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POLEN Ducken vor dem Bischof

Das liberale Abtreibungsgesetz bleibt Makulatur. Ärzte und Kliniken verweigern Eingriffe, weil sie die Rache der Kirche fürchten.
aus DER SPIEGEL 8/1997

Die Inserate sind in den meisten Tageszeitungen zu finden. »Gynäkologische Eingriffe, Katowice«, heißt es da zum Beispiel, daneben steht eine Telefonnummer. Wenn eine hilfesuchende Frau anruft, meldet sich allerdings kein Facharzt, sondern ein »Vermittler«, der sie zu einem Treffpunkt bestellt.

Dort muß sich die Schwangere zunächst mit einem Kennwort ausweisen, dann erst wird sie in die private Praxis eines Gynäkologen gebracht, der den gewünschten Eingriff vornimmt - vorausgesetzt, die Kundin ist in der Lage, bis zu einem durchschnittlichen Monatslohn dafür zu bezahlen, ohne Erstattung der Kosten.

Namen werden nicht genannt, alles geht streng konspirativ zu. Dabei trat am 4. Januar ein liberales Abtreibungsgesetz in Kraft, das einen Schwangerschaftsabbruch bis zur zwölften Woche gestattet, wenn die Frau sich in »schwierigen Lebensumständen oder einer persönlichen Notlage« befindet; davor waren Abtreibungen im tief katholischen Polen fast ohne Ausnahme verboten.

Über 60 Prozent der Polen sprachen sich in Umfragen für eine Lockerung aus, doch in Wirklichkeit hat sich wenig geändert. Immer mehr Spitäler und Kliniken weigern sich, Schwangerschaften »aus sozialen Gründen« zu beenden. Im Verwaltungsbezirk Posen ließ der Senat der Medizinischen Akademie in allen Kirchen einen Brief verlesen, in dem er das neue Gesetz scharf verurteilte. Auch in anderen Regionen stehen hilfesuchende Frauen vor einer beinahe unüberwindlichen »Ablehnungsfront«, schrieb die gazeta wyborcza.

Im Bezirk Katowice haben alle 42 Kliniken und Ambulatorien mit gynäkologischen Abteilungen erklärt, ihre Ärzte würden nicht tätig, wenn nur eine soziale Indikation vorliege. Er könne seine Mediziner schließlich nicht zwingen, »gegen ihr Gewissen und ihre Überzeugung« zu handeln, sagt Jacek Rzempoluch, Chef der Frauenklinik in Katowice: »Das Gesetz schafft die rechtlichen Voraussetzungen für einen Eingriff, kann uns Ärzte jedoch nicht dazu verpflichten.«

In der Öffentlichkeit wächst nun die Kritik an der Doppelmoral. Es sei doch seltsam, höhnt die Tageszeitung trybuna slaska aus Katowice, daß manchen Ärzten das Gewissen während der Dienstzeit in einer staatlichen Klinik »etwas verbietet, das sie dann für gutes Geld am Abend oder am Feiertag machen«.

Die Gesundheitsbehörden sind ratlos. Inzwischen mehren sich die Fälle, daß abtreibungswillige Frauen, die sämtliche gesetzlichen Voraussetzungen erbringen, von allen Kliniken abgewiesen werden. Ihnen bleibt nur der Gang zum teuren Privatarzt.

Bereits vor der Verabschiedung des liberalen Gesetzes hatten die katholische Kirche und rechte Parteien eine heftige Kampagne »zum Schutz des ungeborenen Lebens« entfesselt, die immer noch andauert. Vor Kliniken, die Abtreibungen vornehmen, versammeln sich regelmäßig fromme Gegner zu Protestgebeten. Von den Kirchenkanzeln verlesen Priester während des Gottesdienstes scharfe Erklärungen gegen die »nationale Tragödie«, und der Generalsekretär der Konferenz des Polnischen Episkopats, Bischof Tadeusz Pieronek, warnte vor einem Rückfall in die Zeit des Totalitarismus, »in der Töten eine ganz normale Sache war«.

Der Führer des Oppositionsbündnisses Solidarno sc, Marian Krzaklewski, kündigte eine Aktion »bürgerlichen Ungehorsams« an. Die Polen sollten sich weigern, »mit ihren Steuern und Sozialbeiträgen die Abtreibung zu finanzieren«. Die konservativen Parteien liegen derzeit nach allen Umfragen deutlich vor dem regierenden »Bündnis der Demokratischen Linken«.

Kein Arzt und schon gar kein Klinikchef hat den Mut, sich dem Druck der katholischen Lobby öffentlich zu widersetzen. Das könnte verheerende Folgen für die Karriere haben, erklärt ein Gynäkologe in Katowice. An manchen Krankenhäusern trauten sich die Ärzte nicht einmal mehr, eine Abtreibung aus medizinischen Gründen anzuordnen: »Früher haben die Leute sich vor der Partei geduckt, heute ducken sie sich vor dem Bischof.«

Wer es wagt, sich für eine Abtreibung in sozialen Notfällen auszusprechen, muß mit üblen Folgen rechnen. »Wenn er Glück hat, werden vielleicht nur der Name des Sünders und seine Adresse von der Kirchenkanzel verlesen, oder Fanatiker schmieren ,Kindermörder' an die Tür seiner Praxis«, sagt der Gynäkologe, der aus Angst vor Repressalien nicht einmal das Spital nennen will, in dem er arbeitet.

Inzwischen fürchten manche schon ein »amerikanisches Szenario": Wie in den USA könnten religiöse Fanatiker sich berufen fühlen, »zur Verteidigung des ungeborenen Lebens die Pistole zu ziehen«, so die gazeta wyborcza. Der Sender »Radio Marya« des Paters Tadeusz Rydzyk, Sprachrohr eines erzreaktionären katholischen Fundamentalismus, hat schon den Vorschlag gemacht, allen Volksvertretern, die »für den Mord am polnischen Volk« gestimmt haben, den Kopf kahlzuscheren - so wurden nach der Nazi-Besetzung Polinnen bestraft, die sich mit Deutschen eingelassen hatten.

Wenn die Rechte die Parlamentswahl im Herbst gewinnt, werde als erstes »das verbrecherische Gesetz« widerrufen, »das die Feinde der Nation« beschlossen haben, verspricht Marian Pilka, Vorsitzender der Christlich-Nationalen Vereinigung.

»Wir Ärzte können dann nur eines tun: kuschen oder in den Untergrund gehen«, sagt der Gynäkologe aus Katowice. »Aber damit haben wir Polen ja Erfahrung.«

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