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EXPORT / ISRAEL-BOYKOTT Durch die Röhre

aus DER SPIEGEL 23/1968

Als Reuters-Korrespondentin Annette von Broecker am Montag vergangener Woche im Düsseldorfer Hochhaus der Mannesmann AG anklingelte, stieß sie auf eine Informationslücke. Ein Prokurist der Firma. wegen Meldungen über einen Israel-Boykott von Mannesmann und Thyssen befragt, wußte von nichts.

Dennoch gab er eine Erklärung ab, die wenig später über das Nahost-Netz von Reuters' Nachrichtenbüro verbreitet wurde: Mannesmann habe keinen Brief an das Israel-Boykott-Büro der Araber in Damaskus geschrieben. Im übrigen sei man »bereit, neue Aufträge von Israel anzunehmen«.

Fünf Stunden später verlangte ein anderer Firmensprecher, die Meldung zu berichtigen. Mannesmann habe doch einen Brief an die Araber geschrieben. Die frühere Auskunft sei nicht von offizieller Seite gegeben worden.

So kompliziert hat sich ein Handelsgeschäft, der Stahlkonzerne Mannesmann und Thyssen entwickelt. das den Managern am Rhein im vergangenen Jahr der Wirtschaftsflaute sehr zupaß gekommen war.

Gegen harte internationale Konkurrenz hatten sie von Israel einen Auftrag für die Lieferung von 71 500 Tonnen Stahlblechen im Wert von rund 35 Millionen Mark ergattert. Die Israelis wollten aus den Blechen Rohre biegen und eine Erdöl-Pipeline vom Golf von Akaba zum Mittelmeer bauen.

Da diese Öl-Linie nach Ansicht der Araber Israels Kriegswirtschaft stärken wird, nahm sich Ost-Berlin des propagandaträchtigen Themas an. »Bonn erweist sich wieder einmal als Feind der Araber«, zeterten die Ulbricht-Gazetten, und Zeitungen in Syrien, Libanon und Ägypten druckten die Anwürfe nach.

Die Meldungen riefen auch das Israel-Boykott-Büro der Araber in Damaskus auf den Plan, das einem Beschluß der Arabischen Liga gemäß alle Lieferungen internationaler Firmen an die Juden überwacht und auf ihre strategische Bedeutung prüft. In der ersten Februarwoche dieses Jahres schrieb der Boykott-Bürochef Mohammed Mahmoud Mahgoud an Mannesmann und Thyssen, die Rohrblechlieferungen müßten als ein »großer Dienst« für das aggressionslüsterne Israel gewertet werden. Beide Firmen würden deshalb auf die schwarze Liste der arabischen Staaten gesetzt, das heißt jedes Geschäft mit ihnen untersagt werden, wenn der Fall »nicht innerhalb von drei Monaten bereinigt« sei.

Mannesmann in Düsseldorf blieb gelassen. Exportchef Joseph Francois van Beveren schrieb dem Boykott-Büro zurück, die Sache habe sich für seinen Konzern bereits erledigt. Tatsächlich hatte die Mannesmann AG ihren Auftragsanteil von rund 35 000 Tonnen zu diesem Zeitpunkt weitgehend abgeliefert. Den Rest schickte van Beveren rasch hinterher.

Thyssenrohr-Chef Ernst Wolf Mommsen hatte mehr Anlaß zur Besorgnis. Sein Konzern war schon einmal auf die Boykott-Liste gesetzt worden, als Thyssen-Hütte-Aufsichtsrat und Bankier Walter Hesselbach die Mitgliedschaft in einem deutschisraelischen Komitee erworben hatte. Jetzt stand zu befürchten, daß Thyssen ein zweites Mal auf die Liste kommen würde, was nach arabischer Praxis einen Dauerboykott bedeutet.

Thyssens Exportchef Dr. Helmut Gschwend bat deshalb die israelische Ingenieur- und Baufirma Solkoor, die das Blechgeschäft abgeschlossen hatte: »Helfen Sie uns aus dieser blödsinnigen Situation heraus.«

Er schlug den Israelis vor, die noch ausstehenden 12 000 Tonnen Rohrblech von dem italienischen Hüttenwerk Tarent zu beziehen, das sich an einem anderen Teil der Ausschreibung beteiligt hatte. Die Israelis zeigten sich pikiert, willigten aber schließlich ein.

Sie waren um so mehr enttäuscht, als der Zuschlag Mannesmann und Thyssen auf ausdrückliche Entscheidung Ministerpräsident Eschkols erteilt worden war und auch eine Art Anerkennung für die deutsche Haltung im Sommerkrieg 1967 sein sollte. In der Bad Godesberger Israel-Botschaft hieß es über das Taktieren der deutschen Firmen, es entbehre einer »gewissen moralischen Eleganz«.

Westdeutschlands Stahlröhren-Manager, die jährlich etwa 1,2 Milliarden Mark Devisen aus ihren Exporten herausholen, verzeichneten das Israelgeschäft als den zweiten großen Rohrkrepierer in ihrer Branche. Schon im März 1963 endeten deutsche Röhren-Lieferungen für fremdländische Pipelines mit einem Eklat: Kontrakte der Firmen Mannesmann, Hoesch und Phoenix-Rheinrohr mit den Sowjets über das Auswalzen von 200 000 Tonnen Großrohr-Blechen für eine Erdgasleitung platzten, weil die Bonner Regierung ein Röhren-Embargo verhängt hatte (SPIEGEL 1/2 und 13/1963).

Rechtzeitig zum Stichtag am 11. Mai lag für den Generalkommissar Mahgoud vom »Zentralbüro für den Boykott Israels« im Postfach 437 in Damaskus ein fünf Seiten langes Schreiben von Thyssen, mit dem die Konzernmanager die Auseinandersetzung zu beenden hofften.

Unterschrieben von den Prokuristen Vogel und Alexander bekundete Thyssens Exportfirma Stahlunion ihren »extrem guten Willen«, mit allen Ländern zusammen zu arbeiten. Sie würde »niemals die arabischen Interessen aufs Spiel setzen, niemals die israelische Wirtschaft und ihre Kriegsbemühungen (War efforts) stärken«.

Abschließend baten die Thyssenhändler den Boykottkommissar in Damaskus, er möge »allen nationalen Boykott-Büros mitteilen, daß unsere Gesellschaft kontinuierlich alle Geschäfte in den arabischen Ländern abwickeln kann«.

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