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Du erlaubst doch, Carlo

aus DER SPIEGEL 17/1949

Es war eine Art Auferstehung für Kurt Schumacher. 14 Monate lang war er operiert, betäubt, massiert und sonstwie gequält worden. 14 Monate hatte er aus dem Grabe seines Krankenzimmers nur grollen können. Mit einem einzigen Satz war er nun wieder mitten in der Luft, die für ihn Leben bedeutet.

Zwei lange Tage referierte er - glänzend - , konferierte, debattierte er, stritt sich mit den Leuten, die die Resolution entschärfen wollten - sie wurde entschärft - , widerlegte die, die der Bonner Fraktion mehr Bewegungsfreiheit geben wollten - sie wurden überstimmt - , ließ sich mit Ollenhauer und Schmid für die Sendebereiche des kleindeutschen Rundfunks aufteilen und hielt am Mittwochabend eine Pressekonferenz, auf der er sagen konnte: »150 Journalisten sind müder als ich.«

Die Müdigkeit hatte ihren Grund. Es gab wirklich nicht viel zu fragen. Die Situation war bis dato schon restlos ausgewalzt, und was zu sagen war, sagte der Boss im weißen Hemd: Die SPD gibt ein weiteres »letztes Wort«, das Grundgesetz soll gekürzt und mit neuen Kräfteproportionen so fertiggestellt werden, daß es den Alliierten besser behagt. Andernfalls: Nein.

Es gab in diesem Gremium Parteivorstand plus Fraktion plus Ministerpräsidenten keine Kampfabstimmung, hie Schumacher hie Schmid, sie trafen sich auf halbem Wege. Immerhin sprachen von sechs Länderchefs drei, Lüdemann (Schleswig-Holstein), Reuter (Berlin) und Kaisen (Bremen), für eine größere Ellenbogenfreiheit der Bonner. Ein Mann wie Kaisen lehnte die Resolution als zu riskant ab.

Der Zweck der neuen Taktik liegt klar zutage. Die Alliierten sollen ihre Puppe haben - man sagt, Briten-Gouverneur Robertson stehe den jetzigen Tendenzen wohlwollend gegenüber - und die CDU soll in die Klemme kommen, in der jetzt die SPD steckt: Daß sie das Grundgesetz vor ihrem Parteigewissen »eigentlich« nicht verantworten kann. Ja und Nein liegen dann bei der CDU, und die SPD wahrt das Gesicht. Das Parteigewissen entscheidet, und die kleinen Parteien entscheiden. Prognose: Spannende Positionskämpfe in Bonn auf lange Sicht.

Schumacher gab sich vor den Zeitungsleuten sehr optimistisch. Er war aggressiv wie immer, aber nicht ohne Humor. Als ein Korrespondent von einem möglichen Zusammenbruch in Bonn sprach, unterbrach ihn Schumacher, liebevoll angestrahlt von Presserat Fritz Heine: »Da bricht nichts. Da bricht gar nischt! Macht doch nicht immer gleich in Panik.«

Das Vorstandsmitglied Franz Neumann zelebrierte eine Frage an seinen 1. Vorsitzenden: Wer von seiten der SPD mit Ostzonen-Prominenz verhandelt habe? Ihm wurde Antwort: Niemand. Der Berliner Favorit Schumachers griente ob dieser gelungenen Demonstration. Ollenhauer guckte säuerlich, Hessens Justizminister Zinn pythisch, und Carlo Schmid saß da wie Breughel selbst. Schumacher sagte zweimal: »Mein Freund Schmid« und »Du erlaubst doch, Carlo - ».

Am Abend saßen die beiden bei Schumachers über einer Flasche Cognac zusammen. Ganz allein. Sie verstanden sich prächtig. Sie sprachen über den Büffel der amerikanischen Dichter. Sie zitierten Walt Whitman.

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