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Druck statt Dialog

aus DER SPIEGEL 8/1997

Erst haben sie Faradsch Sarkuhi betrogen, dann den Dichter seiner Freiheit beraubt und ihn in ihren Kerkern »interviewt« - ein widerwärtiger Euphemismus für Folter. Und Bonn wird wohl, auch das steht zu fürchten, tatenlos zusehen.

Wieviel Angst vor den Grausamkeiten der Folterknechte eines Regimes muß ein Mensch haben, daß er um seinen schnellen Tod bittet? Sarkuhi hat es in einem zutiefst erschütternden Brief, einer Art Testament, an seine Frau und Kinder getan. Und wie lange will die in den Fall verwickelte Bundesregierung dazu schweigen? Sie wird es wohl weiterhin tun.

Sarkuhi wird nicht das letzte Opfer der Mullahs in Teheran sein. Nach allem, was in den letzten Jahren in Iran an Menschenrechtsverletzungen geschehen ist, wird der Staatsterror weitergehen. Ausgerechnet jene Religion unter den drei monotheistischen Glaubensrichtungen, die in ihrer Geschichte von einer großen Toleranz geprägt war, auf die ihre Gläubigen zu Recht mit Stolz verweisen, dient nun einem Regime als Deckmantel für den brutalen Machterhalt. »Moslems sind Brüder, behandeln einander nicht unrecht und lassen sich nicht im Stich«, heißt es in den Hadithen, den überlieferten Aussprüchen und Handlungen des Propheten Mohammed. Ein schönes Wort, das in Iran - aber auch in Saudi-Arabien, dem liebsten arabischen Freund des Westens - nichts wert ist.

Doch nicht nur der Lehre Mohammeds handeln solche Staaten zuwider, sondern auch dem modernen islamischen Menschenrechtsverständnis. So heißt es in Artikel 20 der »Menschenrechtserklärung der Organisation der Islamischen Konferenz« von 1990: »Niemand hat das Recht, eine Person physischer oder psychischer Folter oder einer anderen erniedrigenden, brutalen oder der Menschenwürde widersprechenden Behandlung auszusetzen.« Daß es Teheran dennoch tut, zeigt die ganze Schwäche des sich religiös definierenden Systems.

Dabei übertreffen die Islamisten in Teheran sogar noch das weltliche Regime des Schahs an Grausamkeit. Acht Jahre saß Sarkuhi in den Gefängnissen des 1979 durch die islamische Revolution gestürzten Resa Pahlewi.

Wie so viele eher links einzuordnende Literaten hatte auch er gehofft, daß die Herrschaft der Mullahs dem Volk größere Freiheiten, vielleicht sogar Demokratie, bringen werde. Deshalb hatten selbst Laizisten wie Sarkuhi die Revolution begrüßt. Alle sind sie schmerzlich betrogen worden. Sarkuhi schreibt in seinem aus Iran geschmuggelten Brief, daß die ganzen acht Jahre Gefängnis unter dem Schah »nicht so quälend« waren »wie nur fünf Minuten« während der 47 Tage dauernden Haft Ende vergangenen Jahres unter den Mullahs.

Mehr noch als der Fall Rushdie zeigt das unmenschliche Spiel mit Sarkuhi das wahre Gesicht des Regimes. Die Verdammung des britischen Schriftstellers durch den senilen Imam Chomeini hatte im Westen berechtigtes Entsetzen ausgelöst. Doch zumindest bestand die Hoffnung, daß die Fatwa nach Chomeinis Tod ihre verhängnisvolle Bedeutung verlieren werde. Die Zwänge der Realpolitik, so konnte man annehmen, würden die iranische Regierung dazu bewegen, das Todesurteil schnellstmöglich zu kassieren. Tatsächlich haben Vertreter der iranischen Führung immer wieder schriftlich und mündlich erklärt, die Vollstreckung der Fatwa sei nicht beabsichtigt. Allerdings: Offiziell außer Kraft gesetzt wurde sie nicht; angeblich ließen die religiösen Vorschriften das nicht zu.

Erst vergangene Woche haben radikale Ajatollahs die Provokation verschärft: Der versprochene Lohn für die Ermordung Rushdies wurde um 500 000 Dollar auf zweieinhalb Millionen erhöht. Das Kopfgeld zahlt zwar eine private Stiftung, doch die steht ganz offensichtlich dem geistlichen Staatsoberhaupt Chamenei nahe.

Die Fatwa erfüllte weder die rudimentärsten Ansprüche, die das islamische Recht an ein Rechtsgutachten stellt, noch entsprach sie der iranischen Verfassung; die schreibt vor, daß ein »Strafurteil und seine Vollstreckung nur durch das zuständige Gericht« erfolgen können. So ist die Fatwa nicht nur nach den Maßstäben des vom Regime immer wieder verteufelten Westens, sondern auch nach den Vorschriften des Islam und der Islamischen Republik Iran nichts anderes als ein Aufruf zum Mord. Doch die machtbesessenen Mullahs stört das nicht. Wer sich in Teheran profilieren will, darf an dem Erbe des seligen Ajatollah nicht rütteln.

Sarkuhi hat nicht den Propheten beleidigt, wie es Rushdie - zu Unrecht - vorgeworfen wird. Durch die »Satanischen Verse« des britischen Autors hatte sich Chomeini persönlich beleidigt gefühlt, da er darin als bigotter, engstirniger Greis karikiert wird. Die Geiselnahme Sarkuhis entlarvt das Regime mehr als die Fatwa gegen Rushdie.

Denn Sarkuhis Verbrechen besteht darin, daß er als Herausgeber der kritischen Literaturzeitschrift adine die Freiheit des Wortes gefordert hat. Während Salman Rushdie rein rechtlich in erster Linie ein Problem Londons ist, da er einen britischen Paß besitzt, ist im Fall Sarkuhi Bonn besonders in die Pflicht genommen: Seine Frau und seine Kinder leben als anerkannte politische Flüchtlinge in Deutschland. Zudem soll Sarkuhi möglicherweise als Geisel im Berliner Mykonos-Prozeß herhalten.

Und dann war es auch noch die deutsche Botschaft in Teheran, die den iranischen Sicherheitsdiensten mit einer Einladung an Sarkuhi und andere Literaten einen willkommenen Anlaß bot zuzuschlagen. Das Abendessen bei dem deutschen Kulturreferenten kann Sarkuhi als konspirativer Treff angelastet werden. Außerdem wurden Manipulationen an den Reisedokumenten des Literaten vorgenommen, wie Sarkuhi in seinem Brief berichtet. Sie sollten - welch eine Verhöhnung des Teheran so wohlgesinnten Bonn - seinen Aufenthalt in Deutschland vortäuschen, während Sarkuhi in den Kellern des Regimes gefoltert wurde.

Doch Klaus Kinkel wird wohl dennoch nicht abrücken von seinem »kritischen Dialog«, einer jener modernen Wortschöpfungen, mit denen alles Negative schöngeredet werden soll und die in diesem Fall nur wirtschaftliche Kumpanei überdeckt - zumal sich der Dialog nunmehr als Monolog erweist. Bonn macht sich damit zum Komplizen des iranischen Geheimdienstes, der die Bundesregierung an der Nase herumführt wie einen Tanzbären.

»Dialog«, auch ein »kritischer«, setzt voraus, daß die andere Seite zumindest einige der vorgetragenen Argumente akzeptiert und sich entsprechend bewegt. Nicht so Teheran. Selbst bei überaus nachsichtigen Fürsprechern Irans wie der Orientalistin Annemarie Schimmel, die sogar für die Verdammung Rushdies noch ein gewisses Verständnis aufgebracht hatte, ist nach dem Verschwinden Sarkuhis das Maß voll. Die Irankennerin, die sich in zahlreichen Büchern für eine Verständigung zwischen Islam und Christentum eingesetzt hat und dafür mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wurde, hat einen offenen Brief an die Bundesregierung mitunterzeichnet, der Druck auf Teheran fordert, um Sarkuhis Leben doch noch zu retten.

Es sollte den Mullahs zu denken geben, wenn sogar eine Freundin wie Schimmel, die sich bisher von der iranischen Führung schon fast hat hofieren lassen, an der Einsicht Teherans zweifelt. Doch selbst wenn Bonn handelt - der diplomatische Kanon reicht von der Protestnote des deutschen Botschafters über die gezielte Ausweisung iranischer Diplomaten bis zum offiziellen Abbruch der Beziehungen -, lassen Brutalität und Arroganz des iranischen Regimes befürchten, daß aller Protest nicht viel ausrichten wird. Diese pessimistische Annahme darf die Bundesregierung dennoch nicht hindern, letztlich mit einem Abbruch sämtlicher Wirtschaftsbeziehungen ein noch deutlicheres und für die Mullahs schmerzhafteres Zeichen zu setzen. Rund zwei Milliarden Mark Exportverlust sind ein vergleichsweise geringer Betrag angesichts der Demütigungen, die sich Bonn von Teheran gefallen läßt, und der permanenten Versuche des Regimes, die deutsche Rechtsordnung ad absurdum zu führen.

Es ist vor allem der zentrale Unterschied im Staatsverständnis, der die Annäherung verbaut. Denn im Gegensatz zum Westen und zu den Vorstellungen aufgeklärter Moslems halten die Islamisten in Teheran - aber auch Extremisten andernorts in der islamischen Welt - daran fest, daß Religion (din) und Staat (daula) nicht getrennt werden dürfen. In einem solchen Staat ist Gott in Form des vom Propheten überlieferten Gotteswortes, des Koran, der alleinige Souverän. Und jene, die sich als geistliche Führer anmaßen, die wahren Interpreten der heiligen Schrift zu sein, glauben, ein Anrecht auf die politische Macht zu haben.

Westliche Rechtsvorstellungen weisen die Islamisten als unzulässiges Menschenwerk zurück. Jeder, der sich dem Gottesstaat widersetzt, lehnt sich in den Augen der Islamisten gegen Gott auf. Er wird zum Ungläubigen gestempelt und verfolgt. Und wenn der Betreffende Moslem ist, mit seiner politischen Gesinnung aber angeblich beweist, daß er vom Islam abgefallen ist, wird er als Apostat (murtadd) verdammt, gilt sein Leben nichts mehr. Damit knüpfen die Herrschenden in Teheran an den ersten Kalifen Abu Bakr an. Der hatte kurz nach dem Tode des Propheten den Vorwurf der Apostasie benutzt, um Kriege gegen rebellische Stämme religiös zu rechtfertigen.

Es zeigt die beklagenswerte innere Empfindlichkeit der sich »islamisch« nennenden Bewegung, daß ausgerechnet im ausgehenden 20. Jahrhundert, da sich der Islam dem Westen unterlegen fühlt, immer häufiger zum Vorwurf der Apostasie gegriffen wird. Während der Blütezeit des Islam in den vergangenen Jahrhunderten war Apostasie hingegen kaum ein Thema.

Einer der Kernsätze des Koran lautet: la ikraha fi d-din, »es gibt keinen Zwang im Glauben« (Sure 2, Vers 256); liberale und reformistische moslemische Denker und Theologen stellen diesen Satz in den Mittelpunkt ihrer Forderung nach Toleranz. Die radikalen Islamisten in der iranischen Regierung aber scheren sich nicht um dieses koranische Zeugnis, so wenig sie sich bei Regimekritikern wie Sarkuhi um die eigene Verfassung kümmern. Die verbietet in Artikel 38 ausdrücklich »jede Art von Folter, um Geständnisse oder Informationen zu erhalten«.

Der ägyptische Islamismuskritiker Mohammed Said el-Aschmawi, der vehement die Trennung von Religion und Staat fordert, begründet seine laizistische Haltung allein schon mit der Überlegung, daß Politik ein schmutziges Geschäft sei. Jede Verbindung von Religion und Politik, argumentiert Aschmawi, müsse notwendigerweise dazu führen, daß die Religion mit in den Schmutz gezogen werde. Mit dem Fall Sarkuhi beweist die iranische Regierung unfreiwillig, wie recht dieser Fundamentalismuskritiker hat.

Ein wichtiger Rechtsgrundsatz im Islam ist die Forderung, daß eine der obersten Leitlinien allen Handelns das Gemeinwohl (maslaha) der Moslems sein müsse. Doch die Menschenrechtsverletzungen der iranischen Regierung und anderer radikalislamistischer Strömungen und Staaten schaden dem Gemeinwohl der Moslems in höchstem Maße. Teheran treibt sich selbst in die Isolation und die ohnehin angeschlagene Wirtschaft in den Ruin - auf Kosten des eigenen Volkes.

Und auch dem Islam, zu dessen Wohle in Teheran doch angeblich die Revolution ausgerufen wurde, erweist das Regime nur einen Bärendienst: Es gießt kräftig Wasser auf die Mühlen eines Samuel Huntington und der wachsenden Anhängerschaft des Harvard-Professors. Der amerikanische Gelehrte schreibt dem Islam »blutige Grenzen« zu und redet einen »clash of civilizations«, den Zusammenstoß der westlichen und islamischen Kultur, herbei. Das sollte Bonn seinen Teheraner Freunden endlich mit aller politischen und wirtschaftlichen Macht deutlich machen - in deren ureigenstem Interesse.

Wenn die Bundesregierung den Hilferuf Sarkuhis aber nicht hört, über die Erhöhung des Kopfgeldes für Rushdie geflissentlich hinwegsieht und ihre »Kritik« auf unverbindliche Briefe des Außenministers beschränkt, dann wird Teheran einen ernsthaften Dialog weiterhin ungerührt verweigern - und Regimekritiker werden verschwinden wie bisher.

Rotter, 55, ist Professor für GegenwartsbezogeneOrientwissenschaft an der Universität Hamburg.

Gernot Rotter
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