlen die SPD-Präsidialen eine verstärkte Verteidigungspolitik und erhöhte Nato-Bereitschaft.

Zwanzig Stunden nachdem das Bonner Krisenkarussell knirschend in Gang gekommen war, stand schließlich fest, welche politischen Konsequenzen die Westdeutschen aus der östlichen Kriegsschau zu ziehen gedachten. Die Partner der Großen Koalition waren sich einig,

* die Entspannungspolitik nach Osten fortzusetzen -- zunächst freilich nur auf Sparflamme;

* die deutsche Unterschrift unter den Atomwaffensperrvertrag aufzuschieben, da ernste Zweifel an der Redlichkeit des Vertragspartners UdSSR entstanden seien;

* den Verteidigungsetat um 100 Millionen Mark zu erhöhen;

* alle Pläne für eine Truppenreduzierung in Mitteleuropa vorerst auf Eis zu legen.

Außerdem wollten sich die Partner der Großen Koalition von den Ereignissen der Weltpolitik zukünftig nicht mehr im Schlaf überraschen lassen.

Die Bundesregierung bildete einen Krisenstab ihrer führenden Beamten, der Tag und Nacht zur Verfügung steht. Die Bundeswehr verhängte übers Wochenende Urlaubssperre. Das Auswärtige Amt beorderte alle urlaubenden Botschafter auf ihre Auslandsposten zurück. Der SPD-Vorstand erlegte sich selber eine dreitägige Sitzbereitschaft in der Bonner Parteibaracke auf.

Zwei Hundertschaften der nordrhein-westfälischen Bereitschaftspolizei bezogen Einsatz-Quartier in den Turnhallen der Bonner Gottfried-Kinkel- und der Elisabeth-Schule. Sie sollten dafür bürgen, daß Moskaus Semjon Zarapkin nicht noch einmal zu erleben brauchte, was seinen Wagen auf der Fahrt zu Kanzler Kiesinger fast eine Viertelstunde lang aufgehalten hatte: Ausbrüche des Volkszornes.

Zwei Tage lang ging über das Sowjethauptquartier in Rolandseck am Rhein ein Hagel vor Tomaten, Steinen Flaschen und roten Farbbeuteln nieder. In ungewohnter Eintracht skandierten barfüßige Hippies und wohlsituierte Bürger. bärtige Studenten und glattrasierte Gewerkschaftsjugend, SDS-Linke und RCDS-Rechte den neuen Ruf der Freiheit: »Dubcek, Dubcek«.

Die Linsen der in- und ausländischen Photographen rückten am letzten Mittwoch auch Lars Brandt ins Bild, Sohn des Außenministers und Bruder des »linken« Peter. Er hatte zusammen mit einer blonden Klassenkameradin drei Schulstunden geschwänzt, um vor der Russenbotschaft gegen die Sowjets zu protestieren.

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