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NIEDERSACHSEN Du mußt

Kasimier ging, Ravens kommt. Mit einem neuen Spitzenmann erhofft sich die SPD einen Ausweg aus der niedersächsischen Regierungskrise.
aus DER SPIEGEL 6/1976

Plötzlich schien alles ganz anders. »Die Stimmung«, so Bruno Orzykowski, SPD-Fraktionslinker im niedersächsischen Landtag, »wird besser, wir haben schon wieder ein bißchen Glitzern in den Augen.«

Was am Dienstag vergangener Woche zur Mittagszeit den 67 sozialdemokratischen Abgeordneten im hannoverschen Leineschloß nach dreizehn schwarzen Tagen wieder ein bißchen Mut machte, war, so ein Genosse. »dieser Frischling aus Bonn": Karl Ravens, 48, Bauminister im Kabinett von Helmut Schmidt und Niedersachse aus Achim bei Bremen, gekommen, »die Dinge hier in Ordnung zu bringen«.

Schlimmer konnten die Dinge nicht stehen: Helmut Kasimier, 49, zweimal geschlagenen Kandidat der Sozialliberalen für das Amt des niedersächsichen Ministerpräsidenten, vermochte die Niederlage, die ihm erst drei, dann vier Ungetreue vor knapp zwei Wochen zugefügt hatten, nicht zu verwinden. Am Ende seiner »physischen und psychischen Kräfte« bat er die SPD, ihn aus seiner »Verpflichtung zu entlassen«.

Da er. anders als die Sozialdemokraten in Bonn wie Hannover erwartet hatten, nun nicht mehr für einen dritten Versuch zur Verfügung stand. war für die Genossen ohne Frage Ravens an der Reihe -- letzte Hoffnung, den Ernst Albrecht von der CDU wieder

zu verdrängen, der zwar in geheimer Abstimmung zum niedersächsischen Regierungschef gewählt wurde, aber bis Ende letzter Woche noch immer keine Regierung vorweisen konnte, für die er in offener Abstimmung eine Mehrheit hätte bekommen müssen

Als sich Kasimier zum Verzicht durchrang, den ihm niemand abverlangt hatte, wurde Ravens, im badenwürttembergischen Säckingen auf Wahlkampf-Tour, via Zürich nach Hannover eingeflogen. Helmut Schmidt zuvor zu seinem Wohnungsbauminister, der eigentlich lieber in Bonn bleiben wollte: »Du mußt das jetzt machen, da geht kein Weg dran vorbei.« Im Schnellgang und mit Willy Brandt dabei wählten ihn in Hannover die niedersächsischen Genossen zum neuen Spitzenkandidaten.

Ursprünglich war Ravens der Meinung, dem niedersächsischen Wohl sei besser mit einem Regierungschef gedient, der sich, anders als er selber, »schon einen festen Platz« in der Landespolitik gesichert habe. Mit dieser Erklärung verzichtete er Mitte vorigen Jahres auf die Kandidatur als Kubel-Nachfolger. Aus Gesundheitsgründen verzichtete auch Sozialminister Helmut Greulich als zweiter Kandidat, und übrig blieb mit Kasimier der dritte.

Wie dieser ist auch Ravens ein Proletarierkind -- Vater war Vorarbeiter bei der Bahn -- und hat nur Volksschule. Zur Partei kam der gelernte Metallflugzeugbauer und Kfz-Handwerker, der schließlich Lehrlingsausbilder bei Borgward wurde, 1950 daheim über die Falken. Und was er immer später in Bonn wurde, zunächst Abgeordneter, dann Parlamentarischer Staatssekretär ei-st bei Lauritz Lauritzen, hernach bei Kanzler Brandt und schließlich gar Bundesminister -- sein Zuhaus, auch politisch, blieb tief im Niedersächsischen: In Stade ist er Vorsitzender des SPD-Bezirks Nord-Niedersachsen, in Verden nach wie vor Mitglied des Kreistags« und in Achim badet der »dünne Hecht«, wie man ihn dort nennt. sommers im Ellie-See, wo Baden eigentlich unerlaubt ist.

Auch sonst gilt er als Freund sauberer Verhältnisse, als SPD-Kanalarbeiter, dem »Disziplin und Solidarität« über alles gehen. Er hält es zwar für »dummes Zeug, mich zum Rechten stempeln zu wollen«, macht aber klar,

* Mit dem amtierenden Ministerpräsidenten Kubel (l.) und SPD-Chef Brandt.

daß er gewiß auch »kein Marxist. kein Ideologe, kein Linker« ist.

Disziplin und sicher ein Schuß Solidarität waren es denn wohl auch, die ihn nach Hannover eilen ließen, denn: »In einer solchen Stunde sich verweigert zu haben, dann wär« man vor sich selber nicht mehr froh.«

Ob er am Ende froh oder gleichfalls früh am Ende ist, steht dahin. Eines ist ihm eh klar: Die Niederlagen, die Kasimier erlitten hat, hätte auch der Kandidat Ravens einstecken müssen, sofern nicht, was freilich rundum als abwegig gilt, die Stimmverweigerung von vier Koalitionsabgeordneten Helmut Kasimier als Person gegolten hat. Immerhin hält Ravens es für ein Plus, »das Renommee des Bundesministers einbringen zu können

Das ist allerdings auch schon beinahe alles. Denn daß die abtrünnigen Abgeordneten insgeheim schon wieder auf SPD/FDP-Kurs zurückgefunden haben, nur weil das Ärgernis der Kreisreform erst einmal beiseite gelegt wurde, ist bloße Spekulation und wird sich erst zeigen, falls CDU-Albrecht bis Ablauf der 21-Tage-Frist am Dienstag dieser Woche, 24 Uhr, keine Mehrheit für ein Kabinett zusammenkriegt und noch einmal ein Ministerpräsident gewählt werden muß, dann mit Ravens als Kandidat in der Ehrenloge des Landtags.

Der »Niedersachse mit ganzer Kraft und großer Begeisterung« ist zuversichtlich, daß dann auch der 78. Koalitionsmann für ihn stimmt: »Der hat doch wochenlang Zeit gehabt, sich das alles zu überlegen.«

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