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PROZESSE / KÖHLER Druck weg

aus DER SPIEGEL 43/1968

Der Hilfsarbeiter Klaus Köhler, 28, »fühlte sich«, wie sein Verteidiger vor dem Dortmunder Schwurgericht erläuterte, »immer zurückgesetzt und minderwertig«.

Was ihm an innerem Halt fehlte, versuchte Köhler durch Korrekturen am Äußeren auszugleichen. Er ließ seine grobgewachsene Nase operativ begradigen und die vorstehenden Zähne richten.

Was Jungmänner mit Selbstvertrauen nicht aus dem Gleichgewicht gebracht hätte, geriet bei Köhler zur Demütigung. Als ihn die Serviererin einer Kneipe abblitzen ließ, betrank er sich, bog ein Verkehrsschild um und fiel dann mit dem Ruf »Geld her 1« einen Arbeiter an.

Was anderen scheinbar zufiel, glaubte er sich erkaufen zu müssen. »Damit ich Geld hatte für Lebedamen«, plante er einen Überfall auf eine Frankfurter Bank, ließ jedoch davon ab, nachdem er bei der Beschaffung eines Fahrzeugs einen Taxifahrer niedergeschossen hatte -- das war »nicht einkalkuliert« (Köhler).

Einerseits voller Hemmungen und seit seiner Kindheit in gestörten Familienverhältnissen ohne Kontakte zu Mitmenschen, andererseits einfältig und außerstande, sich mit seinen Schwächen einzurichten, mündete Klaus Köhlers Zerwürfnis mit der Umwelt in die Katastrophe.

Am 20. November letzten Jahres beschloß der zeitweilige Berglehrling und Schlepper im Pütt, einstige Minicar-Fahrer und Wachmann der Wach- und Schließgesellschaft, sich »von dem Druck« zu befreien. Er erschoß den Dortmunder Obermedizinalrat Dr. Ernst Sturm mit vier Kugeln aus einem 45er Colt.

Der Mediziner hatte ihm zwei Jahre zuvor anläßlich einer Untersuchung auf seine geistige Zurechnungsfähigkeit einen »Wasserkopf« attestiert -- versehentlich, wie sich später herausstellte. Wie Sturm mußte an diesem Tag noch ein Mensch sterben.

Am Montag letzter Woche wurde Köhler vom Dortmunder Schwurgericht zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt -- wegen eines, so Gerichtsvorsitzender Dr. Bernhard Kampelmann, »in der deutschen Kriminalgeschichte ungewöhnlichen« Tatbestandes.

An jenem Novemberabend war Köhler nach zehn Bier und zehn Klaren in einem Lokal am Dortmunder Borsigplatz aufgebrochen, um sich -- wie Richter Kampelmann es deutete -- »die eigene Schuldlosigkeit an seinem verpfuschten Dasein zu beweisen«.

Versehen mit Papieren auf den Namen Franz Koslowski und einem mit den falschen Personalien erworbenen Colt, fuhr Köhler in einem gestohlenen Personenwagen zunächst vor der Wohnung seines geschiedenen und wiederverheirateten Vaters Emil, 54, vor. Er klingelte, und als der alte Köhler aus dem Fenster schaute, legte Sohn Klaus an und erschoß ihn.

Dann steuerte Köhler den Wagen zur Wohnung des damals schon pensionierten Obermedizinairates Sturm. Wieder klingelte er und es »kam ein Mann an die Tür«. Köhler: »Ich hab« ihn gefragt, ob er Sturm ist, da sagt der ja, und dann ·habe ich viermal geschossen.«

Töten wollte Köhler an diesem Abend auch das Ehepaar Kaysz, das ihn einmal nach einer nächtlichen Rangelei -- Köhler war wieder betrunken gewesen -- bei der Polizei angezeigt hatte. Aber aus der Holsteiner Straße, wo der Rächer die Eheleute zu finden hoffte, waren die Kaysz kurz vorher verzogen.

So fuhr Köhler nun in die Zweigstraße, wo der Gastwirt Philipp Kraml, 84, wohnte. Kraml sollte dafür büßen, daß er Köhler einmal aus seiner Kneipe geworfen hatte. Köhler erwischte Kraml im Treppenhaus, kam aber nur einmal zum Schuß, weil sein Colt Ladehemmung hatte. Der Wirt blieb mit einem Beinschuß liegen.

Von einem ebenfalls geplanten Attentat auf seine Mutter Else, 51, ließ Köhler ab« »weil sie immer gut zu mir gewesen war«. Er besuchte Mutter Else erst anderntags, um, wie üblich, bei ihr Mittag zu essen. Aber die Polizei wartete dort schon auf ihn.

Nach der Verhaftung versuchte Köhler, sich mit einer Rasierklinge die Halsschlagader zu öffnen. »Ich bin zu der Einsicht gekommen, daß ich alles nicht hätte machen sollen. Dann habe ich mit mir abgerechnet.«

Der Vatermord, der Mord an Gutachter Sturm, der Anschlag auf Gastwirt Kraml, der mißglückte Anschlag auf das Ehepaar Kaysz, der in letzter Minute wieder verworfene Muttermord: Köhler hatte für seine bereits seit Frühsommer 1987 geplante und vorbereitete Amokfahrt nur die eine Erklärung: »Dieses Wort« wie Köhler den »Wasserkopf"* umschrieb, den ihm Sturm 1965 attestiert hatte.

»Ich habe mich immer wieder daran gestoßen an dies eine Wort«, erläuterte Köhler seinen Richtern, und nach der Tat »war der Druck weg«.

Doch glauben mochten ihm die Richter das Tatmotiv ebensowenig wie die innere Befreiung durch die Tat: Schließlich wußte Köhler ebenfalls schon seit 1965, daß Obermedizinairat Sturms Wasserkopf-Attest ein Versehen gewesen war: Kurz nach der nur oberflächlichen Untersuchung Köhlers durch Sturm hatte eine Sturm-Kollegin diagnostiziert, Köhlers mächtiges Haupt sei keineswegs ein Wasserkopf« sondern es habe nur »die grobe Schädelform« wie man sie in Westfalen oft findet«.

Der Druck durch das Wort Wasserkopf könne nicht als eine Art Verfolgungswahn gedeutet werden, befand Gutachter Landesobermedizinairat Dr. Emunds über den Angeklagten Köhler, denn »er hat sich stets zweckmäßig und zielgerichtet verhalten, und seine Erinnerung an die Tat ist ungetrübt«. Und überhaupt: »Es gibt kein einziges Anzeichen für irgendeine Geisteskrankheit bei Köhler.«

Auch die beiden anderen Gutachter mochten die dumpfe Verzweiflung, die sich in dem Amokschützen angestaut hatte, nicht als Entlastung werten. Köhler habe »nie ein Lebensziel« gehabt, fand Gutachter Diplom-Psychologe Siegfried Binder und orakelte, nach den Korrekturen am Köhler-Kopf, die auch keinen Erfolg bei Frauen brachten, sei das Sturm-Wort Wasserkopf »schicksalhaft« gefallen: »Deshalb plante er als Flucht nach vorn eine kriminelle Karriere.«

»Ungeheurer Geltungsanspruch«, diagnostizierte Gutachter Diplom-Psychologe Dr. Hans Friedrichs, aber: »Viele Menschen leiden unter Minderwertigkeitskomplexen, Daraus ergibt sich kein schicksalhafter Zwang zum Verbrechen.«

»Jahrelang kultivierte er seine Empfindsamkeit, dann erschoß er andere«, begründete schließlich Vorsitzender Kampelmann das Urteil »lebenslänglich": »Bei allen Taten war er in seiner Entscheidung frei ...«

Köhler-Anwalt Gisbert Nathaus, der Revision einlegte, findet, Köhler gehöre statt als Krimineller ins Zuchthaus als Kranker in eine Heilanstalt.

Ein letztes Indiz für diese These lieferte Köhler unmittelbar vor der Urteilsverkündung: Er wolle das Urteil sofort annehmen, »damit endlich Schluß ist«. Dann werde er sich ein »neues Gesicht machen« lassen und in den Geheimdienst der Bundesrepublik eintreten.

* Wasserkopf (Hydrocephalus): eine vor allem im frohen Kindesalter auftretende und durch angeborene Defekte oder Gehirnentzündung bewirkte Stauung der Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit in den Hirnkammern. Der Stau deformiert die Hirnmasse und preßt sie gegen den Schädel, der so ballonartig aufgetrieben wird.

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