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FRANKREICH Düstere Affäre

Wer befahl, den Prinzen Jean de Broglie zu ermorden? Und warum? Frankreich erlebt seinen verwirrendsten Mordprozeß.
aus DER SPIEGEL 49/1981

Fünf Minuten wartete der Killer auf den Mann im grauen Flanellanzug.

Der Auftrag: »Einen Schuß in den Bauch, einen in den Kopf.« Der Schütze feuerte dreimal, dann bestieg er einen Mercedes. Am Steuer des Fluchtautos: Polizeiinspektor Guy Simone.

Wen er da erschossen hatte, wußte Gerard Freche, 31, gar nicht. Ihn interessierten allein die 50 000 Franc Honorar. Von den 5400 Franc Vorschuß kaufte er einen Farbfernseher und lud seine Freundin ins Kino ein.

Der Tote in der Pariser Rue des Dardanelles war Sproß einer der großen Familien des Landes: Prinz Jean de Broglie, 55, Staatssekretär unter de Gaulle, einer der Unterhändler bei den Verhandlungen über Algeriens Unabhängigkeit, gemeinsam mit Valery Giscard d''Estaing Gründer der Partei der »Unabhängigen Republikaner«, Abgeordneter der Nationalversammlung.

Fünf Jahre nach der Tat wird gegen Freche und drei angebliche Komplicen vor dem Pariser Schwurgericht verhandelt. Der Mörder freilich ist in diesem Verfahren fast nur Statist. Der Fall de Broglie nämlich, für den »Quotidien de Paris« eine der »düstersten Affären dieses Jahrhunderts«, hat für den Schwurgerichtspräsidenten Andre Giresse die Dimension eines »französischen Watergate«. S.139

Eigentlich hatten die Franzosen sich schon damit abgefunden, daß die Hintergründe des Falles de Broglie nie aufgeklärt würden: Hätte am 10. Mai nicht ein Sozialist gesiegt, so mutmaßen französische Zeitungen, wäre der Fall sicher unter den Teppich gekehrt worden.

Jetzt sorgte vor allem Gerichtspräsident Giresse für einen Eklat: Bevor er den hochkarätigen Zeugen Michel Poniatowski, Ex-Innenminister und Intimus des Staatschefs Giscard d''Estaing, am vorigen Donnerstag überhaupt vernommen hatte, erklärte er ihn zum Lügner. Giresse weiter: Die Polizei habe während der Amtszeit des Polizeiministers Poniatowski den Richtern Informationen und Unterlagen vorenthalten und die Justiz als »Nebensache betrachtet«. Von Kripo-Beamten wollen sozialistische Politiker wie der linke Fraktionschef Pierre Joxe wissen, daß - wie im amerikanischen Watergate-Skandal - Beweise bewußt vernichtet worden seien.

Der Mitterrand-Vertraute Roland Dumas, Rechtsanwalt und sozialistischer Abgeordneter, Verteidiger des Ex-Polizisten Simone, forderte gar, Ex-Staatschef Giscard als Zeugen vorzuladen. Ex-Regierungschef Raymond Barre und sein ehemaliger Innenminister Christian Bonnet werden im Dezember gehört.

»Es ist der Prozeß des Jahres«, kommentierte das französische Fernsehen, das, einmalig in Frankreichs Justizgeschichte, die ersten fünf Minuten der Verhandlung filmen durfte. Fünf Bücher wurden über den Fall bereits verfaßt, der Täter ist geständig, und die Anklage meint ein Mordmotiv zu kennen.

Verwirrend aber ist: Die Polizei wußte drei Monate vor dem Attentat von dem Mordplan und hat nicht reagiert, das Opfer nicht gewarnt. So stellt sich beinahe zwangsläufig die Frage: Wurde der adelige Abgeordnete etwa bewußt geopfert, und wenn ja, warum?

Am 24. September 1976 hatte der Polizeibeamte Michel Roux seine Vorgesetzten schriftlich über den »für die nächsten Tage geplanten« Anschlag unterrichtet. Die Fahnder hatten danach über Wochen mehrere der jetzt indirekt oder direkt Beschuldigten unter Beobachtung.

Einmal hörten sie sogar ein Gespräch ab, in dem über das bevorstehende Attentat auf den Prinzen gesprochen wurde. Doch 16 Tage vor dem Mord stellten die Polizisten ihre Observierung plötzlich ein, angeblich weil einer der Verdächtigen die Fahnder erkannt habe.

Im Dezember 1977 noch sagte der damals zuständige Kripochef Jean Ducret im Laufe der Ermittlungen aus, nichts von dem Attentatsplan gewußt zu haben. Doch im April 1980 druckte die satirische Wochenzeitung »Le Canard enchaine« den schriftlichen Vermerk des Polizisten an seine Vorgesetzten ab. Die erinnerten sich plötzlich: Sie hätten die Verschwörung nicht ernst genommen und wollten überdies ihren Informanten decken.

Der damals zuständige Innenminister Poniatowski will die Polizeiberichte erst nach dem Mord gelesen haben. Ob, und wenn ja wann, er zuerst - mündlich - von dem Mordplan gegen seinen ehemaligen Parteifreund de Broglie vernahm, konnte ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß in acht Sitzungsmonaten nicht klären.

Nur polizeiliches Fehlverhalten oder aber politische Machenschaften, das ist jetzt die Frage, wobei nicht unmöglich scheint, daß beide Interpretationen zutreffen.

Zu eilig schien die Erklärung, die Innenminister Michel Poniatowski auf einer Pressekonferenz fünf Tage nach dem Mord abgab: »Alle in diesen Fall verwickelten Personen sind uns ins Netz gegangen.« Das angebliche Motiv: Zwei Geschäftsfreunde des Prinzen hätten ihn ermorden lassen, weil sie eine Schuld in Höhe von vier Millionen Franc an de Broglie nicht zurückerstatten wollten.

Doch an dieses Motiv glaubt fast niemand mehr. Denn gegen einen der zwei Geschäftspartner, Patrick de Ribemont, wurde das Verfahren inzwischen eingestellt. Der zweite, als der eigentliche Hintermann des Geschehens angeklagt, bestreitet jede Schuld: Pierre de Varga, vor dessen Haus de Broglie erschossen wurde, nach einem Besuch bei ihm.

Unstreitig bewegte sich der adelige Abgeordnete in einer Gesellschaft, die seiner Herkunft nicht entsprach. De Broglie, zu dessen Vorfahren drei Marschälle S.141 von Frankreich gehören, sei möglicherweise in Waffengeschäfte verwickelt gewesen, mutmaßte »Le Monde«, von Rauschgift und vom Handel mit gefälschten Papieren war die Rede. Bei seinem Tod schuldete de Broglie verschiedenen Gläubigern um zwölf Millionen Franc und war ruiniert.

Viele argwöhnen denn auch, der Prinz sei für seine politischen Freunde zu einer Belastung geworden.

Sein aus Budapest stammender Partner Pierre de Varga etwa hatte eine Vielzahl von Konkursen zu verantworten, 1963 wurde er zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, fünf saß er ab.

Eigenartig reagierte Varga, als die Schüsse vor seiner Tür fielen. Er eilte nicht auf die Straße, um seinem Partner zu helfen, sondern telephonierte statt dessen mit seinem Anwalt.

Vargas Vertrauter, der Polizist Guy Simone, bei de Broglie und Varga gleichermaßen verschuldet, behauptet: Varga habe ihn aufgefordert, einen Mörder zu finden, um »einen Akt der Euthanasie« zu vollziehen.

Dreimal sei der Mordtermin angesetzt und verschoben worden, sagte Simone aus. Schließlich sei Varga ungeduldig geworden: »Der 24. Dezember ist der letzte Termin.« Warum Varga es so eilig hatte, ist bis heute ebenso ungeklärt wie das Motiv des Polizeibeamten, der ein Attentat organisierte, für das er angeblich von niemandem bezahlt wurde.

Antworten auf die offenen Fragen erhoffen sich die Richter von einer Frau, die bereits in U-Haft sitzt: Nelly Azerad, ehemalige Gefängnisärztin und Bekannte von Varga wie von de Broglie.

Die Ärztin hatte Varga zunächst mit einem - gefälschten - Alibi helfen wollen, dann aber einen Killer gesucht: für Pierre de Varga. Bei einem Spaziergang im Gefängnishof sollte er von einem benachbarten Hochhaus aus erschossen werden. Doch der Miet-Killer verriet den Plan der Polizei.

Warum, fragte »Le Point«, wollte Nelly Azerad Pierre de Varga umbringen? »Die Antwort darauf ist zweifellos einer der Schlüssel zur Affäre de Broglie.«

S.139Angeklagte de Varga (o. Mitte), Freche (u. links).*

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