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»Du Judenmensch, dir helfe ich«

Von Christiane Kohl
Von Christiane Kohl
aus DER SPIEGEL 41/1997

Das Mietshaus am Spittlertorgraben Nr. 19 war ein hübscher Bürgerbau am Rande der Nürnberger Altstadt. Den Eingangsflur, mit beigefarbenen Solnhofener Platten ausgelegt, hielten die Hausfrauen stets blitzeblank geputzt, das hölzerne Treppenhaus wurde mit Bohnerwachs aufpoliert. Es gab fünf Parteien in dem Haus. Im dritten Stock wohnte beispielsweise der Vertreter Östreicher mit seiner Frau, in der Mansarde unterm Dach hatte sich der Lagerarbeiter Heilmann eine kleine Wohnung ausgebaut. Zuweilen sah man Heilmann, wie er einen Kohleeimer in den vierten Stock schleppte; indes hüpfte sein Töchterchen Margarete eilig die glattpolierten Treppenstufen hinunter. Die Kleine war heilfroh, wenn sie ihrer strengen Mutter entwischen konnte, die das Kind gelegentlich übers Knie nahm und schlug. Dann schlüpfte Margarete schon mal quer über den Hof zu dem niedrigen Seitengebäude herüber, das einstmals als eine Art Kutscherhaus gebaut worden war und nun die Familie Mäsel beherbergte. In der winzigen Küche führte Mutter Mäsel das Regiment, eine dicke Matrone mit griesgrämigem Gesicht.

In diese Welt aus Bohnerwachsgeruch und Rohrstockschlägen flatterte Irene Scheffler wie ein bunter Schmetterling herein. Die junge Fotografin, damals 22, erwartete sich mehr vom Leben als jene Nachbarsfrauen, die frühmorgens ihre Federbetten in den Fenstern lüfteten, dann das Geschirr spülten, den Küchenherd wienerten und schließlich im Wohnzimmer die Häkeldeckchen zurechtzupften. Statt in ihrem Atelier, das zugleich als Wohnung diente, auf Kundschaft zu warten, promenierte sie lieber durch die

@ 1997 SPIEGEL-Buchverlag Hoffmann und Campe, Hamburg. Der vollständige Text von Christiane Kohl erscheint unter dem Titel »Der Jude und das Mädchen. Eine verbotene Freundschaft in Nazi-Deutschland« (384 Seiten; 44 Mark).

Einkaufsmeilen der Altstadt. Und wenn sie ein schönes Kleid sah oder eine passende Bluse, dann konnte sie oftmals nicht widerstehen und kaufte das gute Stück, notfalls auf Pump. Natürlich schaute die Fotografin auch öfters mal im Hinterhaus vorbei, wo der jüdische Kaufmann Leo Katzenberger, der seinerzeit 59 war, mit seinen zwei Brüdern Max und David einen Schuhgroßhandel betrieb. Außer dem alten Herrn, einem Freund ihres Vaters, kannte sie ja anfangs niemanden in der Stadt - und außerdem hatte Irene ein Faible für schicke Schuhe. So schleppte sie öfters einen Schuhkarton mit nach Hause - damals konnte die Fotografin noch nicht ahnen, mit welch gehässiger Aufmerksamkeit manch ein Beobachter den Weg dieser Schuhschachteln über den Hof verfolgte.

Katzenberger ließ sich die hübsche Gesellschaft durchaus gefallen. Auf Geschäftsreisen unterwegs schaute der alternde Bonvivant vom Wagen aus ganz gern mal schönen Frauen hinterher, wie sein Chauffeur Wilhelm Fabro beobachtet hatte. Von der unbekümmerten Sympathie, die ihm das Mädchen entgegenbrachte, fühlte sich der Kaufmann geschmeichelt. Wenn Katzenberger ihr mal Pralinen schenkte oder Zigaretten, bedankte sich Irene überschwenglich. Entschied er sich, Irene für einen Nachmittag auf eine Dienstreise nach Frankfurt oder Regensburg mitzunehmen, fiel sie dem alten Herrn gleich vor Freude um den Hals. »Da dachte ich mir nichts dabei«, versuchte sie später verzweifelt den Richtern zu erklären, »ich bin einfach so schrecklich impulsiv.«

Dem Lageristen Johann Heilmann war das vermeintliche Verhältnis zwischen dem Kaufmann und der Fotografin schon bald ein Dorn im Auge, wie er später, 1941, der Gestapo erläuterte: »Ich habe mich über das Verhalten der Scheffler und des Katzenberger geärgert.« Die Nazis hatten Heilmann 1936 zum Hauswart ernannt, jeden Monat lief der Lagerarbeiter nun mit einer roten plombierten Geldbüchse und seiner Spendenliste von Tür zu Tür und kassierte Beiträge für die »Nationalsozialistische Volkswohlfahrt« (NSV) - eine jener Massenorganisationen, welche die Partei als Kontrollinstrument und Propagandaforum benutzte.

Der Hausbewohnerin Irene Scheffler widmete sich Heilmann, der in dem Schuhkontor im Hinterhaus als Lagerist beschäftigt war, mit besonderer Zuwendung. Wenn sie kein Geld im Hause hatte, was häufiger vorkam, schaute er gern ein zweites Mal vorbei. Einmal, als der Lagerarbeiter wieder zum Kassieren kam, erklärte sie ihm, daß sie den Obolus erst entrichten könne, wenn ihr Freund vorbeigekommen sei. Heilmann versteckte sich daraufhin ganz offenbar im Treppenhaus und behielt Irenes Wohnungstür im Auge. Nach einer Weile habe der Kaufmann Katzenberger bei Irene geklingelt, berichtete der Hintertreppen-Spion später der Gestapo: »Ich stellte fest, daß inzwischen Katzenberger zur Scheffler kam.« Als er die Fotografin hernach wieder aufsuchte, habe sie auch tatsächlich zahlen können. Für Heilmann stand somit fest, daß der Kaufmann die junge Fotografin finanziell unterstützte. Fortan tratschte Heilmann durchs Haus, die Geldgaben könne die Irene wohl bei dem Kaufmann »billig abarbeiten«. Das Geschwätz kam auch dem Kaufmann Katzenberger zu Ohren, und der erzürnte sich mächtig. Katzenberger verwarnte Heilmann zunächst. Als er den Lageristen jedoch kurze Zeit später noch einmal bei der Verbreitung falscher Gerüchte erwischte, war seine Geduld am Ende: Er warf Heilmann aus der Firma hinaus. Doch damit hatte sich Leo Katzenberger den Nazimitläufer erst richtig zum Feind gemacht.

»Ich habe oft gesehen, daß Scheffler und Katzenberger sich durch Winken und Zeichen verständigten«, behauptete Heilmann hernach gegenüber der Polizei, »sie gingen beide bald darauf weg.« Irene sei dann später »sehr oft« mit einem »Paket unter dem Arm« nach Hause gekommen: natürlich ein wertvolles Geschenk von Katzenberger, wie sich Heilmann in seiner kranken Phantasie vorstellte - vielleicht ein Pelzmantel, ein neues Kleid oder ein Schmuckstück? Genaues gesehen hat er diesbezüglich nie. Aber der Nachbar Hans Mäsel aus dem Kutscherhaus konnte ihn in seinen Vermutungen nur bestätigen: »Frau Scheffler hat über ihre Verhältnisse gelebt«, gab Mäsel später bei der Gestapo an, und, als sei das ein Verbrechen: »Sie hatte zwei Pelzmäntel.«

Durch einen Spiegel, der in der Mäselschen Wohnstube hing, wollte seine Mutter schon vor Jahren beobachtet haben, wie im Fotoatelier gegenüber Katzenberger der Irene einen Kuß gab. Mutter Mäsel war 1933 gestorben, doch ihre angebliche Beobachtung lebte als Gerücht in dem Mietshaus weiter. Jetzt schaute auch Mäsel von dem Aussichtsposten in der Wohnstube des Kutscherhäuschens öfters mal in das Empfangszimmer der Fotografin hinunter. Dort sah er »stets frische Blumen im Fenster stehen«, wie aus den Ermittlungsakten hervorgeht. Zwar räumte der Facharbeiter aus den Vereinigten Pinselfabriken vor der Polizei ein, daß er keine Ahnung habe, »wer diese Blumen gekauft hat«, doch Mäsel behauptete einfach mal: »Die meisten dürften von Katzenberger sein.«

Im Sommer 1938 bekamen die Katzenbergers in ihrer schönen Villa an der Praterstraße, die ein paar hundert Meter entfernt vom Spittlertorgraben lag, Besuch aus Palästina. Leos Tochter Käthe Freimann war mit ihrem Mann und den beiden älteren Kindern nach Nürnberg gereist. Die Eheleute, die schon 1934 emigriert waren, wollten die Eltern überreden, auch endlich auszuwandern. Opa Leo überhäufte die Jungen mit Bonbons und neuen Schuhen; wenn das Gespräch auf eine mögliche Ausreise kam, schnitt er jedoch unwillkürlich andere Themen an. Noch lebte es sich durchaus gemütlich in der schönen Nürnberger Villa. Am Frühstückstisch schlug Leo stets sein Ei auf, »ohne das konnte er nicht leben«, notierten Käthes Söhne später in einem Reisebericht. Einmal suchte der Opa Leo nach dem Bericht der Kinder mit ihnen auch ein Fotostudio auf. Da mußten sie ein Kätzchen auf den Schoß nehmen, während die Fotografin Bilder machte - es handelte sich natürlich um Irene.

Im Vorderhaus am Spittlertorgraben auf dem zweiten Stockwerk hatte seit Sommer 1938 das Reiseunternehmen Braun und Gutmann sein Büro, es war auf Amerikatouren spezialisiert. Im Nürnberg-Fürther Israelitischen Gemeindeblatt warb die Firma für Überfahrten mit der »Red Star Linie«. Eine Schiffspassage Antwerpen-New York, »komfortable Klasse - gut, billig, bequem«, gab es laut Anzeige ab 251,25 RM. Leo Katzenberger kannte die Firmeninhaber gut, doch für ihre Angebote schien er sich nicht zu interessieren. Als die Kinder abreisten, stand der alte Herr am Bahnsteig und winkte noch lange mit einem großen Taschentuch hinterher.

Im Parterre rechts, gleich gegenüber von Irene, hatte sich 1938 ein Ehepaar eingemietet, das mit besonderer Aufmerksamkeit das Treiben in der Nachbarwohnung verfolgte. Paul Kleylein und seine Frau Betty zogen mit ihren drei Kindern im September 1938 in das Mietshaus am Spittlertorgraben ein. Kleylein betrieb ein Orthopädiegeschäft in der Glockendonstraße, der Kaufmann Katzenberger, den Senk- und Spreizfüße plagten, gehörte zu seinen Kunden. Als Kleylein eines Tages erzählt hatte, er suche dringend eine Wohnung, wußte Katzenberger offensichtlich Rat. Der Kaufmann habe seine Familie in das Haus am Spittlertorgraben »aufgenommen«, berichtete Kleylein später. Wenn Katzenberger nur geahnt hätte, wen er sich da ins Haus holte.

Schon vor dem Umzug hatte der Orthopädiemechaniker vermutlich den einstigen Mitbewohner am Spittlertorgraben Heinrich Besold kennengelernt; der Verwaltungsinspektor Besold arbeitete auf dem Kriegsversehrtenamt, das Kleylein öfters aus geschäftlichen Gründen besuchte. Besold war es denn auch, der Kleylein, wie dieser selbst berichtete, als erster auf das angebliche Verhältnis zwischen Katzenberger und Irene aufmerksam machte. Erst würden sie sich durch »Geheimzeichen im Hof gegenseitig verständigen«, giftete der Beamte, dann tauche Katzenberger häufig in Irenes Wohnung auf.

Zu diesem Zeitpunkt bedurfte es jedoch kaum mehr spezieller Instruktionen, um über das Geschwätz im Haus informiert zu sein. Denn längst wurde im ganzen Viertel, vom Plärrer bis zur Praterstraße, von der Fürther Straße bis zum Färbertor, die Frage erörtert, was der Jude und das Mädchen wohl miteinander trieben. Da tratschten die Hausfrauen schon frühmorgens im Milchgeschäft in der Dennerstraße, der Kaufmann sei mit Irene auf der Straße gesehen worden. »Denken Sie sich, der Jude hat jetzt dem Judenmensch einen Blumenstrauß geschenkt«, ließ sich die Zigarettenfrau bedeutungsschwer vernehmen.

Die Inhaberin des Tabakwarengeschäfts am Plärrer, Babette Gilger, mit der Katzenberger immer mal plauderte, wenn er seine Zigarren kaufte, konnte noch mit einem weiteren »Beweis« für die vermeintliche Liebschaft aufwarten: Der Kaufmann besorge stets dieselbe Zigarettenmarke wie die Fotografin, berichtete die Gilger später bei der Polizei, »wenn sie die Marke wechselt, tut er es auch«. Und auch auf der Kriegsversehrtenstelle, die der Prothesenbauer Kleylein häufig besuchte, um neue Arbeitsaufträge zu ergattern, fragten ihn die Bediensteten jetzt: »Geht denn der Katzenberger noch immer zu der Scheffler?« Kleylein hatte sich schnell in die Szenerie am Spittlertorgraben eingefunden: »Das pfeifen doch die Spatzen von den Dächern«, antwortete er den Beamten, daß zwischen den beiden etwas sei.

Um diese Zeit, 1938, hatten sich am Spittlertorgraben die Mieter längst in zwei Lager dividiert. Die jüdische Familie Weglein im ersten Stock lebte mehr und mehr zurückgezogen von den Nachbarn. Walter Weglein, damals ein Bub von acht Jahren, kann sich an gar keine Bewohner im Haus mehr erinnern. Nur Irene ist ihm im Gedächtnis geblieben, die der Junge zuweilen im Atelier besuchte: »eine sehr freundliche, schöne Frau« - und der Chauffeur Fabro, der den Knirps manchmal auf seinem Motorrad spazieren- fuhr.

Das Verhältnis zwischen Irene und Katzenberger hatte sich auch ein wenig gewandelt. Zwar kam der alte Herr noch öfter vorbei im Atelier, trank einen Kaffee und rauchte eine Zigarette bei ihr, auch durch die Rosenau sah man die zwei noch manchmal flanieren. Ihr fröhlicher Flirt jedoch, der selbst Leo Katzenbergers Brüder eine Zeitlang irritiert hatte, war verflogen. Dann traf Irene den Mann ihres Herzens. Hans Seiler war ein fescher Charmeur mit dunkelblondem Haar, von Beruf Autoverkäufer. Im Hause stellte Irene den jungen Mann als ihren Verlobten vor. Fortan logierte jedoch nicht allein der fesche Autoverkäufer bei ihr im Fotoatelier, sein Zwillingsbruder Josef Seiler, der dem Autovertreter täuschend ähnlich sah, zog für einige Monate mit ein. Die muntere Wohngemeinschaft im Parterre links mußte befremdlich wirken in der verklemmten Mietgemeinde, die Fotografin war ja noch nicht verheiratet. So bot sich wieder mal ein Anlaß, über Irenes Leichtlebigkeit zu tratschen. Katzenberger gefiel die Dreierkommune wohl ebenfalls nicht, und er ließ sich jetzt seltener bei Irene blicken. »Bräutigam und Schwager waren häufige Gäste«, beschrieb er später die Situation, »so daß wir sehr wenig oft zusammenkamen, jedenfalls nicht allein.«

Nach dem tödlichen Attentat auf den Legationsrat der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, sah der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels 1938 die Gelegenheit, ohne viel außenpolitischen Schaden die Gangart gegenüber den Juden zu verschärfen. In ganz Deutschland wurden in jenen Nächten um den 9. November die Gotteshäuser der jüdischen Gläubigen angezündet, Nazi-Randalierer zerstörten ihre Geschäfte und Wohnungen. In Nürnberg brannte die Synagoge an der Essenweinstraße lichterloh. Es wurden mindestens neun Menschen ermordet, weitere zwölf begingen Selbstmord, oder es wurde bei ihnen ein Suizid attestiert. Den Tag nach der »Kristallnacht« bot die Nürnberger Altstadt das Bild eines Trümmerfeldes. Bei nahezu allen noch in Besitz von Juden befindlichen Geschäften in den großen Einkaufsmeilen der Königstraße, der Karolinenstraße und der Breiten Gasse waren die Fensterscheiben eingeschlagen, das Mobiliar zerbrochen, die Waren zerstört oder geplündert. Auch in den Schuhläden der Katzenberger-Kette richteten die SA-Horden schwerste Verwüstungen an.

Auf dem Hof des Schuhhandelskontors am Spittlertorgraben war in jenen Tagen ein NS-Auto vorgefahren. Zu diesem Zeitpunkt saß Leo Katzenberger im Frankfurter Untersuchungsgefängnis, man warf ihm ein Devisenvergehen vor, an dem er freilich, wie sich später herausstellte, gänzlich unbeteiligt war. So wurden nur seine Brüder Max und David abgeholt und zum Büro der »Deutschen Arbeitsfront« (DAF) gebracht. Welche Prozeduren die beiden dort durchmachen mußten, läßt sich nicht mehr ermitteln. Es gab diverse Foltermethoden im Keller. Aktenkundig ist jedoch, daß ihnen am Donnerstag, dem 17. November, zwei umfangreiche Verkaufsangebote zur Unterschrift vorgelegt wurden. In dem einen Vertrag ging es um den Verkauf der Villa an der Praterstraße. Das Haus, für welches die Katzenbergers einst 115 000 Reichsmark gezahlt hatten, sollte nun für 45 730 RM an einen noch »vom Beauftragten der Gauleitung Franken der NSDAP zu benennenden Bewerber« veräußert werden. Der zweite Vertrag betraf das Anwesen am Spittlertorgraben, das für 65 234 Mark und 55 Pfennig wegging. Im Jahr 1919 hatten die Gebrüder Katzenberger für das Mietshaus samt Seitengebäude und Hinterhaus in guter Innenstadtlage 185 000 RM bezahlt. Doch Max und David blieb nichts anderes übrig, sie unterschrieben.

Leo Katzenberger und seine Brüder hatten nun praktisch ihre ganzen Finanzmittel verloren. Auf das wenige Geld, das ihnen aus den Hausverkäufen zustehen sollte, bekamen sie keinen Zugriff. Denn was überhaupt an Überweisungen zu ihren Gunsten getätigt wurde, landete auf einem speziellen Sperrkonto. Nach den November-Krawallen forderte der Generalfeldmarschall Hermann Göring überdies eine »Sühneleistung der Juden«, die insgesamt eine Milliarde RM betragen sollte. Dazu mußte jeder jüdische Bewohner, in vier Raten, zwanzig Prozent seines Vermögens beisteuern. Von den Gebrüdern Katzenberger hatte jeder zwischen 10 000 und 20 000 Reichsmark zu zahlen, ihre erste Rate war am 15. Dezember 1938 fällig.

Auch seinen fröhlichen Flirt mit der hübschen Fotografin Scheffler sah Leo Katzenberger jetzt in anderem Licht. Mittlerweile schien selbst ihm die Atmosphäre »zwischen Ariern und Juden sehr verschärft«, wie er später in seiner Vernehmung berichtete. Und so hielt Katzenberger, als er Irene Anfang Dezember 1938 besuchte, der Fotografin eine kleine Verhaltenspredigt. Es sei nun zu gefährlich, weiter in solch freundschaftlicher Nähe miteinander umzugehen, machte er der jungen Dame klar. Deshalb werde er sich künftig etwas zurückziehen und sie nicht mehr besuchen. »Du hast jetzt deinen Bräutigam«, fügte der alte Herr ganz väterlich hinzu, »der kann dir mit Rat und Tat beistehen.«

Es war eine Art Abschiedsbesuch, aber nicht der letzte.

Gegen Ende des Jahres 1938 fuhr der Autoverkäufer Hans Seiler mit seiner Verlobten, der Fotografin Irene Scheffler, im eigenen Wagen am Spittlertorgraben vor. Ganz einfach war es nicht gewesen, das Auto zu besorgen. Erst sah es so aus, als würden noch 500 RM fehlen. Irene, die ihr Herz auf der Zunge trug, hatte das beiläufig der Nachbarin Betty Kleylein erzählt. Aber dann gelang es dem flotten Seiler doch noch, einen Wagen zu erstehen - schließlich kannte er sich aus auf diesem Gebiet. Mag sein, daß er einen Vorschuß bekommen hatte von seinem Arbeitgeber, wahrscheinlicher aber ist, daß er das Auto billig erstand durch eine jener günstigen Gelegenheiten, die sich neuerdings auftaten. Betty Kleylein aber verficht ihre eigene Theorie, wo das Geld hergekommen sein könnte: »Ich glaube, daß es Katzenberger ihr gegeben hat«, sagte sie später bei der Polizei.

Günstige Gelegenheiten, an Autos, Hausrat oder auch Schmuckstücke heranzukommen, gab es nun viele. Seit der »Reichskristallnacht« war in Nürnberg jeden Tag Ausverkauf. Und während sich die Parteibonzen auf dem Haus- und Grundstücksmarkt bedienten, griffen viele Bürger bei den etwas handlicheren Schnäppchen zu: Schränke, Stühle und Teppiche wechselten den Besitzer, Pelzmäntel und Brillant-Colliers. Viele Juden waren mittlerweile finanziell so schlecht gestellt, daß sie nur durch den Verkauf von Hausrat ihre Rechnungen begleichen konnten, »arische« Kaufinteressenten nutzten das schamlos aus. Die »Raff- und Hamsterkäufe« in der Bevölkerung nahmen derart überhand, daß sich sogar die Gauleitung daran störte.

Nach einer Verordnung vom 21. Februar 1939 wurden die jüdischen Bewohner aufgefordert, all ihren Schmuck, die Silberleuchter und Bestecke zum Nürnberger Pfandleihhaus zu bringen. Ein schönes altes Speicherhaus, mitten in der Altstadt am Unschlittplatz gelegen, beherbergte das »Leihamt der Stadt der Reichsparteitage«, wie es sich jetzt nannte. Im Frühjahr 1939 sah man häufiger eine größere Menschenansammlung vor dem Portal des Hauses warten, Leute mit großen Taschen, Koffern und Leiterwägelchen strömten herbei. Am 27. März des Jahres reihte sich auch Leo Katzenberger in die Schlange ein. Sorgfältig notierten die Beamten vom Pfandleihhaus, was er an Gold- und Silberteilen aus seinen Taschen holte: Da war ein zwölfteiliges Fischbesteck dabei, zwei Salzfäßchen mit Löffel und eine fünfteilige Toilettengarnitur aus Silber, zwei Leuchter, Schalen, Silberbecher und ein Brotkorb, ein Brillantring und eine Perlenkette, schließlich eine goldene Armbanduhr von seiner Frau Claire sowie Leo Katzenbergers schöne Taschenuhr mit der Kette. Insgesamt 103 Teile lieferte der Kaufmann an diesem Märztag ab, die Sachen verschwanden auf Nimmerwiedersehen.

Immer mehr Familien entschlossen sich nun zur Auswanderung, unter immer größeren Schwierigkeiten. Anfang 1939 zählte die Kultusgemeinde in Nürnberg etwa 3800 Mitglieder, von einstmals mehr als 10 000 im Jahr 1930, bei Kriegsbeginn im Herbst 1939 waren es nur noch 2700 Menschen. Auch Leo Katzenberger, der fränkische Jude, war seit der »Kristallnacht« zur Auswanderung entschlossen. Noch im November 1938 bat er seinen Schwiegersohn in Jerusalem, »alles aufzubieten, um uns so schnell wie möglich zu Euch herüber zu bekommen«. Wenig später fuhr er nach Berlin, um beim Palästinaamt vorzusprechen. Zunächst sahen die Chancen nicht schlecht aus. Katzenberger kannte die führenden Männer der zionistischen Bewegung. Ein Verwandter in Palästina hinterlegte 1000 Pfund als Bürgschaft, Katzenberger besorgte bereits Schiffskarten. Aber dann reisten anscheinend andere mit den vorhandenen Zertifikaten nach Palästina. Nürnberg war eben weit weg von Berlin, wo die begehrten Dokumente verteilt wurden. »Meine Beziehungen versagen«, schrieb der Kaufmann enttäuscht nach Jerusalem.

Auch der Vorsitzende der Nürnberger Kultusgemeinde, Ludwig Rosenzweig, emigrierte in jenen Tagen, Katzenberger wurde zu seinem Nachfolger bestimmt und stürzte sich in die Arbeit. Indes hatte sich der Kontakt zu Irene längst gelockert. Der Kaufmann kam zwar noch ein paarmal in die Wohnung, aber nur zur Abfassung der Steuererklärung, mit welcher die Eheleute Seiler nicht zu Rande kamen.

Es war Kleylein, der den entscheidenden Schritt tat und den Haustratsch über das vermeintliche Verhältnis auf eine neue, gefährliche Stufe hob: indem er die Partei informierte. Nach einer alten Abschrift der Vernehmungsprotokolle hat sich der Sanitätshändler irgendwann im späten Herbst 1939 an den Blockwart Klein gewandt und »diesen von den Beziehungen zwischen dem Katzenberger und der Seiler unterrichtet«. Daraufhin informierte der NS-Funktionär seinen nächsthöheren Gesprächspartner in der Partei, und es wurde »eine Beschwerde der zuständigen Ortsgruppe eingereicht«. Der Nürnberger NS-Chef Georg Haberkern ermahnte die Parteigenossin Seiler und bedeutete ihr, sie dürfe Katzenberger »nicht mehr treffen und nicht mehr mit ihm sprechen«. Irene traf sich daraufhin noch einmal mit Katzenberger, zum Abschied gab sie dem alten Herrn einen Kuß.

Sirenen heulten, überall auf den Straßen eilten die Menschen irgendeinem Kellergewölbe zu - es war der erste Fliegeralarm in Nürnberg. Auch in dem Haus am Spittlertorgraben kletterten die Bewohner an diesem 16. August 1940 zum Luftschutzkeller hinab. Nur die Mäsels trafen ein wenig später ein, sie kamen aus dem Theater. Irene trug »ein dickes Hakenkreuz« auf der Brust, wie Kleylein später behauptete.

Plötzlich schreckten die Hausbewohner zusammen, als ein dumpfer Schlag in dem Gewölbe ertönte. Etwas war umgefallen, und Irene, die einen ziemlich nervösen Eindruck machte, herrschte prompt einen Nachbarn an, er solle sich nicht so tölpelhaft benehmen. Daraufhin platzte dem Hausbewohner Östreicher aus dem dritten Stock der Kragen: »Du Judenmensch, dir helf'' ich noch«, schrie der Vertreter die Fotografin an. Irene schwieg erschrocken, und auch die anderen blieben mucksmäuschenstill - endlich hatte mal jemand offen ausgesprochen, was alle seit langem hinter vorgehaltener Hand tratschten.

Am Tag nach dem Vorfall traf Irene zufällig Katzenberger auf der Straße vor dem Ludwigstor, Hausbewohner vom Spittlertorgraben beobachteten, wie sie dem alten Herrn gestenreich etwas erklärte, offenbar die Geschichte aus dem Luftschutzkeller. Sie hatte bis dahin keine Notiz genommen von dem Gerede der Nachbarn, ja sie lebte sogar in der Annahme, ein gutnachbarschaftliches Verhältnis zu pflegen. Jetzt wurde Irene plötzlich klar, »daß die Hausbewohner böse zu mir sind«, wie sie sich noch viele Jahre später in einer naiven Kindersprache ausdrückte.

Zu jener Zeit hatte sich die Hausgemeinschaft am Spittlertorgraben längst zur Spitzelgemeinde gewandelt. Angst und Gehässigkeit trieben die Bewohner um, öffentliche Hetzkampagnen und plumpeste Aufforderungen zur Denunziation zeitigten Wirkung. So wunderte es wohl niemanden in dem Mietshaus, als bald nach dem Auftritt im Luftschutzkeller wieder der Blockleiter Klein erschien. Kleylein lud ihn in seine Wohnung ein und erzählte ihm von dem Vorfall, »aber der wußte ja schon mehr als ich«, redete sich der Prothesenbauer später heraus. Auch bei einigen anderen Mietern klingelte der Blockleiter an, erkundigte sich nach Irene und fragte dies und das. Es braute sich etwas zusammen, alle ahnten das in dem Mietshaus am Spittlertorgraben - nur die Fotografin schien nichts davon zu bemerken.

Vielleicht nahm sie nicht wahr, was um sie herum geschah, weil sie soviel zu tun hatte. Ihr Fotogeschäft lief jetzt besser denn je, und das lag vor allem am Krieg. »Die Leute haben Bilder an die Front geschickt, es wurden auch Reproduktionen von Bildern Gefallener gemacht«, berichtete sie später: »Im Krieg läuft jeder Fotoladen gut.«

Warum ihr Geschäft so gut ging, hatte jedoch noch andere Gründe. Seit einiger Zeit waren jüdische Bürger verpflichtet worden, spezielle Kennkarten bei sich zu führen, welche sie bei allen möglichen Gelegenheiten auf Ämtern oder in Geschäften vorlegen mußten - selbst beim Einkauf von Briefmarken. Auf der sogenannten Kennkarte J klebte links ein Foto der jeweiligen Person, rechts war ein Fingerabdruck abgebildet, darunter standen die Personalien. Für das Dokument benötigten die betroffenen Juden neue Paßbilder. Irenes Laden entwickelte sich bald zu einer Art Geheimtip unter der jüdischen Bewohnerschaft, und sie lichtete auch in späterer Zeit viele jüdische Kunden ab, etwa als der gelbe Stern eingeführt wurde, den sich fortan alle Juden an die Jacke nähen mußten. Doch wenn die jüdische Kundschaft durchgeschleust war, standen ganz andere Klienten vor der Tür des Ateliers: SS-Leute, die in einer nahe gelegenen Kaserne stationiert waren. Die Fotografin hatte keine Berührungsängste, sie fertigte alle ab.

Katzenberger sah Irene in dieser Zeit nur noch selten. Einmal im Herbst 1940 traf sie den alten Herrn auf der Dennerstraße, als ihr Mann auf Heimaturlaub war. Der alternde Gentleman, trotz aller Not wie stets in einen dunklen Anzug mit Weste gekleidet, mochte es sich nicht nehmen lassen, das junge Glück mit einem Blumenstrauß zu erfreuen. Und wiederum verfolgten mißgünstige Augen die Szene.

Andernorts in Nürnberg gab es damals vielleicht noch stille Plätze, wo sich Juden und Nichtjuden verabreden konnten. In dem Mietshaus am Spittlertorgraben waren solche heimlichen Treffs hingegen unmöglich, die aufmerksamen Nachbarn, Hitlers willige Helfer im Häuserblock, hatten alles im Blick. Aber auch in der Pfannenschmiedsgasse, wo die Fotografin seit Anfang 1940 eine Wohnung hatte, die gleich neben dem NSDAP-Ortsgruppenbüro lag, konnte sich Katzenberger zu jener Zeit nicht unentdeckt blicken lassen: Es war vermutlich ein Besuch in dieser Wohnung, der ihm letztendlich zum Verhängnis wurde.

Anfang 1941 weilte Irenes Vater Oskar Scheffler in der Stadt. Der pensionierte Rechnungsrat lud den Kaufmann ein, ihn in Irenes Wohnung in der Pfannenschmiedsgasse zu besuchen. Gegen Abend kam Irene heim, und auch ihr Ehemann stieß hinzu. Der Soldat war zu jener Zeit nicht an der Front, sondern in einer Nürnberger Kaserne stationiert und durfte zu Hause übernachten. Irene begrüßte Katzenberger nur flüchtig, der alte Kaufmann verabschiedete sich auch bald, er wollte noch vor acht Uhr abends zu Hause sein. Kurze Zeit später, am 18. März 1941, wurde Katzenberger verhaftet. Das Polizeifoto zeigt den Kaufmann elegant wie immer: Im schwarzen Nadelstreifenanzug mit Schlips und Weste, den Hut ein wenig ins Gesicht gezogen, schaut er mit großem Ernst sein Gegenüber an - es ist die letzte Aufnahme, die von ihm überliefert ist.

In dem Mietshaus am Spittlertorgraben wurden nun die Bewohner verhört. Da zeigte die Vertretersgattin Östreicher, die sich stets an dem bösen Gewäsch über Katzenberger und Irene beteiligt hatte, unverhofft Größe: Sie behauptete, nichts Genaues über das Verhältnis zu wissen, und verwies auf die Kleyleins im Parterre. Später sollte Frau Östreicher dann doch noch ein wenig über die angeblichen Intimitäten zwischen dem Juden und dem Mädchen plaudern.

Betty Kleylein hatte gehört, daß die Vertretersgattin »ihre Gosch''n hielt«, wie sie sich auszudrücken pflegte. Deshalb marschierte die streitbare Hausfrau zur Polizeiwache, um die Nachbarin anzuschwärzen: Die Östreicher habe bloß hinterm Berg gehalten mit ihrem Wissen, weil sie von Katzenberger nach der »Kristallnacht« 1938 eine Zimmereinrichtung gekauft habe, petzte die Kleylein.

Heilmann wie auch Mäsel tischten die uralte Geschichte mit den Schuhkartons auf, die Irene damals, als der Schuhgroßhandel noch existierte, ab und zu über den Hof getragen hatte: Das sei bestimmt nur »Tarnung« für irgendwelche Sex-Handlungen gewesen, behaupteten sie jetzt unisono. Die Zigarettenfrau Gilger zeigte sich ebenfalls kooperativ. Einzig der Chauffeur Fabro und die Blumenfrau Rosa Haselbacher schwiegen. Wenn sie gewollt hätte, wäre der Blumenverkäuferin aus der Dennerstraße sicherlich genausoviel zu erzählen eingefallen wie der Tabakhändlerin Gilger vom Plärrer. Doch Rosa Haselbacher erklärte, sie könne »keine näheren Angaben machen« - auch das war möglich.

Die Eheleute aus dem Haus am Spittlertorgraben im Parterre rechts hingegen, Paul Kleylein und seine Frau Betty, sagten umfangreich aus bei der Polizei. Einmal, berichtete der Prothesenbauer, habe er Katzenberger direkt aus Irenes Wohnung kommen sehen, »der ist erschrocken und hat sich schnell entfernt«.

Wenige Minuten nach seiner Vernehmung bekam der Orthopädietechniker Kleylein allerdings selbst einen Riesenschrecken. Kleylein trat gerade aus dem wuchtigen Portal des Polizeipräsidiums, als er Irene die Ludwigstraße entlangkommen sah. »Allmächtiger«, durchfuhr es ihn, »die Frau denkt jetzt bestimmt, ich habe sie denunziert.«

Der Landgerichtsdirektor Oswald Rothaug hatte das Verfahren an sich gezogen, ein Mann, den sie in dem Nürnberger Nazi-Lokal »Blaue Traube« nur den »Scharfrichter« nannten. Schon seit einigen Wochen hielt er in der Strafsache Katzenberger unerkannt die Fäden in der Hand: Er war bereits dabei, eine komplizierte juristische Intrige zu spinnen, die bald auch Irene auf die Anklagebank bringen sollte. Wenn Rothaug einmal einen Fall in die Hand bekam, berichtete der Nürnberger Staatsanwalt Hermann Markl später, behandelte er ihn, »wie ein Hund mit einem Knochen umgeht«.

Rothaug, 44 Jahre alt, war Vorsitzender des Sondergerichts. Dort wurden mittlerweile vornehmlich Delikte nach der »Volksschädlingsverordnung« angeklagt, die nichts anderes als eine Art Kriegsrecht darstellte. Danach galten auch für harmlose Vergehen gleich drastische Strafen bis hin zur Todesstrafe, wenn sie unter Ausnutzung kriegsbedingter Umstände begangen worden waren. So konnte ein Dieb, der am Abend ein Hühnchen stahl, zum Tode verurteilt werden, weil er nach juristischer Lesart die Pflicht zur Verdunkelung für seine Tat ausgenutzt hatte. In der Ermittlungssache Leo Katzenberger nahm der Landgerichtsdirektor Rothaug aus der Lektüre einiger Vernehmungen an, daß die »rassenschänderische« Tat sicherlich auch gegen Abend, also im Dunkeln, begangen worden sei: Der Richter betrachtete den Kaufmann daher als potentiellen »Volksschädling«.

Es war Freitag, der 13. März 1942, als der Prozeß begann. Mit schnarrend lauter Stimme eröffnete der Vorsitzende Rothaug die Verhandlung. Fast verschwand die aufgeregt gestikulierende Person hinter dem Richtertisch droben auf der Empore. Der Richter verlas zunächst die Namen der Angeklagten, dabei spulte er genüßlich eine Litanei von jüdischen Vornamen ab. Als Katzenbergers Verteidiger Richard Herz höflich einwandte, daß der eine oder andere Name gar nicht stimme, schrie Rothaug unbeherrscht von seiner Richterkanzel herab: »Es ist doch egal, wie der Mann heißt.« Dann übergoß der Richter Irene mit einer giftigen Wortflut, ihre »Vernehmung« hatte begonnen.

Den NS-Richter störte anscheinend noch immer die standhafte Weigerung Irenes, eine Sex-Affäre mit dem alten Kaufmann einzugestehen, auch wenn er ihre Aussage längst durch eine Meineidklage gegen sie »neutralisiert« hatte. Doch Irene blieb stur. »Ich kann doch nichts bestätigen, was sich nicht zugetragen hat«, gab sie im Gerichtssaal trotzig zu bedenken. Daraufhin zerriß es das Männlein droben auf der Empore fast vor Wut: »Jawohl, Sie können auch lügen!« brüllte er die junge Frau an.

Während des Verhörs hatte Rothaug auch Allgemeines über ihr Liebesleben wissen wollen. Er fragte, ob sie vor der Ehe bereits mit ihrem Mann zusammenlebte, und er erkundigte sich, ob sie nicht früher schon andere »Herrenbekanntschaften« gepflegt habe. Irene bejahte dies ohne Arg. Indes horchten die beiden Richterkollegen auf, die rechts und links von Rothaug thronten. Der Beisitzer Heinz Hugo Hoffmann beobachtete die hübsche Angeklagte und mutmaßte, sie sei wohl »ein etwas leichtes Mädchen«. Sein Kollege Karl Ferber, der als Berichterstatter in dem Verfahren fungierte, prüfte im Nebenberuf für das Rassenpolitische Amt der NSDAP die Abstammungsurkunden von Heiratswilligen - deshalb meinte er sich auszukennen mit den Menschen. Das flatterhafte, quirlige Wesen dort vor dem Richtertisch schien ihm den »Typus einer Bardame« zu verkörpern.

Bis zu dem Prozeß gegen Katzenberger war im Deutschen Reich noch kein einziger »Rassenschänder« nur wegen dieses Delikts zum Tode verurteilt worden, obgleich DER STÜRMER schon häufiger die Todesstrafe verlangt hatte. Die Bestimmungen des »Blutschutzgesetzes« sahen nur Gefängnis- oder Zuchthausstrafen bis 15 Jahren vor. Als sogenannter Volksschädling aber, der die abendliche Verdunkelung für seine schändliche Tat genutzt hatte, war Katzenberger schon so gut wie tot. Darauf arbeitete Rothaug genau hin. Schon zu Beginn des Prozesses bemerkte er in einer Verhandlungspause zu seinen Kollegen: »Mir genügt es, daß das Judenschwein zugibt, ein deutsches Mädchen auf dem Schoß gehabt zu haben.« So stand der Ausgang des Prozesses längst fest, als die Verteidiger mit ihren Plädoyers begannen.

Einzig Katzenberger kämpfte bis zum letzten Moment. Er hatte sich im Gefängnis eine Rede vorbereitet, welche im Büro seines Verteidigers noch einmal abgeschrieben worden war. Jetzt lag das eng betippte Papier, das bis heute erhalten geblieben ist, vor ihm auf dem Tisch. »Ich bin unschuldig«, ließ er den Richter wissen, »und ich bitte um Freispruch.« Dann wandte sich Katzenberger dem Richter Rothaug zu. »Sie haben mich die ganze Zeit über als Juden gebrandmarkt«, sagte er in etwas leiserem Ton, »ich möchte darauf hinweisen, daß ich auch ein Mensch bin.« Katzenberger wollte noch ein Wort von Friedrich dem Großen zitieren, doch Rothaug fiel ihm ins Wort. Den Namen des Preußenkönigs lasse er nicht »von einem Juden besudeln«. Der Satz, den der jüdische Kaufmann zitieren wollte und nicht durfte, aber lautete: »Nur die Gerechtigkeit erhöht ein Volk.«

Die anschließende Beratungspause des Gerichts war äußerst kurz. »Im vorliegenden Fall gab es ja nichts zu beraten«, fand Ferber. Er war mit Rothaug der Ansicht, daß nur die Todesstrafe in Betracht kam. Und er fühlte sich nachgerade als Wohltäter, denn angesichts der anlaufenden Deportationen von jüdischen Bewohnern, erläuterte Ferber später, habe doch die Todesstrafe für Katzenberger »die einzige rechtsstaatliche Hilfe gegenüber der Willkür der SS« dargestellt. Ähnlich absurd waren die Gedankengänge des Beisitzers Hoffmann, der später gestand, eine Erleichterung empfunden zu haben, »daß Katzenberger als Jude sowieso ein toter Mann war«. Der Kaufmann wurde zum Tode verurteilt, Irene bekam zwei Jahre Zuchthaus wegen Meineids.

Adolf Hitler saß fern von Nürnberg, im Masurenland. Sein Hauptquartier hatte er in der Wolfschanze aufgeschlagen, einem Bunkerkomplex, der vor dem Beginn des Rußlandfeldzuges gebaut worden war. Umgeben von Sümpfen, lag die Siedlung mitten im Stadtwald des masurischen Städtchens Rastenburg, dem heutigen Ketrzyn im nordöstlichen Polen. Fünf Meter dicke Betonwände schotteten Hitler vom Rest der Welt ab, und sein Hauptaugenmerk galt den Frontberichten, die nichts Gutes aus dem verschneiten Rußland verhießen.

Die Nachricht aus Nürnberg erregte jedoch sein Interesse. Unter der Überschrift »Rassenschänder zum Tode verurteilt« berichtete die BERLINER ILLUSTRIRTE am 18. März 1942 über den Nürnberger Prozeß gegen Leo Katzenberger und Irene Seiler. Die Meldung mißfiel dem »Führer«. Denn was in Nürnberg geschehen war, schien einer ausdrücklichen Anweisung des Reichskanzlers zu widersprechen. Hitler hatte bei der Formulierung des »Blutschutzgesetzes«, nach dem der sexuelle Verkehr zwischen Juden und »Ariern« verboten war, stets darauf gedrungen, daß Frauen möglichst straffrei bleiben sollten, wenn »Rassenschänder« verurteilt wurden. Entsprechend war in der einschlägigen Bestimmung, die am 15. September 1935 verabschiedet wurde, bei der Frage des Strafmaßes auch nur von Männern die Rede, nicht von Frauen. Die Entscheidung, bei Frauen von der Strafverfolgung abzusehen, hatte zum einen mit Hitlers verschrobenen Sexualvorstellungen zu tun. Er war der Ansicht, daß im Geschlechtsleben nur der Mann den aktiven Part spiele, die Frau hingegen lediglich das unschuldige Objekt der männlichen Begierde sei. Zugleich gab es einen praktischen Effekt: Frauen, die keine Strafe zu befürchten hatten, erzählten auch eher etwas.

Im Fall der Nürnberger Fotografin hegte der »Führer« nun Zweifel, ob die der Fotografin auferlegte Strafe von zwei Jahren Zuchthaus Rechtens sei. Deshalb befahl er seinem Adjutanten, auf schnellstem Wege das Urteil zu besorgen. Bald liefen die Verwaltungen in Berlin, Nürnberg und im Führerhauptquartier Wolfschanze auf Hochtouren. Im Nachtzug mußte ein Nürnberger Oberstaatsanwalt mit dem Urteil nach Berlin eilen, der Beamte rasierte sich morgens auf der Bahnhofstoilette. Dann trug Reichskanzleichef Hans Heinrich Lammers den Urteilstenor Hitler in der Wolfschanze vor und stellte erleichtert fest, daß dessen Zorn offenbar der Annahme galt, auch Irene Seiler sei wegen Rassenschande verurteilt worden. Das war leicht auszuräumen. Lammers erkärte, daß es sich um ein Urteil wegen Meineids handele. »Dem Führer genügte dies«, notierte sich der Kanzleichef hernach.

Leo Katzenberger saß unterdessen im Gefängnis München-Stadelheim. Einige Tage nach der Verurteilung, am 20. März 1942, war er dorthin überführt worden. Katzenberger bekam einen Raum im Parterre des Gefängnisses, mit Fenster zum Hof. Zunächst hatte die Gefängnisleitung dem Kaufmann nicht mal seine Halbschuhe mit den Einlagen für seine Plattfüße ausgehändigt und auch nicht die Taschentücher mit den eingestickten Buchstaben »LK«. Die brauchte Katzenberger, wie er in einem Antrag an die Gefängnisleitung andeutete, um einen provisorischen Verband um seine Hühneraugen zu wickeln, die anscheinend starke Schmerzen verursachten.

Taschentücher und Schuheinlagen bekam Katzenberger immerhin nach einer Woche ausgehändigt. Ein Gesuch des frommen Juden, ihm seine mitgebrachte Bibel herauszugeben, wurde hingegen ohne Begründung abgelehnt. Katzenberger schrieb mehrere Briefe an seine Frau, ob jedoch auch nur eines dieser Schreiben die Adressatin erreichte, ist ungewiß: Claire Katzenberger war am 24. März 1942 zusammen mit Leos Bruder Max und dessen Frau nach Polen deportiert worden zu einem Ort in der Nähe von Lublin, der sich Izbica nannte. »Keine Nachricht von meiner lieben Frau und anderen?« fragte Leo Katzenberger in einem Brief vom 14. April bei seinem Verteidiger an. Das Sterbedatum von Claire Katzenberger ist bis heute unbekannt.

Am Dienstag, dem 2. Juni 1942, abends gegen 18 Uhr öffnete im Gefängnis München-Stadelheim ein Wärter die schwere Eisentür von Katzenbergers Zelle. Ein Abgesandter der Gefängnisleitung teilte dem alten Herrn mit, sein Todesurteil werde am nächsten Morgen vollstreckt. Katzenberger schrieb drei Briefe an diesem Abend. Einer ging an einen alten Geschäftsfreund in München, ein weiterer zu seinem Bruder David nach Nürnberg. Der dritte Brief war ein Rot-Kreuz-Telegramm, wie es damals für Nachrichten ins Ausland geläufig war. Das Telegramm ging nach Palästina, wo es mehr als ein halbes Jahrhundert lang erhalten blieb, zeitweise verwahrt in einem Schuhkarton. »Innig küßt Euch«, schrieb der alte Herr an seine Töchter und die anderen Anverwandten in Palästina und nannte jeden von ihnen beim Namen, »Gott segne und behüte Euch in Liebe Vater.«

Am nächsten Morgen, kurz vor sechs Uhr, holten die Wärter Leo Katzenberger aus seiner Zelle. Wenig später wurde er mittels Fallbeil geköpft.

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Die Hausgemeinschaft am Spittlertorgraben Nr. 19 im Jahr 1938

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Die Hausgemeinschaft am Spittlertorgraben Nr. 19 im Jahr 1938

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@ 1997 SPIEGEL-Buchverlag Hoffmann und Campe, Hamburg. Dervollständige Text von Christiane Kohl erscheint unter dem Titel"Der Jude und das Mädchen. Eine verbotene Freundschaft inNazi-Deutschland« (384 Seiten; 44 Mark).* In der Nürnberger Synagoge Essenweinstraße, 1938.* Oben: fotografiert 1997; unten: Aufnahme aus dem Jahr 1900 imGefängnis München-Stadelheim.

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