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PSYCHIATRIE Dürftige Vorlage

Finanzminister Matthöfer engagierte sich auf einem sachfremden Gebiet. Er stieß sich an einer Stellungnahme seiner Gesundheits- Kollegin Antje Huber zur Psychiatrie-Enquete.
aus DER SPIEGEL 5/1979

Bundesgesundheitsministerin Antje wollte es möglichst allen recht machen -- und erregte Anstoß. Um nicht bei den Amtskollegen in den Bundesländern, den mächtigen Standes-Organisationen der Ärzte und dem auf Kostendämpfung im Gesundheitswesen bedachten Arbeitsminister anzuecken, hielt sie ihre langerwartete Stellungnahme zum Enquete-Bericht einer Sachverständigen-Kommission über die Lage der Psychiatrie betont unverbindlich.

Doch Finanzminister Hans Matthöfer mochte sich mit den »Leerformeln« im Huber-Papier nicht abfinden. »Trotz des engen finanziellen Spielraums«, rügte er die allzu vorsichtige Dame, müsse die Bundesregierung zur Rolle der Psychiatrie in unserer Gesellschaft »Zukunftsweisenderes und Konstruktiveres« mitzuteilen haben.

Mangelnde Kompetenzen des Bundes mochte Matthöfer als Entschuldigung für Frau Hubers Zurückhaltung nicht gelten lassen: Die Bonner könnten sehr wohl Stellung beziehen, unabhängig davon, wer schließlich für »operationelle Veränderungen im Gesundheitswesen« verantwortlich sei.

Schützenhilfe für seine Kritik an der dürftigen Vorlage kann der Finanzminister, der dieses Thema an diesem Mittwoch im Kabinett ausführlich diskutieren möchte, vom Regierungschef persönlich erwarten. In einem internen Vermerk monieren auch die Beamten des Kanzleramts, daß »angesichts der umfassenden Reformvorschläge«, die 1975 von der Sachverständigenkommission vorgelegt wurden und viel Aufmerksamkeit erregten, die Reaktion des Gesundheitsministeriums »ernüchternd und politisch wenig ergiebig wirken« müsse.

Etwa jeder fünfte Bundesbürger, so die Expertendiagnose von damals, leidet ständig, wiederholt oder wenigstens einmal in seinem Leben unter psychischen Problemen. Außerdem, so die Enquete-Verfasser weiter,

* erkranken jährlich 205 000 Menschen erstmals an Neurosen und 120 000 an Schizophrenien:

* bedürfen rund eine Million Personen dringend einer Therapie;

* werden etwa 43 000 Bürger jährlich alkohol- oder drogensüchtig;

* konstatieren Lehrer und Schulpsychologen bei 20 bis 25 Prozent der Schulkinder Verhaltensstörungen.

Für die Hilfsbedürftigen ist schlecht gesorgt: In den insgesamt 130 psychiatrischen Kliniken müssen 59 Prozent der Patienten länger als zwei Jahre bleiben, 31 Prozent sogar mehr als ein Jahrzehnt, weil es an ambulanten Nachsorgeeinrichtungen fehlt. In diesen Krankenhäusern betreut ein Arzt im Durchschnitt 60 Patienten. Nur knapp die Hälfte des Pflegepersonals hat eine staatlich anerkannte Ausbildung genossen, und »katastrophal«, so die Sachverständigen, wirkt sich der Mangel an Sozialarbeitern aus: Einer hat durchschnittlich 540 stationäre Fälle zu betreuen.

Zu diesen schockierenden -- inzwischen schon drei Jahre alten -- Feststellungen sonderte die Stellungnahme aus dem Bonner Gesundheitsressort wenig Konkretes ab.

Zwar kommt Frau Huber dem Verlangen der Kommission nach und bekennt sich zu einem Krankheitsbegriff, der »körperliche als auch geistig-seelische Zustände« erfasse. »Die chancengleiche Beteiligung psychisch Kranker und Behinderter an der Gesundheitssicherung« werde als ein »Kernpunkt« betrachtet. Zugleich aber warnen ihre Beamten vor der »Gefahr einer allgemeinen Psychiatrisierung«. Denn die »Übergänge von subjektiven Befindlichkeitsstörungen bis hin zu Beschwerden mit Krankheitswert« seien »fließend«.

Und statt konkrete Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten, gibt die Gesundheitsministerin zweifelhaften Rat: Die seelisch Robusteren sollten »gefährdeten, kranken oder behinderten Angehörigen beistehen, um ihnen für eine ambulante Behandlung die Wege zu ebnen«.

Aber: Nur an elf Orten in der Bundesrepublik gibt es psychotherapeutische oder psychosomatische Polikliniken und Ambulanzen. Frei praktizierenden Diplom-Psychologen und Therapeuten wird die Behandlung von Patienten überdies erschwert, weil sie von den Krankenkassen nicht anerkannt sind.

Trotz der Mahnung der Enquete-Kommission, weniger Geld in die Kliniken zu stecken und mehr Mittel für ambulante » Behandlungsangebote« aufzubringen, rühmen die Beamten des Gesundheitsministeriums, daß in den vergangenen Jahren »mehrere Milliarden Mark« in den Ausbau von Landeskliniken gesteckt wurden. Damit sei eine »Grundforderung« der Experten-Kommission, »die inhumanen Zustände« in diesen Anstalten zu beseitigen, »schon zu einem erheblichen Teil erfüllt«.

Zu den ambulanten Diensten fällt den Autoren nicht viel mehr ein, als daß sie »mit aller Konsequenz auszuschöpfen« sind. Eine Erweiterung des sozialen Netzes von Beratungsstellen, psychologischen Diensten, Sozialarbeitern, Jugend- und Kindertherapeuten könnte schließlich Probleme mit sich bringen: »Ihre Integration in das bestehende System« sei »nicht sicherzustellen«.

Geradezu ängstlich hüten sich die Gesundheitsbeamten zudem, an der Allmacht der Mediziner zu rütteln. So wie der niedergelassene Arzt bisher »je nach Maßgabe der Behandlungserfordernisse« die Krankengymnastin, den Bademeister oder den Masseur »beizieht«, soll ihm der Diplom-Psychologe oder Kindertherapeut lediglich als Hilfspersonal untergeordnet sein. »Diese zentralführende Position des Arztes« dürfe keinesfalls »aufgegeben werden« -- auch wenn er von psychischen Krankheiten wenig versteht.

Finanzminister Matthöfer hatte denn auch den Eindruck, »daß der Entwurf sich zu sehr an falsch verstandenen Gruppeninteressen« orientiere. Er will am Mittwoch dafür plädieren, die psychiatrische Ausbildung der Ärzte zu verbessern und endlich den Zugang von nichtärztlichen Fachkräften zu Diagnose und Behandlung zu regeln. Zudem sei, so Matthöfer, die Kollegin an der falschen Stelle sparsam. nämlich bei der Betreuung und Beratung der Patienten, wo das »gesundheitspolitisch größte Defizit« bestehe.

Auch Bundeskanzler Schmidts Beamte fürchten, Antje Hubers Stellungnahme könnte in der Öffentlichkeit vor allem die Frage aufwerfen, »ob die Bundesregierung im Bereich der Psychiatrie mehr tun könne«. Sie raten dem Regierungschef, im Kabinett der Vorlage nicht zuzustimmen, sondern als »schwächere Form der Billigung« nur zur Kenntnis zu nehmen.

Dann müsse die Bundesregierung freilich ihr Interesse und Engagement an diesem Thema in einer anderen Form zu erkennen geben. Ihr Vorschlag: ein »Aktionsprogramm der psycho-sozialen Versorgung«.

Finanzminister Matthöfer wäre dann nicht als Kritiker, sondern als Geldgeher gefragt.

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