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KIRCHE Durch den Geist

Fördert eine Waffenschau den Frieden? *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Es war ein richtig schönes Fest. Die Holzbachtaler Blaskapelle spielte flotte Weisen, Kinder durften auf Leopard-Panzern herumklettern und das ausgestellte Schießgerät bestaunen. Die Erwachsenen hielten sich mehr an die von Soldaten gegrillten Würstchen und an das von Soldaten ausgeschenkte Bier.

Es muß viel Bier getrunken worden sein an diesem 10. Juli in der Westerwald-Gemeinde Gemünden. Denn als die 4. Kompanie des Panzerbataillons 154 nach der Goodwill-Veranstaltung auf dem Marktplatz Kassensturz machte, zählte sie einen Reingewinn von rund 1800 Mark, der für karitative Zwecke gedacht war.

Damit begann der Katzenjammer. Zwei Drittel der Spende, also 1200 Mark, sollten nach dem Wunsch der Militärs der Gemünder Krankenpflegestation zugute kommen. Die aber ist eine Einrichtung der evangelischen Kirche - und deren Vorstand lehnte die Spende trotz notorischer Geldsorgen ab.

Noch während nämlich die Gemünder Bürger mit den Soldaten feierten, hatte Pfarrer Uwe Buschmann, 29 und nach eigenem Bekenntnis »schon ein wenig friedensbewegt«, seinen Kirchenvorstand im nahen Gemeindehaus zusammengetrommelt und auch gleich ein vorbereitetes Papier zur Abstimmung mitgebracht. Kernpunkt der Resolution: »Unbeschadet der als legitim anerkannten Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr

... verzichtet die Ev. Kirchengemeinde auf den ihr zugedachten Erlös aus dieser Veranstaltung.«

Als Begründung verwies Buschmann auf das christliche Gebot »Du sollst nicht töten« und schob auch noch ein weiteres Bibelzitat nach: »Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.«

Kampfpanzer wie der Leopard, so Buschmann weiter, seien »integraler Bestandteil einer militärischen Strategie, die unverhohlen ihre Bereitschaft erklärt, Massenvernichtungswaffen einzusetzen und damit Gottes Schöpfung restlos zu vernichten. Diese Absicht alleine schon verleugnet Gott, den Schöpfer, den Versöhner und Erlöser«.

Dagegen setzte er die Bibelworte »Liebet eure Feinde« und »Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen«. Die Kirchenvorständler waren von der theologischen Begründung so beeindruckt, daß sie die Buschmann-Resolution mit sechs zu drei Stimmen guthießen.

Als der Buschmann-Text im Gemeindebrief veröffentlicht wurde, gerieten die Ortsältesten in Wallung. Ortsbürgermeister Wilhelm Wolf, CDU, verbündete sich mit dem Vorsitzenden der Freiwilligen Feuerwehr, Willi Schmidt, und dem Sportvereinsboß Horst Muhl, die als Gastgeber der Militärschau fungiert hatten.

In einem gemeinsamen Brief an den Pfarrer drückten sie ihre »Betroffenheit« über »die auf Ihre Initiative hin gefaßte Entscheidung des Kirchenvorstands« aus. Und natürlich vermuteten sie auch ideologische Hintergründe: »Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, daß hier Thesen vertreten werden, die Ihre politische Einstellung erkennen lassen.«

Sauer reagierte, logisch, auch die Bundeswehr. »Helle Empörung« bei der Truppe konstatierte der zuständige Bataillonskommandeur, Oberstleutnant Aschoff. Er findet es »unverschämt, wie man sich zum moralischen Hüter aufschwingt«.

Die üblichen anonymen Anrufer rieten dem Pfarrer: »Gehen Sie doch nach drüben.« Das Lokalblatt »Westerwälder Zeitung« sah den »Gemeindefrieden gestört« und machte einen »Militär-Skandal« aus.

Dabei kann sich Buschmann mit seiner Argumentation auf breite kirchliche Zustimmung stützen. Seit sich immer mehr Christen in der Friedensbewegung engagieren, seit Pastoren im Talar auf Friedensdemonstrationen mitmarschieren, seit Kirchentage weitgehend zu Friedensfesten umfunktioniert sind, hat selbst bei konservativen Kirchenoberen ein Umdenkprozeß in Sachen Frieden eingesetzt.

So verkündeten 33 der 46 Superintendenten der evangelischen Kirche im

Rheinland: »Wir wissen uns ... vom Wort Jesu auf den Weg der Abrüstung gewiesen.« Und die Synode der Evangelischen Kirche Deuschlands warnte im Herbst 1983: »Die Androhung gegenseitiger Vernichtung widerspricht dem Geist Christi und ist Ausdruck unserer Sünde.«

Auch die katholische Kirche ist längst vom Friedensbazillus befallen. So riefen die im Bensberger Kreis zusammengeschlossenen katholischen Laien in unverhüllter Deutlichkeit zum »zivilen Ungehorsam« gegen die Stationierung neuer Raketen auf, und selbst der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Joseph Höffner, sprach vorsichtig von einem »gefährlichen und zerbrechlichen« Gleichgewicht des Schreckens.

Pastoren wie die Hamburgerin Elisabeth Pasewaldt überredeten ihren Kirchenvorstand, die Gemeinde zur atomwaffenfreien Zone zu erklären. 25 evangelische Pfarrer aus der Pfalz und dem Saarland wandten sich schriftlich gegen einen Flugtag auf dem US-Fliegerhorst Ramstein, weil die dort vorgestellten Geräte »ihrem technischen Konstruktionszweck nach potentielle Massenvernichtungsmittel« seien. Eine solche Militärschau, so die Geistlichen, passe nicht zur »brausenden Volksfestatmosphäre eines westpfälzischen Familienausflugssonntags«.

Pfarrer Buschmann fühlt sich in seinem Protest gegen das Gemünder Waffenfest denn auch nicht allein, zumal ihm seine Dienstvorgesetzten volle Rückendeckung geben. Ohnehin begreift er sein Amt nicht nur als theologische und seelsorgerische Aufgabe, sondern auch als »Wächterfunktion«.

Buschmann: »Die Kirche hat sich dem Wächteramt immer entzogen, zum Beispiel im Dritten Reich; das darf uns nicht wieder passieren.«

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