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SPIONAGE Dunkle Nächte

Ein männliches Liebespaar, das für China spioniert und ein Kind hat - Frankreich lachte über eine in Wahrheit traurige Beziehung. *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Es war einmal ein französischer Diplomat namens Bernard Boursicot, 20. Der traf im fernen Peking einen schönen Chinesen von 24 Jahren, Shi Peipu, der ihn wundersam faszinierte.

Das Märchen begann, als Shi Peipu, Star der Peking-Oper, ihm eine chinesische Legende erzählte: von einem Mann, der erst in seiner Todesstunde erfährt, daß er eine Frau ist, weil seine Eltern lieber einen Sohn gehabt hätten und die Tochter als einen solchen erzogen hätten. »Das«, sagte Shi Peipu, »ist auch meine Geschichte«

Fortan glaubte Bernard Boursicot an Shi, die Frau, die als Mann auftrat und deren Geheimnis allein er kannte. Fast zwei Jahrzehnte, von 1964 bis 1983, währte seine Liebe, nie stellte er in Frage, daß Shi Dudu, heute 20, sein Sohn sei. Bis ihm 1983, bei seiner und Shis Festnahme in Frankreich, die französische Spionageabwehr DST alle Illusionen raubte. Boursicot versuchte, sich das Leben zu nehmen.

Letzte Woche wurde das seltsame Paar von einem Pariser Sondergericht verurteilt: zu je sechs Jahren Gefängnis - wegen Spionage gegen Frankreich. Ein fetter Stoff für John le Carre? Wohl eher für einen James Baldwin, oder einen, der sich intim auskennt in den Randzonen sexuellen Grenzgängertums.

Das Publikum im Gerichtssaal und die französische Öffentlichkeit schien viel mehr als der Spionagevorwurf eines zu interessieren: Wie konnte Boursicot so lange von Shi getäuscht werden?

Unerfahren sei der Franzose gewesen, »unreif« und ausgestattet mit der fatalen Neigung, »sich von einer Scheinwelt faszinieren zu lassen«, so versuchten psychiatrische Gutachter das Kuriosum dieser Beziehung zu enttarnen. »Dunkel« sei es bei ihren anfänglich flüchtigen Begegnungen in China gewesen, so erklärte Boursicot seinen Irrtum. Später habe Shi, die Keusche, sich niemals nackt gezeigt.

Sicher waren die Nächte dunkel in Shis Hofhaus neben Pekings Verbotener Stadt, wo vor 22 Jahren die unwahrscheinliche Liebesgeschichte anfing. Aber die Dunkelheit erklärt nicht alles. Die zwei jungen Männer, die sich dort im geheimen trafen, hatten beide ihre Gründe, am Romanhaften ihres Abenteuers festzuhalten: Für den jungfräulichen Franzosen mit verschämt verdrängten homosexuellen Neigungen war die Fiktion günstig, daß die Person, mit der er schlief, eine Frau sei. Für den gefeierten Schauspieler, der auf der Bühne der Peking-Oper in Frauenrollen auftrat, war es reizvoll, diese Rolle auch nachts nicht abzustreifen.

Der Franzose kam in eine Welt, in der heute noch Mädchen bei der Geburt umgebracht werden, wo Bauern Mädchen wie Knaben kleiden, um ihr Unglück vor den Nachbarn zu verbergen. Und wo im Theater, wie seit Jahrhunderten, Frauenrollen von Männern gespielt werden - Shis Welt.

Shi Peipu wurde 1939 in Kunming (Provinz Jünnan) als erster Sohn einer reichen Mandarinfamilie geboren. Die Mutter hatte zwar schon zwei Töchtern das Leben geschenkt, geradezu furchtbar wäre es gewesen, wenn auch er als Mädchen auf die Welt gekommen wäre. Doch er wünschte, es wäre so.

Bei französischen Nonnen in einem benachbarten Kloster lernte er Französisch. Mit zwölf begann er seine Opernausbildung, mit achtzehn wurde der grazile, seltsam schöne und sensible Jüngling Schüler des berühmtesten chinesischen »dan« (männlicher Darsteller von Frauenrollen), Mei Lanfang. Shi schrieb bald eigene Opern. Mit 25 Jahren war er so bekannt, daß Mao sagte: »In der Oper folgt dem Weg des Shi«

Als Kader der chinesischen Kulturkreise war Shi Peipu oftmals Gast in der französischen Botschaft, wo er Boursicot kennenlernte, einen naiven Büroangestellten, dessen Aufgabe unter anderem war, die für den Reißwolf bestimmten Botschaftsdokumente zu vernichten.

Zu jener Zeit, als Kontakte zwischen Ausländern und Chinesen fast unmöglich waren, gab die Affäre natürlich Anlaß zu genüßlichem Klatsch in Diplomatenkreisen. Das Verhältnis konnte dem chinesischen Geheimdienst nicht verborgen bleiben, auch dem französischen nicht. Boursicot wurde einige Monate später versetzt - etwa zu der Zeit, als Shi erklärte, er (sie) sei schwanger.

1969, auf dem Höhepunkt der Kulturrevolution, war der Franzose wieder da, aber Shi Peipu, die er überall in Peking per Fahrrad suchte, blieb verschwunden samt dem Sohn Shi Dudu, von dem er nur Photos gesehen hatte.

Es bleibt Shis Geheimnis, ob dieser »Sohn« eine Manipulation chinesischer Agenten ist oder Ausgeburt der Phantasie eines Träumers, der sich verloren hatte zwischen seinen Rollen, zwischen Spiel und Wirklichkeit.

Dieses Kind hatte Shi Peipu, wie in China gang und gäbe, gekauft und adoptiert. Um die Liebeslüge zu kaschieren, war er dazu in die westliche Provinz Sinkiang gereist, wo nichtchinesische Minderheiten leben. Boursicot fand, Shi Dudu sehe ihm ähnlich.

Dem chinesischen Geheimdienst war es ein leichtes, das kuriose Elternpaar zu erpressen. Ein Genosse Kang verlangte von Shi Peipu, das Verhältnis fortzusetzen und das Märchen mit dem angeblich von Boursicot gezeugten Kind weiterzuspinnen.

Dem Franzosen machte er eindeutig klar, er müsse den Chinesen Dokumente ausliefern, wenn er nicht wolle, daß Geliebte und Sohn in einem Lager in Sinkiang landeten. Boursicot gehorchte. Seltsamerweise passierte ihm nichts, als er einmal beim Wegtragen von Unterlagen erwischt wurde, von denen er einige

wenige in Shi Peipus Wohnung dem Feind aushändigte.

1972 wurde Boursicot wieder versetzt, nach Dublin, dann nach Paris, New Orleans. 1978, nun in Ulan Bator in der Mongolei, meldete sich der Genosse Kang wieder und versprach ein Treffen mit Shi, wenn der Franzose wieder Dokumente liefere. Er tat es.

Ob diese Dokumente wichtige französische Staatsgeheimnisse enthielten, wurde auch im Pariser Prozeß nicht klar. Es war eine Rechnung für eine Käselieferung dabei, ein Kostenvoranschlag für einen Brunnen sowie tiefschürfende Erkenntnisse des Botschafters, der dem Quai d''Orsay etwa meldete: »An großen Herden von Yaks vorbeigekommen«, und »Das Pferd ist für den Mongolen, was für den Amerikaner das Auto ist« Jedenfalls haben chinesische Agenten nach Informationen des SPIEGEL dem Franzosen 1981 erklärt, er könne seine Arbeit einstellen, sie hätten den Haufen von Routinemitteilungen und Lebensmittelrechnungen satt.

Das war in dem Jahr, als Boursicot nach Peking reiste, um Shi zu überreden, mit ihm nach Paris zu kommen.

Ein Jahr später schien ein Happy-End nahe. Denn dank der Mühen Boursicots und anderer Freunde erhielt Shi Peipu, Mitglied des chinesischen Schriftstellerverbandes und immer noch berühmter Schauspieler, im Rahmen des Kulturaustausches zwischen China und Frankreich eine Einladung, in Paris Vorlesungen über die Peking-Oper zu halten.

Der Star der Oper wollte weg. Er machte keinen Hehl aus seiner schwer zu verwindenden Desillusion über das China der Kulturrevolution. In ihrem soeben erschienenen Buch »Chinesische Jahre« zitiert Angela Terzani, Frau des 1984 aus China ausgewiesenen SPIEGEL-Korrespondenten, aus Gesprächen mit Shi in Peking: _(Angela Terzani: »Chinesische Jahre ) _(1980 - 1983«. Hoffmann und Campe, ) _(Hamburg; 365 Seiten; 39,80 Mark. )

»Wir haben im Kult um Mao gelebt, er war unser Buddha. Aber dann hat er uns Böses angetan, und unser Geist ist zerbrochen... Wie kann ich heute noch revolutionäre Opern schreiben? Vor zwanzig Jahren glaubte ich daran. Heute nicht mehr. Deshalb muß ich fort«

Teng Hsiao-pings Liberalisierung war es zuzuschreiben, daß Shi Peipu einen Paß und die Reiseerlaubnis nach Frankreich bekam. Im Herbst 1982 reiste er ab, zusammen mit Shi Dudu, der ihn begleiten durfte, weil Shi Peipus Gesundheit nach einem Herzinfarkt zu wünschen übrigließ. Die skurrile Familie war nun endlich beisammen. Daß Shi nach außen als Mann auftrat, konnte Boursicot nicht verwirren - es war nie anders gewesen.

Doch die verdächtige Männerbeziehung ließ die französische Spionageabwehr nicht ruhen. Sie wähnte sich auf der Spur eines Spionagenetzes von Homos. das innerhalb des französischen Außenamts für kommunistische Länder arbeitet.

Ungläubiges Staunen befiel die Vernehmer, als Boursicot bei seiner Verhaftung 1983 gestand, er habe aus Liebe zu seiner chinesischen Geliebten gehandelt. Medizinischen Gutachten über das Geschlecht Shi Peipus mochte er nicht glauben, es half nur der Augenschein.

Eine Tragödie menschlicher Wirrungen, aber das Gros von Frankreichs Medien amüsierte sich. Dabei blieb die Frage nach der Gerechtigkeit der Urteile auf der Strecke, ebenso wie zuvor in nur drei Verhandlungstagen die Frage nach der tatsächlichen Relevanz der Spionage-Taten.

Boursicot war angeklagt, der »diplomatischen Situation« Frankreichs geschadet zu haben - »Grad Null der Spionage«, wie die Zeitung »Le Matin« befand, denn militärische oder wirtschaftliche Interessen des Landes waren offenkundig zu keiner Zeit gefährdet.

Daß Shi Peipu als »Komplize« ebenfalls vor Gericht kam, ist allein in Frankreich möglich. Mehr als 20 Jahre nach der Tat - einer Frist, in der die meisten Verbrechen verjähren - ist er Opfer eines Sondergesetzes der Franzosen geworden.

Nach diesem Gesetz kann ein Ausländer, der irgendwo auf der Welt französischen Interessen zuwiderhandelt, gerichtlich belangt werden, sobald er nach Frankreich kommt. Das gilt auch, wie im Fall Shi, wenn die Tat im Heimatland des Verfolgten kein Verbrechen ist.

Berufung ist nicht möglich, nur der Gnadenweg. Anders als Boursicot, der seit 1983 in Untersuchungshaft sitzt, wird Shi Peipu wohl wegen seiner Haftverschonung fast sechs Jahre abbüßen.

Tröstlich, daß angesichts des Strafmaßes in Frankreich auch einmal Mitleid aufkam. Die linke »Liberation": »Ein Urteil, so grausam wie chinesische Folter.«

Angela Terzani: »Chinesische Jahre 1980 - 1983«. Hoffmann und Campe,Hamburg; 365 Seiten; 39,80 Mark.

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