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BONN / CDU Duett oder Duell

aus DER SPIEGEL 13/1966

Der scheidende Parteipatriarch Konrad Adenauer, zwanzig Jahre lang Führer der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands, blickte nach vorn im Zorn.

Vierzehn Tage bevor der CDU-Bundesparteitag in dieser Woche gegen Adenauers Willen den ungeliebten Kanzler-Nachfolger Ludwig Erhard nun auch auf den Partei-Thron heben will, klagte der alte Mann in seinem Pensionärsbüro im Bonner Bundeshaus dem vertrauten Weggenossen Hans Globke: »Jetzt ist die Katastrophe vollständig.«

Mit der starken Faust des 70jährigen hatte Adenauer zur Elendszeit nach dem Kriege in der CDU die Macht ergriffen; die geschwächte Hand des 90jährigen vermag nun nach dem deutschen Aufstieg in den Wohlstand den letzten Rest politischer Herrschaft nicht mehr zu halten.

Auch diesen Rest soll Adenauer nun ausgerechnet Erhard ausliefern, dem er jahrelang die Befähigung zum Kanzler abgesprochen hat und den er heute schon der Zertrümmerung seines politischen Erbes zeiht.

Einzigen Trost spendet dem christlichen Parteigroßvater Adenauer, daß hinter dem liberalen Eindringling Ludwig Erhard, 69, bereits der hoffnungsvolle Enkelsohn Rainer Barzel, 41, als Garant der CDU-Zukunft steht.

Mit letzter Kraft hat Adenauer erreicht, daß die Christen-Union den protestantischen Wirtschaftsprofessor nur an ihre Spitze läßt, wenn ihm der katholische Allroundman Barzel auf dem Stellvertreter-Platz als Politruk attachiert wird.

Ob dieses Zweigespann als harmonisches Duett zum Nutzen der Partei wirken wird oder ob die beiden Rivalen sich im Duell verschleißen werden, ist noch nicht abzuschätzen.

Fürs erste fühlen sich beide als Sieger.

Erhard muß nicht mehr die Querschüsse eines feindlich gesinnten Parteivorsitzenden Adenauer fürchten und braucht sich künftig nicht auf ähnliches Gebaren eines Parteichefs Barzel einzurichten. Selbst an der Spitze der CDU, hat der Kanzler den jungen Gegenspieler als zweiten Mann besser im Griff.

Barzel andererseits ist der große Sprung nach vorn gelungen. Vor zwei Jahren in Hannover, bei den vorigen Vorstandswahlen der CDU, war Barzel noch nicht einmal Fraktionsvorsitzender. Ins Parteipräsidium war er nie gewählt. Diese Woche in Bonn rückt er an dessen zweithöchsten Platz.

Die beiden Neulinge auf dem CDU -Gipfel übernehmen eine Partei, die seit Gründung der Bundesrepublik deren Geschichte bestimmt hat. Als Staatspartei Konrad Adenauers ist sie verantwortlich für den Wiederaufstieg Westdeutschlands zu Wohlstand und Waffen. Die CDU selbst aber wuchs dabei kaum. Seit 1949 hat sie 6,4 Millionen Wähler gewonnen, aber nur 77 500 neue Mitglieder:

- 1949 hatte die CDU 210 000 Parteimitglieder und 6 Millionen Wähler;

- 1965 hatte die CDU 287 500 Mitglieder und 12,4 Millionen Wähler.

Westdeutschlands Staatspartei war und ist keine mitgliederstarke Organisation, sondern ein Wahlverein. Personen und Gefühle, nicht organisatorische Schlagkraft oder Programme verhalfen ihr zum Erfolg. Die Versuche, die CDU zu reformieren, sind daher so alt wie die CDU selbst.

Nach der Kapitulation gegründet, fixierte die Partei das erste Programm 1947 in Ahlen. Es trug nahezu sozialistische Züge. Damals, in der Notzeit nach dem Kriege, glaubten die meist aus dem katholischen Zentrum stammenden CDU-Gründer, nur Gemeineigentum in der Wirtschaft könne das Elend bannen.

Dieses Programm war politisch schon tot, ehe die westdeutschen Wähler es zur Kenntnis nehmen konnten. Die erste Bundestagswahl 1949 gewann die CDU nicht mit den Sozialisierungsparolen, sondern mit der Befreiung vom Bezugsschein-System. Der Lokomotivführer des Siegeszuges war ein Mann, der nicht einmal der CDU angehörte: Ludwig Erhard trat offiziell erst 1963 in die Partei ein.

1957 errang die Partei die absolute Mehrheit im Bundestag mit Adenauers Sicherheitspolitik und Erhards Wirtschaftswunder. Das große A (Adenauers Führung) und das große E (Erhards Wohlstandsparadies) führten die Bonner Volksgemeinschaftspartei auf die Höhen ihrer Macht. Das hohe C (das Christliche im Parteinamen) trat schon früh in den Hintergrund. Partei -Ideologe Gerstenmaier: »Die CDU ist weit mehr wegen ihrer allgemeinen politischen Parolen gewählt worden als wegen ihrer christlichen Bindung.«

Als die CDU 1961, bei der letzten Adenauer-Wahl, ihre absolute Mehrheit verlor, visierte sie erstmals die Möglichkeit an, eines Tages in die Opposition gedrängt zu werden. Sie versuchte die Parteiarbeit zu intensivieren. Auf dem Dortmunder Parteitag von 1962 wurde die Parteispitze umgebaut. An die Stelle von Adenauers Troika trat ein erweitertes Führungskollektiv. Doch die Versuche des neuen Geschäftsführenden Vorsitzenden Josef Hermann Dufhues, nach SPD-Muster feste Parteikader aufzubauen, hatten nur mäßigen Erfolg.

Die Macht der 16 CDU-Landesfürsten*

in der ausgeprägt föderalistisch organisierten CDU blieb ungebrochen. Gestützt auf die Parteistatuten verweigerten sie Dufhues lange Zeit sogar die Anlage einer Mitglieder-Zentralkartei.

Die Politik der CDU wurde weiterhin im Bonner Kabinetts- und Fraktionssaal diktiert, nicht im engen CDU -Hauptquartier an der Bonner Nassestraße.

Dort, in einem graubraunen, vierstöckigen Altbau, weitab vom Bonner Regierungsviertel, fanden die Sekretärinnen kaum Platz für die Mäntel, die CDU-Manager kaum Platz für Machtentfaltung. Die Parteizentrale besteht heute aus dem Bundesgeschäftsführer Kraske und 189 Angestellten Kraske: »Inklusive Putzfrauen und Chauffeure.«

Ein altes CDU-Projekt, gegenüber der SPD-Baracke an der Friedrich-Ebert -Allee, nahe dem Bundestag, ein modernes CDU-Parteihochhaus zu bauen, wurde nie verwirklicht. Zwar war ein Architekten-Modell schon 1964 fertiggestellt, aber es durfte nicht einmal von Reportern photographiert werden, weil die CDU-Planer ungünstige Rückwirkungen eines so aufwendigen Bauvorhabens auf den erwarteten Karlsruher Verfassungsstreit über die Parteienfinanzierung befürchteten. Denn ungleich stärker als die SPD hofft die mitgliedschwache CDU auf ständige Staatszuschüsse, um dem finanziellen Notstand zu entgehen.

Wahlerfolge und die Identität der deutschen Bundesregierung mit der CDU konnten bisher alle innerparteilichen Schwächen weitgehend überdecken. Doch mit dem Ende der Adenauer-Ära brach in der Partei ein offener Machtkampf aus. Die CDU ist in einen Aufruhr von Rivalitäten und Rankünen gestürzt. Und je näher der diese Woche in Bonn beginnende Parteitag 1966 heranrückte, um so klarer schälte sich heraus, was neu an diesem Streit ist - eine neue Generation spricht mit.

Auf weiter Front dringt eine junge Garde nach vorn. Und noch ist unentschieden, ob dieser Umschichtungsprozeß Westdeutschlands Staatspartei stärken oder schwächen wird.

Der Endkampf im christdemokratischen Erbfolgekrieg auf dem Parteischlachtfeld begann im vorigen Dezember. Im achteckigen Glaspavillon am Faulen Berg zu Rhöndorf brachten Partei-Emissäre dem Memoirenschreiber Adenauer Kunde, das Parteivolk verlange nach jüngerer Führung.

Der einsame Mann, im letzten Monat seines 90. Lebensjahres, blickte lange übers wintertrübe Rheintal. Dann beschloß er, dem Wunsche der Partei zu willfahren.

Doch was ihm beim Auszug aus dem Kanzleramt

zwei Jahre zuvor mißlungen war, wollte er wenigstens an der Parteispitze durchsetzen: einen Nachfolger eigener Wahl.

Den vom Parteikader, von Landesfürsten und CDU-Präsidium einmütig designierten Josef Hermann Dufhues wollte Adenauer nicht haben, weil er ihn für einen Erhard-Paladin hielt. Den von ihm selbst lange Zeit favorisierten Paul Lücke mochte Adenauer nicht mehr protegieren, weil Lücke den Posten des Innenministers in Erhards Kabinett höher schätzte als Parteiarbeit.

Daß Ludwig Erhard, der die geheime Sehnsucht der Deutschen nach parteiloser Gemeinsamkeit verkörpert, selber auf die CDU-Kommandobrücke steigen könnte, schien Adenauer und dem Gros der Partei unvorstellbar.

Der Rhöndorfer entsann sich eines einstigen Jüngers, den er vor Jahren enttäuscht aus Bonn in die Provinz ziehen ließ und der sich dort als Landesvater und CDU-Wahlmagnet bewährte.

Drei Tage vor Heiligabend griff Adenauer zum Telephon und rief den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger in Stuttgart an: »Wären Sie bereit, Herr Kiesinger, nach mir den Parteivorsitz zu übernehmen?«

Kiesinger beratschlagte mit den vier südwestdeutschen CDU-Landesvorsitzenden. Dann lehnte er Adenauers Angebot ab. Kiesinger: »Ich habe den Hinweis gegeben, daß ich Herrn Dufhues für sehr geeignet halte.«

Indes, dieser Dufhues hielt sich - was im Parteivolk zu Weihnachten noch niemand ahnte - inzwischen selbst nicht mehr für geeignet. Erst Mitte Januar vertraute Dufhues seine Bedenken gegen sich selbst dem CDU-Beichtvater Krone an, der ihm nach häuslichem Unfall und Nierenoperation in seiner Bochumer Wohnung einen Krankenbesuch machte. Dufhues bekannte, das Ganze habe ihn so mitgenommen, daß er »für den Parteivorsitz wohl nicht mehr zur Verfügung« stehe.

Während der anschließenden Berlin -Woche des Bundestages verbreitete Krone unter der CDU-Prominenz, die im »Hotel am Zoo« residierte, vertraulich die Hiobsbotschaft aus Bochum.

Verwirrung befiel die CDU-Herren. Alarmiert schrieb der evangelische CDU-Präsidiale Eugen Gerstenmaier an Dufhues ins Kurhotel »Waldeck« nach Freudenstadt im Schwarzwald; aber er erhielt ausweichende Antwort.

Auch Kanzler Erhard wurde im Tegernsee-Urlaub aufgescheucht und wollte nicht glauben, daß Dufhues sich schon endgültig zum Verzicht entschlossen habe. In Bonn zurück, suchte Erhard den Freudenstädter Kurgast telephonisch umzustimmen: »Überlegen Sie es sich doch noch einmal, Herr Dufhues. »

Der evangelische Dufhues-Stellvertreter Kai-Uwe von Hassel, der in Oberstdorf eine Lungenentzündung auskurierte, wollte es genau wissen. Am letzten Freitag im Januar fuhr er selber nach Freudenstadt.

Für Hassel stand die eigene Partei -Position auf dem Spiel, denn bei Wahl des Katholiken Dufhues zum CDU-Chef wäre der Protestant Hassel mit Sicherheit gemäß den Statuten zum alleinigen Partei-Vize aufgerückt. Ein Verzicht von Dufhues drohte dagegen das unionsinterne Konfessions-Karussell in Gang zu setzen und Hassel vom zweiten CDU-Platz abzudrängen.

Beim Spaziergang durch den verschneiten Schwarzwaldtann erfuhr Hassel von Dufhues die betrübliche Wahrheit, daß aus dem alten gemeinsamen Plan nichts werden könne.

Unter diesen Umständen, so insistierte Hassel, dürfe die Partei nicht länger im unklaren gelassen werden. Dufhues müsse seinen Verzicht unverzüglich offiziell mitteilen.

Schon am nächsten Nachmittag traf der Verzicht-Brief von Dufhues im Bonner CDU-Hauptquartier an der Nassestraße ein, adressiert an den Parteivorsitzenden Konrad Adenauer. Pressesprecher Arthur Rathke setzte sich in sein bronzefarbenes »Floride« -Coupé und raste nach Rhöndorf, um das Schreiben abzuliefern. Es enthielt eine bittere Klage gegen Adenauer: Künftig müsse ein CDU-Vorsitzender mehr für die Partei tun als bisher. Kanzler Erhard im Schaumburg-Bungalow bekam eine Kopie. Die Situation war da.

Wie dem Bonner Staat vor zwei Jahren, so blieb auch der Bonner Staatspartei beim Abdanken ihres ersten Bauherrn die Thronfolgerkrise nicht erspart.

Was die säkulare Patriarchengestalt Konrad Adenauer mit Autorität und Führungswillen zwei Jahrzehnte lang niedergehalten hatte, brach nun eruptiv hervor - wie aus einem Druckkessel, dessen Sicherheitsverschluß sich löst.

Den Stau vielfältiger Triebkräfte in der Partei, unter Adenauers langem, dominierendem Regiment angesammelt, hatte CDU-Reformer Dufhues in evolutionäre Bahnen kanalisieren wollen.

Mit dem Dufhues-Rückzieher vor sieben Wochen kam das alles anders. Zum erstenmal in der Geschichte der CDU bestimmte seither nicht sorgsam geplante Direktive von oben das Parteigeschehen, sondern Druck von unten.

Begünstigt wurde das unkontrollierte Gären durch das Zaudern des Mannes, der kraft Ansehens und Stellung zum Handeln berufen war: Ludwig Erhard. Zwar riet der bewährte Kanzlerberater Karl Hohmann seinem Meister gleich nach Eingang des Dufhues-Briefes, nun müsse er sofort seine Kandidatur für den CDU-Parteivorsitz erklären - ohne Rücksicht auf verbreitete Vorbehalte im CDU-Volk gegen den Partei-Außenseiter Erhard; aber der vorsichtige Kanzleramts-Minister Westrick machte tausend Bedenken geltend.

Selbst als Baden-Württembergs Kiesinger sich nicht etwa auf Adenauers Weihnachtsofferte besann, sondern spontan die Unterstützung der südwestdeutschen CDU für eine Erhard-Kandidatur bekundete, mochte der Kanzler sich noch nicht rühren. An der CDU -Spitze entstand ein Führungs-Vakuum, in das die harten jungen Männer aus den Partei-Gauen hineinstießen. Der Aktivste von ihnen, Konrad Grundmann, 41, Vorsitzender der rheinischen CDU, Arbeitsminister von Nordrhein -Westfalen und Exponent des linkskatholischen Sozialflügels der Partei ("Mein Vater war Textilarbeiter und bezieht heute eine Rente von weniger als 250 Mark"), hörte die Meldung über Kiesingers Erhard-Proklamation auf der Schwarzwald-Höhenstraße kurz vor Freudenstadt im Autoradio. Er war auf der Fahrt zu Dufhues, der neben dem Bonner Parteiamt den Vorsitz in Grundmanns Nachbar-Landesverband Westfalen-Lippe versieht.

Zusammen mit Grundmanns katholischen Rheinländern bilden die katholischen Westfalen die Kerntruppe der CDU, die innerhalb der Partei schon immer eine Vorzugsstellung beanspruchte. Grundmann wollte mit Dufhues dafür sorgen, daß nach dem Ausscheiden des Rheinländers Adenauer nicht der Franke Erhard, sondern in jedem Fall ein Mann von Rhein und Ruhr an der Parteispitze nachfolge.

Sein Kandidat: Fraktionschef Rainer Barzel, 41, CDU-Westfale aus Ostpreußen.

Dufhues jedoch blieb von so landsmannschaftlichem Denken unbeeindruckt und verwies auf die höhere Parteiräson: Erhard müsse den CDU-Vorsitz selbst übernehmen, denn man dürfe ihm an der Parteispitze keinen potentiellen Kanzler-Rivalen vorsetzen.

Für die Rückfahrt hatte der Düsseldorfer CDU-Jungtürke Grundmann in der Autobahnraststätte Pfungstadt bei Darmstadt ein Treffen verabredet. Dort fand sich ein anderer agiler Nachwuchsmann ein: Dr. phil. Helmut Kohl, 35, Landes- und Fraktionsvorsitzender der rheinland-pfälzischen CDU, Chemie -Syndikus aus Ludwigshafen.

Darüber waren sich die beiden katholischen CDU-Zukunftsmänner einig: Die junge Parteigarde müsse ohne Rücksicht auf die alten Honoratioren bei der Neubesetzung der Führungsspitze mitbestimmen. In einer Frage stimmten sie freilich nicht überein: Wer die junge Generation der Christdemokraten in der obersten Etage der Partei repräsentieren könne.

Rundheraus lehnte Kohl die Idee ab, daß etwa Barzel als Exponent der jungen Mannschaft auf den obersten CDU -Posten gehievt werden sollte. Rheinländer Grundmann dagegen beharrte: »Für uns steht auch Barzel als Kandidat zur Debatte.« Grundmann erläuterte, die Namen von Bewerbern seien zunächst weniger wichtig: »Es geht uns darum, daß die wichtige Frage, wer die Partei führen soll, nicht von den alten Herrschaften mit einem Federstrich vorweg entschieden wird. Die Diskussion muß wieder geöffnet werden.«

Insoweit gelang der Coup des jungen Rheinländers. Die von Kiesinger ausgelöste Pro-Erhard-Welle, die auf die vorwiegend evangelischen norddeutschen Landesverbände übergegriffen hatte, brach sich an den Klippen von Rheinland und Westfalen. Rainer Barzel bekam festen Boden unter die Füße.

Sein wacher politischer Instinkt schien sich auszuzahlen. Schon in der Berlin -Woche der Bundestagsfraktionen Mitte Januar, als nur ein vertrauter CDU -Kreis über die bevorstehende Führungskrise Bescheid wußte, hatte er sich eine in der Politik vielbewährte Taktik zurechtgelegt: immer wieder zu erklären, er habe keinerlei Absichten auf das höchste Parteiamt. Auf diese Weise hielt er sich fortwährend im Gespräch mit dem Hintergedanken, daß so am Ende die Kandidatur auf ihn zulaufen werde.

Seinem politischen Ziehvater Heinrich Krone freilich gestand er im Vertrauen schon frühzeitig, daß er sehr wohl auf die Übernahme der Parteiführung aus sei. Barzel damals zu Vertrauten: »Ich bin in einer idealen Position. Wenn die Sache auf mich zukommt, ist es gut. Wenn nicht, brauche ich keinen Gesichtsverlust hinzunehmen.«

Was Barzel sich ausgetüftelt hatte, trat ein. Während Erhard sich nicht regte, wuchs im Parteivolk draußen im Lande eine Stimmung für Barzel. Genährt wurde sie

- von den ganz jungen Leuten in den Kreisparteien fern von Bonn, denen Barzel als Idol ihrer Generation erscheint;

- von den sozial orientierten katholischen Christdemokraten in Rheinland und Westfalen, denen der Jesuitenschüler Barzel nähersteht als der Marktwirtschaftler Erhard und die obendrein einen landsmannschaftlichen Anspruch auf die CDU -Führung erheben;

- von den alten CDU-Katholiken, die

- meist aus der Zentrumspartei der Weimarer Zeit kommend - eine feste ideologische Untermauerung der CDU wünschen.

Hinzu kam, daß Barzels ohnehin ausgeprägtes Selbstbewußtsein sich in überfüllten Versammlungssälen während des Bundestagswahlkampfes und auch nach der Wahl weiter festigte, als Erhard trotz persönlichen Wahlsiegs - teils wegen Krankheit, teils aus Veranlagung - Schwierigkeiten hatte, seine Führerrolle überzeugend darzustellen.

Verbreiteter Abneigung der Deutschen gegen allzu junge Streber nach höchsten Partei- und Staatsämtern halten Barzels Propagandisten entgegen, die von Adenauer nach 1945 geprägten Altersvorstellungen hätten die Erinnerung daran verdrängt, daß etwa Gustav Stresemann mit 45 Jahren, Heinrich Brüning mit 44 Jahren Reichskanzler wurde.

Auch Adolf Hitler wurde drei Monate nach seinem Einzug in die Reichskanzlei erst 44 Jahre alt.

Sosehr Barzel sich mit jugendfrischer Rhetorik bei den Wählerjahrgängen zwischen 20 und 40 in Empfehlung gebracht hat, so kritisch und distanziert betrachten ihn die eigenen Altersgenossen im CDU-Führungszirkel, die ihn in Bonn aus der Nähe kennen.

Es ist ein wachsender, besonders bei der letzten Bundestagswahl beträchtlich verstärkter Kreis vitaler, arbeitsamer, real denkender Männer, die allesamt aus der Jungen Union hervorgegangen sind (in der Barzel nur kurze Zeit zahlendes Mitglied war, als er im Januar 1954 von der Zentrumspartei zur CDU übertrat), die alle (anders als der bloße Berufspolitiker Barzel) eine Zivilkarriere aufweisen können und die Politik durchweg im Stile der amerikanischen Eierköpfe betreiben.

Der bisher erfolgreichste Exponent dieses Kreises ist der frühere Geschichtsdozent, Krupp-Direktor und jetzige Bundeswissenschaftsminister Gerhard Stoltenberg.

Als neues Wunderkind der CDU -Junioren tat sich der Chemie-Syndikus Dr. Helmut Kohl hervor, den sein CDU -Landesverband Rheinland-Pfalz jüngst zum Vorsitzenden wählte und damit als Nachfolger für den am längsten amtierenden CDU-Landesvater, den Ministerpräsidenten Peter Altmeier, 66, designierte. Korporiert sind die jungen Leute dieser Couleur in der sogenannten Gruppe 53, einer »Arbeitsgemeinschaft junger Abgeordneter«, die der derzeitige Bundesvorsitzende der Jungen Union, MdB Dr. Egon Klepsch, 36, begründet hat.

Klepsch, Sudetendeutscher aus Tetschen-Bodenbach an der Elbe, ist im vorigen Herbst in den Bundestag eingezogen. Mit 29 Jahren wurde er Dozent für internationale Politik im wissenschaftlichen Forschungs- und Lehrstab der Bundeswehr in Koblenz. Von Januar 1965 bis zum Wahlkampf diente er in Erhards Kanzlerberater-Team.

Von diesen 53 CDU/CSU-Abgeordneten haben 39 ein akademisches Studium absolviert; 21 schmücken ihren Namen mit dem Doktortitel. Außer drei Ehrenjugendlichen (den Mittvierzigern Journalist Schulze-Vorberg, Hauptfeldwebel Stahlberg und Oberkreisdirektor Verbeck) sind die CDU-Jungstürmer zwischen 30 und 42 Jahre alt.

Mit Namen und Erfahrung hervorgetan haben sich unter ihnen

- Ernst Benda, 41, im vorigen Bundestag Initiator des Verjährungs-Aufschubs für NS-Verbrechen,

- Bert Even, 41, früher Bundesvorsitzender der Jungen Union, jetzt CDU/ CSU-Verfassungsexperte,

- Walther Leisler Kiep, 40, aktiver Entwicklungshelfer des Bundestages,

- Heinrich Gewandt, 39, einer von Bonns parlamentarischen Vermittlern in der Nahost-Krise des vergangenen Jahres und Wahlsieg-Helfer für Chiles Präsidenten Frei,

- Olaf von Wrangel, 37, bis zum Eintritt in den fünften Deutschen Bundestag Chefredakteur des NDR,

- Hansjörg Häfele, 34, Jünger von Ministerpräsident Kiesinger in Stuttgart,

- Gottfried Arnold, 33, Sohn des verstorbenen CDU-Ministerpräsidenten und Barzel-Mentors Karl Arnold in Düsseldorf.

Vormann Klepsch ruft die jungen Kameraden regelmäßig - mindestens einmal im Monat - zu Sprechabenden zusammen. Sie halten engen Kontakt mit Generationsgenossen in den Landesorganisationen der Partei und haben sich vorgenommen, die Vorherrschaft der CDU-Veteranen zu brechen. Klepsch prophezeit: »1969 kommt noch mal ein Schub von 80 bis 90 Jungen in den Bundestag.«

Gleichwohl ist der junge Barzel keineswegs Favorit dieser jungen Mannschaft. Einer der zornigen jungen Männer: »Barzel ist zwar noch jung; er will aber gar nicht Vertreter der jungen Generation sein und macht sich künstlich alt mit seiner ewigen Zigarre.«

Dietrich Rollmann, 34, Hamburger CDU-MdB und ebenfalls in Klepschs Gruppe 53, zu der Frage, ob Barzel an der Parteispitze eine personelle Alternative der jungen Leute sein könnte: »Ich meine, daß Rainer Barzel doch aus dem Grund schon keine Alternative sein kann, weil er zum Establishment gehört.«

Tatsächlich präsentiert sich Rainer Barzel nicht als Lokomotive der vorandrängenden jungen CDU-Führungsschicht, sondern als Schlußlicht der etablierten Alten.

Kurz vor lebensgefährlicher Operation in der Universitäts-Klinik München hinterließ der krebskranke CDU-Fraktionschef Heinrich von Brentano ein Vermächtnis: Barzel sei der Geeignete, der sich in Bonn um den vakanten Posten kümmern solle.

Die älteren CDU/CSU-Fraktionäre, die lange führungsschwache Zeiten erlebt haben, rühmen die Art, wie Barzel diesen Auftrag erfüllt. Die jungen freilich erblicken in Barzels Fraktions-Verwaltung bloßes Management und vermissen die Führung. Sie werfen ihm vor, er wirke nicht team-bildend. Nicht mit überzeugenden Ideen regiere er die Fraktion, sondern mit Gschaftlhubere und opportunistischem Lavieren.

Radikal analysierte einer der Bonner Eierköpfe: »Barzel kleistert und kleistert und rührt so lange, bis der Einheitsbrei zusammen ist. Reicht das zum Kanzler?«

Auch sein betonter Katholizismus erhöht Barzels Ansehen in der jungen CDU-Führungsreserve nicht. Denn obwohl 34 Mann der »Gruppe 53« - also nahezu zwei Drittel - Katholiken sind, überwiegt bei ihnen Sympathie für den Protestanten Ludwig Erhard.

Denn, so der katholische Gruppenführer Klepsch: »Für uns Junge spielt die Konfession kaum noch eine Rolle und noch weniger der gesellschaftspolitische Begriff des Kapitalismus.« Dem in seinem geistigen Habitus zumeist schon von der Wohlstandsgesellschaft geprägten Jungvolk erscheint deshalb sogar Ludwig Erhards nebulose Vision von der »Formierten Gesellschaft« eher zukunftsweisend als wortreiche Barzel-Romantik.

Als in der ersten Februarwoche durch Erhards Zögern vor dem Entscheid zur Kandidatur die CDU-Unruhe von Tag zu Tag wuchs (Barzel: »Es waren zwölf schreckliche Tage"), fand der Kanzler neben der Schützenhilfe aus dem Südwesten und dem evangelischen Norden gerade bei der jungen Parteigarde Rückhalt.

Ihr war aus der Seele gesprochen, was Erhard über vergrößerten Einfluß der Nachwuchskräfte aus dem Lande gesagt hatte: »Die Bonner Inzucht muß aufhören.«

Der Mainzer Kohl aus dem katholischen Rheinland-Pfalz rückte gegen Barzels Aufstieg an die Parteispitze zu Felde und plädierte für eine Lösung, die der Kanzler insgeheim schon mit seinem Innenminister verabredet hatte: Erhard solle Parteichef, Lücke sein Stellvertreter werden.

Kohls Aktivität kam über Grundmann dem Geheimkandidaten Barzel zu Ohren. Im Kleinstkreise seiner Getreuen pflog der Fraktionschef Rats und resümierte: »Wenn ich das jetzt nicht mache, dann sitze ich noch zwanzig Jahre auf dem trocknen. Ich muß jetzt vorstoßen.«

So schritt Barzel zur Aktion. Während Kanzler Erhard schwierige Verhandlungen mit de Gaulle in Paris erledigte, unternahm sein Fraktionsführer daheim im Verein mit NRW-Landsmann Grundmann einen Parteistreich.

Die beiden trafen sich im CDU-Landesbüro an Kölns Gereonstraße und besprachen die Lage. Dann fuhr Barzel zur Fraktionssitzung zurück nach Bonn ("Ich mußte führen"). Von dort aus telephonierte sein Fraktions-Pressesprecher Ackermann mit Köln und half in Kontakt mit Barzel bei der Formulierung einer Presseerklärung, die Grundmann für nötig hielt. Ergebnis: Barzel stehe für den Parteivorsitz zur Verfügung.

Erhard - noch in Paris - reagierte auf diese Erklärung wütend. Die beiden Akteure von Köln suchten sich zu rechtfertigen.

Barzel schob es auf Grundmann: »Ich stand unter Druck von unten aus dem Parteivolk. Als ich gefragt wurde, ob ich zur Verfügung stünde, mußte ich wohl ja sagen. Im übrigen habe ich zu dem Kommuniqué nur die beiden Konditionen 'wenn es mir angetragen wird' und 'wenn es im Interesse der Union liegt' beigetragen.« Grundmann schob es auf Barzel: »Ich habe keinen Alleingang unternommen.«

Nun mußte Ludwig Erhard sich erklären. Anderntags - aus Paris in Bonn zurück - tat er es: Er erhob Anspruch auf den ersten Platz in der Partei.

Der Versuch Barzels und Grundmanns, den zögernden Kanzler aus dem Parteispiel zu bluffen, war gescheitert. Die Partei stand vor einer neuen Lage: Hatte sie vorgestern noch keinen Kandidaten, so gab es nun plötzlich zwei.

Jedoch: Wie eh und je war es in der Bonner Christen-Union unvorstellbar, daß ein Kanzler aus ihren Reihen einer Kampfabstimmung konfrontiert werden könnte.

Das war wieder einmal die Stunde des großen Partei-Moderators Heinrich Krone. Während der Kanzler, von Barzels Verhalten »menschlich tief getroffen« (Erhard: »Sie wissen ja, wer sich nicht an die Spielregeln gehalten hat"), den rücksichtslosen Konkurrenten nun nicht etwa als Stellvertreter akzeptieren wollte, drängte Adenauer den Erhard -Rivalen, sich nicht von Kompromißsuchern mit dem zweiten Platz abspeisen zu lassen, sondern aufs Ganze zu gehen. Adenauer zu Barzel: »Jetzt müssen Sie kämpfen!« Barzel versprach: »Und wenn nur meine eigene Stimme für mich abgegeben wird - ich bleibe im Rennen.«

Krone besuchte die aufgeplusterten Kampfhähne. Vierundzwanzig Stunden vor der entscheidenden Vorstandssitzung vom 16. Februar dieses Jahres überredete der CDU-Papa sowohl Erhard wie Barzel, aus Parteiräson zurückzustecken. Erhard möge auf Lücke als Partei-Vize verzichten, Barzel sich damit begnügen, zweiter Mann hinter Erhard zu werden. Beide gaben nach.

Im Bonner Hotel »Königshof« folgten die CDU-Vorstandsherren anderntags nicht Adenauer, sondern Krone. Adenauer war von Barzel enttäuscht: »Es gibt in Bonn keine Kämpfer mehr, sondern nur noch Funktionäre.«

Barzels Rechnung schien dennoch nicht schlecht zu stehen. Zwar hatte er sein Ziel nicht erreicht, aber seine Gegner in der Partei konnten ihn nun nicht mehr übergehen.

In dieser Situation, einen Monat vor dem Parteitag dieser Woche, formierten sich die Anti-Barzel-Kräfte zum Gegenstoß. Er wurde vor allem von jenen CDU-Junioren geführt, als deren Vorreiter Barzel sich so gern ausgibt.

Der Stoßtrupp der Jungtürken wurde unterstützt von Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel, der bisher Stellvertreter des Geschäftsführenden Vorsitzenden war und um seinen Posten Langte. Von der Bonner Hardthöhe aus mobilisierte Hassel seine weit verstreuten evangelischen Hilfstruppen. Ein halbes dutzendmal telephonierte er mit Urlauber Gerhard Schröder im Schloßhotel von Pontresina. Mindestens ebensooft läutete er beim kurenden Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier auf Bühler Höhe an.

Ziel aller Aktionen war es, den in der Partei-Hierarchie so plötzlich emporgekommenen Mann mit Rivalen zu umringen.

Die Einkreisungspolitik hatte Erfolg. Am Montag letzter Woche akzeptierte der CDU-Parteivorstand in Bonn die von einer siebenköpfigen Kommission ausgearbeitete Neufassung der Parteisatzung (die sechste in 16 Jahren Bundes-CDU) und empfahl sie den 576 Delegierten des 14. CDU-Parteitages zur Verabschiedung in dieser Woche.

Wird der Vorschlag angenommen, ist Rainer Barzel eingemauert (siehe Graphik Seite 34). Ihm sollen »zwei weitere Stellvertreter« (Kai-Uwe von Hassel und Paul Lücke) beigegeben werden. Und »die Geschäfte der Partei«, die bisher Dufhues führte und Barzel in Zukunft »allein nebenbei machen« wollte, sollen gemäß dem neuen Satzungsvorschlag von dem Geschäftsführenden Präsidiumsmitglied Bruno Heck, 49, geführt werden. Bundesfamilenminister Heck, Vater von sechs Kindern, der im Dezember nach vierjähriger Kabinettszugehörigkeit pensionsreif wird, hat als CDU-Bundesgeschäftsführer von 1958 bis 1962 Erfahrungen in der praktischen Parteiarbeit gesammelt.

Insgesamt wird der CDU durch den neuen Vorschlag ein Führungsmodell von kaum überbietbarer Kompliziertheit beschert. Zwei Männer stehen an der Spitze, die als Kanzler und Fraktionschef ohnehin voll ausgelastet sind. Und die Erweiterung des Präsidiums auf »bis zu zwölf Sitze« hat eher zu starken Disproportionen als zu einem ausgeglichenen Proporz geführt.

Sieben Katholiken (Barzel, Lücke, Blank, Dufhues, Kohl, Heck, Brauksiepe) stehen nur vier Protestanten (Erhard, von Hassel, Gerstenmaier und Schröder) gegenüber. Aus den vier norddeutschen Ländern Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Niedersachsen stammt nur ein Präsidialer (von Hassel); aus Nordrhein-Westfalen kommen gleich sechs (Barzel, Lücke, Dufhues, Brauksiepe, Blank und Schröder). West-Berlin ist auf der Vorschlagsliste überhaupt nicht mehr vertreten, weil Parteiveteran Krone freiwillig auf seinen angestammten Präsidiumssitz verzichtet hat.

Rainer Barzel selbst, der bis zur letzten Minute kämpfte, um seine Stellung als erster Stellvertreter in einsamer Größe zu behaupten, ist zwar nicht entzückt über die Einkreisungserfolge seiner Gegner, aber glaubt, daß er mit ihnen fertig wird: »Das ist mir alles ganz wurscht. Von papierenen Festlegungen halte ich überhaupt nichts.«

Voll Vertrauen auf die eigene Vitalität und Geschicklichkeit im Umgang mit widerstreitenden Parteifunktionären will er das CDU-Ruder in die Hand nehmen: »Politisch geführt habe ich die Partei in der letzten Zeit ja sowieso schon von der Fraktionsspitze aus.«

Die im Kanzleramt verschanzte Brigade Erhard war empört. Kanzler-Vertraute bezeichneten es als »infam«, daß der Fraktionschef und designierte Parteivize die Führungsrolle Ludwig Erhards in Zweifel stellte.

Zwischen den beiden ersten Männern der CDU war ein offener Konflikt ausgebrochen. Ludwig Erhard schätzte die Gefechtslage nüchtern ab: »Mir ist klar, daß das so weitergehen wird. Aber ob es zum Nutzen dieses Herrn ausgehen wird, scheint mir doch sehr zweifelhaft.« Rainer Barzel dagegen sagte im kleinen Kreis: »Die andere Seite hat mit dem Schießen gegen mich angefangen.«

Damit war das Verhältnis zwischen den fortan führenden Männern der CDU auf dem Tiefpunkt angelangt, obwohl es vor zweieinhalb Jahren hoffnungsvoll und freundlich begonnen hatte.

Damals, im Herbst 1963, stützte sich Neukanzler Erhard vertrauensvoll auf Rat und Tat des quieken jungen Mannes, der eben vom kranken Brentano die Geschäfte der Fraktionsführung übernahm.

Erhard richtete das morgendliche Montagskränzchen ein, bei dem er zu Beginn jeder Bonner Arbeitswoche die anstehenden Probleme mit dem Fraktionschef besprach. In der CDU-Krise vom November 1964, die Adenauer durch eine Interview-Kampagne gegen Erhard entfesselt hatte, stützte Barzel loyal den Kanzler.

Als Erhard bei den Kontroversen mit de Gaulle unsicher wurde, ob sein Außenminister Schröder den richtigen Ton gegenüber den Franzosen finde, half Barzel mit, das Versöhnungstreffen zwischen Kanzler und General in Rambouillet ohne Ministertroß zu arrangieren.

Aber schnell fühlte der junge Fraktionschef seine Macht wachsen ("Unter den fünf stärksten Leuten in Bonn wüßte ich nicht, wo ich mich einordnen sollte") und fing an, den Kanzler naßforsch und herablassend zu behandeln.

Bereits im Frühjahr 1965 fühlte er sich stark genug, schon mal einen Bierjux mit dem Kanzler zu treiben. Im Berliner »Hotel am Zoo« nötigte Barzel den zum Koalitionsgespräch mit der FDP erschienenen Erhard, den Vorsitz zu führen. Erhard sträubte sich. Barzel: »Aber, Herr Bundeskanzler, wenn Sie bei uns sind, haben Sie selbstverständlich immer das Präsidium.« Doch kaum hatte der Kanzler daraufhin gebrummelt »Ich eröffne die Sitzung«, da feixte Barzel dazwischen: »Wer hier den Vorsitz führt, der zahlt auch die Getränke.« Alle lachten und zechten auf des Kanzlers Kosten.

Das menschliche Klima zwischen den beiden CDU-Champions kühlte vollends ab, als Barzel

- im Wahlkampf zwar noch Erhard -Titel des SPIEGEL signierte, aber dem Gerede von der Großen Koalition nicht überzeugend entgegentrat;

- nach der Wahl das Gemunkel über einen Kanzler-Wechsel zur Halbzeit der Legislaturperiode nährte.

Anfang Januar wurde den beiden Männern endgültig klar, daß sie auf Kollisionskurs steuerten. Es war noch vor dem Dufhues-Verzicht. Anstelle des Erkrankten wollte Barzel sich selber für den Parteivorsitz ins Rennen bringen und Erhard von vornherein ausschalten.

Bei einem Zweier-Essen im Kanzlerbungalow, nach der Gratulationscour zu Konrad Adenauers 90. Geburtstag, sprach Barzel den Kanzler an: Man habe doch zu zweit immer so gut zusammengearbeitet, daß es gar nicht nötig sei, noch einen dritten in die Spitzengarnitur der Partei aufzunehmen.

Barzel drängte den Kanzler, er möge ihn von sich aus als Kandidaten für den Parteivorsitz vorgeschlagen. Ludwig Erhard winkte ab.

Früher, in der Freundschaft Maienblüte, pflegte Frau Luise ("Lu") Erhard vor Einladungen in den Bungalow zu erkunden, welches die Lieblingsspeisen von Herrn Barzel seien, um sie ihm eigenhändig zuzubereiten.

Das war nun anders geworden. Am letzten Tag im Februar - nach dem Gerangel um den Parteivorsitz - kam Barzel mit seinem Adlatus Rasner zu einem Bungalow-Empfang für junge Abgeordnete erst gegen Schluß an, als die anderen schon aufbrachen. Hausherr Erhard ließ die beiden unbeachtet stehen. Sie bekamen weder einen Handschlag noch einen Whisky.

Barzel revanchierte sich. Am vorletzten Freitag empfing der Kanzler die Vorsitzenden der drei Bundestagsfraktionen zum Bericht über den Notenwechsel mit de Gaulle. Die Atmosphäre zwischen Kanzler und CDU/CSU-Fraktionschef war kühler als kühl.

Als Zigarrenraucher Erhard - wie sonst immer - dem Zigarrenraucher Barzel, der gerade vom Zahnarzt kam, eine Brasil der Marke »Schwarze Weisheit« anbot, mußte der Gast den Friedenstabak ausschlagen.

Die Zeichen standen eher auf Duell als auf Duett.

* In den drei Stadtstaaten, in Schleswig -Holstein, Hessen, Rheinland-Pfalz und an der Saar sind die CDU -Landesverbände jeweils mit dem Bundesland identisch. In Nordrhein-Westfalen gibt es zwei CDU-Landesverbände (Rheinland und Westfalen). In Niedersachsen drei (Hannover, Braunschweig, Oldenburg), in Baden -Württemberg vier (Nordbaden, Nordwürttemberg, Südbaden, Württemberg-Hohenzollern).

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