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»Dukes B": Weder Heilung noch Todesurteil

Die Darmkrebs-Erkrankung des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan *
aus DER SPIEGEL 30/1985

Noch umnebelt vom Narkosegas, reagierte der Präsident der Vereinigten Staaten wie jeder Krebspatient. Er blickte zu seinem Operateur auf und flüsterte mit trockenen Lippen: »Ich bin ja so froh, daß alles raus ist.«

Captain Dale Oller, Facharzt für Chirurgie am Marine-Krankenhaus in Bethesda, drückte vorsichtig die Hand seines prominenten Kranken. »Ich auch«, antwortete er militärisch knapp. Dann verordnete er dem mächtigsten Mann der Welt eine Morphium-Injektion. Sie nimmt den Schmerz und die Angst. Ronald Reagan, 74, schlief ein.

Ein Arzt und eine Krankenschwester wachten am Bett. Im Hintergrund hielt sich das Op-Team weiter einsatzbereit. »Große Bauchchirurgie« erfordert große Vorsicht. In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag kam das Fieber. Der Kranke stöhnte leise im Schlaf.

Ronald Reagan lag auf Leben und Tod darnieder. An dem Eingriff, einer rechtsseitigen Dickdarmresektion, sterben rund zehn Prozent der Operierten in diesem Alter.

Reagans Chirurg Dr. Dale Oller mühte sich wie alle Beteiligten, die Schreckensdiagnose Dickdarmkrebs in einem Arbeitsgang mitzuteilen und abzuräumen. Die Welt soll glauben, Reagan hätte Krebs gehabt, doch nun sei er geheilt. »Es ist alles heraus«, verspricht Oller, »wir haben den ganzen Bauchraum inspiziert, es gibt keine Hinweise auf irgendeinen anderen Tumor oder auf Tochtergeschwülste.«

Schön wär's ja. Doch vorerst ist die versprochene Heilung eine eher vage Hoffnung. In Wahrheit ist Ronald Reagan mindestens zwei, vielleicht vier Jahre zu spät operiert worden. So lange schon wuchs in seinem Leib der Krebs.

Man hätte den bösartigen Tumor ohne großen Aufwand vor Jahren entdecken und entfernen können - doch der alte Politiker, sorgsam bedacht auf ein Image jugendlicher Kraft, ließ die Chance einer frühzeitigen Diagnose leichtfertig aus. Das war ein riskantes Roulette. Es trug dem Präsidenten die Wiederwahl und die große Krebsoperation ein.

Dabei gehört Reagans Darmtumor von Natur aus eigentlich zu den weniger bösartigen Krebsformen. Er besteht aus wuchernden Zellen der Darmschleimhaut. Sie fressen sich ziemlich langsam in die tieferen Schichten der Darmwand vor. Doch mit jedem Hundertstelmillimeter, den die Krebszellen an Terrain gewinnen, wächst ihre Gefährlichkeit. Hat der Darmkrebs erst einmal Tochtergeschwülste in Leber und Lunge abgesiedelt, kann er nicht mehr besiegt werden. Auch die tüchtigsten Chirurgen sind dann machtlos.

In den USA werden in diesem Jahr rund 140000 Menschen an dieser Tumorform erkranken, 60000 daran sterben. In der Bundesrepublik rechnet man mit 50000 Neuerkrankungen und über 22000 Toten. Weshalb der Darmkrebs ständig zunimmt (während der Magenkrebs seltener wird), ist nicht geklärt. Angeschuldigt werden die fettreiche und ballaststoffarme Ernährung, sitzende Lebensweise und Bierkonsum.

Doch Ronald Reagan achtet, seit Nancy ihn vor Jahrzehnten an die Hand genommen, auf eine ausgewogene, fettarme Kost. Er trainiert die Muskeln wie einst als Bademeister und Filmcowboy, bewegt sich ausdauernd im Wasser, zu Fuß und auf dem Rücken seiner Pferde. Bier trinkt Reagan nicht einmal mehr zu Reklamezwecken.

Trotzdem haben sich bei dem alten Herrn »Polypen« gebildet, gestielte Geschwülste der Darmschleimhaut. Sie sind die Vorformen des Darmkarzinoms und sollten deshalb »konsequent abgetragen« werden, wie der Frankfurter Chirurgieprofessor Edgar Ungeheuer erläutert. »Das senkt die Häufigkeit des Darmkrebs um 85 Prozent.«

Zwei Polypen ließ Reagan im Mai 1984, sechs Monate vor seiner Wiederwahl, unauffällig entfernen. Schon damals, so kritisierten amerikanische Krebsexperten jetzt, hätte nach den Regeln ärztlicher Kunst eine Spiegelung des gesamten Dickdarms, eine Kolonoskopie, vorgenommen werden müssen. Doch spätestens im März dieses Jahres,

als der am vorvergangenen Freitag entfernte, dritte Polyp in Reagans Darm entfernt wurde, wäre die Untersuchung mit dem flexiblen Fiberglas-Endoskop unumgänglich gewesen. Tatsächlich hatte denn auch der an der März-Untersuchung beteiligte Magen- und Darmspezialist Edward Cattau »dringend gefordert«, eine Kolonoskopie »so bald wie möglich« durchzuführen.

Die übrigen Mitglieder des Ärzteteams sahen die Dringlichkeit offenbar nicht so: Der Polyp war winzig, und die Blutungen aus dem Darm hörten nach einer geringfügigen Umstellung der Präsidentenkost von allein auf. Dabei gilt »Blut im Stuhl«, bis zum Beweis des Gegenteils, als mögliches Krebszeichen.

Die Entfernung des dritten Polypen war ein harmloser, weitgehend ungefährlicher Eingriff, der rund 30 Minuten dauerte und ohne Vollnarkose vorgenommen wurde. Der Patient hatte deshalb gut scherzen. Auf der Trage liegend, tätschelte er am Freitag die Hand seiner Ehefrau und spielte den desorientierten Schwerkranken, der gerade aus tiefer Narkose erwacht: »Wie war doch noch Ihr Name?« Am Tag darauf holte ihn der Spaß ein. Nun wurde Reagan wirklich narkotisiert, für viereinhalb Stunden. Eine Maschine übernahm seine Lungenfunktion. Drei Stunden brauchte Dr. Dale Oller für die »Hemikolektomie«, die operative Entfernung fast des halben Dickdarms, eine gute Zeit.

Denn zum allgemeinen Erschrecken hatte die seit Jahren fällige, aber niemals durchgeführte Ausleuchtung des gesamten Dickdarms eine echte Krebsgeschwulst ergeben. Sie saß, in das Darmlumen vorgewölbt, an ihrer Oberfläche leicht blutend und fünf Zentimeter breit, im aufsteigenden Schenkel des Dickdarms (siehe Graphik).

Die Chirurgen entfernten das Karzinom »radikal« und »weit im Gesunden«. Herausgeschnitten wurden sechzig Zentimeter Darm, der ganze aufsteigende Schenkel des Dickdarms, samt Blinddarm und dessen Wurmfortsatz ("Appendix"). Die Radikalität ist nötig, um bereits ausgewanderte Krebszellen vielleicht gerade noch zu erwischen. Für 24 Stunden kam das Darmstück in Formalin, danach in dünnen Scheiben unter das Mikroskop. Nur so läßt sich die Ausdehnung des Karzinoms - und damit seine Gefährlichkeit - einigermaßen verläßlich beurteilen.

Erst am Montag der vergangenen Woche rückten die Ärzte den mikroskopischen Befund heraus: »Dukes B«. Das ist weder die Heilung noch ein Todesurteil. Es ist der Schwebezustand zwischen beiden Möglichkeiten.

Seit 1930 klassifizieren die Ärzte auf Vorschlag des Londoner Pathologen Cuthbert Dukes den Darmkrebs, je nach der Infiltrationstiefe in der Darmwand und der regionalen Lymphknotenbeteiligung. Die Darmwand besteht aus mehreren Gewebeschichten: innen der Schleimhaut, dann locker angeordnetem Bindegewebe, umgeben von der Ring- und Längsmuskelschicht, schließlich außen einer ganz dünnen, feuchten Haut, der »Serosa«. Beim Stadium »Dukes B« liegt nur noch die Serosa zwischen den Krebszellen und der freien Bauchhöhle.

Ein Jahr, so erklärte Dr. Marshall Bedine von der Johns Hopkins University, hätte in bezug auf das Wachstum des Tumors »einen gewaltigen Unterschied machen können. Und auch vier Monate hätten noch einiges ausgemacht«.

Die Lymphbahnen hat Reagans Krebs, entgegen den Beteuerungen der White-House-Sprecher, längst erreicht. Sie verlaufen unter dem Bindegewebe und zwischen den Muskelfasern des Darms. Wie weit einzelne Karzinomzellen schon gekommen sind, zeigt sich immer erst später. Deshalb hantieren die Ärzte mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sie erscheint dem Kranken wahlweise als Trost oder Bedrohung - hat mit seinem zukünftigen Schicksal aber überhaupt nichts zu tun.

»Der Präsident«, orakelt Chirurg Oller, »ist zu 98 Prozent vom Darmkrebs geheilt.« Einige Experten geben die Chance, daß Reagan nie wieder mit diesem Krebs Kummer bekommt, getreu nach Dukes mit 65 Prozent an. Andere reden schon von »fifty/fifty«.

In Wahrheit gestatten selbst die besten Krebsstatistiken keine Vorhersage des Einzelschicksals: Reagan kann, ganz unabhängig von »Dukes B«, innerhalb weniger Wochen in der Leber oder der Lunge Tochtergeschwülste ("Metastasen") bekommen und daran sterben. Er kann auch krebsfrei hundert Jahre alt werden.

[Grafiktext]

HART AN DER GRENZE Gefährlichkeit und Ausbreitungsformen von Tumoren im Dickdarm Bei der chirurgischen Entfernung eines gutartigen Polypen im »absteigenden« Ast des Dickdarms entdeckten Reagans Chirurgen im »aufsteigenden« Teil des Dickdarms - nahe der Übergangsstelle zum Dünndarm - den Tumor, den sie am darauffolgenden Tag zusammen mit einem 60 Zentimeter langen Stück des Dickdarms entfernten. Dieser Tumor stellte sich bei der pathologischen Untersuchung als bösartig heraus. Die Krebsgeschwulst war nach Angaben der Ärzte bereits kurz davor, auch die äußerste Schicht der Darmwand - die »Serosa« - zu durchbrechen (Stadium »Dukes B"). Leber Magen »transversaler« Dickdarm Dünndarm entfernter Teil des Dickdarms Polyp »aufsteigender« Dickdarm »absteigender« Dickdarm Krebsgeschwulst Gutartige Polypen Bösartige Polypen Mukosa Kleiner gutartiger Polyp, der nur in der inneren Darmschleimhaut ("Mukosa") verankert ist und leicht entfernt werden kann. Muskelschicht Großer gutartiger Polyp, der bis in die Submukosa reicht und größeren Eingriff erfordern kann. Bösartige Geschwulst ("Dukes A"), auf die Innenwand des Dickdarms beschränkt. 5-Jahr-Überlebensrate bei chirurgischem Eingriff: 90 Prozent. Serosa Bösartige Geschwulst ("Dukes B"), die bereits in die Muskelschicht und das Fettgewebe des Darms eingedrungen ist. Nur die Serosa trennt die Krebszellen noch von der freien Bauchhöhle. 5-Jahr-Überlebensrate: 50 bis 75 Prozent. Bösartige Geschwulst ("Dukes C") - die Geschwulst hat die Darmwand durchbrochen, die Krebszellen streuen in die Bauchhöhle und die umliegenden Lymphknoten. Überlebensrate: unter 40 Prozent

[GrafiktextEnde]

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