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Du bist ein Bastard

aus DER SPIEGEL 17/1949

Italiens Außenminister Graf Sforza schnürte in New York enttäuscht sein Bündel für die Heimreise nach Italien. Dem atlantischen Sonnenschein, der durch die Paktunterzeichnung in Washington auf Italien fiel, folgte kurz darauf in der Frage der ehemaligen italienischen Kolonien eine kalte Dusche durch die Angelsachsen.

England und die USA wollen dem italienischen Atlantikpakt-Partner von seinen drei ehemaligen Kolonien - Somaliland, Eritrea und Libyen - nur Somaliland wieder zukommen lassen und den Rest auf Abessinien und England verteilen bzw. unter britische Verwaltung stellen.

In der Kolonien-Debatte der UNO-Vollversammlung in Lake Success werden gleichfalls nur wenige Stimmen für Italien laut. Obwohl dort die Verteilungswünsche der arabischen und südamerikanischen Länder sowie der Ost-Staaten nicht mit denen der Angelsachsen konform gehen. Doch soviel steht fest: wenn die UNO zu einer Einigung in der Frage der italienischen Kolonien kommt, wird sie nicht zugunsten Italiens ausfallen.

Sicher ist zumindest, daß in Lake Success fast dreizehn Jahre nach dem Ende des italienisch-abessinischen Krieges endlich das Schluß-Siegel unter die erste totalitäre Aggression gesetzt wird. Abessinien soll um den lange ersehnten Zugang zum Roten Meer reicher und Italien um seine Kolonie Eritrea ärmer werden. Darin ist sich die Mehrzahl der UNO-Debattierer einig.

Der Negus meint, nach der Befriedigung seiner letzten territorialen Ansprüche sei auch der Weg für eine friedliche Entwicklung des italienisch-abessinischen Verhältnisses geebnet. Wie allen anderen Völkern stehe Abessinien auch den Italienern offen. Solange sie nicht wieder mit Flugzeugen und Giftgas kämen. Man hört viele Worte von Frieden und Verständigung aus dem Reich des Löwen von Judah.

Säuberung fiel aus. Das war keineswegs immer so. Als Hailé Selassié im Januar 1941 nach fünf Londoner Exiljahren wieder abessinisches Territorium betrat, da drohte ein alttestamentarisches Strafgericht allen, die mit dem italienischen Eindringling kollaboriert hatten.

»Jassoligal materàt« (Es muß gesäubert werden) forderte der Negus immer wieder von seinen Vertrauten. Als ihn die Engländer dann in die von Italienern bereits oberflächlich gesäuberte Hauptstadt Addis Abeba zurückbrachten, verkündete der »König der Könige": »Zu viele Verräter hat dieses Land gehabt. Zuviele haben beim ersten italienischen Schuß das Weite gesucht.«

Drückend legte sich die Angst vor der bevorstehenden Vergeltung über das Land. Ein Sondergericht und eine Säuberungskommission wurden eingesetzt. Jeder Tag brachte neue Namen von berühmten Stammesfürsten und einfachen Bürgern in das große schwarze Buch der Belasteten. Fast jeder schien mit kollaborationistischem Geist infiziert zu sein. Nach den Sitten des Landes aber war die Desinfizierung nur mit dem Galgenstrick möglich.

Doch nun begann eine endlose Prozession von Stammesfürsten, Staatsangestellten und Bauern zum Palast des Negus. Für sie alle wurde Hailé Selassié zum Beichtvater. Einer nach dem andern unterwarf sich ihm und erklärte mit bewegten Worten, wie er ein doppeltes Spiel getrieben habe, im festen Vertrauen auf die Rückkehr des »Königs den Könige« auf den Thron seiner Ahnen.

Täglich kehrten Dutzende von den kaiserlichen Audienzen zurück, strahlenden Gesichts, vom Alpdruck des Galgens befreit. Täglich wurden viele Namen in dem großen-schwarzen Buch gestrichen. Der »Löwe von Judah« brüllte nicht mehr.

Nur sechs oder sieben Berufsrebellen blieben übrig, die das Leben in der Wildnis der Unterwerfungszeremonie und dem Nachweis ihres Doppelspiels vorzogen. Aus dem undurchdringlichen Dickicht heraus machen sie jetzt noch dem Negus das Thronrecht streitig und führen mit ein paar tausend schlecht bewaffneten Gefolgsleuten einen immer wieder aufflackernden Kleinkrieg.

Hailé Selassié versteht keinen Spaß, wenn manchmal einer der Berufsrebellen geschnappt wird. Der Erbe des von ihm abgesetzten Kaisers Lidsch Jassu brüllte ihm ins Gesicht: »Du bist ein Bastard auf dem Thron Äthiopiens!« Wenige Stunden später hing er auf dem Rennplatz von Addis Abeba am Galgen.

Ex-Feinde kollaborieren. Bei seiner Rückkehr wollte der Negus nicht nur über die eigenen Landsleute, sondern vor allem über die Italiener zu Gericht sitzen. Er wollte sein Land genau so übernehmen, wie er es verlassen hatte. Das hatte er noch in London feierlich erklärt.

Doch in Addis Abeba stellte er dann rasch fest, daß er dazu Straßen und Brücken sprengen, Häuser, Kinos und Fabriken niederreißen müßte. Die neue Fassade seines Landes gefiel ihm jedoch gar nicht schlecht.

Die Frage war nur, wer die Straßen überwachen, wer die neuen Krankenhäuser leiten, wer die Maschinen ausbessern sollte. Noch während der englischen Besetzung waren sehr viele Italiener abtransportiert worden. Nun aber blieben alle unersetzlichen da. Das waren die meisten.

Heute leben allein in Addis Abeba etwa 2000 Italiener, vor allem Aerzte, Zahnärzte, Techniker, Spezialarbeiter, Kraftfahrer Autobusschaffner und Friseure. Im Sanitätswesen, in der Elektrizitäts- und in der Bauindustrie haben sie führende Stellungen. Die Ex-Feinde kollaborieren in schönster Harmonie mit den abessinischen Behörden. Auch die Bevölkerung zeigt keine Feindschaft mehr. Die Aera des faschistischen Liktorenbündels liegt schon weit zurück.

Dieser Abstand hat allerdings auch negative Aspekte. Was die Italiener in vier Jahren getan haben, ist in den acht Jahren der zweiten Regierung des Negus schon weitgehend zerfallen. Ueberall fehlt es an Geld, Material, Fachkräften und Disziplin. Straßen verfallen, Fabriken arbeiten nur mit halber Kraft, ein Krankenhaus mußte aus Mangel an Medikamenten geschlossen werden. Viele Italiener fühlen sich auf verlorenem Posten.

Maria Theresia blieb. Der Negus versucht, auf neuen Wegen der großen Schwierigkeiten Herr zu werden. Er hat sich mit Ratgebern aus allen Nationen umgeben. Mit Engländern für Heer und Justiz, mit Amerikanern für Außenpolitik und Bankwesen, mit Schweden für Luftfahrt und Sanitätswesen, mit Schweizern für die Hebung des Fremdenverkehrs.

Trotz der Nähe des Aequators hat Abessinien durch seine große Höhe ein ideales Klima. Der Negus will deshalb sein naturschönes und wildreiches Land den Touristen aus aller Welt zugänglich machen. An das afrikanische Luftverkehrsnetz ist es schon angeschlossen.

Auch ein richtiges Heer will sich der Negus schaffen. Durch Verschmelzung mit kaiserlicher Garde und Polizei besteht es heute aus vierzigtausend Mann. Die Uniformen sind mehr italienischer als englischer Herkunft. Der Negus selbst brachte sich aus London eine khakifarbene Generalsuniform mit, die er auch während seines umfangreichen Privatlebens stolz zu tragen pflegt.

Kummer machen ihm seine Staatsfinanzen. Was den Italienern nicht gelang, gelingt ihm erst recht nicht: den Maria-Theresien-Taler abzuschaffen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts brachten ihn österreichische Jesuiten nach Abessinien. Bis kurz vor dem letzten Krieg wurde er vom Originalprägstock in Wien geprägt. Alle Versuche, ihn einzuziehen oder wenigstens in eigener Regie herzustellen, scheiterten.

Man konnte es den wilden Bergstämmen der Schoa, Dschima und Godscham nicht klarmachen, daß es auch andere Zahlungsmittel gibt. Seit anderthalb Jahrhunderten sind sie an die großen Silbermünzen mit dem imponierenden Frauenkopf gewöhnt. Vorher kannten sie kein Geld. So ist sie in Abessinien geblieben, die »Maria Theresia, von Gottes Gnaden römische Kaiserin, Königin von Ungarn, Erzherzogin von Oesterreich, Gräfin von Tirol« mit der Jahreszahl 1780.

Kaiserschloß à la Hollywood. Für seine eigene Person hat der heute 58jährige Negus Ernst mit der Abkehr von der Vergangenheit gemacht. Sein Schloß ist eine Mischung aus Buckingham Palace und Hollywood. Nur die Hautfarbe der Bewohner und die Teppiche sind noch orientalisch. Hofzeremoniell und Dienerlivreen sind englisch, die Einrichtung ist amerikanisch-sachlich. Die riesigen mauvefarbenen Seidenfauteuils hat die Kaiserin einem Technicolor-Film aus Hollywood abgeguckt.

Die Kleider der Damen sind erste Pariser Modelle. Den Prinzessinnen haben es besonders die Pelze angetan. Selbst im Sommer legen die Kronprinzessin und die Herzogin von Harrar ihre Capes aus Hermelin und Silberfuchs nicht ab.

Nur selten gibt ihnen der Negus die Ehre seiner Gesellschaft. Meistens sitzt er mit vier oder fünf seiner zahlreichen Hunde in seinem Arbeitszimmer. Links ein weißes Telefon, rechts ein Bild Roosevelts mit freundlicher Widmung.

Er sitzt nicht auf einem elektrischen Stuhl, wie ein maliziöser amerikanischer Journalist einmal behauptete. Tatsache allerdings ist, daß der abessinische Justizminister während des Krieges im Rahmen des Leih-Pacht-Systems die Lieferung von drei elektrischen Stühlen forderte. Gepolstert und schön verchromt wie Friseurstühle sollten sie sein.

Washington lehnte den Auftrag als nicht kriegswichtig ab. Jahre später aber führten die Abessinier einen UNRRA-Beamten stolz einen heimgebastelten elektrischen Stuhl vor. Er war sogar schon mit Erfolg benutzt worden.

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