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Durch die Tat den Brand schleudern?

Mit dem Attentat des türkischen Extremisten Mehmet Ali Agca auf Papst Johannes Paul II. erreichte die Serie politischer Attentate einen Höhepunkt - Schüsse auf den »Stellvertreter Christi« an jenem Ort, dem Petersplatz zu Rom, der, urbi et orbi, als Nabel der Welt gilt, vor der gesamten Weltöffentlichkeit. Eine Ultima irratio?
aus DER SPIEGEL 21/1981

Am 26. April des Jahres 1478 besuchten die Brüder Giuliano und Lorenzo de'' Medici, Herrscher von Florenz, das Hochamt im Dom ihrer Stadt.

Im feierlichsten und stillsten Moment des Messerituals, in jenem Augenblick, als der Priester die Hostie hob, stürzten sich mehrere Männer mit Schwertern und Dolchen auf die beiden Medici. Giuliano wurde tödlich ins Herz getroffen. Lorenzo, der nur einen Kratzer am Hals davongetragen hatte, konnte weitere Dolchstöße mit seinem Schwert parieren, flankte über eine Balustrade und rettete sich am Altar vorbei in die Sakristei. Das Attentat geschah zugunsten und mit Billigung eines Papstes, Sixtus IV. Zwei der Attentäter waren Priester. Die Verschwörer wurden mit ihrem Hintermann, dem Erzbischof Salviati, noch am selben Tag von den aufgebrachten Florentinern umgebracht.

Am 10. September 1898, um die Mittagszeit, ging in Genf die Kaiserin Elisabeth ("Sissi") von Österreich in Begleitung einer Hofdame zu Fuß vom Hotel Beau-Rivage an den Genfer See.

Plötzlich sprang ein Mann, der auf einer Uferbank gesessen hatte, auf die S.18 Kaiserin zu und stieß ihr eine spitze Feile ins Herz. Sie starb am selben Tag.

Der Attentäter, Luigi Luccheni, 25 Jahre alt, Arbeiter und Ex-Soldat, bekannte sich vor Gericht als Anarchist. Als er zu Beginn seines Prozesses an der Bank der Pressevertreter vorbeigeführt wurde, brüstete er sich: »Ja, das bin ich!« Nach dem Motiv für seine Tat befragt, antwortete er: »Das Elend hat mich dazu getrieben.« Und auf die Frage, ob er speziell »eine hohe Persönlichkeit habe umbringen« wollen: »Ja. Um mein Leben zu rächen.«

Am 6. November 1939 deponierte der schwäbische Möbelschreiner Georg Elser eine in mehrmonatiger Arbeit ohne Helfer und Mitwisser selbstgebastelte Zeitbombe im Münchner Bürgerbräukeller. Sie sollte dort, am 8. November, den Führer und Kriegmacher Adolf Hitler in die Luft sprengen.

Hitler entging durch ungeplant vorzeitigen Aufbruch dem Attentat, sechs seiner Gefolgsleute und eine Kellnerin wurden getötet. Elser wurde gefaßt und endete 1945 durch Genickschuß in Dachau.

Elser, Luccheni und die Mörder im Dom zu Florenz -- dreierlei Attentäter: der schlichte, unideologische Einzelkämpfer wider ein Unrechtsregime, der Verbrecher aus Benachteiligten-Ressentiment und Geltungssucht, die gedungenen Politkiller. Ganz unterschiedliche Exempel aus einer langen, blutigen Geschichte, die nicht erst mit dem Caesar-Mörder Brutus begonnen hat und die mit dem Papst-Attentäter Mehmet Ali Agca (23) noch nicht enden wird.

»Zu keiner Zeit«, schrieb der Kriminologe Hans Langemann, »hat das Attentat im Völkerleben gefehlt. Es war und ist allgegenwärtig, ein Alpdruck der Mächtigen, eine Hoffnung der sich entrechtet Fühlenden, eine tödliche Waffe gegenüber jeder Ordnung.«

Die Opfer waren Böse und Brave, Unholde und Harmlose, verabscheuungswürdige Figuren wie der Nicaragua-Diktator Somoza, der 1980 im Exil umgebracht wurde, und verehrungswürdige wie der große Guru der Gewaltlosigkeit, Indiens Mahatma Gandhi, den 1948 ein reaktionärer Hindu-Journalist erschoß, der seinem Opfer mit der in den zum Gruß gefalteten Händen verborgenen Pistole und höflicher Verbeugung entgegengetreten war.

Umgebracht wurden Mächtige wie der russische Zar Alexander II. -- obwohl er in seinem Reich die Leibeigenschaft der Bauern abgeschafft und sich so den ehrenden Beinamen »Befreier-Zar« verdient hatte. Am 1. März 1881 tötete ihn eine von dem Terroristen Ignatij Grinewitzki, einem polnischen Adligen und Ingenieurstudenten, aus nächster Nähe in die kaiserliche Kutsche geschleuderte Bombe. Auch der Attentäter kam dabei um.

Angeschossen wurde aber auch ein so ganz und gar nicht mächtiger Mann wie Rudi Dutschke. Am Gründonnerstagmorgen des Jahres 1968 erklärte der antiautoritäre Studentenführer S.19 einem Berliner Fernsehreporter: »Natürlich kann immer mal ein Wahnsinniger oder ein Neurotiker auf mich was verüben, aber ich habe keine Angst.« Am Nachmittag desselben Tages wurde er auf dem Kurfürstendamm von dem 23jährigen Anstreicher Josef Bachmann mit drei Schüssen in Kopf, Hals und Brust niedergestreckt.

Der Attentäter war ein von verwirrten politischen Vorstellungen über rote Gefahren und von pubertärer Ruhmsucht getriebener armer Teufel, zu seiner Tat speziell animiert durch das Attentat, dem kurz zuvor in den USA der amerikanische Negerführer und Bürgerrechtler Martin Luther King erlegen war. Dutschke erlitt durch Bachmanns Schüsse eine schwere Hirnverletzung, an deren Spätfolgen er 1979 in Dänemark verstarb. Bachmann, den Dutschke einmal im Gefängnis aufgesucht hatte, erstickte sich 1970 in seiner Zelle.

Die Skala der Täter reicht von den bezahlten Meuchelmördern der Renaissance (und ihren päpstlichen Auftraggebern) bis hinauf zu den skrupulös das Für und Wider des Tyrannenmords bedenkenden Verschwörern vom 20. Juli 1944. Sie reicht vom politisch oder religiös motivierten Fanatiker, der sich als »Idealist« versteht, bis zum Herostraten, der nach wenigstens negativem Welt- und Ewigkeitsruhm giert. Sie reicht vom Wahn bis zum Wahnsinn.

Religiösem Fanatismus fiel Frankreichs toleranter König Heinrich IV. zum Opfer. Als der im Volk als »Henri le bon«, der Gute, verehrte Herrscher am 14. Mai 1610 in offener Kutsche durch Paris fuhr und in einer schmalen Gasse einen Augenblick anhalten mußte, sprang der katholische Laienbruder und Schulmeister Francois Ravaillac auf das rechte Hinterrad des Wagens und tötete Heinrich mit zwei Messerstichen in die Brust.

Der Attentäter wurde gefaßt und zwei Wochen später öffentlich gevierteilt. Ähnlich grausam wurde der (erfolglose) Ludwig-XV.-Attentäter Demiens stundenlang zu Tode gemartert. Ravaillacs Geburtshaus wurde abgerissen, seine Verwandten wurden aus Frankreich verjagt, andere Ravaillacs mußten ihren Namen ändern.

Ein nationalistischer Fanatiker, in seinem Fanatismus durch seine schwärmerische Religiosität mehr bestärkt als gehemmt, war der deutsche protestantische Theologiestudent und Burschenschafter Carl-Ludwig Sand, der am 23. März 1819 den Schriftsteller August von Kotzebue erdolchte.

Sand hatte beim Wartburgfest der Burschenschaften militante Reden geschwungen, aber bei seinen Zuhörern keine rechte Resonanz gefunden. Da empfand er, was ähnlich viele Attentäter seiner Art so empfunden haben: »Nur die Tat kann noch einen Brand schleudern in die jetzige Schläfrigkeit.«

Er hatte schon mit dem Gedanken an ein Attentat auf Napoleon gespielt, den Plan jedoch als undurchführbar verworfen. Den Komödiendichter, Wochenblatt-Herausgeber und russischen Staatsrat Kotzebue haßte er S.20 als einen Feind und »Verführer der deutschen Jugend«, als unpatriotischen Satiriker und »russischen Spion des deutschen Vaterlandes«. Er erstach ihn in dessen Haus in Mannheim mit einem Dolch, den er als »Deutsches Schwert« bezeichnete.

Zwei Monate später wurde Sand wegen Meuchelmords hingerichtet. Gesinnungsgenossen feierten seine »herrliche große Tat, entsprungen aus dem edelsten Vaterlandsgefühle des natürlichen Rechts«.

Auch die meisten amerikanischen Präsidenten-Attentäter, solche mit und solche ohne Erfolg, haben sich auf, wenn auch noch so wirre, politische Motive berufen. Für fast alle aber waren ihre Taten wesentlich Reaktionen auf selbsterlittene Defizite, Vergeltung für eigenes Zukurzgekommensein.

Das gilt für den eitlen, von unbefriedigtem Schauspieler-Ehrgeiz geplagten Südstaatler John Wilkes Booth, der am 14. April 1865 in der Loge 7 des Washingtoner Ford-Theaters den US-Präsidenten Abraham Lincoln erschoß und selber zwölf Tage später unter Polizeikugeln mit dem Seufzer »Nutzlos, nutzlos« starb.

Das mag für den Versager Lee Harvey Oswald gelten, der am 22. November 1963 in Dallas, Texas, John F. Kennedy ins Visier seines Zielfernrohrs nahm, ihn in den Kopf traf und am Tag darauf seinerseits von dem selbsternannten Rächer Jack Ruby erschossen wurde.

Das gilt bis zu einem gewissen Grade auch für den Underdog Sirhan, den US-Immigranten aus Jordanien, der am 5. Juni 1968 in Los Angeles den Präsidentschaftsanwärter Robert F. Kennedy niederstreckte. Und es trifft offenkundig auch auf den vielfach frustrierten verlorenen Sohn John Warnock Hinckley zu, der vor sieben Wochen, Amerikas schwarze Serie fortsetzend, auf Ronald Reagan feuerte.

Dabei richtete sich der aus begütertem Elternhaus stammende Eigenbrötler Hinckley nach dem Psychomuster des Scorsese-Films »Taxi Driver«, in dem ein einsamer und frustrierter Italo-New S.21 Yorker einen politischen Mord plant, bevor er die von Jody Foster gespielte Kind-Nutte durch ein Blutbad im Bordell »rettet«.

Abstrus genug -- Hinckley tat es für die gleiche Jody Foster, die er schon während ihres ersten Semesters an der Yale University in mehreren Briefen angehimmelt hatte.

Den Sarajewo-Attentäter Gavrilo Princip trieben eindeutige und handfeste politische Motive. Der serbische Nationalist hatte im Jahr zuvor am Sitz der Geheimorganisation »Vereinigung oder Tod« unter viel geheimnisvollem Brimborium vor einem Abgesandten in schwarzer Kapuze und schwarzer Kutte einen heiligen Eid geschworen, das Todesurteil des »Belgrader Zentralkomitees« zu vollstrecken:

»Die Art der Vollstreckung ist gleichgültig«, hieß es dazu in den Statuten der Terrororganisation, die sich auch die »Schwarze Hand« nannte und aus dem Geheimbund serbischer Offiziere hervorgegangen war, die 1903 schon auf bestialische Weise den schizophrenen serbischen König Alexander I. und seine Frau umgebracht hatten.

Einer der Täter von 1903, der Hauptmann Dragutin Dimitrijewitsch (Spitzname: Apis, der Stier), war inzwischen Chef des serbischen Geheimdienstes; auf ihn waren auch die Mitglieder der Schwarzen Hand eingeschworen, um im Namen der panslawistischen Idee und für ein großes südslawisches Reich tätig zu werden.

Es ist auffällig, wie sehr das Attentat von Sarajewo in seinem atmosphärischen Vorfeld dem Attentat auf den Papst ähnelt. Hier wie da bildet ein fanatisierter Haufen von Nationalisten, bildet eine verschworene Geheimorganisation Sich-zu-kurz-gekommen-Fühlender den Nährboden für die Tat. Hier wie dort ist die spektakuläre Tat nur das Glied in einer Kette von Terrorakten, Fememorden und Anschlägen, die ein konsequenter Zusammenhang über den irrsinnigen Zufall hinaus zusammenbinden soll.

Dennoch war das folgenschwerste Attentat der Weltgeschichte -- es löste einen Weltkrieg aus und legte damit auch den Grund für den zweiten, bewirkte Völkerwanderungen und Völkermorde, ließ die vielgerühmte europäische Gesittung in einem Meer von Blut ertrinken -- trotz seiner fanatischen Konsequenz auch eine Ausgeburt des Zufalls.

Zufall war es auch, daß der Erzherzog von den Kugeln des noch nicht neunzehnjährigen Studenten Princip zusammen mit seiner Frau erschossen wird, die sich vor ihn wirft. »Soph, Soph, stirb nicht, bleib am Leben für unsere Kinder«, will Graf Harrach den todwunden Habsburger noch stammeln gehört haben -- famous last words, die kennzeichnend sind für die gemütsbewegende moritatenhafte Atmosphäre, in die Anteilnahme und Neugierde solche Ereignisse tauchen.

Da in Österreich kein Jugendlicher unter zwanzig Jahren hingerichtet werden konnte, endeten Princip und sein Mitverschwörer Tschabrinowitsch nicht am Galgen. Beide werden zu zwanzig Jahren schweren Kerkers verurteilt, beide sitzen ihre Strafe in Theresienstadt in schweren Ketten ab, ohne je zu erfahren, daß sie den Weltkrieg ausgelöst haben. Beide sterben noch vor Ende des Krieges an Tuberkulose.

Princip wirkt nicht nur wegen der Folgenschwere seiner Tat wie der Prototyp des Attentäters schlechthin, in dem sich Grausamkeit, Unerschrockenheit, irrationale Todessehnsucht und eine rationale politische Zielsetzung kreuzen.

Auch das geographische Umfeld des Mordes, die zerrütteten Verhältnisse des Balkans, die Kreuzung aus Korruption und slawischer Vaterlandsliebe und jene Atmosphäre aus cliquenhafter Verschwörung, düsterer Geheimbündelei und der Lust am Roulett mit dem eigenen und dem fremden Leben S.22 machen Sarajewo zum Attentat der Attentate.

Nicht erst die Schüsse auf den Papst erinnern an die verwegene Herkunft des Attentats aus Balkan und Orient -die englische Sprache kennt für den Attentäter das Wort »Assassin«, ein Wort, das, wie der Papst-Attentäter, dem Orient entstammt.

Auch im zaristischen Rußland des ausgehenden neunzehnten und beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts gediehen potentielle und wirkliche Attentäter. Bei den vielen anachronistischen Widersprüchen des Reiches, der weitverbreiteten Korruptheit der Herrschaft und der wilden anarchischen Grundstimmung vieler dem Volk in Liebe, dem Zaren-Regime in Haß zugetanen Narodniki, Sozialisten und Nihilisten alles andere als verwunderlich, ob es Anschläge waren auf Gouverneure, Minister und Polizeioffiziere, auf den Günstling Rasputin oder ob es gar um den Zaren Alexander II. selbst ging, auf den nicht weniger als sechs Attentatsversuche unternommen wurden, bevor das siebte gelang.

»Nur der Tod des Kaisers kann eine Wendung im öffentlichen Leben herbeiführen«, rief der Student Solowjew seinen Freunden in einer Petersburger Nihilistengruppe zu: »Die Luft wird durch eine solche Tat gereinigt werden, das Mißtrauen gegen die Intelligenz verschwinden. Es wird sich ein breiter Weg zur fruchtbaren Arbeit im Volke öffnen, und eine Menge junger ehrlicher Kräfte wird herbeiströmen, uns zu helfen.«

1877, im Petersburger Nihilisten-Prozeß, gab es 198 Angeklagte, die in diesem Geiste dachten und handelten; allein 87 gehörten dem Adel an, 19 waren höhere Beamte, acht Offiziere, 33 Geistliche, elf Kaufleute, 23 Großbürger und 17 Bauern. Die Welle russischer Attentate erfolgte in erster Linie nicht aus der Schicht der Armen und Enterbten, die Täter wollten vielmehr, darin den Terroristen späterer Jahrzehnte verwandt, die Gemeinschaft mit dem vierten Stand herbeibomben und herbeischießen.

Der Typ des heroischen Attentäters liebt die klaren Fronten zwischen Gut und Böse und haßt diejenigen, die sich dem durch reformerisches Kleinwerk in den Weg stellen. Opfer von Attentaten sind daher bevorzugt nicht etwa nur die finsteren Tyrannen a la Geßler oder Dionys von Syrakus (in Schillers »Bürgschaft"), sondern auch Reformer wie Alexander II., in dem nicht so sehr das absolutistische Zarentum, sondern dessen Fähigkeit, sich unter Umständen zu erneuern, erschossen werden sollte.

Fast wie eine Ikone der selbstlos menschenfreundlichen Attentäterin, die nur durch das schreiende Unrecht zur meuchlerischen Tat getrieben wird, nimmt sich die Terroristin Wera Sassulitsch aus, die den General Trepow am 24. Januar 1878 anschießt.

Die neunundzwanzigjährige Adelige, deren Eltern das Dorf besaßen, in dem sie geboren wurde, hatte eben erst eine zehnjährige Gefängnisstrafe abgesessen. Im Gefängnis, wo sie wegen einer geheimpolizeilichen S.23 Intrige gelandet war -- man hatte ihr verschwörerische Briefe zugeschoben, um sie nachher mit Hilfe derselben verhaften zu lassen --, hatte sie gehört, daß General Trepow den Studenten Boguljubow, ein Mitglied von Weras Gruppe, habe auspeitschen lassen.

Nach ihrer Entlassung fährt sie mit einer Kutsche in eleganter Kleidung vor der Kommandantur vor. Natürlich fällt es ihr als vornehmer Dame nicht schwer, zum General vorgelassen zu werden -- der Herr Kommandant ist ein Charmeur, der keinem amourösen Intermezzo abgeneigt ist. Sie überreicht ihm eine Bittschrift und schießt ihn, als er den Brief liest, nieder. Den Revolver dazu hat sie aus ihrem eleganten Muff gezogen.

Die Tat der Wera Sassulitsch wirkt wie einem edlen Bilderbuch einer heroischen Gerechtigkeitsliebe entstiegen. Und auch der Prozeß, in dem sie vom Mordversuch freigesprochen wird, zeugt für Anflüge eines liberalen Geistes, der durch das zaristische Rußland wehte.

Das absolutistische Rußland von staatlichem Terror und Gegenterror, das Rußland des Polizeistaates und der geheimdienstlichen Willkür war allerdings nicht weit von der rechtsstaatlichen Atmosphäre des Sassulitsch-Prozesses entfernt. Es wird berichtet, daß die begeisterten Anhänger des mutigen Freiheitsengels sie als lebendige Leibgarde umringten, um sie im sicheren Geleit aus dem Prozeßgebäude zu bringen, ohne daß sie von der Geheimpolizei, der gefürchteten »Dritten Abteilung«, des Generals Mesenzow auf offener Straße verhaftet würde.

Das freie Geleit aus Freunden und Anhängern verwandelt sich in einen S.25 gewaltigen Demonstrationszug, der sich zum Hause des Generals Trepow in Bewegung setzt, der von dem Attentat längst genesen ist und der der eigentliche Angeklagte des Prozesses war.

Vor dem Palais des Generals kommt es zu einem Blutbad, Kosaken, die zum Schutz herbeigerufen wurden, schießen ohne Warnung in die Menge.

Es gibt Tote und Verletzte, die Unruhen greifen auf das ganze Zarenreich über. Der Fall der edlen Attentäterin mit dem Revolver im Pelzmuff signalisiert eine Zeit, in der revolutionäres Klima und Attentate, die dieses Klima zuspitzend bestätigen, zusammenfallen: Die Anarchisten und auch die Attentäter schwimmen wie Fische im Meer in der Stimmung ihrer Zeit. Die Tat ist kein Zerrbild wahnhaften Geltungsbedürfnisses, keine herostratische Selbstüberhebung, sondern wird als gerechte Vollstreckung einer historischen Vorsehung empfunden. Die Geschichte verlangt nach Helden und findet sie. Die Opfer sind die eigentlichen Schurken in diesem Drama aus Blut und Sühne, dessen Szenario Dostojewski geschrieben haben könnte.

Bei der Betrachtung des Attentäter-Phänomens muß man wohl unterscheiden zwischen Individualtätern, die allenfalls von anderen benutzt werden, und Gruppentätern, deren Gruppe klare politische Ziele verficht. Man kann den Grafen Stauffenberg keinen individuellen Attentäter nennen nur deswegen, weil er Bombenträger und Stabschef der Erhebung zugleich sein mußte. Er war der Chef einer Verschwörung.

Wohl aber kann man den 20. Juli heranziehen zur Frage der religiösen Rechtfertigung des Attentats. Major Ludwig von Leonrod hatte, wohl in der Hoffnung, seinen Kopf retten zu können, angegeben, er habe sich bei dem katholischen Kaplan Hermann Joseph Wehrle versichert, daß ein Attentat nicht in jedem Fall verwerflich sei. Der Priester, wie anders, gab ihm dies Attest. Schließlich haben gerade die Jesuiten eine Dialektik des Tyrannenmordes entwickelt, die aller Ehren und Unehren wert ist.

Der Beichtvater, der als Zeuge vor Gericht auftrat, wurde vom Zeugen zum Angeklagten, vom Angeklagten zum Todgeweihten. Er wurde hingerichtet.

Jene Leute, die den Erzherzog Franz Ferdinand ermordeten, unter ihnen Gavrilo Princip, haben die Dialektik ihres Treibens wohl nie begriffen. Es war ja gerade der Erzherzog Franz Ferdinand, der die Slawen in das k.u.k.-Reich einbinden, der sie gleichberechtigt machen wollte. Genau darum war er den Serben und den Russen ein S.27 Dorn im Auge, genau darum mußte er verschwinden.

Die Logik der Geschichte hat eher dem Gavrilo Princip recht gegeben als dem Erzherzog und seiner Frau. Das großserbische Reich des Marschall Tito würde möglicherweise ohne Princip und seine Mitattentäter nicht bestehen.

Hingegen hatten die Attentate auf Kaiser Wilhelm I. nur den Sinn und die Folge, daß Bismarck die Sozialistengesetze lostreten konnte, die Anti-Sozialistengesetze. Würde man dialektisch argumentieren, so hätten auch die Attentäter Hödel und Nobiling, die den alten Kaiser Wilhelm malträtierten, letztendlich recht behalten.

( Hödel, 1857 geboren, versuchte 1878 ein ) ( Attentat auf Kaiser Wilhelm. Von seinen ) ( zwei Schüssen traf keiner. Er wurde zum ) ( Tode verurteilt und hingerichtet. ) ( Nobiling, 1848 geboren, versuchte drei ) ( Wochen später ein erfolgreicheres ) ( Attentat. Er verwundete den Kaiser ) ( schwer. Als er sich entdeckt sah, schoß ) ( er sich mit einem Revolver in den ) ( Hinterkopf. )

Denn es war ja Bismarck, der die Sozialdemokraten groß gemacht und den Friedrich Ebert in den Reichspräsidentenstuhl gesetzt hat.

Viele Attentäter benutzen die Sache, um als Personen kenntlich zu werden. Ein gewisser Herostratos hat im Jahre 356 vor Christus den Tempel der Artemis in Ephesos in Brand gesteckt, angeblich, um berühmt zu werden. Dies ist ihm ohne Zweifel gelungen, obwohl er mit seinem Kopf für seine Berühmtheit zahlen mußte. Dies ist nicht selten. Lieber möchten Leute kopflos als unbekannt sein.

Es gibt aber auch andere Attentäter, die nicht klar im Kopf, wohl aber klar im Herzen sind. So hat der Holländer Marinus van der Lubbe den Reichstag willentlich und bewußt angesteckt. So hat Georg Elser seinen Führer Adolf Hitler nur um wenige Minuten verfehlt, als er 1939 im Bürgerbräu-Keller eine erstklassig gebaute Bombe legte.

Das Fernsehen hat teil an heutigen Attentaten, obwohl statistisch nicht beweisbar ist, daß die politischen Morde durch Fernsehen häufiger geworden sind. Beeindruckend war der Anschlag vor laufender Kamera, dem 1960 der japanische Oppositionspolitiker Asanuma zum Opfer fiel, der gegen die Ratifizierung des amerikanisch-japanischen Sicherheitsvertrages Stellung genommen hatte. Sein Mörder war 17 Jahre alt. Er war Faschist und erhängte sich vor Prozeßbeginn in seiner Zelle. Dieser Mord war der erste Fernsehmord (live), was der Student wohl kaum geahnt haben mag.

Natürlich hat das Fernsehen, dieser weltweite elektronische Marktplatz, die Geltungssucht potentieller Attentäter beflügelt: Wo sonst hätten sie mit einer so totalen Augenzeugenschaft, wo sonst mit der Wirkung rechnen können, daß die Welt auf einmal, mit einem Schlag sozusagen, den Atem anhält?

Daß alle öffentlichen Schritte des amerikanischen Präsidenten nicht zuletzt wegen der Kennedy-Morde minutiös von Fernsehkameras begleitet, in Fernsehfilmen aufgezeichnet werden -- mag sein, daß es den Reagan-Attentäter eher stimuliert als abgeschreckt hat.

Warum gerade der Papst? Das Attentat auf Johannes Paul II. ist, Ultima irratio, sicher zumindest Ausdruck des unbewußten Wunsches, sich das höchste Opfer und die öffentlichste Öffentlichkeit zu suchen: der Papst, noch dazu ein solcher Medien-Papst wie Johannes Paul II., als höchste Autorität der abendländischen Christenheit; der Platz vor dem Petersdom, jener Ort, von dem aus der Papst noch immer urbi et orbi spricht, also, mit und ohne das Fernsehen, für den ganzen Erdball.

S.21Tatort mit Dutschke-Fahrrad, Augenzeugen.*S.27Hödel, 1857 geboren, versuchte 1878 ein Attentat auf Kaiser Wilhelm.Von seinen zwei Schüssen traf keiner. Er wurde zum Tode verurteiltund hingerichtet. Nobiling, 1848 geboren, versuchte drei Wochenspäter ein erfolgreicheres Attentat. Er verwundete den Kaiserschwer. Als er sich entdeckt sah, schoß er sich mit einem Revolverin den Hinterkopf.*

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