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TERRORISTEN Dublin Connectlon

Kooperieren westdeutsche Terroristen mit der IRA? Staatsschutzer sehen dafür Anhaltspunkte.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Junge Frankfurter Irland-Touristen, die es, wie sie zugeben, »nicht nur des Grüns und des schweren Guinness wegen« zur Grünen Insel zieht, kommen nicht immer zum Ziel. Am Airport in Dublin oder im Hafen von Rosslare weisen die Behörden manchen ab, dessen Namen in Interpol-Listen mit dem Kürzel »g. Ter.« (german terrorist) versehen ist.

Bei Protest fackeln die irischen Beamten nicht lange. »Wir treten dich in den Arsch und dann aus dem Land«, vernahm jüngst ein Ohrenzeuge in Rosslare. Die Behandlung widerfährt Bundesbürgern, die der Polizei zu Hause als Sympathisanten oder gar Helfer von Terroristen gelten, jedenfalls der »Beobachtenden Fahndung« (Befa) des Bundeskriminalamts (BKA) unterliegen.

Die Staatsschützer haben in jüngster Zeit eine ganze Reihe von Indizien gesammelt, die auf eine Kooperation zwischen westdeutschen Anarchos und irischen Nationalisten schließen lassen. Seit radikale Palästinenser-Organisationen und arabische Unterstützer-Staaten wie der Irak oder der Südjemen die Baader/Meinhof-Nachfolger offenbar nicht mehr oder kaum noch alimentieren, suchen zumindest Zirkel der »Revolutionären Zellen« (R7). wie das BKA-Leute sehen, in den irischen Radikalen eine »neue Anlehnungsmacht«.

Lange Zeit gab es nur lose RZ-Kontakte zur »Irisch Republikanischen Armee« (IRA), wie auch Kooperationen der »Zellen« mit der spanischen Eta oder den »Brigate Rosse« (Roten Brigaden) in Italien als erwiesen gelten. Doch »vor kurzem kam Pfiff rein in die Connection zu Dublin«, wie ein hochrangiger Fahnder neue Ermittlungserkenntnisse umschreibt:

Ein Deutscher namens Rudolf Raabe, 27, Kraftfahrer aus Elspe im Sauerland, zuletzt wohnhaft in Mainz, ging demzufolge in Dublin monatelang bei der INLA ein und aus, der »Irish National Liberation Army«; sie operiert von der Republik Irland aus gegen die »britischen Besetzer« in Belfast und unterstützt die IRA.

Die Ermittler halten Raabe für den Haupttäter jener RZ-Gruppe, die im Juni 1978 eine Bombe neben das Haus des Mainzer SPD-Bürgermeisters Karl Delorme legte und sich zu einer Reihe weiterer Sprengstoffanschläge im Rhein-Main-Gebiet bekannte. Doch erst seit kurzem ist Raabe Zielperson bei der Vorrang-Fahndung nach Terroristen. Zuvor war er lediglich zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben, es gab noch keinen Haftbefehl.

So ließen ihn die irischen Sicherheitsbehörden kürzlich nach 24stündiger Festnahme wieder laufen, weil sich -- so die offizielle BKA-Version -- in diesem Zeitraum »seine Identität nicht klären ließ«. In Wahrheit ist Raabes Entkommen eine bislang vertuschte Fahndungspanne, über die Wiesbadener Ermittler »den Mantel des Schweigens breiten möchten«.

Raabe und ein Genosse -- sie nannten sich »Mohoul« und »Gouger« -- sollen sich mindestens vier Monate in Dublin aufgehalten und dort auch Kontakt zu anderen Deutschen unterhalten haben, die laut BKA »dem Fahndungsdruck in der Bundesrepublik zu entgehen« trachten. Deutsche RZ-ler genossen offenbar Gastfreundschaft, wie sie zuvor auch IRA-Leuten in der Bundesrepublik, zum Beispiel bei einer »Roten Hilfe«-Gruppe in Wiesbaden zuteil geworden war.

Am Fuße des Wiesbadener Geisbergs, der von den Betonburgen des BKA gekrönt wird, hatten Verfassungsschützer letzthin Treffs zwischen Deutschen und Iren observiert: »Da gab es regelrechte Strategiekonferenzen.« Bereits im Herbst letzten Jahres, als die Polizei in der Dotzheimer Straße zu Wiesbaden ein Waffenlager der RZ entdeckte, das sich laut Bundesanwaltschaft als »wesentlicher Bestandteil der Logistik dieser Terror-Organisationen« erwies, deuteten Asservate auf IRA-Bezüge hin.

Deutsche mit IRA-Verbindungen wurden als Helfer ausgemacht, wenn, wie im Juli wieder in Dortmund, Sprengkörper in Offiziersklubs der britischen Rhein-Armee hochgingen. Als Stuttgarter Landesfahnder im vergangenen Sommer eine fünfköpfige RZ-Gruppe aushoben, die im Heidelberger Schloß gezündelt hatte, lief ihnen als Kontaktperson auch ein Ire in die Arme.

Und als wenig später vier mutmaßliche Mitglieder der Frankfurter »Revolutionären Zellen« -- Diplompsychologe Christian Gauger, Medizinerin Sonja Suder, Autoschlosser Rudolf Schindler und Bankierstochter Sabine Eckle -- in den Untergrund abtauchten, wiesen letzte Spuren zur Grünen Insel. Ein Fahnder spekuliert so: »Die wollen halt in Nordirland mal ein bißchen Anschauungsunterricht genießen.« Das Quartett wird per Haftbefehl gesucht.

Daß die IRA ihre Operationsbasis auf dem Kontinent »verbreitern« wolle, und zwar mit Hilfe deutscher Anarchos, bekamen westdeutsche Staatsschützer vor einiger Zeit von englischen Kollegen gesteckt, samt Hinweisen auf das eine oder andere Attentat. Und als am 25. Juni in der Nähe des belgischen Mons ein Sprengstoffanschlag auf den damaligen Nato-Oberbefehlshaber General Alexander Haig verübt wurde -- Haig kam davon, Begleitpolizisten wurden verletzt -, drängte sich den Fahndern denn auch einschlägiger Verdacht auf.

Zwar reklamierten Mitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF) den Anschlag wortreich für sich. Aber beim Vergleich der Angaben in Bekennerbriefen eines Kommandos »Andreas Baader« mit den polizeilichen Feststellungen am Tatort ergab sich, daß beispielsweise die Zündschnur 150 und nicht -- wie in der RAF-Post kundgetan -- 200 Meter maß, die Bombe nur zehn und nicht zwanzig Kilogramm wog, das Sprengkabel nicht in einem eigens gegrabenen Tunnel, sondern in einem vorhandenen Brückenhohlraum verlegt war.

Womöglich galt das Attentat, so überlegen Fahnder, gar nicht dem amerikanischen Nato-General Haig, sondern dem britischen Nato-General Jack Harman, den die Terroristen statt des ehemaligen Oberbefehlshabers dort erwartet haben könnten. Die Art der Tatausführung jedenfalls, so urteilen deutsche Staatsschutzbeamte in Kenntnis der Tatortauswertung, entspreche eher den Gepflogenheiten der »IRA oder einer anderen irischen Gruppe«.

Noch anderes könnte die IRA-These stützen: Einige Tage nach dem Anschlag bei Mons explodierte ein Sprengsatz in einem Hochhaus im belgischen Antwerpen: in der 16. Etage, wo das britische Generalkonsulat untergebracht ist.

Ein Mann, der in einem Antwerpener Fachgeschäft angeblich elektronische Bauteile für beide Anschläge erstand, soll nach Zeugenaussagen als Brite aufgetreten sein; er fuhr einen roten Mercedes und sprach Englisch mit deutschem Akzent.

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