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Bürgerinitiativen »Durch Enttäuschung klüger«

Von Jürgen Hogrefe
aus DER SPIEGEL 29/1994

Die Frage des jungen Polizisten klingt wie eine Ohrfeige: »Können Sie mir sagen, was Sie hier wollen?« »Och«, gibt der Herr mittleren Alters freundlich zurück, der gerade zusammen mit seinen Kindern das geräumte Hüttendorf der Atomkraftgegner beim atomaren Zwischenlager in Gorleben durchstreift, »wir fühlen uns hier wie zu Hause.«

»Aber Sie haben hier nichts zu suchen, Sperrgebiet«, schnauzt der Beamte. »Da könnten Sie sich irren«, bekommt er zur Antwort, »dieser Wald gehört mir.«

Der Polizist im Kampfanzug dreht mit »ach so« und »ich mein ja nur« schmollend ab. Andreas Graf von Bernstorff, 52, beratschlagt mit seinem Nachwuchs, wie die Antiatom-Gemeinde ihr Widerstandsnest »Castornix« fortan listig nutzen kann, ohne gegen die polizeilichen Auflagen zu verstoßen: Beispielsweise ließen sich die Hütten, sinniert der Graf, zum Pfadfinderlager erklären oder zur wissenschaftlichen Station von Borkenkäferforschern.

Erst mal soll ein Rechtsanwalt die »lächerliche Räumungsverfügung« der Behörden prüfen: »Die halten dieses harmlose Bretterdorf im Wald für einen unerlaubten Eingriff in die geschützte Natur, und 300 Meter weiter wollen sie Atommüll im Salzstock verbuddeln«, schimpft der Großgrundbesitzer, dessen Familie seit 300 Jahren im Wald von Gorleben Holz schlägt.

Wenig später, gerade mal zwölf Stunden nach der spektakulären Räumung von »Castornix« am Mittwoch voriger Woche, sitzen schon wieder 200 Demonstranten beim Hüttendorf im Wald - und die Polizei muß tatenlos zusehen.

Die Atomgegner unterlaufen das gerade erlassene Demonstrations-Verbot, indem sie ihre Versammlung zum Gottesdienst erklären. Egon Maierhofer, ein veritabler Pastor, der jetzt im Ruhestand »endlich genug Zeit für den Kampf gegen die Atommafia« hat, stimmt seiner Protestgemeinde den Choral an: »Nun danket alle Gott.«

Gorleben lebt. Keine Spur von Resignation nach 17 Jahren Atomkampf gegen Endlager, Zwischenlager, Wiederaufarbeitungsanlage, Pilotkonditionierungsanlage. Zum fünften Mal leiert die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg ihren Widerstand gegen den »Tag X« an, den Tag der ersten Einlagerung abgebrannter Brennelemente aus Atomkraftwerken im Zwischenlager Gorleben - und diesmal läuft die Kampagne wie noch nie.

»Wir ernten die Früchte aus 17 Jahren Arbeit«, freut sich der Drehbuchautor Peter Bauhaus, 47, der von Anfang an dabei ist. »Unser Landkreis ist einmalig«, findet auch Undine von Blottnitz, 57, Gutsbesitzerin in Grabow und örtliche Europaabgeordnete für die Grünen.

Tatsächlich hat »der Widerstand«, wie die Einheimischen dieses unberechenbare Aufwallen gegen »den Atomstaat« pathetisch nennen, eine neue Qualität. Noch nie, da sind sich die Veteranen einig, waren die Atom-Bewegten derart fröhlich bei der Sache. Bei den Sitzungen und selbst beim nächtlichen Parolensprühen werde »unheimlich viel gelacht«, sagt Bauhaus.

Die Heiterkeit kommt aus der Überlegenheit. Die Atomgegner wissen, daß sie den ideologischen Streit um die Kernkraft gewonnen haben. Faktisch ist beim Atomkraftwerksbau ein Moratorium in Kraft, niemand wagt zur Zeit, den Plan einer neuen Atomanlage auch nur anzudeuten. Seit dem Desaster in Tschernobyl 1986 wird auch niemand mehr als Panikmacher beschimpft, der vor einem Super-GAU warnt.

Die verkniffene Eiferei der frühen Jahre, als der atomare Glaubensstreit Familien entzweite und Befürworter wie Gegner sich mit physikalischem Vokabular wie »Millirem« und »Halbwertszeit« duellierten, ist längst passe. Heute plakatiert die Bürgerinitiative: »Wir werden uns der Diktatur des Restrisikos nicht unterwerfen« und erntet dafür breite Zustimmung.

Seit es sie gibt, löst die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg ihren Anspruch ein, Initiative von Bürgern zu sein - und eben nicht eine Ansammlung aufgeheizter Ideologen, die sich, aus vielerlei taktischen Erwägungen, hinter Atomkritik verschanzt. Die gediegene Mischung aus Bauern, Lehrern, Hausfrauen, Ärzten, Pastoren, Jugendlichen und Rentnern ließ hochfliegende Pläne der Atomindustrie scheitern. Doch in letzter Zeit ist noch was dazugekommen.

Nun machen auch die ordentlichsten Bürger nicht mehr aus Prinzip einen Bogen um das Büro der Bürgerinitiative in Lüchow. Väter holen dort »Flugblätter und was Sie so haben« für ihre Kinder ab, die in der Schule »gegen den Castor was machen wollen«. Mütter, deren Outfit auf den Singkreis der Kirche schließen läßt, bringen ihren Töchtern »was Ordentliches zu Essen« in das »Castornix«-Dorf der Gesetzlosen.

»Gegen Atomkraft zu sein ist hoffähig geworden«, hat auch von Bernstorff festgestellt. Er glaubt, daß die bloße Existenz der rot-grünen Koalition in Hannover während der vergangenen vier Jahre den bodenständigen Lüchow-Dannenbergern vorgeführt hat, daß man »nichts Ungehöriges tut, wenn man gegen Atom ist«.

Auch »der Graf«, wie er überall im Landkreis heißt, hat sich bewegen lassen: Er hat der CDU längst sein Parteibuch zurückgegeben, will sich vor den »Castor«-Transport auf die Straße setzen und »notfalls« sogar wegtragen lassen. Zudem führt er den Widerstand auf seine Weise: Der mächtige Salzstock von Gorleben liegt unterhalb seiner riesigen Ländereien im Forst von Gartow. Niemand außer ihm, so streitet er vor Gericht, dürfe das Salz abbauen - schon gar nicht die Bundesregierung.

Die Diskussion, ob Gewalt angewendet werden darf, spaltet die Atomgegner nicht mehr. »Jeder muß wissen, was er tut«, sagt Marianne Fritzen, 70, ein Denkmal der Bewegung. Undine von Blottnitz hat der Kampf gegen die Atomindustrie mittlerweile rund 80 000 Mark an Strafen, Bußen, Gerichts- und Anwaltsgebühren gekostet. Für die Europaabgeordnete »ist das Zersägen eines Zaunes eine Ordnungswidrigkeit, mehr nicht«. Für Gewalt hält sie »Polizeiknüppel, Schäferhunde, Pferdestaffeln«.

Die Bürgerinitiative zählt 600 Mitglieder, der harte Kern der Bewegung rund um Gorleben. Der Apparat läuft wie geschmiert: Aktivsitzungen im Landkreis, bundesweite Telefonketten, Zusammenarbeit mit Anwälten, Abgeordneten und Ministerialbeamten. Wann das Hüttendorf geräumt werden sollte, wußten die Widerständler vor den Polizisten, die auf den Einsatzbefehl warteten.

Überraschen kann die Veteranen kaum mehr etwas, sie haben in 17 Jahren einige Spielarten praktischer Demokratie erlebt: Lockspitzel, die zu Gewalt anstachelten; geheime Observationen durch die Polizei; Knochenbrüche nach Demonstrationen. Sie haben herausgefunden, daß die Atombetreiber Schmiergelder gezahlt, daß Politiker gelogen und Richter das Recht zurechtgebogen haben. »Solche Enttäuschungen haben uns nicht verbittert, sondern nur klüger gemacht«, sagt der Lehrer Wolfgang Ehmke, Vorstandsmitglied der Bürgerinitiative.

Weil sie irgendwann »die Schnauze voll hatten« vom Immer-nur-dagegen-Anrennen, vom Entlarven und vom Enttäuschtwerden, so der Lehrer Michael Seelig, 52, haben die Aktivisten beschlossen, »den Spaß mindestens ebenso wichtig zu nehmen«. Herausgekommen ist eine einmalige Szene, in der gelegentlich der Protest zur Kunstform wird und die Kunst meist in die Politik hineinspielt.

Viele Maler, Musiker und Kunsthandwerker, die einst als Demonstranten aus Hamburg, Berlin und Hannover nach Lüchow-Dannenberg kamen, haben sich dort eingenistet. Sie fallen in dem Landkreis, der gerade 48 000 Einwohner zählt und damit der am dünnsten besiedelte der alten Bundesrepublik ist, besonders ins Gewicht.

Zu großen Kulturaktionen wie den jährlichen »Wunde.r.punkten« vor Pfingsten strömen Zehntausende in den idyllischen Landstrich an der Elbe. Land-Art-Projekte und ein Wendlandsymposion für Kunst und Literatur sind immer auch schon dadurch politisch, daß Gorleben nur um die Ecke ist.

Nirgendwo, die Berlin-Quartiere Prenzlauer Berg und Kreuzberg mal ausgenommen, leben mehr Alternativ-Existenzen dicht an dicht. Der Architekt führt ein »Kontor für Baubiologie«, der Partyservice bringt »Vollwert-Nahrung aus biologischem Anbau«, und in den »Trebeler Bauernstuben« zapfen Freaks das Bier.

Das »Themenradeln« führt Touristen nicht nur zu den seltenen Zwergschwänen im Elbholz und den wendländischen Rundlingsdörfern mit seltsamen Ortsnamen wie Meuchefitz, Tolstefanz und Schreyahn, sondern auch zum atomaren Zwischenlager in Gorleben.

Lüchow-Dannenberg ist politisch hellwach wie vielleicht kein zweiter Landstrich in der Bundesrepublik. Der Kreistag, ewig von der CDU beherrscht, wird seit drei Jahren von Atomkraftgegnern dominiert, zu denen dort auch die FDP zählt.

Um den Nachwuchs ist den Veteranen nicht bange. 259 Schüler traten per Anzeige in der örtlichen Elbe-Jeetzel-Zeitung mit ihrem Protest hervor: »Wenn ihr unser Leben nicht achtet, achten wir nicht eure Gesetze. Denn eure Gesetze schützen die Atomindustrie, aber nicht unsere Gesundheit.«

In der gleichen Ausgabe berief sich eine Inserentin auf Machiavelli, den italienischen Machtpolitiker des 16. Jahrhunderts: »Wo das Mark des Volkes nicht verdorben ist, stiften Aufruhr und Unruhen keinen Schaden.« Y

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