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»Du bist von einem bösen Geist beherrscht«

SPIEGEL-Autor Heinz Höhne über die Rolle Hermann Görings im Dritten Reich *
Von Heinz Höhne
aus DER SPIEGEL 32/1987

Als der alte Disraeli, Englands großer Staatsmann, noch romantische Bestseller schrieb, legte er einer seiner Romanfiguren einen Ausspruch in den Mund, den er als einen Ratschlag an die Nachwelt verstanden wissen wollte. In »Contarini Fleming«, erschienen 1832, sagt einer: »Lest keine Geschichte, sondern nur Biographien, denn sie sind Leben ohne Theorie.«

Disraelis spätgeborener Landsmann David Irving, 49, Autor und Enfant terrible der modernen Geschichtsschreibung, scheint den Rat des Alten buchstäblich zu nehmen. Seit zwei Jahrzehnten fängt er die Geschichte der Hitler-Ära in Biographien ein, dabei eine immer provokanter als die andere, hat sich doch Irving in den Kopf gesetzt, die vermeintlichen Schludereien der Historikerzunft bloßzustellen und zu revidieren.

Heftig umstrittene, aber immer materialreiche Arbeiten kamen dabei heraus. Rommel, Hitler, Churchill: Stets zwang der Brite mit seinen Biographien die Kollegen vom Fach, eigene Positionen zu überprüfen und unhaltbar gewordene Thesen aus dem Verkehr zu ziehen.

Jetzt ist Hermann Göring dran, die Nr. 2 des Dritten Reiches, populär und korrupt wie kein anderer der hohen Nazifahrer, habgierig, putzsüchtig, rabiat, verschlagen und doch politisch so schillernd, daß Alliierte und deutsche Widerständler ihn noch im Zweiten Weltkrieg als Chef einer Übergangsregierung nach einem Sturz Hitlers akzeptieren wollten - idealer Stoff für den Herausforderer Irving. _(David Irving: »Göring«. Verlag Albrecht ) _(Knaus, München; 837 Seiten; 56 Mark. )

Der geht auch sogleich zum Angriff auf die »nachlässigen« Fachhistoriker über. »Bis in die jüngste Zeit«, behauptet Irving keck, »ist keine ernsthafte Bemühung unternommen worden, das Leben Hermann Görings dokumentarisch belegt darzustellen.« Aber selbst wer es teilweise versucht habe, dessen Arbeit werde nun »durch die Fülle des heute verfügbaren Materials in Frage gestellt« .

Er schüttet denn auch ganze Kubel neuen Quellenmaterials vor dem Leser aus, womit sich nur bestätigt, daß Irving immer noch einer der findigsten Rechercheure der Zeitgeschichtsforschung ist. Tagebücher, Diplomatenberichte, Krankendossiers, Liebesbriefe, Kontoauszüge - Irving scheint über seinen »Helden« alles zu wissen.

Aus dem Material setzt er ein facettenreiches Lebensbild Görings zusammen, der hier zwielichtiger und doppelbödiger erscheint als er von den Historikern lange Zeit beschrieben wurde: ein skrupelloser und schlauer Exekutor Hitlers, gleichwohl voller Furcht vor dessen uferloser Kriegspolitik, die eine Kluft zwischen den beiden Männern aufriß.

Schon bei der Sudetenkrise von 1938, so weiß Irving, gehörte Göring zu den NS-Funktionären, die dabei unauffällig halfen, durch ein Zusammenspiel mit den Diplomaten Englands und Italiens den Frieden noch einmal zu retten - auf Kosten der Tschechoslowakei.

Ahnungslos geriet er dabei in die Nähe konspirierender NS-Gegner in Militär und Diplomatie, die den schon damals zum Krieg entschlossenen Hitler auf dem Höhepunkt der Krise hatten stürzen wollen. Sie bedienten sich teilweise einer ähnlichen Taktik wie Göring: mit dem Druck des Auslands Hitler vom Krieg abzuschrecken.

Die Ähnlichkeit der Taktik, für die Irving freilich keinen Blick hat, war mehr als ein Zufall. Göring spielte unwissentlich in den Putschplänen der Verschwörer eine Rolle. Einer ihrer Anführer, der Abwehrchef Wilhelm Canaris,

konnte sich einen Staatsstreich ohne Mitwirkung des populären Göring nicht vorstellen, was allerdings nichts über den Hitler-Vize besagt, wohl aber einiges über die Hilflosigkeit dieses »Widerstandes ohne Volk« (so der Zeitgeschichtler Hans Mommsen).

Einige Widerständler gingen noch weiter. Der preußische Finanzminister Johannes Popitz, der Ex-Botschafter Ulrich von Hassell und der Oberbürgermeister a. D. Carl Goerdeler hegten sogar die Illusion, der Obernazi könne noch einmal »zum offenen Exponenten aller guten Kräfte in Deutschland« (Hassell) werden.

Nur wenn Popitz mit seinem Chef Göring über die Verbrechen des Regimes wie die Judenverfolgung sprach wurde der zurückhaltend. Alle Schuldigen am Judenpogrom ("Reichskristallnacht") des 9. November 1938 müßten bestraft werden, verlangte der Minister. Göring: »Mein lieber Popitz, wollen Sie den Führer bestrafen?«

Doch bei der nächsten Krise, der polnischen im Sommer 1939, wollte Göring seinen Führer wieder vom Krieg abbringen. Im Gegensatz zu Hitler war er fest davon überzeugt, daß ein deutscher Überfall auf Polen automatisch den Kriegseintritt Englands und Frankreichs, mithin den Weltkrieg auslösen werde, den Deutschland nicht bestehen könne.

Er nahm wieder Kontakt zu den Briten auf, er wollte nach London reisen den »Kriegshetzern auf beiden Seiten« (Göring) das Handwerk legen. Über Hitlers neurotisch antibritischen Außenminister philosophierte er: »Ist Ribbentrop nun ein Narr oder ein Dummkopf?«

Doch Hitler hintertrieb alle Ausgleichsversuche seines »Ersten Paladin«. Göring, aufgebracht: »Wir wollen doch das Vabanquespiel lassen!« Hitler: »Ich habe in meinem Leben immer va banque gespielt.«

Gleichwohl fanden Minister im britischen Kabinett Göring auch nach Kriegsausbruch noch so vertrauenswürdig, daß sie weiterhin über geheime Mittelsmänner zu ihm Kontakt hielten. Monatelang glaubte man dort an die »Alternative Göring«, die Verständigung mit einem Deutschland ohne Rassismus und Gestapoterror, mehr wilhelminisch und imperialistisch-pragmatisch als nazistisch.

Und Göring nährte noch so aberwitzige Vorstellungen durch immer neue Vorschläge an die Regierung in London. Er bot an, an Stelle Hitlers die Regierung zu übernehmen, die Judenverfolgung einzustellen und Deutschland abzurüsten.

Bis zum Frankreichfeldzug, so weiß der britische Historiker David Reynolds, rechnete London mit einer verhandlungsfähigen »neuen deutschen Regierung unter eventueller Beteiligung Görings, zu dem die britische Regierung im Winter 1939/40 einen Verbindungskanal offenzuhalten versuchte«. Auch Göring zeigte sich weiterhin interessiert, allerdings bald so halbherzig und furchtsam, daß seine Freunde im Widerstand allmählich ihre Illusion über die »Kerenski-Lösung« (Hans von Dohnanyi) verloren.

Eitelkeit, zunehmender Realitätsverlust, bewußte Irreführung des Kriegsgegners oder echte Kriegsfurcht: was immer Göring dazu bewog, den Kontakt zu den Briten beizubehalten - London profitierte von dem unsichtbaren Draht nach Berlin, wie Irving mit einem sensationellen Aktenfund belegt.

Als Hitler 1940/41 auch noch den Krieg gegen Rußland betrieb, von dem Göring entschieden abriet, muß dessen Ärger über Hitlers Selbstmordpolitik kaum noch Grenzen gehabt haben. Göring tat, was er jedem anderen als todeswürdigen Landesverrat angelastet hätte: Er enthüllte die Kriegsvorbereitungen gegen Rußland - zwei Wochen vor der deutschen Invasion.

Irving kann den Vorgang genau rekonstruieren: Am 9. Juni 1941 hatte der Schwede Birger Dahlerus, Görings wichtigster Verbindungsmann zu den Briten, bei einem Besuch in Berlin von seinem Auftraggeber den ungefähren Termin des Rußlandangriffs ("um den 15. Juni") erfahren und ihn sofort den britischen und amerikanischen Gesandten in Stockholm durchtelephoniert, die dann eiligst den Hinweis nach London und Washington weitergaben.

Göring muß das einkalkuliert haben, denn er wußte, daß Dahlerus (und das war die Grundlage des Vertrauens, das er in London genoß) alles den Briten meldete, was er von Göring erfuhr. Und der wiederum vertraute ihm meistens

Informationen an, die auch London haben sollte.

Dann wurde Göring noch konkreter, bei einer zweiten Zusammenkunft mit Dahlerus am 15. Juni. Göring, so notierte in London der US-Diplomat Anthony Biddle fünf Tage später, habe dem Schweden »gesagt, er könne damit rechnen daß Deutschland am Sonntag, dem 22. Juni, Rußland angreift«.

Die Affäre offenbarte die ohnmächtige Wut, mit der Göring ("Hitler ist verrückt geworden") die katastrophale Politik seines Führers verfolgte. Mehr wagte er jedoch nicht. Er hatte nie den Mut gehabt, sich offen gegen Hitler zu stellen. Das war allzeit ein zentrales Problem für ihn, wie Irving in Zeugnissen bestätigt fand: sein Mangel an Zivilcourage, die völlige Abhängigkeit von Hitler.

Jedesmal wenn er vor dem Führer stehe, gestand Göring einem Konfidenten, rutsche ihm »das Herz in die Hosen«. Er wich allen Auseinandersetzungen mit Hitler aus. Wichtige Konferenzen, in denen Kontroverses auf der Tagesordnung stand, mied Göring gern und schickte einen Vertreter; in Krisenzeiten war er nicht selten auf Auslandsreisen.

Er hatte, so notierte sein Staatssekretär Erhard Milch, einen »weichen Kern, den er durch Bramarbasieren zu verstecken suchte«. Sein Körper, so Irving, »war zerrüttet durch die Opiate, die er zur Betäubung seiner Schmerzen brauchte« - Folgen der schweren Verwundung, die sich Göring als SA-»Kommandeur« bei dem Münchner Naziputsch im November 1923 zugezogen hatte.

Niemand kannte Görings Willensschwäche und Konfliktscheu so gründlich wie seine erste Frau, die Schwedin Carin von Kantzow, die jahrelang mit ihm durch Arztpraxen und Nervenkliniken gezogen war, um ihn von der Morphiumspritze wieder loszubekommen.

»Morphinist zu sein«, warnte sie ihn, »heißt soviel wie Selbstmord verüben - jeden Tag geht ein kleiner Teil Deines Körpers und Deiner Seele verloren.« Keine Vokabel war ihr zu derb, um den dahindämmernden Hermann wieder aufzurütteln. Verzweifelt schrieb sie: »Du bist von einem bösen Geist und von einer bösen Macht beherrscht, und der Körper siecht allmählich dahin. Rette Dich selbst und damit auch mich!«

Doch kaum einer der schwedischen Ärzte, die ihn 1925 behandelten, traute ihm die Energie zu, der Drogensucht wieder Herr zu werden. »Brutaler Hysteriker mit sehr schwachem Charakter«, stand in einem Krankenbericht. Ein anderer Arzt: »Sentimentale Person, der es grundsätzlich an moralischem Mut mangelt.«

Selbst die Tapferkeit des Kampffliegers Göring, im Ersten Weltkrieg immerhin Kommandeur des legendären Jagdgeschwaders »Richthofen« und mit dem Pour le merite, Deutschlands höchstem Orden, ausgezeichnet, war umstritten. Kameraden hatten ihn im Verdacht, bei der Angabe von »Abschüssen« zu mogeln - später Grund für den Traditionsverband des Geschwaders, ihm wegen »erwiesener Feigheit« die Aufnahme zu verweigern.

Mangelnder Mut erklärt jedoch noch nicht hinlänglich Görings Fügsamkeit gegenüber Hitler. Denn: In der Optik Hitlers war er alles andere als ein Schwächling.

Im Gegenteil: Der Mann der ihm 1923 engster Weggenosse beim Entschluß zum Münchner Putsch gewesen war, der ihn 1934 zur blutigen Liquidierung Ernst Röhms und dessen SA-Clique, dem ersten Massenmord des Naziregimes gedrängt und 1938 in der Krise des Österreich-»Anschlusses« als der »Chef« die Nerven verlor, die Führung übernommen hatte, galt Hitler lange Zeit als »der Eiserne«, der unentbehrliche und unfehlbare Krisenmanager.

»Der Reichsmarschall«, schwärmte Hitler noch auf einer Lagebesprechung im Führerhauptquartier am 25. Juli 1943, »ist durch viele Krisen mit mir gegangen. In Krisenzeiten ist er eiskalt. In so einer Zeit kann man keinen besseren Ratgeber haben als den Reichsmarschall.«

Der Schlüssel zu Görings Hitler-Ergebenheit lag woanders, in seiner Eitelkeit und Machtgier. Er wolle, erkannte der US-Journalist Karl von Wiegand, ein guter Kenner der Berliner NS-Szene, um jeden Preis Hitlers Nachfolger werden, und »deshalb ist Göring so unterwürfig. Er weiß, daß Hitler die Macht hat, ihn mit einem einfachen Federstrich zu vernichten«.

Auf ebendiese Hitler-Nachfolge war seine ganze Aktivität ausgerichtet. Sich

nach Hitlers Ableben die Alleinherrschaft in Deutschland zu sichern schien Göring ein erstrebenswertes Ziel, seit ihn der Führer im Dezember 1934 in einem Geheimerlaß, von dem es nur drei Exemplare gab, zu seinem Nachfolger bestimmt hatte.

Kaum eine Station auf dem verhängnisvollen Weg des Dritten Reiches in Krieg und Verbrechen, an der Göring nicht führend mitwirkte: Er brach im Blutrausch des 30. Juni 1934 die Macht der SA, er orientierte die deutsche Wirtschaft endgültig auf Krieg und Autarkie um, er plünderte im Zweiten Weltkrieg Europas Kunststätten und Wirtschaftsressourcen wie kein anderer Hitler-Satrap.

Er inszenierte das Intrigenstück mit, dem 1938 die Spitzenmilitärs Blomberg und Fritsch zum Opfer fielen. Er vertrieb die Juden aus der Wirtschaft, dem einzigen Reservat, das ihnen 1933 noch geblieben war, und unterschrieb den mörderischen Befehl, der 1942 Reinhard Heydrich, seinen Komplizen aus der Röhm-Affäre, mit der »Gesamtlösung der Judenfrage« beauftragte.

Wo immer Entscheidungen fielen und Macht verteilt wurde - Hermann Göring war dabei und langte dreist zu.

Er sammelte Posten und Privilegien wie andere Briefmarken oder Krawatten. Was war dieser Göring nicht alles: Hitlers präsumtiver Nachfolger, Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Reichsluftfahrtminister, preußischer Ministerpräsident, Reichsforst- und Reichsjägermeister, Präsident des Reichstages, Beauftragter des Vierjahresplanes. »Er ist wer«, anerkannte Frankreichs Botschafter Francois-Poncet.

Die Bonhomie, die Göring dabei zur Schau trug, war jedoch ebenso trügerisch wie das lederne Notizbuch, in dem er angeblich schmunzelnd alle über ihn umlaufenden Witze festhielt. In Wirklichkeit fand er Witze auf seine Kosten so gar nicht komisch; es gehörte »schon Tollkühnheit dazu, sich über ihn lustig zu machen«, registriert Irving.

Als 1936 zwei übermütige Leutnants vom Panzerschiff »Deutschland« dem seekrank gewordenen, über Bord speienden Besucher Göring den Titel »Reichsfischfüttermeister« verleihen und das traditionelle Netzhemd überreichen wollten, nahm der hohe Herr übel. Erbost verlangte er, die beiden Witzbolde in eine Arrestzelle zu sperren.

Das brave Volk aber ließ sich nicht ausreden, daß der »dicke Hermann« doch ein ganz passabler Nazi sei. Für die meisten Deutschen, schrieb der US-Korrespondent Louis P. Lochner 1935 an seine Tochter, sei »Göring ein Typ, dem man nicht böse sein kann. Seine Eitelkeit ist so unverhohlen und seine Prachtliebe so naiv, daß man einfach lachen muß und ja und amen dazu sagt«.

Nicht ohne gutmütigen Spott ließ man Göring gewähren, von Mal zu Mal mächtiger und einflußreicher werden, korrupter und feister. »Links Lametta, rechts Lametta, und der Bauch wird immer fetta«, sang die Kabarettistin Claire Waldorff in unverkennbarer Anspielung auf Görings Prunksucht.

Seine Gier nach immer neuen Uniformen, Juwelen, Grundstücken und Waffen schien grenzenlos, bald hatte er »soviel Geld, daß es geradezu unanständig war«, wie selbst der wohlwollende Irving findet .

Ungeniert ließ sich Göring von der Industrie und anderen Gönnern beschenken und bezahlen. Schon vor 1933 hatte Fritz Thyssen, der auch Hitler freilich nur über Mittelsmänner wie Rudolf Heß, Gelder zukommen ließ, Görings Lebensunterhalt plus Wohnungskosten bestritten. Später erhielt Göring von Reemtsma alle drei Monate einen Verrechnungsscheck über 250000 Mark, innerhalb eines Jahres flossen ihm 1,8 Millionen Mark aus der Großindustrie zu.

Göring lebte wie ein Renaissancefürst unter den meist kleinbürgerlichen Naziführern. Er baute sich für 15 Millionen Mark den überladenen Sitz »Carinhall« in der Schorfheide nördlich Berlins, am Leipziger Platz in Berlin wiederum unterhielt er eine protzige Dienstresidenz mit Trinkstuben, Jagdhallen und einem Zwinger für seine Löwenbabys.

Als er 1935 vor 30000 angetretenen Soldaten die Schauspielerin Emmy Sonnemann (statt der aus dem Rennen geschiedenen Kollegin-Rivalin Käthe Dorsch) zum Traualtar führte, hatte der Zuschauer Lochner »das Gefühl, als ob ein Kaiser heiratet«. Emmy war fortan als »Hohe Frau« anzureden, und schon lief das Gerücht um, Göring wolle auch noch »Herzog werden, damit er dann noch größere Orden tragen kann«, wie Englands Botschafter spöttelte.

Anderen Diplomaten schien er schon gewichtig genug. »Er hat«, notierte US-Botschafter William C. Bullitt, »die üblichen Proportionen eines deutschen Tenors. Sein Hinterteil hat einen Durchmesser von mindestens einem Yard. Da er sich in eine hautenge Uniform gezwängt hat, ist die Wirkung einmalig.«

Je mehr freilich David Irving mit Anekdoten und Schmonzetten dieser Art aufwartet, desto deutlicher werden die Grenzen seiner Darstellungskunst. Er _(Mit Thomas von Kantzow, dem Sohn aus ) _(ihrer ersten Ehe. )

weiß gewiß sein Publikum zu unterhalten, doch an den politischen Kernproblemen der Göring-Biographie huscht er mit einer wunderlichen Hast und Fahrigkeit vorbei.

Bei solcher Eile ist es nicht verwunderlich, daß Irving immer wieder simpelste Detailfehler unterlaufen, ganz zu schweigen von krassen Fehlurteilen wie denen über die Wannseekonferenz, die auf eine bestürzende Bagatellisierung des Nazi-Holocaust hinauslaufen.

Abenteuerlich auch, wie er mit Zitaten umspringt. Da wird der berühmte Göring-Dimitrow-Disput im Reichstagsbrandprozeß ruppig zurechtgebogen und umformuliert, bis er dem Autor paßt, da werden Hitlers Aussprüche wie die im Münchner Bürgerbräu-Drama am 8. November 1923 oder vor den Generalen am 3. Februar 1933 in einer so willkürlichen Fassung dargeboten, daß sie kaum noch Ähnlichkeit mit den Originaltexten haben.

Noch gravierender aber ist, daß der hurtige Göring-Biograph oft die besten Pointen seiner Story verpaßt. Erstaunlich, was Irving alles ausläßt: Görings Tätigkeit als preußischer Ministerpräsident, seinen Kampf gegen den antikapitalistischen NS-Flügel, seine Grenzgängerrolle zwischen NSDAP und konservativen Eliten, die Politik des kommissarischen Reichswirtschaftsministers Göring.

Hier erweist sich schon, wie wenig die Froschperspektive des Nur-Biographischen die Rolle Görings präzise erfassen kann. Es reicht eben nicht, im Sinne Disraelis Leben ohne Theorie, will sagen: Akteure der Geschichte ohne ihr politisch-soziales Umfeld und ohne den Bedingungsrahmen ihres Handelns zu beschreiben.

Irving fällt damit weit hinter die moderne Göring-Forschung zurück, die längst in dem Hitler-Satrapen eine zentrale Figur erkannt hat, mit der sich die Mechanismen und Strukturen der nationalsozialistischen Herrschaft besser als mit den herkömmlichen Methoden entschlüsseln lassen. Bitter für den Revisionisten Irving: Die Geschichtswissenschaft ist heute weiter, als es seine munteren Werbesprüche wahrhaben wollen.

Schon vor einigen Jahren haben bundesdeutsche Zeitgeschichtler wie Alfred Kube und Stefan Martens eine Neubewertung Görings in Gang gesetzt, die mit dem alten Klischee der Historiker vom willenlosen Hitler-Exekutor brach.

»Bis Ende 1938«, so fand der Forscher Kube, »ging Göring in mancher Hinsicht andere Wege als sein ,Führer''.« Kollege Martens assistiert: »Im Unterschied zu reinen Erfüllungsgehilfen vom Schlage eines Himmler oder Heydrich hatte er Anspruch auf besondere Aufgaben und auf eine eigene Meinung.« _(Alfred Kube: »Pour le merite und ) _(Hakenkreuz«. R. Oldenbourg Verlag, ) _(München; 390 Seiten; 48 Mark. - Stefan ) _(Martens: »Herrmann Göring«. Verlag ) _(Ferdinand Schöningh, Paderborn; 408 ) _(Seiten; 48 Mark. )

In Görings Karriere entdeckten die beiden Forscher die Einflüsse politischer und sozio-ökonomischer Kräfte, die keineswegs mit der NSDAP identisch waren. Sie hatten im NS-Staat ihr eigenes Gewicht und ihre Freiräume - wie Göring, der bis Kriegsausbruch eine nationalkonservative, wirtschaftsimperialistische Alternative zu Hitlers rassistischkriegerischem Konzept bot.

Der Pluralismus des Herrschaftsapparats ließ das durchaus zu. Neben Partei und Wehrmacht hatte sich 1933 eine dritte Machtgruppe etabliert, in der sich alles sammelte, was sich dem totalitären Zugriff der NSDAP-Apparatschiks entziehen mochte: der alte Beamtenapparat, Teile der Großindustrie, konservatives Bürgertum, Nazis aus dem rechten Spektrum der Partei.

Sie fanden in Göring ihren Schutzherrn und Wortführer. Er war nicht zufällig der Mann unter den hohen Naziführern, der den konservativ-autoritären Strömungen besonders nahe stand und nach dem 30. Januar 1933 die ganze Nazipartei im Grunde für überflüssig hielt.

Göring war immer ein Außenseiter in der Partei gewesen. Der »ideologische Kram« des Nationalsozialismus bedeutete ihm wenig, in der NSDAP hatte er nie eine Rolle spielen wollen. Typisch, daß der sonst so ämtersüchtige Göring kein Parteiamt hatte (außer einem Ehrenposten in der SA).

Lange Zeit war sogar umstritten gewesen, ob er überhaupt Mitglied der NSDAP sei; man hatte den Parteigenossen von 1922 später wegen mangelnden Interesses an der »Bewegung« aus den Mitgliederlisten gestrichen. Nach 1933 erzwang Göring seine Wiederaufnahme, der Parteieintritt wurde auf das Jahr 1928 zurückdatiert - zum Ärger der Altnazis, die diesen »Champignonpilz auf dem Nährboden der Partei« (so der Wirtschaftstheoretiker Otto Wagener) nicht ausstehen konnten.

Sie spürten instinktiv, daß der Parteigenosse Göring anderen Fixsternen folgte als die Masse des NS-Volkes. Nicht das Ziel einer totalen Nazifizierung der Gesellschaft trieb ihn an, sondern ein herkömmlicher Nationalismus, wilhelminisch, großkapitalistisch und expansionistisch,

orientiert auf traditionelle Großmachtpolitik.

Im Mittelpunkt von Görings Überzeugungen stand der »totale Staat« altpreußischer Tradition, so übermächtig und diktatorisch, daß er alle Widersprüche zwischen Staat und Gesellschaft aufhebe und jede politische Partei überflüssig mache - auch dies im deutlichen Gegensatz zu den NS-Ideologen, die die Allmacht ihrer Bewegung ("Die Partei befiehlt dem Staat") propagierten.

Wen will es da noch wundern, daß ein solcher Göring alsbald zum Hoffnungsträger aller konservativ-reaktionären Kräfte wurde, die zwar den autoritären »Führerstaat«, nicht aber die schrankenlose Herrschaft der NSDAP wollten? Diesem Ministerpräsidenten Preußens mochten sich »gemäßigte« Nazis von der Art des künftigen Reichswirtschaftsministers Kurt Schmitt ebenso anvertrauen wie der Antinazi Johannes Popitz.

Um Göring formierte sich ein Machtkartell, das vom preußischen Staatsapparat bis in die Führungsstäbe der Luftwaffe und in westdeutsche Unternehmer-Etagen reichte - gesteuert vom Stabsamt im Preußischen Staatsministerium, Hochburg deutschnationaler Bürokraten und militärischer Göring-Kumpane, in der Vertreter der NSDAP zu den Seltenheiten gehörten.

Niemand verstand so gut wie Hitler daß damit seinem Regime eine dritte Herrschaftssäule entstanden war. Er schrieb das Drei-Säulen-System des Dritten Reiches sogar in den Nachfolge-Erlassen von 1934 fest, als er bestimmte, Göring (Staatsapparat), Heß (Partei) und Blomberg (Wehrmacht) sollten nach seinem Tod das Reich gemeinsam regieren.

Anfangs hatte Hitler allerdings Bedenken gehabt, Göring soviel Macht einzuräumen. Doch als er dem Mann, der durch seine brutale Manipulation des preußischen Polizeiapparats die entscheidende Voraussetzung für die NS-Machtergreifung im Frühjahr 1933 geliefert hatte, den schon versprochenen Ministerpräsidententenposten verweigern wollte, trickste ihn dieser mit einem parlamentarischen Coup aus.

Anfang April stiftete Göring den preußischen Landtagspräsidenten Hans Kerrl (vermutlich mit dem Versprechen, bei ihm Minister werden zu können) dazu an, ohne Wissen Hitlers den Landtag zu einer Sondersitzung einzuberufen. Einziger Punkt der Tagesordnung: Wahl des Ministerpräsidenten. Hitler war völlig überrascht. Verärgert ließ er die Sitzung absagen, doch an Göring kam er nicht mehr vorbei.

Der Chronist Irving aber nimmt solche Zusammenhänge und Hintergründe kaum wahr. Die Ernennung Görings zum Preußenpremier ist ihm nur eine bedeutungslose Formalie, Görings Parteiferne nichts als ein biographischer Zufall. Für die Strukturfragen und Entscheidungsmechanismen des Regimes hat Irving keinen Sinn.

So entgeht ihm auch die ganze Zwielichtigkeit des Umgangs seines »Helden« mit Hitler. Er verpaßt damit einen wesentlichen Aspekt, denn wie kaum ein anderer wußte sich Göring die Führungsschwäche Hitlers zunutze zu machen, der beileibe nicht alles in seinem Reich überblickte und im Griff hatte.

Göring scheute sich auch nicht, Hitler gelegentlich dreist zu überspielen, wenn er sich in sicherer Position wußte - wie im Falle der beiden neuen Kommunalgesetze, die Finanzminister Popitz Ende 1933 im Auftrag Görings ausgearbeitet hatte, um die NSDAP aus ihrer im Gleichschaltungsterror gewonnenen Monopolstellung in den Gemeinden zu verdrängen .

Zweimal verbot Hitler die Verabschiedung der beiden Gesetze, doch Göring unterlief den Führerbefehl und ließ sie am 15. Dezember 1933 vom preußischen Ministerrat verkünden. Den aufgebrachten Hitler aber besänftigte Göring dann mit faulen Hinweisen auf bedauerliche Mißverständnisse zwischen der Reichskanzlei und seinem Stabsamt - ohne die Gesetze wieder zurückzunehmen.

Dieses Stabsamt aber wurde mißtrauischen Nazifunktionären allmählich zu einem Alpdruck. Sie sahen es schon in der Rolle einer Reserve-Reichskanzlei, schaltete sich doch Görings Kanzlei zusehends in die Geschäfte des Reichskanzlers Hitler ein. Der ließ, nicht immer entschlußfreudig, Göring »scheinbar frei entscheiden«, solange sich dessen Politik »nicht mit den langfristigen Zielen Hitlers überschnitt« (so Martens).

Ein paar Jahre lang lief das nahezu reibungslos. Der »Führer« stützte sich zusehends auf seinen Stellvertreter, dem bei der häufigen Abwesenheit Hitlers _(Nach der Beisetzung der ersten Frau ) _(Görings Carin in der Schorfheide 1934. )

von Berlin die eigentliche Führung des Reiches zufiel.

Das machte Hermann Göring zu dem Repräsentanten des Staatsapparates, als der er schon in Hitlers Nachfolge-Erlassen figurierte - ein »Ersatz-Reichskanzler, der zentrale staatliche Führungsaufgaben übernahm, die von Hitler nicht wahrgenommen wurden«, wie Kube formuliert.

Das verlockte den Statthalter, nun auch in der Außenpolitik eine eigene Handschrift zu zeigen. Jetzt war für ihn die Stunde da, all die wirtschaftsimperialistischen Pläne zu verwirklichen, die, im Stabsamt entwickelt, nichts Geringeres bezweckten, als Deutschland die indirekte Herrschaft über den Südosten Europas zu ermöglichen.

Es war das »Grand design«, mit dem sich Göring als Autor einer eigenständigen Außenpolitik profilieren wollte: der deutschen Großindustrie und Landwirtschaft auf dem Balkan Rohstoffquellen und Absatzmärkte zu sichern und damit zugleich dem Reich eine erweiterte Machtbasis für den Kampf um die Beherrschung Europas.

Doch Görings Ehrgeiz geriet bald mit dem fanatischsten Teil von Hitlers Politik und Ideologie in Kollision. Der Diktator war starrer denn je auf sein rassistisches Raumprogramm ausgerichtet, auf die Eroberung von »Lebensraum« im sowjetischen Osten mittels Krieg und Vernichtung. Wer sich dem entgegenstellte, bekam seinen Zorn zu spüren - auch Göring

Anfangs waren es scheinbar nur marginale Fragen, die Hitler gegen Göring aufbrachten. Es ärgerte ihn, daß trotz seines Widerstandes Göring 1936 einen neuen Handelsvertrag mit der verketzerten Sowjet-Union durchsetzte, und auch die antiitalienischen Untertöne in der Balkanpolitik des nur begrenzt italienfreundlichen Göring verdrossen ihn, mußten sie doch den Achsenpartner in Rom provozieren, der eigene Balkanpläne hatte.

Selbst in der Österreichpolitik harmonierten sie nicht mehr recht: Hitler wollte den »Anschluß« aus Rücksicht auf das annexionsfeindliche Italien verschieben, wie die Abberufung der fünf radikalsten Naziführer Österreichs und seine Berufung auf den »evolutionären Weg« im Februar 1938 zeigte, Göring dagegen den Anschluß rasch erzwingen, um das Nachbarland in die Hand zu bekommen - als Basis für den Absprung auf den Balkan.

Der regimeinterne Streit um den Vierjahresplan, die Mobilisierung der Wirtschaft für den Krieg, überdeckte noch einmal die Gegensätze zwischen Führer und Statthalter. Hitlers berüchtigte Denkschrift vom August 1936 ("Die deutsche Wirtschaft muß in vier Jahren kriegsfähig sein") war das letzte Gemeinschaftswerk der beiden Partner.

Dann aber zerbrach die Allianz Hitler-Göring vollends. Was hatte sie auseinandergebracht? Göring hat die Gründe nie verstanden, sie blieben ihm rätselhaft bis zu seinem Selbstmord in der Nürnberger Kriegsverbrecherzelle am 15. Oktober 1946.

Es war Hitlers Kurswechsel gegenüber England, der sie auseinandertrieb. England - das war der Schlüssel zu jeder deutschen Großmachtpolitik. Hitler und Göring schienen sich darüber immer einig: ohne Bündnis mit England kein Zurück in die deutsche »Weltgeltung«, ohne Rückensicherung im Westen keine Landgewinnung im Osten und Südosten.

Spätestens im Herbst 1937 aber hatte Hitler erkannt, daß sich England niemals mit dem Dritten Reich verbünden werde. Radikal warf er das Steuer herum, jetzt wollte er ohne England, ja gegen England den Marsch nach dem Osten antreten, notfalls sogar erst den Westen »ausschalten«. Göring aber hielt an dem ursprünglichen Englandkonzept fest voller Illusionen über Hitlers Verhandlungsbereitschaft und britischen Wankelmut.

Je hartnäckiger aber Göring auf England baute, desto kühler wurde das Verhältnis zu Hitler. Mochte sich auch Göring einreden, an der Entfremdung seien nur die Intrigen des Britenhassers Ribbentrop schuld - Hitler verdrängte den Satrapen zusehends aus seiner engsten Umgebung.

Als Göring in der Blomberg-Fritsch-Affäre des Januar 1938 nach dem höchsten militärischen Amt Deutschlands greifen wollte, machte Hitler alle Hoffnungen des Vize auf den Kriegsministerposten zunichte. Hitler: »Kommt gar nicht in Frage. Der Göring versteht ja nicht einmal eine Besichtigung bei der Luftwaffe. Da verstehe ich ja mehr davon.«

Selbst der kurzfristige Triumph des Anschluß-Managements im März konnte Göring nicht darüber hinwegtäuschen, daß ihn Hitler immer mehr mied. In der Sudetenkrise standen sie sich bereits frontal gegenüber, sosehr der furchtsame Göring auch jeder direkten Auseinandersetzung mit seinem Führer auswich.

Beim nächsten Coup Hitlers, dem fatalen Marsch nach Prag im März 1939, war er von Hitler schon völlig ausgeschaltet. Hitler hatte Göring vorher zu einem Urlaub in San Remo ermuntert - mit der fast drohenden Ermahnung, nicht so schnell zurückzukehren. Göring resignierte: »Wenn ich weg bin, können die Leute soviel Mist machen, wie sie wollen, mir ist das egal.«

Von Stund an schied Göring aus dem Kreis der mitentscheidenden Akteure aus, von Jahr zu Jahr mehr auf das Niveau von Hitlers Handlangern herabsinkend. Schon bei Kriegsbeginn war er politisch entmachtet, das Versagen seiner militärischen und wirtschaftlichen Organisationen im Krieg drängte ihn vollends in den Hintergrund.

Am Ende blieben ihm nur der Zynismus und die Rechthaberei eines Hauptschuldigen auf der Nürnberger Anklagebank, wo Hermann Göring schattenhaft noch einmal vorspielte, was er einmal gewesen war. Das eigentliche Schlußwort hatte er schon vor seinem Griff zur Giftkapsel gesprochen. Göring: »Wenigstens zwölf Jahre anständig gelebt.«

David Irving: »Göring«. Verlag Albrecht Knaus, München; 837 Seiten;56 Mark.Mit Thomas von Kantzow, dem Sohn aus ihrer ersten Ehe.Alfred Kube: »Pour le merite und Hakenkreuz«. R. Oldenbourg Verlag,München; 390 Seiten; 48 Mark. - Stefan Martens: »Herrmann Göring«.Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn; 408 Seiten; 48 Mark.Nach der Beisetzung der ersten Frau Görings Carin in der Schorfheide1934.

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