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ADEL Duelle der Ehre

Einem italienischen Psychiater namens Paleologo wurde gerichtlich bestätigt, daß er der rechtmäßige Nachfolger des Kaisers von Byzanz sei.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Seine Patienten in Salerno nennen ihn nur »il professore«, was in Italien wahrlich nicht viel heißt. Im Telephonbuch figuriert er als Dozent für Neuropsychiatrie. Aber auf seiner Visitenkarte steht: »Seine Kaiserliche Hoheit Prinz von Byzanz, Pietro Paleologo«.

Den Verdacht, er sei wohl übergeschnappt, versucht der schwarzlockige Italiener natürlich auszuräumen. »Das Recht, diesen Titel zu führen«, sagt Paleologo, 50, »ergibt sich klipp und klar aus den Dokumenten.« Er sei der legitime Nachfolger der byzantinischen Herrscher, »ein Souverän im Exil«.

Bei diesen Worten streichelt er liebevoll das an seinem Bauch baumelnde byzantinische Kreuz -- Symbol für die Schutzherrschaft der am Bosporus residierenden Imperatoren über die orthodoxe Kirche.

Daß der Souverän, im bürgerlichen Beruf Psychiater, neuerdings so nachdrücklich auf seinen Titel pocht, liegt an der Konkurrenz. Denn ein vorbestrafter Hochstapler aus Genua, der sich Prinz Enrico de Vigo Aleramico Paleologo nannte, hatte jahrelang eitle Deutsche und Österreicher in einen frei erfundenen Ritterorden aufgenommen -- gegen Gebühren bis zu 10 000 Mark.

Die Behörden bekamen Wind von dem Schwindel und verdächtigten den echten Prinzen, der falsche Prinz zu sein. Daher, so der Souverän aus Salerno, »sah ich mich gezwungen, die Ehre S.112 unseres Namens gegen diesen Scharlatan zu verteidigen«.

Die Hoheit im Exil führte einen langwierigen Zivilprozeß gegen Enrico Vigo. Und ein Mailänder Gericht bestätigte schließlich: Vigo habe den Namen Paleologo usurpiert und sich durch den Titelverkauf unrechtmäßig bereichert. Wer sich von Vigo zum Ritter des »Ordens vom Kreuz von Konstantinopel« schlagen ließ, darf diesen Titel nicht führen -- Pech für die ausgeschmierten Rittersleut.

Pietro III., der echte Prinz, könnte ohne weiteres Titel verleihen -- sagt er. Denn ein Souverän sei nach internationalem Recht auch dann noch »fons honorum« (Quelle der Ehren), wenn er kein Reich mehr besitze.

Das Reich der byzantinischen Dynastie Palaiologos ging im Jahr 1453 unter, als die Türken Konstantinopel eroberten. Kaiser Konstantin XI. fiel im Kampf. Als die Türken in die Stadt eindrangen, fanden sie Konstantin unter einem Berg von Leichen -- sie erkannten den Kaiser an seinen roten Schuhen mit dem Herrscherwappen, dem gekrönten Doppeladler.

Konstantin Palaiologos hatte keine Kinder, sein Bruder Thomas hielt den Thronanspruch der Dynastie aufrecht. Er flüchtete nach Italien, unter den Schutz des Papstes. Und von diesem Thomas, so erläutert Pietro III. stolz, »führt die Ahnenreihe jeweils vom Vater über den erstgeborenen Sohn direkt zu mir, über 16 Generationen«.

Im Jahr 1463 schenkte der neapolitanische König Ferdinand I. dem heimatlosen Palaiologos Ländereien im Gebiet Cilento, wohin auch andere byzantinische Adlige geflüchtet waren. Bald darauf machten sie »einen tiefgreifenden Prozeß der Latinisierung durch« (so der Historiker Carmine Carlone). Das Familienoberhaupt legte um 1540 den griechischen Namen ab, nannte sich Tommaso Ruggiero de Magistro Joanne und änderte das Familienwappen.

Die Immigranten-Sippe wurde Teil des italienischen Landadels. Inzwischen Barone von Ostigliano, traten sie sogar zur römisch-katholischen Kirche über.

Im 18. Jahrhundert schrumpfte der Feudalbesitz der Familie, die Barone wandten sich bürgerlichen Berufen zu. Der Großvater des Prinzen Pietro III. war Apotheker, der Vater Arzt in Italiens Afrika-Kolonien, und der führte den Namen des Geschlechts wieder ein, in der italienischen Schreibweise.

»Von schönen Titeln kann man nicht leben«, seufzt der Dr. med. Pietro Paleologo, der im Gesundheitsamt von Salerno die Irrenabteilung leitet und nebenbei eine Privatpraxis betreibt. Aber intensiver als seine Vorfahren kümmert sich der leicht spleenige Aristokrat um die Geschichte und Ansprüche seiner Dynastie.

»Ich bin der Prätendent auf den byzantinischen Thron«, sagt der elegante Signore, fügt aber wehmütig hinzu: »Schade, daß uns die Türken nicht als Herrscher akzeptieren.« Als die Republik Italien die Adelstitel offiziell abschaffte, setzte Paleologo durch, daß er sich dennoch weiterhin mit dem (sozusagen ausländischen) Titel »Prinz von Byzanz« schmücken darf.

Als Souverän im Exil unterhält Pietro Paleologo nach eigener Aussage diplomatische Beziehungen zu mehreren Staaten. Welche das sind, will Seine Hoheit allerdings nicht verraten: »Denn über die Anerkennung meiner diplomatischen Vertreter wird derzeit mit der Uno verhandelt.«

Bei feierlichen Anlässen gebraucht der prinzliche Psychiater gern den Pluralis majestatis. So 1970, als er den griechisch-orthodoxen Patriarchen Athenagoras in Istanbul, dem einstigen Byzanz, besuchte. Paleologo damals: »Eure Heiligkeit, Ihr habt den Doppeladler bewahrt in der Erwartung, daß der Kaiser von Byzanz wiederkehrt. Nun, hier sind Wir.«

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