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»Du bist wie Gift«

Der aus der DDR vertriebene Friedensaktivist Roland Jahn über die »Jenaer Szene« (II) Die Schilderung des Friedensaktivisten Roland Jahn über seinen Rausschmiß aus der DDR im letzten SPIEGEL zeigte Wirkung: Am Dienstag vergangener Woche veröffentlichte das Ost-Berliner Außenministerium ein Schreiben Jahns, in dem er - damals in Gera noch in Haft - um die Entlassung aus der DDR-Staatsbürgerschaft bat. Im zweiten Teil seines Tonbandprotokolls schildert der Transportarbeiter, wie er zu dem Antrag genötigt wurde und wie der Druck von oben zur Gründung der Jenaer Friedensgemeinschaft führte. *
aus DER SPIEGEL 26/1983

Am 1. September 1982 haben sie mich morgens auf dem Weg zur Arbeit festgenommen, weil ich mit meiner Polen-Flagge am Fahrrad durch Jena geradelt war. Bei der Stasi in Gera, wo sie mich hinbrachten, begrüßte man mich hämisch: »Tja, diesmal hat''s geklappt.«

Mir war klar, daß sie mich nicht nur wegen der Fahne hopsgenommen hatten. Angebliche »Mißachtung staatlicher Symbole«, das konnte für eine Verurteilung nicht ausreichen. Dachte ich damals noch. Trotzdem dauerte die Untersuchungshaft in Gera volle fünf Monate. Ich war denen lästig geworden und mußte von der Bildfläche verschwinden.

Es ging ihnen darum, all jenen, die sich in Jena auflehnten, zu zeigen, wer die Macht hat. Der wirkliche Adressat der Drohung war die Friedensbewegung.

Viele hatten sie schon durch Diskriminierung und Einschüchterung in den Westen vertrieben. Wenn das nicht reichte, sperrte man sie ein und drängte sie, einen Ausreiseantrag zu unterschreiben.

So einfach wollte ich es den Herren nicht machen und verweigerte von Anfang an die Aussage zur Sache. Immer wieder löcherten sie mich während der U-Haft, so daß ich ihnen schließlich vorschlug: »Schafft euch doch einen Stempel ''Aussage verweigert'' an.«

Mit der Zeit wurden die Vernehmungen subtiler. Nebenbei ließen sie einfließen, ich würde meine dreijährige Tochter Lina erst zur Schuleinführung wiedersehen, wenn das so weiterginge. Oder sie zogen meinen Freund Frank Rub rein. Auf den hatten sie es schon lange abgesehen; er lief aber immer noch frei rum. »Was denken Sie, was dessen Frau sagt, wenn wir ihn holen? Die hat nicht nur ein Kind, wie Sie, die hat drei. Dem hacken wir die Beine spitz. Und Sie sind schuld dran. Wollen Sie das?« So ging das die ganze Zeit, so was kann schon mürbe machen.

In solchen Situationen kommen dann die Zweifel. Vielleicht solltest du doch reden. Vielleicht holen sie die anderen ja wirklich. Du überlegst, ob du mit deinem Verhalten tatsächlich Freunde reinziehst und daß du es nicht mehr verantworten kannst. Doch in Wahrheit gibt es nur eins: Bei der eingeschlagenen Linie bleiben, denn ob du was sagst oder nicht - wenn sie die andern holen wollen, holen sie die auch.

Dem Chefvernehmer in Gera - wir nannten ihn nur den Lächler, weil er versuchte, alles zu überlächeln, vor allem seine Schwächen - habe ich einmal gesagt, er solle fünf Minuten vor dem Einschlafen an mich denken. Er solle sich fragen, was er da eigentlich treibe und ob er das seinen Kindern gegenüber verantworten könne. Denn ich wäre eines Tages draußen, und dann gäbe es einiges zu erzählen. Irgendwann würden die Kinder alles erfahren und fragen: Was habt ihr da gemacht, was war das? Und dann könnte er seinen Kindern nicht in die Augen schauen.

Ja, und da hat auch der Lächler für einen kurzen Augenblick nicht mehr gelächelt. Irgendwie brauchte ich solche Momente des persönlichen Triumphs, um durchzuhalten, denn ich saß ja die ganze Zeit über in Isolationshaft.

Ich lehnte auch ab, während der U-Haft Häftlingskleidung zu tragen, weil es dafür keine Vorschrift gibt. So lief ich als einziger in Zivil rum, mit einer ziemlich zerschlissenen Jeans. Auf all das, was einem im nachhinein vielleicht läppisch _(Demonstrationszug der unabhängigen ) _(Friedensgruppen am 19. Mai in Jena. )

erscheint, bist du in einer solchen Situation angewiesen: Ganz klein haben sie dich nicht gekriegt, sagst du dir. Ein Rest von Selbstbewußtsein ist noch da. Wenn nicht, gehst du unter, ganz schnell.

Bis dahin wußte ich: Deine Freunde sind da, du bist nicht allein. Das gab mir Halt. Dann aber holten sie zum entscheidenden Schlag aus. Bei der Vernehmung wurden sie massiv: »Herr Jahn, wir ziehen jetzt den Schlußstrich in Jena. Ihre Freunde sind verhaftet, und alle werden irgendwann in den Westen gehen. Sie sind allein.« Und dann: »Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft denn vor? Für Sie gibt es hier keine.«

Das war noch nicht der Höhepunkt. Es folgte bald ein absurdes Schauspiel. Am 23. Dezember 1982 erhielt ich endlich die Anklageschrift. Einen Tag später durfte ich meinen Anwalt zum erstenmal sprechen, einen gewissen Herrn Volkmann, der mich als Unteranwalt des im Westen bekannten Juristen Dr. Vogel verteidigen sollte. Ich merkte aber bald, daß er das Schauspiel der Stasi mitspielte.

Darum entschied ich mich für den Rügener Rechtsanwalt Schnur. Die DDR-Justiz schneidet ihn. Nur wenige DDR-Anwälte kümmern sich um solche unattraktiven Fälle wie meinen. Das ist der Karriere abträglich.

Anwalt Schnur hielt vor Gericht ein hervorragendes Plädoyer, obwohl er es ja nicht leicht hatte mit mir, denn ich legte es drauf an, die Gerichtsverhandlung zur Farce werden zu lassen.

Einer der Anklagepunkte hieß: Verstoß gegen Paragraph 220: »Öffentliche Herabwürdigung der staatlichen Ordnung«.

Das kam so: Am 1. Mai 1982 hatte ich mich im Gesicht besonders geschminkt. Manche meinten, links sähe ich aus wie Hitler, rechts wie Stalin. Und so war ich in der ganzen Stadt herumgelaufen. Jetzt, kurz vor dem Prozeß, ahnten die wohl was voraus, weil ich mich geweigert hatte, meinen Schnurrbart zu rasieren. Eines Tages holten sie mich und brachten mich in eine Dunkelzelle. Dann hieß es: Herr Jahn, der Bart kommt jetzt ab.

Es gab aber keine Vorschrift, wonach ich mich hätte rasieren müssen. Ich schüttelte bloß den Kopf. Da stürzten sechs oder sieben Mann in die Zelle und packten mich. Natürlich habe ich gezappelt. Einer drückte mich von hinten, die Luft war weg und ich auch. Als ich zu mir kam, war der Bart ab.

Mich hat die Szene richtig erschüttert, den ganzen Tag war ich fix und alle. Sie hatten zum erstenmal Gewalt angewendet, nur um die Absurdität der Anklage zu verschleiern. Jetzt merkte ich: Die sind zu allem fähig.

Aber dann passierte ihnen doch eine Panne. Ich hatte meiner Mutter geschrieben, zum Prozeß wollte ich der Würde des Gerichts entsprechend auftreten, und dazu brauchte ich mein kleinkariertes Jackett, den roten Binder und die graue Hose: Genau die Kleidung, mit der ich am 1. Mai in der Stadt herumgelaufen war und weswegen ich jetzt verurteilt werden sollte. Die Kleider wurden anstandslos an mich abgeliefert.

Am 17. Januar war der Prozeß. Der Rias berichtete, wie ich später hörte, vom Verhandlungsbeginn. In Gera rechneten die Behörden offenbar mit Zwischenfällen. Der Prozeß wurde zwar als öffentlich deklariert, aber außer Stasi-Leuten kam keiner in den Saal, weder Freundin noch Mutter noch Bekannte.

Alle waren ziemlich nervös. und so fiel erst im Gerichtssaal auf, daß ich genauso aussah wie am 1. Mai 1982, nur der Schnurrbart fehlte.

Auf die Vorwürfe des Vorsitzenden antwortete ich ihm, ich könne an meinem Aussehen nichts Anstößiges finden. Links sähe ich halt aus wie Charlie Chaplin und rechts wie Maxim Gorki.

Für Chaplin/Gorki und für das Herumradeln mit einer Polen-Flagge (Aufschrift in polnisch: Solidarität mit dem polnischen Volk) wurde ich im Namen des Volkes zu einem Jahr und zehn Monaten verknackt.

Das gab mir den Rest. Jetzt hatten sie mich da, wo sie mich schon immer haben wollten. Am 19. Januar 1983, noch in Haft, erklärte ich mich einverstanden, in den Westen zu gehen. Ich schrieb formlos, ich sei zur Auffassung gelangt, »daß die Voraussetzungen für die Entfaltung meiner Persönlichkeit bei der Verwirklichung meiner Sozialismus-Vorstellungen in der DDR nicht gegeben sind. Aus diesem Grund bitte ich freiwillig um die Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR und die Ausreise nach Berlin-West«.

Später, als ich wieder draußen war, habe ich dieses Schriftstück bei der Abteilung für Inneres in Jena mündlich für nichtig erklärt. Weil es unter psychischem Druck zustande gekommen war, kann es gar nicht rechtlich verbindlich sein, und so verzichtete ich auf einen schriftlichen Widerruf.

Wie absurd meine Verurteilung und das, was darauf folgte, war, bestätigten _(Mit einem Bild des ausgereisten ) _(DDR-Künstlers Michael Blumhagen am 18. ) _(März in Jena. )

die Behörden indirekt einen Monat später: Wegen guter Führung entließen sie mich vorzeitig aus der Haft.

Die unverhoffte Freilassung gab mir wieder Auftrieb: Du kannst hier doch weitermachen, du mußt nur hartnäckig genug bleiben. Einem Freund, daran erinnere ich mich noch gut, schrieb ich: »Jede Macht hat ihre Grenzen.«

Um zu verstehen, was in der Zwischenzeit passiert war, muß man zurückblenden. Unser Freundeskreis, in dem ich mich bewegte, hatte sich, wie viele andere, mit der Friedensdiskussion beschäftigt. Wir fühlten uns nicht allein von Militarismus und Krieg bedroht, sondern auch von Gewalt- und Machtmißbrauch des Staates.

Das letztere bekamen wir besonders beim Tod von Matthias Domaschk zu spüren. Am 10. April 1981 hatten sie Domaschk, den wir Matz nannten, in Jüterbog aus dem Zug nach Berlin geholt. Wegen staatsfeindlicher Kontakte, wie sie das nannten. Am 12. April war Matz tot. Er habe sich in der Zelle an seinem Oberhemd erhängt. behauptete die Stasi. Von uns konnte niemand recht glauben, daß Matz sich selbst umgebracht hatte.

Matz war, wie viele von uns, Mitglied der »Jungen Gemeinde« in Jena gewesen. Leute, die sich besonders stark an der Friedensdiskussion beteiligten. Der Matz war kein Märtyrertyp. Am allerwenigsten hätte er selbst sich so gesehen. Aber wir wußten, daß kann auch dir irgendwann mal passieren. Deshalb kriegte sein Tod für uns eine besondere Bedeutung.

An seinem ersten Todestag im April 1982 gab ich in der SED-Zeitung »Volkswacht« und in der »Thüringischen Landeszeitung« eine Anzeige auf: »Wir gedenken unseres Freundes Matthias Domaschk, der im 24. Jahr aus dem Leben gerissen wurde.« Unterschrift »Seine Freunde«. Der Text war bewußt doppeldeutig, und die meisten in Jena wußten, was damit gemeint war.

In der Nacht zum 12. April lief ich durch die Stadt und klebte den Text der Domaschk-Todesanzeige an Säulen, Hauswände und Busstationen. An jedem Lichtmast in der Innenstadt pappte so ein Zettel. Früh um zehn begann die Stasi mit dem Abkratzen. Aber dort, wo sie gekratzt haben, gab''s einen kleinen Auflauf, und am nächsten Lichtmast guckten die Leute erst recht, was draufstand.

Meine Freunde hatten am Ostersamstag eine Skulptur des Bildhauers Michael Blumhagen, der auch zu unserem Kreis gehörte, auf dem Johannisfriedhof aufgestellt. Eine schutzsuchende, sitzende Gestalt, die von etwas bedroht wird. Im Sockel eingraviert war Matz'' Name, Geburts- und Todesdatum. Der Stein sollte ein Symbol sein, damit auch Leute von auswärts kommen konnten, um dort Blumen niederzulegen.

Am Ostermontag tauchten die Herren von der Stasi auf und guckten sich die Sache an. Sie wollten den Stein aber nicht selbst abtransportieren, das hätte zuviel Aufsehen erregt. Also machten sie der Kirche Dampf.

Eines Abends, es dämmerte schon, hoben vier Männer den 200 Kilogramm schweren Stein in den Anhänger eines blauen Lada und brachten ihn weg. Was sie nicht wußten: Sie wurden dabei beobachtet. Ich stand im katholischen Altersheim, gleich neben dem Friedhof, hinterm Fenster und photographierte den Abtransport. Irgendwer gab die Bilder in den Westen; sie wurden dann im SPIEGEL veröffentlicht.

Die Sache blieb natürlich nicht ohne Folgen. Viele aus unserem Kreis wurden von der Stasi vorgeladen. Bei einem dieser Verhöre sagte mir einer der Vernehmer den Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe: »Du bist wie Gift, Gift gehört in den Giftschrank, und der muß abgeschlossen werden.«

Im Juni wurde Michael Blumhagen, der die Plastik gehauen hatte, kurzfristig und überraschend zu einer Reserveübung eingezogen. Das war natürlich kein Zufall. Er verweigerte, wie er schon vorher angekündigt hatte, den Dienst an der Waffe und kriegte sechs Monate aufgebrummt. Für Reservisten gibt es keinen Ersatzdienst. Das Militär wird als Disziplinierungsinstrument benutzt.

Daß sie ein für alle Male mit dem »Gift« aufräumen wollten, machten sie bald nach Michaels Verhaftung klar.

Fünf Kilometer außerhalb von Jena stand ein altes Bauernhaus, das Blumhagen seit über fünf Jahren bewohnte und

das ihm der Besitzer zur Nutzung überlassen hatte. Am Wochenende trafen wir uns häufig da draußen, veranstalteten Feten und kleine Ausstellungen und versuchten so ''ne Art alternatives Leben auf Zeit zu führen. Doch schon dies galt der Staatssicherheit als Herd der Konterrevolution.

Einen Monat nach Michaels Verhaftung wollten sie das Nest endgültig ausräuchern. Die Baupolizei sperrte das angeblich baufällige Gebäude. Sie brauchten dann Tage, bis sie es abgerissen hatten, es war das zäheste Haus im ganzen Ort.

Im nächsten Frühjahr, zum zweiten Todestag von Matz, wollten sie uns vorbeugend einschüchtern und warnten uns in Verhören, daß sie eine Feier an Matz'' Grab als staatsfeindliche Zusammenrottung ahnden würden. Trotzdem versammelten wir uns am Nachmittag um halb fünf am Johannistor im Zentrum.

Wir waren etwa 50 Leute. Mit Blumensträußen und einem Gebinde »Unserem Freund Matthias Domaschk - unvergessen« formierten wir einen Trauermarsch.

Viele Leute kamen von der Arbeit und haben gesehen, was da los war. Es gab keinen Auflauf, keine Diskussionen. Jena hat uns einfach wahrgenommen.

Über diese und andere Aktionen brachten die Westmedien, vor allem Radio und Fernsehen, kurze Berichte. Dadurch kamen wir mit unserem Anliegen in viele DDR-Wohnzimmer. Man nahm uns auch außerhalb Jenas zur Kenntnis, und die Stasi mußte sich überlegen, wann sie zupackt.

Das war auch ''ne Art Versicherung für uns. Andererseits wurden wir dadurch in den Augen mancher DDR-Oberen erst recht zur Gefahr.

Klar kamen einem auch Bedenken: Im Westen wird ja viel gegen die DDR gehetzt und alles mögliche ausgeschlachtet. Aber ich fand: Warum sollen wir uns abkapseln. Da können wir uns gerade so gut auf einen Bauernhof zurückziehen und Hühner füttern. Wir wollten in die Gesellschaft rein, wir wollten, daß die Bevölkerung Jenas mitkriegt, was läuft, daß die Leute nachdenken.

An der Stelle muß ich erzählen, wie es zu dem kam, was man nun, vor allem im Westen, als Jenaer Szene bezeichnet.

Gemeinschaftserlebnisse haben wir bis dahin hauptsächlich auf zwei Ebenen gesucht. Entweder traf man sich in Wohnungen, im kleinen Kreis, oder man veranstaltete Feten, Wanderungen oder Lesungen, an denen oft bis zu hundert Leute teilnahmen. Manche fanden auch unter der Obhut der Kirche statt.

Da gab''s so eine Art Flüsterpropaganda, was wann wo stattfand auch außerhalb von Jena, und dann ging oder fuhr man einfach hin und diskutierte mit Gleichgesinnten.

Bei uns in Jena war das mit den kirchlichen Veranstaltungen allerdings heikel. Offiziell fand die offene Jugendarbeit, an der sich jeder beteiligen konnte, im Rahmen der »Jungen Gemeinde« statt. Mir galt die »JG« immer als eine Art Forum, wo man seine Gedanken und Erfahrungen austauschen konnte.

Der Haken war, daß der Superintendent, der für alle Gemeinden der Stadt Jena zuständig ist, die Vorbereitung solcher »JG-Abende« kontrollierte. Er wollte immer vorher wissen, worüber gesprochen wurde. Die Vorträge mußte man praktisch zensieren lassen. Ein Gottesdienst zum 37. Jahrestag der Bombardierung Jenas wurde sogar von vornherein abgelehnt.

Ich selbst habe ja nie so direkt in der Kirche dringestanden, nur zu den »Werkstätten« bin ich gegangen. Das sind Veranstaltungen mit Liederabenden, Ausstellungen und Diskussionen, oft waren zusätzlich Photos und Gedichte an den Wänden aufgehängt. Ja, und in Jena kam zuweilen der Jugendpfarrer und tippte auf dieses oder jenes Gedicht und sagte: Das muß runter.

Die Kirchenleitung hatte Angst vor Konflikten. »Wir sind kein Sprachrohr«, sagten sie, und »wir lassen uns nicht als Podium für politische Ziele benutzen«. Daraufhin haben sich viele von der »JG« abgewendet und außerhalb der Kirche zusammengefunden. Zum Beispiel in einem Kreis von Leuten, die sich mit Militärfragen beschäftigten.

Viele von uns hatten Probleme mit dem Wehrdienst, und dort konnten sie gemeinsam mit anderen nach Lösungsmöglichkeiten suchen. Das heißt nicht, daß man gleich total auf Verweigerung machte.

Wichtig war erst mal die Information, vor allem über den Wehrersatzdienst als Bausoldat. Oder man überlegte, was zu tun ist, wenn einer aus familiären Gründen den Militärdienst zu einem späteren Zeitpunkt ableisten wollte. Das sind Dinge, die man in der DDR nicht irgendwo abfragen kann. Da muß man sich selbst drum kümmern.

Aus dieser Gruppe kam auch die Idee mit der ersten Schweigeminute am 14. November 1982. Ich selbst saß zu dem Zeitpunkt im Knast, kenne diese Veranstaltung also nur vom Hörensagen.

Nachmittags, so gegen fünf Uhr, versammelten sich rund 70 junge Leute auf dem Zentralen Platz in Jena, dem »Platz

der Kosmonauten«, wie er jetzt heißt. Sie standen einfach nur da, die Gesichter nach außen gewandt, mit Schildern, auf denen »Frieden« prangte, und schwiegen. Das war einfach eine Aufforderung zum Nachdenken, aber schon dies ging an die Grenze dessen, was die Staatsmacht duldet.

Bald ergaben sich Gespräche mit Passanten, bildeten sich kleinere Diskussionsgrüppchen. Polizei und Stasi haben überhaupt nichts mitbekommen, weil alles kurzfristig organisiert worden war.

Für uns ein wichtiges Datum: Die Jenaer Friedensbewegung trat erstmals außerhalb der Kirche öffentlich in Erscheinung.

Bei der zweiten Schweigeminute am 24. Dezember - ich konnte wieder nicht mitmachen - lief es nicht mehr so glimpflich ab. Die Polizei hatte frühzeitig Wind davon bekommen und nahm ein paar von uns in Vorbeugehaft.

Hunderte von Bereitschaftspolizisten riegelten am Heiligabend die Stadt ab, keiner von auswärts durfte mehr rein. Einigen, die in der Innenstadt wohnten, gelang es trotzdem, auf den Zentralen Platz durchzukommen. Dort wurden sie von Stasi-Mitarbeitern in Zivil weggerempelt.

Man muß sich das mal vorstellen: Auf einem riesengroßen Platz, wo niemand dem anderen im Wege ist, werden Leute abgedrängt und angeherrscht: »Was wollt ihr hier, geht weg.« Auch die Zufahrtsstraßen nach Jena hatten sie abgesperrt, weil sie glaubten, es würde ein ganz großes Ding steigen.

Mit ihrer Machtdemonstration hatte die Obrigkeit wieder einmal unnötig für Aufregung gesorgt und damit die Jenaer Friedensgemeinschaft noch enger zusammengeschweißt. Denn je massiver der Druck durch die Staatssicherheit wurde, die hinter jeder Aktion einen Akt von Landesverrat witterte, desto enger rückten die bislang noch recht versprengten Freundeskreise zusammen.

Die thüringische Landeskirche machte das Gegenteil: Sie ging auf Distanz. Das fing damit an, daß sie sich von der Schweigeminute zu Weihnachten öffentlich distanzierte. In einer Mitteilung der kirchlichen Pressestelle an in der DDR akkreditierte West-Korrespondenten hieß es, daß die Kirche mit der Aktion am 24. Dezember nichts zu tun habe und daß die Journalisten Informationen, die von ausgereisten ehemaligen Jenaern in West-Berlin kämen, mit Vorsicht behandeln sollten. Das hat uns den Pastoren nicht unbedingt nähergebracht.

Und dann war da auch noch dieser Mitarbeiter der »Jungen Gemeinde«, von dem sich herausstellte, daß er ein Stasi-Spitzel war. Der war etwa 29, so alt wie ich, und hat den Leuten von der Staatssicherheit immer brühwarm erzählt, was im Rahmen der »Jungen Gemeinde« geplant war. Einer hat mal gesagt: »Wenn du willst, daß sich was verbreitet, geh in die Junge Gemeinde und erzähl es dort.« Obwohl die Kirche davon wußte, unternahm sie nichts. Das haben ihr einige sehr übelgenommen.

Als dann im Januar ''83 rund ein Dutzend besonders aktiver Jenaer verhaftet wurde, verschlechterte sich das Verhältnis zur örtlichen Kirche weiter.

Überall im Land, ob in Berlin-Brandenburg oder in Mecklenburg, wurde in den Gottesdiensten über die inhaftierten Jenaer gesprochen, um zu zeigen, daß man sie nicht allein ließ - nur nicht in Thüringen, nicht in Jena, das war das Makabre.

Daß Ende Februar fast alle vorzeitig aus der Haft entlassen wurden, ist, glaube ich, vor allem der Solidarität innerhalb der Friedensbewegung zu verdanken. Auch Mitglieder der bundesdeutschen Grünen, etwa Gert Bastian oder Petra Kelly, setzten sich für uns ein, die West-Berliner Alternative Liste intervenierte sogar direkt bei Staats- und Parteichef Honecker.

Anfang März haben wir, die entlassenen Inhaftierten und andere, einen Versuch unternommen, mit der Kirche ins reine zu kommen.

Schon länger war ein Gespräch mit dem Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen, Werner Leich, geplant. Am 1. März klappte es dann. Wir sagten ihm ganz offen, daß wir uns schutzbedürftig fühlten und daß wir die Kirche bitten, uns Möglichkeiten für

unsere künftige Arbeit zur Verfügung zu stellen.

Der Bischof lehnte ab. Er verdammte schon den Begriff »Friedenskreis«, den wir gebrauchten. Man könne sich zwar in der Kirche engagieren, sagte er, doch nur in der Form, wie die Kirche sie vorschreibt. Und Nichtchristen könnten ohnehin keine tragende Rolle spielen.

Während eines ökumenischen Gesprächsforums beim Evangelischen Kirchentag in Frankfurt/Oder vorletzte Woche versprach die Kirche nun aber immerhin, sich bei den Staatsorganen für mich einzusetzen. Ein Sprecher kritisierte sogar, wenn auch diplomatisch sehr verbrämt, daß die Umstände meiner Abschiebung »die Freiwilligkeit etwas fragwürdig erscheinen lassen«.

Bei vielen von uns führte die übervorsichtige Haltung der Kirche in Thüringen zum Bruch und gab bei manchen den entscheidenden Anstoß auszureisen. Von der Kirche konnten wir keinen Schutz mehr erwarten. Irgendwo hatten wir durch unsere Freilassung in der Hoffnung gelebt, daß alles leichter werden würde. Und nun trugen manche Kirchenoberen das Ihre bei, daß die Leute resignierten und weggingen. Das war bitter.

Damals im März entschieden wir uns, schon aus Gründen des Selbstschutzes, enger zusammenzurücken. Um das auch nach außen hin deutlich zu machen, nannten wir uns jetzt »Friedensgemeinschaft Jena«. Das war das Einmalige, daß sich in der DDR eine Gruppe von Menschen zusammenfindet und sagt: Hier sind wir, und das wollen wir, und damit an die Öffentlichkeit tritt.

Insgesamt zählte die Friedensgemeinschaft rund 30 Mitglieder, knapp ein Drittel davon stammte aus dem Kreis der ehemaligen Inhaftierten.

Um unseren Standort zu bestimmen, formulierten wir ein Papier, in dem wir unsere Konzeption umrissen. Das Motto hieß: Frieden ist für uns kein fernes Endziel, sondern Geschehen, lebbar, hier und jetzt.

Unseren nächsten öffentlichen Auftritt planten wir für den 18. März. Wir meldeten - ganz offiziell - und erstmals unter der Bezeichnung »Jenaer Friedensgemeinschaft« beim Stadtrat und bei der Polizei die öffentliche Abhaltung einer Gedenkminute an zum 38. Jahrestag der Bombardierung Jenas. Am nächsten Tag kam die Absage. Begründung: Am 18. gebe es schon eine Veranstaltung. »Das stört uns überhaupt nicht«, hielten wir gegen, »dann machen wir es eben am 19.« Der Termin sei auch schon besetzt, behaupteten sie schnell, an dem Tag sei eine andere Veranstaltung in der Innenstadt geplant.

Wir hielten das für eine Ausrede. Um den äußeren Schein zu wahren, stampften sie innerhalb von drei Tagen eine Mauer mit einer neuen Gedenktafel am Marktplatz aus dem Boden, ganz ungünstig gelegen, zwischen Zeitungskiosk und Freiluftkneipe.

Die Privatfirma, die das machte, hatte eigentlich andere Aufträge. Die mußte sie sausenlassen, um die Mauer mit der Gedenktafel hochzuziehen. Vor diesem Denkmal, teilte man uns mit, würde am 19. eine Kranzniederlegung stattfinden. Damit hoffte man, uns ruhigzustellen.

Wir beschlossen aber, uns an der offiziellen Veranstaltung am 18. zu beteiligen und malten eigene Plakate zu dem Ereignis mit Losungen wie zum Beispiel »Verzichtet auf Gewalt«, »Ohne Frieden keine Zukunft«. Andere schrieben »Militarismus raus aus unserem Leben« auf ihr Schild oder »Kauft kein Kriegsspielzeug«.

Gestartet sind wir vom Johannistor aus. Die knapp 400 Meter bis zum Marktplatz liefen wir durch die Johannisstraße, eine Fußgängerzone mit vielen Geschäften. Den rund 30 Leuten unserer Friedensgemeinschaft schlossen sich spontan Passanten an.

Auf dem Marktplatz hatten sich etwa zehntausend Menschen versammelt, darunter jede Menge bestellter Jubler aus Schulen und Betrieben. Um uns herum bildete sich ein Spalier von Ordnern, um unsere Gruppe von den andern abzutrennen. Einen Zuschauer hörte ich wispern: »Wenn das nur gutgeht.«

Andere sagten: Aha, das sind doch die, die im Gefängnis waren. Ja, und dann ging''s auch schon los mit den Rempeleien. Wir wurden gestoßen von Leuten, die Volkszorn spielten, alles Angestellte der Stasi und anderer staatlicher Stellen, auch viele Lehrer waren dabei. Die Situation war deswegen besonders schlimm, weil wir mit Kindern da waren und nur wenige Leute uns halfen, indem sie versuchten, uns abzuschirmen. Mit brutaler Gewalt entriß man uns die Plakate und zertrümmerte sie. Fluchtartig verließen wir die Kundgebung.

Am nächsten Tag, dem 19. März, ließen wir die Kinder zu Hause. Wir hatten einen Kranz bestellt mit der Aufschrift »Jenaer Friedensgemeinschaft« _(Mitglieder der Friedensgemeinschaft bei ) _(der Gedenkfeier zum 38. Jahrestag der ) _(Bombardierung Jenas am 19. März. )

und den Aufnäher »Schwerter zu Pflugscharen« draufgeklebt.

Mit einer Delegation von zehn, zwölf Mann marschierten wir am Ende des offiziellen Trauerzuges zur Kranzniederlegung an der neuen Gedenktafel. Plötzlich keilten uns etwa 50 Mann von allen Seiten ein. Kaum hatten wir unseren Kranz niedergelegt, sprang einer von ihnen aus dem Zug hervor und drehte die Schleife um, damit man die Aufschrift nicht mehr lesen konnte. Da bin ich nach vorn und hab'' sie wieder umgedreht, und so ging das ein paarmal hin und her, bis die Schleife ganz zerfleddert war und abriß.

Eigentlich wollten wir nur eine Minute schweigend verharren, doch wir wurden sofort abgedrängt. Deshalb warteten wir, bis die Teilnehmer der Kranzniederlegung gegangen waren, und sammelten uns dann erneut zu unserer Gedenkminute. Etwa hundert Mann der Stasi, von der Partei und vom Rat der Stadt, blieben mit uns im strömenden Regen stehen, weil sie dachten, es läge noch etwas in der Luft.

Das war eine prickelnde Stimmung. Einer der Offiziellen postierte sich gleich neben uns und raunzte: »Euch Galgenvögel hau''n wir eins auf die Schnauze.«

Statt dessen haben wir sie zu einer Schweigestunde gezwungen.

Über die Vorfälle am 18. berichtete später sogar die westdeutsche Tagesschau, die damit versuchte, die bundesdeutschen Ostermärsche in ein schiefes Licht zu rücken. Unglücklicherweise erwähnte sie, daß einige von uns Ausreiseanträge gestellt hätten. Das brachte die schon lange schwelende Ausreisediskussion in unserer Gruppe erst so richtig in Schwung.

Einige, speziell Vertreter der Kirche, warfen uns vor, wir würden nur spektakulär auftreten, um billig ein Ticket in den Westen zu bekommen. Doch ich wußte, daß alle, die sich mit Ausreisegedanken beschäftigten, keineswegs mit wehenden Fahnen in den Westen ziehen wollten. Im Gegenteil: Es war das Ende eines langen Vertreibungsprozesses, besonders nach der Haft und der Absage der Kirche sahen viele in der DDR keine Lebensperspektive mehr.

Später, nach der groß angelegten Ausreiseaktion um Pfingsten, bestand dann tatsächlich die Gefahr, daß Trittbrettfahrer zu uns stießen. Wir konnten denen doch nicht das Recht absprechen, sich für den Frieden einzusetzen. Aber wir wurden sauer, als wir merkten, daß Leute versuchten, sich uns anzuschließen, denen jedes Mittel recht wäre, in den Westen zu gelangen, und die sich auch für das Gegenteil unserer Ideen eingesetzt hätten. Die Trittbrettfahrer waren schuld daran, daß es zum Beispiel bei Zeiss hieß: »Wenn de in den Westen willst, brauchste nur ein Plakat hochzuhalten, und schon geht''s los.«

Ich finde es schade, daß gerade Leute wie der Liedermacher Peter Kähler gingen, weil es wichtig ist, Leute zu haben, die in den verschiedensten Bereichen aktiv sind, um so möglichst viele anzusprechen.

Einer von uns, der mehr graphische Sachen machte, hatte zum Beispiel so ein Zeichen entworfen »Atomwaffenfreie Zone« mit dem Symbol »Schwerter zu Pflugscharen« in der Mitte. Dieser Aufkleber ging in ganz Jena rum, pappte irgendwo in der Wohnung, am Auto oder am Fahrrad.

Das war legitim, weil Honecker ja den Vorschlag unterstützte. Auch in anderen Städten haben wir das Motiv verteilt, es wurde kopiert, vergrößert, in Ost-Berlin haben sie es sogar zu den Kasernen der Sowjet-Armee gebracht.

Wir reisten zu dieser Zeit viel in anderen Städten herum, etwa in Berlin, Dresden und Halle, beteiligten uns an Ausstellungen und Lesungen in Privatwohnungen und zeigten Dokumentationen über unsere Aktionen.

Diese Kontakte waren wichtig zur Verständigung, denn einige Gruppen in anderen Städten, die jahrelang in ihrer Gemeinde, innerhalb der Kirche oder privater Freundeskreise ebenso aktiv alternative Friedensarbeit geleistet hatten wie wir, fühlten sich zurückgesetzt, weil Jena zum Begriff geworden war. Einerseits wurden wir bewundert, weil wir den Mut gehabt hatten, an die Öffentlichkeit zu treten. Andererseits warf man uns vor, wir wollten uns nur aufspielen. Die Keimzelle der Friedensbewegung war Jena aber nie gewesen. Wir hatten nur neue Formen gefunden, unser Anliegen an die Öffentlichkeit zu bringen.

Neuerdings stellte sich sogar die Staatssicherheit darauf ein. Seit den Vorfällen am 18. und 19. März hielt sie sich spürbar zurück. Man versuchte eine neue Taktik einzuschlagen, scheinbar auf uns einzugehen, um uns so unter Kontrolle zu halten.

Am Pfingsttreffen der Freien Deutschen Jugend in Jena am 19. Mai durften wir sogar halboffiziell teilnehmen. Vom Johannistor aus eskortierte uns ein Haufen Stasis zum Zentralen Platz. »Ihr seid der Marschblock fünf«, wurde mir erklärt, und wir sollten uns irgendwo weit hinten hinstellen. »Schon recht«, sagten wir und gingen trotzdem bis direkt vor die Tribüne.

Über Lautsprecher wurden wir begrüßt, und ein FDJ-Funktionär von der Universität begann gegen unsere Plakate »Schwerter zu Pflugscharen« zu agitieren. Er las einen vorbereiteten Text vom Blatt: Man hatte sich vorher auf uns eingestellt und wollte uns nun öffentlich bloßstellen.

»Wenn ihr diskutieren wollt«, forderte der Redner uns großspurig auf, »kommt her.« Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Man gab mir das Mikrophon in die Hand. Es war eine irrsinnige Situation: Du weißt, sie können es dir jeden Moment wegnehmen, du mußt jetzt ganz schnell was Plakatives, Einprägsames sagen.

Und dann fiel mir diese Radiosendung ein von »Radio Moskau«, und ich schrie über den Platz: »Schwerter zu Pflugscharen, das Gebot der Stunde für alle Völker, so hat Radio Moskau am 15. Mai 1982 um 21.00 Uhr gefordert.« Dann brachte ich immer nur offizielle Losungen, etwa »Wir schließen uns dem Vorschlag Erich Honeckers an auf Gewaltverzicht«, um zu verdeutlichen, daß die Regierungslosungen und unsere im Grunde genommen identisch sind.

Als ich den Leuten zurief: »Wir lassen uns nicht verbieten, unsere eigenen Gedanken zum Frieden zu äußern«, entriß man mir das Mikrophon. Mal wieder war die Grenze des Möglichen erreicht.

Inzwischen hatten einige besonders aktive FDJler mit ihren überdimensionalen Plakaten unsere Truppe mit ihren kleinen Pappschildern und Transparenten so eingekreist, daß sie überhaupt nicht mehr zu sehen waren.

Als ich mit meinem Plakat von der Tribüne herabkletterte, ging plötzlich diese Rempelei wieder los. Man riß mir mein Plakat herunter, ich kriegte ein paar aufs Gesicht. Da eilten meine Freunde herbei, und prompt gab''s ein Handgemenge, bis plötzlich ein paar Sicherheitsleute Zeichen gaben aufzuhören. »Das könnt ihr doch nicht machen«, hörte ich sie rufen. »Ihr seid wohl verrückt!« Die Devise lautete offenbar, uns in Ruhe zu lassen.

Dann passierte etwas völlig Neues: Überall auf dem Platz wurde diskutiert, viele FDJler sympathisierten plötzlich mit uns, wir spürten, daß etwas in Bewegung geriet. Wir fühlten uns als Sieger.

Meine gewaltsame Abschiebung am 8. Juni war denn auch alles andere als ein Akt der Stärke. Sie war die Bankrott-Erklärung der DDR-Behörden, mit der sie ihre Hilflosigkeit und Unglaubwürdigkeit demonstrierten. Daß sie sich eine noch größere Blöße geben würden, hätte ich nicht für möglich gehalten - ich wurde eines Besseren belehrt.

Bei der Auflösung meiner Jenaer Wohnung weigerten sich die Jenaer Behörden, meinen Eltern die verbliebenen Wertgegenstände auszuhändigen. Der Grund: Sie wollten die Sachen versteigern, um wenigstens einen Teil der Kosten zu decken, die ihnen bei der »Aktion Jahn« entstanden waren. _(Bei der Übergabe einer Petition an den ) _(Uno-Generalsekretär am 13. Juni in ) _(West-Berlin. )

Demonstrationszug der unabhängigen Friedensgruppen am 19. Mai inJena.Mit einem Bild des ausgereisten DDR-Künstlers Michael Blumhagen am18. März in Jena.Mitglieder der Friedensgemeinschaft bei der Gedenkfeier zum 38.Jahrestag der Bombardierung Jenas am 19. März.Bei der Übergabe einer Petition an den Uno-Generalsekretär am 13.Juni in West-Berlin.

Roland Jahn
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