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»Du mußt dein Leben drum rum basteln«

SPIEGEL-Redakteur Dietmar Hawranek über die Wochenendarbeit und die Konti-Schicht bei IBM *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Peter Kammann lebt, für Stunden, in einer anderen Welt. Er betritt sie durch zwei Schleusen, zwischen denen sich der dunkelhaarige, sprotliche Typ in ein vermummtes Wesen verwandelt: Füße und Hände, der Körper und der Kopf sind eingehüllt in weiße Überkleidung. Nur Augen und Nase schauen heraus. Der Schnauzbart verschwindet hinter einem Mundschutz.

So gelangt Kammann an seinen Arbeitsplatz, der von Kunstlich diffus orange-violett beleuchtet wird. Durch Lochbleche an der Decke strömt gefilterte Luft, am Boden wird sie wieder abgesaugt. Staubpartikerl könnten das Ergebnis von Kammanns Arbeit zerstören. Er stellt Chips her, die Lebenszellen der Computer.

Diese Welt hat ihre eigenen Maße. Man rechnet in tausendstel Millimetern. Auf einem fingernagelgroßen Siliziumplättchen werden bis zu hunderttausend Schaltelemente zusammengefaßt. Ein haar von Kammann ist in dieser Mini-Welt so dick wie ein Baumstamm.

Das Leben hinter den Glasscheiben kennt keine Tag und keine Stunde. Ob draußen, vor den Werkstoren von IBM in Böblingen-Hulb, nun Mittwoch oder Sonntag ist, sieben Uhr morgens oder zwei Uhr nachts - hie drin strahlt immer das gleiche Kunstlihcht.

Kammann, fünf Jahre sohon IBMler und in der Chip-Herstellung als »Belichter« tätig, kam »ganz freiwillig« zu diesem Job. Sein Leben hat,seit er in dieser Science-fichtion-Welt arbeitet, eine völlug ungewohnten Rhythmus. In de vergangenen Woche hatte Peter Kammann am Montag und am Dienstag frei, am Mittwoch und am Donnerwtag Frühschicht (von 5,12 Uhr bis 5.24 Uhr). In dieser Woche sind wieder andere Tage, andere Schicten dran. Das wechselt ständig.

Konti-Schict nennt sich das System, weil die Fabrik kontinuierlich rung um die Uhr brummt. 400 IBMler sind seit Mitte Mai diesem Arbeitsablauf ausgesetzt. Der ständige Schictwechsel, sagen Arbeitsmediziner, sei eher zu verkraften als kontinuierlich Nachtarbeit.

Kammann meine das auch. Nur ist das Leben etwas komplizierter geworden. Er muß jetzt erst mal einen kleinen Zettel hervorholen, wenn seine Frau wissen will, ob sie nächste Woche Freitag abend gemeinsam auf eine Geburtstagsfeier gehen könne. Auf dem Papier, mehrfach gefaltet, sind seine Schichten festgehalten. Dieser Plan bestimmt alles. Klar, meint ein IBMler, »du mußt dein Leben drum rum basteln.«

Begeistert ist, soweit erkennbar, keiner der Konti-Schichtler darüber, daß er nur alle fünf Wochen mal ein komplettes Wochenende freihat.Der Hobbyangler Wolfgang Graebel, als »Multi-scale-operator« vielseitig eingesetzt, gewinnt dem noch etwas ab. Der Schichtplan sieht auch mal vier freie Tage nacheinander vor, und er kann nun unter der Woche an den See fahren, wenn der nicht ovn Ausflüglern umlagert ist.

Andere aber klagen. Familienfeiern und feste finden nun oft ohn sie statt. Wer einem Schützenverein angehört, kann kaum zu den samstäglichen Treffen kommen, wer im Fußballverein ist, kann bei den Punktspielen am Sonntag nicht mitkicken.

Das ist die Leistung für einen ordentlichen Preis. 400 bis 800 Mark im Monat, netto, verdienen die Konti-Schichtler mehr als die Kollegen. Einer will mit dem Schicht- und Wochenendbonus das Geld für eine Eigentumswohnung zusammenbekommen. Ein anderer will sicherstellen, daß die Frau daheim sich um die zweijährige Tochter kümmern kann und nicht arbeiten muß.

Wenn die vermummten, scheinbar alterslosen Gestalten bei Schichtende ihre Masken herunterziehen, kommen meist die Köpfe recht junger Männer hervor. Wer gerade über 20 ist, dem fällt es offenbar leichter, sein Leben um den Schichtplan herumzulegen.

Doch nicht alle sind so jung, manche sind so um die Vierzig, Fünfzig. Einer von denen, der seinen Namen nicht preisgeben will, schimpft. Sein Körper mache den schnellen Wechsel von Früh-, Spät- und Nachtschicht nicht mehr mit. Während der Nachtschicht kann er einfach nichts essen. »Wer das ein Jahr macht, wird fünf Jahre älter.«

Das Wochenende sei nun meist hin, nur weil die Betriebsräte »Schnullis sind« und der Konti-Schicht zugestimmt haben. Der Mann fühlt sich ausgeschlossen. Das »normale Leben«, klagt er, spiele sich am WOchenende ab, wenn er in die Fabrik muß. Ewig macht seine Frau das auch nicht mit. Die arbeitet unter der Woche, wenn er oft freihat. Am Wochenende, wenn sie zu Hause ist, fährt er zur Arbeit.

Wer den Mann fragt, warum er sich diesem Rhythmus unterwirft, obwohl doch garantiert sei, daß die Arbeit in Konti-Schicht höchst freiwillig ist, der wird über die Grenzen der Freiheit in der relaen Arbeitswelt belehrt.

Er sei, so erläutert der Mann von IBM, seit Jahren in der »Halbleiterei«

tätig. Wenn di Chips bald alle in Konti-Schicht hergestellt werden, was, bitte schöN, solle er dann machen? In einer andeen Abteilung bei gleichem Lohn als Anlernling anfangen? Und wie freiwillig sei denn die Entscheidung für einen Kollegen, der nur einen befristeten Vertrag besitzt und der eine feste Stelle haben kann, wenn er sein Leben dem Schichtplan unterordne?

Sein Chef habe ihm eindringlich klargemacht, wenn er nicht wolle, müsse er eben in die Bohrerei gehen, dorthin, wo den ganzen Tag Löcher in Leiterplatten gebohrt werden. Das sei »eine Drecksarbeit«, hat der Abteilungsleiter auch geleich dazu gesagt.

Einige, immerhin, haben sich geweigert. Erwin Fleischer ist so einer: Überzeugter Christ, die Frau betreibt eine »Christliche Bücherstube«, der Gottesdienst am Sonntag ist dem Ehepaar »was Wesentliches«. Mit ihren fünf Kindern, von denen drei werktags zur Schule gehen, wolen sie das Wochenende zusammen verbringen. Mögliche Nachteile bei IBM konnten Fleischer nicht abschrecken. Geärgert aber hat ihn, daß da offenbar die Werte durcheinandergeraten. »Haben wir die maschinen gemacht, damit sie dem Menschen dienen«, fragt er, »oder umgekehrt?«

Überflüssige Fragen sind das für jene, die im IBM-Hauptquartier in Stuttgart kalkulieren, ob sich die Chip-Herstellung in Deutschland rentiert. Sie können gute technische Argumente dafür anführen, daß die kleinen Wunderdinger kontinuierlich, also auch übers Wochenende, gefertigt werden müssen.

Die verwendeten Chemikalien reagieren so sensibel, die Maschinen so feinfühlig, daß bei produktionsstopp übers Wochenende am Montag fast nur Ausschuß rauskommt. Es dauert wohl tatsächlich acht bis zehn Stunden, bis auf dne kleinen Siliziumplättchen wieder alles stimmt. Die Gesetze der Physik und der Chemie sind unumstößlich.

Tehnisehe Gründe lassen sich aber nicht klar von den betriebswirtschaftlichen trennen. Selbstverständlich kann die Chip-Bäckerei auch am Feitag abgestellt werden. Der Ausschuß jedoch verdirbt die Kalkulation, er macht die Chips teurer. Und woanders geht es dann billiger. IBM-Töchter in Japan und in den USA produzieren die kleinen Plättchen rund um die Uhr.

In der Welt der Halbleiterfertigung, hinter den Glasscheiben, wo Staubkörner wie Handgranaten wirken, herrschen nun mal eigene Regeln. Am liebsten würden die Ingenieure ganz ohen den Produktionsfaktor Mensch arbeiten. In ihren Reinst-Räumen sind menschliche Wesen mit den feinen Partikelchen, die sie trotz Schutzkleidung durch die Schleusen hereintragen, eben, wie ein IBMler sagt, »der gößte Störfaktor«.

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