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Terrorismus Dünger und Diesel

Im Internet entdeckten Politiker die Spuren von Bombenbastlern - und rufen jetzt nach elektronischer Zensur.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Das Thema des Ratgebers ist todernst, dennoch wünschen die Autoren viel »Spaß beim Lesen«. Die Verfasser zeigen auch selbst Humor: Im Vorwort danken sie Helfern wie »Nitro Glycerine« und »Pyro« für freundliche Unterstützung. Die Namen sind Programm.

Alles, was ein angehender Bombenleger braucht, um erfolgreich Molotow-Cocktails zu werfen oder Sprengsätze zu basteln, haben die »Experten« in einem ebenso umstrittenen wie umfassenden Werk akribisch aufgezählt und mit praktischen Einkaufstips versehen. Die Materialsammlung heißt »Terrorist's Handbook« und steht im Internet, dem populären weltweiten Datenverbund, gleich bei mehreren Anbietern zur Übernahme auf den heimischen Computer bereit - in Deutschland über eine Webseite im Bonner Citynet (http://www.bonn.citynet. de/people/jens/anarchy.html).

Wer die Adresse mit der Maus anklickt, wird Schritt für Schritt in die hohe Schule der Sprengstofftechnik eingeführt. Eine simple, gleichwohl tödliche Rohrbombe, wie sie vorletzte Woche in Atlanta explodierte, können laut Handbook sogar »anarchistische Idioten« zusammenbasteln.

Wenn es hingegen »richtig krachen« soll, empfehlen die Handbuch-Verfasser beispielsweise den Spezialstoff RDX. Er sei »leichter im Heimlabor herzustellen als alle anderen hochexplosiven Sprengstoffe«. Dennoch übertreffe seine Sprengkraft den Klassiker TNT um 50 Prozent.

Mit dem Terrorleitfaden erhalten Hobbytechniker Rezepte für gleich zwei Dutzend Sprengstoffe. Vor- und Nachteile verschiedener Bombenhüllen werden genauso diskutiert wie die unterschiedlichsten Zeitzünder. Selbst Telefonbomben wie jene, mit der allem Anschein nach der israelische Geheimdienst im Januar den palästinensischen Terroristen Jahja Ajjasch tötete, sind ausführlich erläutert.

Wie lange die explosiven Rezepte noch für jedermann zugänglich sind, ist allerdings fraglich. Unter dem Eindruck des Bombenanschlags von Atlanta und der Explosion des TWA-Jumbos bei New York forderten die Außen- und Innenminister der sieben führenden Industrienationen vorige Woche beim G-7-Treffen in Paris, den Kampf gegen den Terrorismus auch auf die internationale Datenautobahn auszudehnen.

Der kanadische Außenamtschef Lloyd Axworthy hatte seine Kollegen mit dem Bericht alarmiert, sein elfjähriger Sohn habe ihm kürzlich gezeigt, auf welchen Webseiten die Tips zum Bombenbau zu finden seien. Die Konferenzteilnehmer einigten sich darauf, eine Strategie gegen den Mißbrauch von Daten- und Informationsnetzen zu entwickeln - elektronische Zensur im Internet.

Niederländische Anbieter der explosiven Tips haben die Zeichen der Zeit bereits erkannt. Seit wenigen Tagen weisen sie darauf hin, daß einschlägige Empfehlungen »aufgrund von politischem Druck« nur noch von Surfern außerhalb der Grenzen erhältlich seien.

Fast alles, was sich im Datennetz aufspüren läßt, ist weder neu noch exklusiv. Auch bei den diversen Anleitungen zum Bombenbau handelt es sich keineswegs um Material, das erstmals und ausschließlich über Computer und Modem erhältlich wäre. So tauchte das »Terrorist's Handbook« in den USA bereits Mitte der achtziger Jahre in einigen Buchhandlungen auf und wurde erst 1994 von schwedischen Computerfreaks ins Internet eingespeist.

An einem ähnlichen Werk, dem gleichfalls weit verbreiteten »Anarchist's Cookbook«, fanden amerikanische Staatsanwälte nichts Verwerfliches, solange es in Buchform auf den Markt kam. Das schrille Durcheinander wüster Rezepturen, von der Gewinnung hochgiftigen Nikotins aus Kautabak bis hin zur Herstellung von Briefbomben, errang schnell Kultstatus.

Erst mit der Verbreitung im Internet (in Deutschland: http://rummelplatz.unimannheim.de/~tiba/ anarchy. htm/) kam der Meinungsumschwung: Nun fordern auch amerikanische Terroristenfahnder, den Cyber-Bombern das Handwerk zu legen.

Doch wer weiterhin wissen will, wie aus Dünger und Diesel jener Sprengstoff hergestellt wird, den der mutmaßliche Attentäter von Oklahoma City für seinen Anschlag verwendet hat, muß nicht in den Schmuddelecken des Internet fahnden. Er kann die Anleitung auch einem Buch des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums entnehmen, wo die explosive Mischung empfohlen wird, um Baumstümpfe aus der Erde zu sprengen.

Zuweilen allerdings trauen die Internet-Anarchos ihren eigenen Empfehlungen nicht. Das Usernet-Forum »rec.pyrotechnics« dient laut Selbstauskunft seiner Teilnehmer der »Diskussion von Feuerwerk und Sprengstoffen«. Doch danach warnen die Netzexperten dringend davor, sich allzu leichtfertig auf die Bombenrezepte aus dem elektronischen Untergrund einzulassen. Viele Informationen im Internet seien »von Natur aus unsicher«, bei manchen Experimenten müßten »Opfer« in Kauf genommen werden.

Dem Einsteiger in Feuerwerkstechnik und Explosionskunde wird statt dessen der Gang in die nächste gutbestückte Bibliothek empfohlen, um sich mit einschlägiger Literatur seriöseren Ursprungs zu versorgen - Handbüchern der U. S. Army beispielsweise.

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