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20. JULI Duell der Produzenten

aus DER SPIEGEL 23/1955

Die westdeutsche Filmwelt, vom Finanzier bis zum Fan, erlebt in diesen Tagen ein Schauspiel, das für sie erregender ist als ein Derby-Finish oder die Verlängerung eines unentschiedenen Fußballweltmeisterschaftsspiels: einen Wettkampf Film gegen Film. Zwei Produktionsfirmen (die Berliner CCC und die Münchner »Ariston") produzieren, zwei Verleiher (die »Herzog« und die »NF") vertreiben gleichzeitig je einen Film über dasselbe Thema - über die Verschwörung vom 20. Juli 1944 (SPIEGEL 15/1955).

Als die fünftausend westdeutschen Kinobesitzer in der vergangenen Woche die Nummer 20 ihres Verbandsorgans »Film-Echo« aufschlugen, mußten sie sich genarrt glauben. Vor dem Textteil wurde da auf einer zweidrittelseitigen Annonce von der CCC-Produktion und dem Herzog-Verleih »Der 20. Juli« als »der Großfilm um die Vorgänge des 20. Juli 1944« ("In Kürze einsatzbereit!") angeboten.

Einige Seiten weiter stießen sie auf eine Anzeige, ebenfalls zweidrittelseitig, in der ihnen von der Ariston und dem NF-Verleih »Es geschah am 20. Juli« als »der einzige authentische Film über die erregenden 24 Stunden des 20. Juli« angekündigt wurde. Bei der CCC inszeniert Falk Harnack ("Roman eines Frauenarztes"), und der Berliner Schauspieler Wolfgang Preiss spielt den Oberst Graf Stauffenberg (mit Augenklappe über dem rechten Auge). Regisseur bei der Ariston ist G.W.Pabst ("Der letzte Akt"), und Bernhard Wicki, der jugoslawische Partisan aus »Die letzte Brücke«, verkörpert den Attentäter Stauffenberg (historisch genau mit Augenklappe über dem linken Auge).

Zwischen den beiden Inseraten fanden die »Film-Echo«-Leser einen Leitartikel, in dem das Blatt seine im allgemeinen bei Scharmützeln zwischen Produktionsfirmen

*) Zweiter von links: Paul Bildt als Oberbürgermeister Goerdeler, dritter von links: Maximilian Schell als Yorck von Wartenburg, rechts sitzend: Werner Hinz als Generaloberst Beck. oder Verleihern streng gehütete Sparten-Neutralität verließ und mit ungewohnter, sonst nur im Streit mit Kritikern und Steuerbehörden üblicher Schärfe losdonnerte: »In den letzten Tagen spielte sich zwischen zwei Großverleihern und zwei Produzenten ein Kampf um die Meinungsbeeinflussung ab, der mit allen Mitteln höherer Abenteuer - Romantik geführt wurde und anmutet wie ein Kapitel aus der Gründerzeit Hollywoods. Geschossen wurde mit Meldungen und Kommuniqués, abgewehrt mit Dementis, Verfilmungsrechten und Bürgen ohne Bürgschaft. Auf der Strecke blieb bis jetzt - das Ansehen der deutschen Filmindustrie.«

Nun ist es in der Filmbranche durchaus nicht ungewöhnlich, daß gleiche oder ähnliche Projekte von verschiedenen Firmen nebeneinander her entwickelt werden. So hatten im vergangenen Jahr sowohl der Herzog- als auch der Gloria-Verleih einen Film über den kommunistischen Spion Dr. Richard Sorge angekündigt. Beide Firmen hatten auch schon erhebliche Summen investiert. Kurz vor dem Drehbeginn aber, noch ehe der ganze technische Apparat in Bewegung gesetzt war und sechsstellige Summen fällig wurden, setzten sich die Rivalen - Herzog-Chef Tischendorf und Gloria-Chefin Kubaschewski - zusammen. Der Herr ließ der Dame den Vortritt. Und Gloria entschädigte Herzog für die bereits investierten Summen.

In den vergangenen Filmjahren wurden zwar Dutzende von Allerweltsfilmen aus dem Heimat- und Heidemilieu angeboten, die alle zum Verwechseln ähnliche Titel

und Themen hatten - von »Grün ist die Heide« über »Wenn abends die Heide träumt« zum »Heideschulmeister Uwe Karsten«, und auch die Titel der schock- und hundertweise auf den deutschen Filmmarkt geschwemmten Wildwester vom »Rächer von Texas« zum »Rebell von Mexiko« und zurück zum »Rebellen von Texas« gleichen sich wie eben ein Wildwester dem anderen. Aber: Die meisten dieser Filme folgten in gewissen zeitlichen Abständen aufeinander. Und im Gegensatz zu Wildwest-Filmen, die von einem bestimmten Publikum in bestimmten Wildwest-Kinos (im anglisierten Branchenjargon »action houses« genannt) allwöchentlich konsumiert werden, zielen die beiden 20.-Juli-Filme auf größere Besuchermengen.

Daß sie verwechselt werden, ist unvermeidlich. Wer sich als Normalzuschauer »Der 20. Juli« angesehen hat, wird nicht mehr »Es geschah am 20. Juli« besuchen, selbst wenn er vom Vorhandensein des zweiten Filmes wissen sollte. Der wirtschaftliche Widersinn des filmischen Zweikampfes liegt auf der Hand, von der geschmacklichen Frage ganz abgesehen.

Beide Parteien waren im Kampf um die zeitliche Priorität allzu rasch vorgestürmt, beide hatten auf ein Nachgeben des Konkurrenten in allerletzter Minute und auf einen siegreichen Alleingang gehofft.

Es kam zu einer letzten Vergleichsverhandlung in Frankfurt am Main, wo sich die Parteien mit dem Rechtsberater des Bundestagspräsidenten Dr. Eugen Gerstenmaier, einem Dr. Lohmann, trafen. Wie die meisten Überlebenden und Hinterbliebenen

des 20. Juli war Gerstenmaier mit Recht davon überzeugt, daß nichts dem Ansehen der großen Tat abträglicher sein könne als ein Film-Duell, das unweigerlich unter geschäftlichen Aspekten ausgetragen werden würde.

Rechtsberater Dr. Lohmann sprach sich schließlich für einen Vorschlag der Ariston aus, der eine Teilung der Interessengebiete vorsah. Die Ariston wollte nur den Ablauf der achtzehn entscheidenden Stunden des 20. Juli - vom Abflug Stauffenbergs zum Führerhauptquartier bis zur nächtlichen Exekution der Verschwörer in der Bendlerstraße - darstellen. Die CCC sollte sich auf etwa 100 Filmmeter über die Ereignisse in der Bendlerstraße beschränken und dafür die anderen Phasen der Verschwörung, ihr Zustandekommen und ihren Untergang, zeigen.

CCC-Produzent Brauner aber konnte oder wollte nicht mehr darauf eingehen. Er vertrat die Ansicht, daß ihn niemand daran hindern könne, die gleichen Vorgänge darzustellen wie die Ariston, solange er nicht in die private Sphäre der Betroffenen und Verstorbenen eindringe, nicht ihre Ehre verletze oder ihr Handeln entstelle, sondern ein Stück Zeitgeschichte verfilme.

Da die Ariston »Zustimmungserklärungen« der 20.-Juli-Verschwörer oder ihrer Hinterbliebenen (u. a. von den Familien Witzleben, Stauffenberg, Beck, Stülpnagel, Hoeppner, Fromm, Olbricht, Kleist) zu ihrem Film besitzt, scheint eine gerichtliche Auseinandersetzung unvermeidlich. Vor allem wird es darum gehen, wo bei der Darstellung der Ereignisse des 20. Juli die Zeitgeschichte beginnt, wo sie in die private Sphäre hinüberwechselt und wo das Persönlichkeitsrecht sich mit der erlaubten Darstellung überschneidet. Es wäre durchaus denkbar, daß 20.-Juli-Männer, die sich der einen Filmgesellschaft als Berater zur Verfügung gestellt haben, gegen die andere Filmgesellschaft wegen falscher Darstellung ihrer eigenen Verschwörerrolle vorgehen. Die Juristen wappnen sich bereits mit Gutachten und wälzen alte Entscheidungen.

Das Rennen um den Drehbeginn wurde inzwischen von der Berliner CCC gewonnen: Sie begann ihren Film am 25. April. Die Münchner Ariston ging erst zwei Wochen später ins Atelier und inserierte: »Nachdem die wichtigen Urheber- und Persönlichkeitsrechte von den an der Widerstandsbewegung gegen Hitler Beteiligten allein auf die Ariston-Film und den Neuen Filmverleih übertragen wurden und damit eine historisch-getreue Darstellung der Ereignisse gesichert ist, begannen die Aufnahmen am 9. Mai.«

NF-Verleiher Horn wollte ursprünglich den Ariston-Film im Rahmen einer durch Bundesbürgschaften abgesicherten Staffel von acht Filmen in die Kinos bringen. Der CCC-Film dagegen wird von Verleih und Produktion selbständig finanziert. Hier kam es also zum ersten Male zu einem direkten Wettbewerb zwischen einem mit privatwirtschaftlichem Risiko hergestellten und einem mit Steuergeldern abgesicherten Film.

Herzog-Verleiher Tischendorf, der den frei finanzierten CCC-Film in sein Verleihprogramm aufgenommen hatte, schoß quer und schrieb der Bundesbürgschaftsgesellschaft einen Brief: »Ich brauche sicher nicht besonders zu betonen, daß durch derartige Manipulationen (Absicherung des Ariston-Filmes durch Bürgschaftsgelder) die stark angeschlagene Filmwirtschaft nicht nur weiterhin gefährdet wird, sondern sich schwersten gegenseitigen Schaden zufügen würde.« Tischendorf pochte darauf, daß die CCC-Film zuerst mit den Dreharbeiten begonnen und mithin ein gewisses Prioritätsrecht habe. Folglich dürfe, so argumentierte er etwa, der Ariston keine Bürgschaft gegeben werden.

Drei Tage später - die Ariston drehte schon Attentats-Szenen in der nachgebildeten »Wolfsschanze« - ließ er gemeinsam mit dem CCC-Produzenten Brauner eine furiose Presse-Erklärung los: »Abgesehen davon, daß der Sache, um die es geht, ein schlechter Dienst erwiesen wird, wenn zwei Filme um dasselbe Thema nahezu gleichzeitig herauskommen, spricht das auch jeder normalen kaufmännischen Überlegung Hohn. Unser Film wird ohne Hilfe des Staates frei finanziert.«

Weiter: »Wenn der Staat in Kenntnis dessen, daß unser Film schon seit Wochen gedreht wird, dem anderen Film entgegen allem freien wirtschaftlichen Denken durch die hundertprozentige Bürgschaft zur Entstehung verhilft, so ist das ein Eingriff des Staates in die Freie Wirtschaft... das ist eine Kampfansage... Staatsdirigismus gegen Freie Wirtschaft, die Freie Wirtschaft wird sich zu wehren wissen.«

Bürgschaftschef Liebig spielte sein altes Pressespiel. Er blieb zunächst stumm, behauptete dann, daß ihn noch kein Antrag der Ariston/NF-Gruppe erreicht habe, und schließlich, daß »für 1955/56 noch keinerlei Bürgschaftszusage gegeben worden ist«. Damit mußte NF-Verleiher Horn die Hoffnung auf eine Bürgschaft endgültig aufgeben. Sein verärgerter Kommentar: »Brauner wollte mein Projekt lahmlegen.«

Aber Horn stieg nicht aus dem Rennen aus. Er entschloß sich, den Ariston-Film frei zu finanzieren.

Mittlerweile kündigte der Herzog-Verleih den Start des CCC-Films mit 120 Kopien für Mitte Juni an. Die NF verläßt sich dagegen auf möglicherweise zu erzwingende gerichtliche Entscheidungen und auf die Hoffnung, daß der schnellere Film nicht unbedingt der bessere sein muß. Sagt Ariston-Produzent Genzow: »Wir gehen auf Qualität. Wir hetzen nicht.«

Das Drehtempo bei der Ariston wird auch dadurch gemindert, daß die Gesellschaft den Überlebenden und Hinterbliebenen der Verschwörer als Ausgleich für ihre »Zustimmungserklärungen« ein Mitspracherecht eingeräumt hat. So entspann sich zwischen den Familienrepräsentanten der hingerichteten Verschwörer-Generale Olbricht und Fellgiebel eine sehr freundschaftliche, aber hartnäckige Auseinandersetzung darüber, ob Fellgiebel ein entscheidendes Telephongespräch aus der Wolfsschanze rechtzeitig oder verspätet geführt habe. Den Erben-Vertreter eines anderen beteiligten Generals trieb der Drang zur Authentizität so weit, das Fehlen eines Pferdekopfes an der Wand des nachgebauten OKW-Dienstzimmers zu beanstanden.

Noch wird bei der Ariston - unter Mitwirkung der Berater Ewald Heinrich von Kleist und des Feldmarschall-Vetters Hermann von Witzleben - täglich am Drehbuch herumgebosselt, um allen Wünschen gerecht zu werden. Kommentierte ein Mitwirkender: »Wenn es nach den Familien ginge, hat der 20. Juli geklappt.«

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