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»DU HAST WENIG GEWEINT HEUTE ABEND!«

aus DER SPIEGEL 30/1964

Als die 655 Stimmen erreicht waren, die seine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner bedeuteten, sagte Barry Goldwater im 15. Stock des Mark-Hopkins-Hotels vor den Fernsehgeräten, die sein Bild und seinen Namen in tausendfacher, ekstatischer Vervielfältigung wiedergaben: »Ich möchte bloß sehen, ob Peggy weint.«

Aber Peggy Goldwater weinte nicht. Aufgewühlt, doch gefaßt, stand sie, rund zehn Kilometer entfernt, mit ihren beiden Töchtern am Rande der Arena des »Kuhpalastes« von Daly City bei San Francisco und bemühte sich, so etwas wie reine Freude zu empfinden über den Ausbruch von Massenwahn zu ihren Füßen, der den Sieg ihres Mannes verhieß.

In diesem Augenblick mochte es wie ein Witz erscheinen, und wie ein schlechter dazu, daß je ein Republikaner Aussicht gehabt haben sollte, Barry Goldwater zu »stoppen«. Oder daß es gar, wie Meinungsforscher behaupten, eine Mehrheit republikanischer Stammwähler geben sollte, die Goldwater für einen demagogischen Rechtsaußen, einen emotionsgeladenen Antikommunisten mit einer gefährlichen Neigung zur atomaren Machtentfaltung und für einen schlecht getarnten Gegner der vollen Gleichberechtigung von Schwarz und Weiß halten.

Jetzt aber hielt ihm kein anderer als Senator Everett Dirksen aus Illinois die Nominierungsrede - der Chefarchitekt eben jener Civil Rights Bill, gegen die Barry Goldwater gestimmt hat - und pries ihn dabei für den hohen, moralischen Mut, mit dem er seine abweichende Meinung vertreten habe. Jetzt fand Ev Dirksen, gewiß einer der profiliertesten Republikaner überhaupt, die Zeit gekommen, den ganzen Mann zu sehen, nicht nur einzelne seiner Äußerungen oder Stimmabgaben. Und wie der riesige Luftballon, der zu gleicher Zeit im Auditorium für die folgende Demonstration aufgeblasen wurde, entstieg dieser ganze Mann den Wortkaskaden der Nominierungsrede als die Personifizierung des »amerikanischen Traums« vom kleinen Mann, der groß geworden ist, um seinem Lande und der Welt ein Beispiel an Mut und Rechtgläubigkeit zu sein.

Mit den wogenden Gesten des alternden Charakterdarstellers und dem Organ einer heisergespielten Wurlitzer -Orgel wies Dirksen »diesem Enkel eines eingewanderten Hausierers« den Platz des Flaggenträgers an, der nicht länger zum Rückzug, sondern zum Angriff blasen und der Amerika seine »Selbstachtung« zurückgeben werde. Barry Goldwater soll Amerika zu sich selbst zurückführen.

Hier spätestens zerbrach, wenn es je wirklich existiert hat, das taktische Konzept, Goldwater zu nominieren, damit diese »konservative« Rechtsbewegung in der Partei sich nach einer verlorenen Wahlschlacht gegen die Demokraten im November selber diskreditiere. Hier wurden in Barry Goldwaters Namen und unter der Flagge seines »Why not victory?« Ideologiekräfteversammelt, die weit stärker sind, als eine parteitaktische Kampfgruppe sein dürfte, und deren emotionale Durchschlagskraft heute niemand genau abzuschätzen vermag.

Was William Warren Scrantons alte und neue Kämpfer vorzubringen hatten, mußte demgegenüber wie ein von des Gedankens Blässe angekränkeltes Verstandesargument wirken. Denn in der Scranton-Nominierungsrede, die Eisenhowers akademisch vorbelasteter Bruder Milton mit wohltemperierter Brillanz in die Zirkusarena verschleuderte, ging es nicht um die Erfüllung eines Traums; sondern vielmehr darum, einen Alptraum nicht Wirklichkeit werden zu lassen.

Im Angesicht eines atomaren Weltuntergangs, den auch der Präsident der USA auslösen kann, gelte es einen Mann zu nominieren, beharrte Milton Eisenhower, der immer verstanden und nie mißverstanden wird und der »die Kompliziertheit der internationalen Probleme« versteht »Gott helfe uns allen, wenn wir uns verführen lassen von der lockenden Einbildung, daß es auf diese komplizierten Fragen einfache Antworten gebe.«

Aber selbst wenn Bill Scranton einfache Antworten anzubieten gehabt hätte (und er hat es durchaus versucht) - die Schlacht war längst geschlagen. Und die demonstrativen Aufmärsche für die einzelnen Kandidaten zeigten deutlich genug, wer sie gewonnen hatte.

Das Ringen zeigte, wie immer, auch diesmal Ausfluß jener prinzipiellen Albernheit, mit der (unter anderem) hierzulande Politik vermenschlicht wird: eine Mischung aus Fasching, chinesisch Neujahr, Betriebsausflug, Maifeier, Reklame, Sex und Platzkonzert, mit einem nervtötenden Aufwand an Krach, Zeit, Papier und Grußkarten-Humor. Aber es gab einen Unterschied der Atmosphäre, der so richtig erst spürbar wurde, nachdem die Demonstranten fort waren

Ein Oberton ungesättigter Erregung blieb über dem »Kuhpalast« hängen; nachdem die Goldwater-Demonstranten abgezogen waren, ein hochfrequentes Beben freigesetzter Energien, das selbst erprobten »Convention«-Beobachtern an die Nerven ging.

Die Scranton-Demonstration dagegen strahlte die gleiche forcierte, viel zu stark beschleunigte Fröhlichkeit aus, welche die ganze Blitzkampagne des Gouverneurs aus Pennsylvania gekennzeichnet hat - eine fast rührende Unglaubwürdigkeit, die schwerlich Groll erwecken konnte. Das Aufschlußreichste an dieser Demonstration waren die Gesichter derer, die nicht demonstrierten. Kaum einer lächelte, kaum einer schien wenigstens schadenfrohen Spaß zu haben. Sie blieben so stumm, so hart, so ungerührt, wie sie während der Reden aller derer gewesen waren, die etwas anderes wollten als Barry Goldwater.

Dies waren die Leute, die an einfache - und nur an einfache - Antworten glauben, die den Verlust des schlichten, treuen Sinnes der Pionierzeit beklagen, die nur eine klare Alternative zwischen Freund und Feind und eine »mutige« Lösung gelten lassen und alles andere für einen Ausverkauf amerikanischer Ideale halten.

Dies waren die Leute, die kein Hinweis auf den offenbar weniger »konservativen« Geist der republikanischen Wählermacht beeindrucken konnte, weil sie sich als Kern einer zutiefst amerikanischen Protestbewegung verstehen, die früher oder später eine breitere Mittelschicht erfassen und beherrschen muß

- so wie sie selber heute die Republikanische Partei beherrschen, was bis vor kurzem schließlich auch kein Mensch für möglich gehalten hätte.

Sie finden nichts dabei, aus der Hüfte zu schießen oder auch einmal mit einer forschen Armbewegung die Bar abzuräumen. Sie sind im Gegenteil der Meinung, es müsse endlich einmal »aufgeräumt« werden - vor allem natürlich in Washington und mit den Kommunisten. Sie selber leben überwiegend im Westen, Mittelwesten und Südwesten des Landes, und sie haben es dort unterdessen zu etwas gebracht, zu Geld vor allem. Extremismus ist für sie zunächst einmal Kommunismus, und »liberal« ist schon ein ziemlich zweifelhafter Begriff.

Dwight D. Eisenhower kam an die Westküste als ein froher, rosiger, ausgeruhter Greis, der für sich selber keine andere Aufgabe mehr gelten lassen will, als mit der respektheischenden, prinzipiengesegneten Unbestimmbarkeit des großen alten Mannes, die niemand schmerzen kann, für die Einheit der Partei zu reden. Böse wurde er nur, wenn jemand sein immer noch dankbar bejubeltes Vaterbild als Wandschmuck für die Klause eines bestimmten Kandidaten reklamieren wollte.

Nur einer, außer Seranton, focht bis zum Ende, einer, der schon verloren hatte - ein Mann mit den internationalen Überzeugungen und dem »alten Geld« des Ostküsten-Liberalen und mit einem nicht minder liberalen Privatleben, das seine politische Karriere in diesem Land und in dieser Partei ruiniert hat: Nelson Rockefeller.

Rocky, selber längst kein Kandidat mehr, focht für drei liberale Zusätze zum neuformulierten Parteiprogramm, das in seinen wesentlichen Punkten pures Goldwasser ist, focht vor allem für die namentliche Verurteilung extremistischer Gruppierungen. Die Kommunisten ließ der Konvent ihm durchgehen, aber als er zum Ku-Klux-Klan und zu der rechtsradikalen John Birch Society kam, schrie ein wildgemischter Chor aus Delegierten und Galerie ihn nieder.

Die Lippen zu einem trotzigen Lächeln verkniffen, die Stirn in kurvige Falten geknittert, hielt der Gouverneur von New York dem Buhgeschrei und den »We want Barry«-Schreien stand, zwinkerte gelegentlich ermunternd mit den Augen in die Richtung, wo seine zweite Frau saß, und wollte nicht weichen. Wich auch nicht, als der quadratköpfige Vorsitzende Thruston Morton ihn am Ende der mit Geschrei ausgefüllten Redezeit vom Podium schicken wollte.

»Ich bin nicht schuld, wenn Sie das Publikum nicht zur Ruhe bringen können«, sagte er ungerührt, und als von der Galerie jemandherunterbrüllte: »Schmeißt den Knallkopf doch raus«, schrie Rocky seinen Mitrepublikanern ins Gesicht, was anderwärts ein Klischee gewesen wäre: »Dies ist ein freies Land.«

Seltsame Dinge sind geschehen auf diesem Konvent. Es erwies sich, daß weit über 1000 gefälschte Eintrittskarten im Umlauf waren, die meisten davon offenbar ausgegeben an Scranton -Freunde, die damit an der Polizeisperre scheiterten. Der farbige Ersatzdelegierte Young aus Pennsylvania fand sein Jackett von Zigaretten angebrannt, die offensichtlich jemand dagegengedrückt hatte. Eine hölzerne Rampe, über die eben noch Scrantons Frau den Kuhpalast verlassen hatte, stand plötzlich so lichterloh in Flammen, daß die Feuerwehr keine andere Erklärung als die »eines mehr oder minder bewußt entzündeten Feuers« fand.

Der Ruch von alledem hing noch in der plakatgeschwängerten Luft über der »Convention«, als William Scranton auf das Stichwort der letzten von 883 im ersten Wahlgang für Barry Goldwater abgegebenen Stimmen aus der Kulisse trat und mit hastigen Schritten, die schmalen, sensiblen- Mundwinkel zu einem undefinierbaren Lächeln hochgezogen, unter dem Siegesjubel hinweg zum Podium schritt, um dem schwer geschändeten Götterbild der Einigkeit das fällige Opfer zu bringen. Bill Scranton bat den Konvent, die Nominierung Barry Goldwaters einstimmig zu machen.

Es war eine wackere Rede, eine hochgemute Geste - und angesichts des Stimmenverhältnisses von 883 für Goldwater gegen 214 für Scranton (zu schweigen von den Splitterstimmen für die sogenannten Lieblingssöhne einzelner Staaten) wohl überhaupt der einzig anständige Ausweg. Aber: Abgesehen von Scrantons Tochter Susan, trocknete diese Geste niemandes Tränen. Sie brachte nicht einmal die paar hundert Negerdemonstranten wieder auf die Beine, die sich draußen zum Protest gegen Goldwater auf die Straße gelegt hatten, den Verkehr blockierten und »Freedom Now« sangen.

Sie hinderte den Präsidentschaftskandidaten auch nicht daran, William Miller zum Kampfgefährten und Anwärter auf das Amt des Vizepräsidenten zu bestimmen - keineswegs einen Mann aus dem liberalen Lager, sondern einen knallharten katholischen Konservativen, den mit seinem Wahlbezirk New York vor allem eine intime politische Feindschaft zu Nelson Rockefeller verbindet.

Und sowenig eine nie genau bestimmte Zahl von Delegierten sich dazu bewegen ließ, ihre Stimmen trotz der formal beschlossenen Einmütigkeit der Nominierung doch noch für Goldwater abzugeben, sowenig fühlte sich der Sieger davon abgebracht, in seiner Jungfernrede als Präsidentschaftskandidat zu sagen, daß bei der Verteidigung der Freiheit »Extremismus keine Schande und Mäßigung keine Tugend« sei.

Kandidat Goldwater sagte seinem Konvent in der Substanz nichts anderes als Senator Goldwater vor drei Wochen dem SPIEGEL. Mit einer wesentlichen Ausnahme: Er sagte jetzt nicht mehr, daß Präsident Johnson im Augenblick von keinem Republikaner geschlagen werden könne. Er sagte jetzt, daß alle Republikaner - ob konservativ oder liberal - so heftig gegen Johnson zu Felde ziehen sollten, daß sie den eigenen Streit darüber vergessen. Reporter, die Barry am Küchenaufzug des Mark-Hopkins-Hotels abfingen, fanden ihn in der richtigen Stimmung, mit gutem Beispiel voranzugehen. Johnson, fauchte der zukünftige Wahlkampfgegner in einer seiner berühmten Aufwallungen, sei »der größte Schaumschläger, der jemals aufgetaucht« sei.

Doch oben im 15. Stock, vor den Fernsehkameras, die auf ihn warteten, war er wieder der lockerste, unpathetischste, bescheidenste Präsidentschaftskandidat, den man sich vorstellen kann. Gewiß, er werde einen heftigen Wahlkampf führen, sagte Barry Goldwater. Aber Johnson, so wie er ihn kenne, auch.

Da kam Peggy Goldwater herein, direkt aus dem Kuhpalast und noch ganz erfüllt vom Jubel der Getreuen.

»Hi, honey«, sagte Barry gemütlich und schloß sie ungeniert in die Arme. »Du hast aber wenig geweint heute abend!«

Es klang wie ein Vorwurf.

Präsidentschaftskandidat Goldwater »Amerikanischer Traum vom kleinen Mann

Goldwater-Gattin Peggy

... der für die Welt ein Beispiel gibt«

Goldwater-Rivale Scranton: »Gott helfe uns allen, wenn wir uns verführen lassen«

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