Zur Ausgabe
Artikel 42 / 119

»Du bist verhaftet«

aus DER SPIEGEL 31/1992

Nach den ersten Etappen der nationalsozialistischen Machteroberung konnten Hitler nur noch zwei Widersacher gefährlich werden: die Reichswehr und die SA unter ihrem Stabschef und Hitler-Duzfreund Ernst Röhm. Für seine Aufrüstungspläne und aggressive Lebensraum-Politik brauchte Hitler das Bündnis mit den Militärs, die wiederum in Röhms brauner Parteiarmee einen lästigen Rivalen sahen.

Immer drohender demonstrierte die 700 000 Mann starke SA-Schar ihren Machtanspruch als neues Massenheer, in dem der »graue Fels der Reichswehr« (Röhm) aufgehen sollte. Zudem drängten die SA-Führer, enttäuscht über den scheinbar gemäßigten Verlauf der »nationalen Erhebung«, auf eine »zweite Revolution«, um »reaktionäre« Nutznießer loszuwerden.

Im Frühjahr 1934 spitzte sich der Konflikt zwischen SA und Reichswehr zu, den Hitlers konservative Opponenten um Vizekanzler Franz von Papen noch zusätzlich schürten. Ihr Ziel: Der greise Reichspräsident Paul von Hindenburg, 86, sollte eine Militärdiktatur verhängen, Hitler - wieder einmal - gezähmt werden. Am 17. Juni 1934 warnte der Vizekanzler in einer Rede an der Marburger Universität, die Papen-Mitarbeiter Edgar Jung ausgearbeitet hatte, vor dem »Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus«.

Am frühen Morgen des 30. Juni 1934, zuvor waren SA-Putschgerüchte lanciert worden, drang Hitler mit vorgehaltener Pistole und Polizeieskorte in Röhms Hotelzimmer in Bad Wiessee ein; Hitler: »Röhm, du bist verhaftet.«

Wenig später zogen überall in Deutschland SS-Mordkommandos los, um, von der Reichswehr gedeckt und bewaffnet, die SA-Konkurrenz und konservative Regimegegner auszuschalten - »mit Blut«, wie Goebbels notierte. Die meisten der rund 100 Opfer wurden kurzerhand erschossen, darunter der frühere Reichskanzler General Kurt von Schleicher, dessen Frau und der Papen-Intimus Edgar Jung. Röhm selbst wurde 15 Minuten nach einem Selbstmord-Ultimatum vom Dachauer KZ-Kommandanten Theodor Eicke liquidiert.

Das Massaker desavouierte die Nazis keineswegs, verlieh Hitler vielmehr den Nimbus des Ordnungsstifters, der mit dem homosexuellen Röhm und seinen SA-Rowdies kurzen Prozeß gemacht habe. Als, nach Hindenburgs Tod am 2. August 1934, auch noch die Reichswehr auf den neuen Reichspräsidenten, Hitler, eingeschworen wurde, hatte der Diktator sein Ziel erreicht: die Alleinherrschaft.

Zur Ausgabe
Artikel 42 / 119
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.