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Asylbewerber »Durch Schreie geweckt«

Der Brand im Lübecker Asylheim traf einen Nerv der Deutschen: Er schien in einer Reihe mit Mölln und Solingen zu stehen, mindestens zehn Menschen starben, viele wurden schwer verletzt. Obwohl Experten noch die Ursache suchten, standen die Täter für viele bald fest - vier vermeintliche Neonazis. Doch die hatten ein Alibi.
aus DER SPIEGEL 4/1996

Mit versteinertem Gesicht sitzt Joao Bunga, 31, auf den kalten Treppenstufen im Keller. Immer wieder wischt der Angolaner sich mit der Hand über die Augen, als wolle er einen bösen Traum verscheuchen. Der Mann verbringt in einem Heim des Diakonischen Werks in Lübeck die dunkelste Nacht seines Lebens.

»Ich sah meine Frau mit dem Kind aus dem Fenster springen«, sagt Bunga mechanisch. Bungas Frau Monique, 27, war nach dem verzweifelten Sprung aus dem dritten Stock des brennenden Asylbewerberheims am Lübecker Hafen sofort tot, die siebenjährige Susanna, die sie im Arm trug, erlag später ihren Schädelverletzungen.

Bunga, den die Feuerwehr mit seinen Töchtern Esperanza, 3, und Julia, 9, aus der Flammenhölle retten konnte, spürt trotz seiner Trauer »keinen Haß auf die Deutschen« - wie auch immer die Ermittlungen ausgehen mögen.

Ob ein fremdenfeindlicher Anschlag oder etwa ein technischer Defekt den Brand ausgelöst hat, war Ende letzter Woche noch offen. Doch die Tragödie _(* Oben: Töchter Mia und Christine ) _((v. l.), Mutter Francoise (2. v. r.), ) _(Tochter Christelle (im weißen Hemd); ) _(rechts: der Leiterwagen stürzte bei den ) _(Rettungsarbeiten um. )

von Lübeck am vergangenen Donnerstag hat wie kein anderer Fall seit den rechtsextremistischen Morden von Mölln und Solingen die Öffentlichkeit erschüttert. Mindestens 10 Menschen starben in den Flammen, 20 wurden schwer verletzt, rund 30 weitere leicht.

Es war die Woche, in der Israels Staatspräsident Eser Weizman die Deutschen eindringlich an ihre mörderische Vergangenheit erinnerte. Statt der Mehrzahl die Gnade der späten Geburt zu gewähren, forderte Weizman im Bundestag, »daß sie jede Regung des Rassismus wahrnehmen und jede Regung des Neo-Nazismus zerschlagen«.

Um so offener lag der Nerv der Deutschen, deren Ansehen international durch Anschläge und Neonazi-Aufmärsche in den vergangenen Jahren immer wieder schwer gelitten hat. Politiker und Bürger, die sich bei Weizmans Worten - zwei Tage vor der Feuersbrunst von Lübeck - sicher wähnten, das Nötige sei längst getan, müssen nun wieder zweifeln: Ist die Bundesrepublik ein Land, in dem immer neue Generationen rassistischer Täter nachwachsen? Oder ist die Erregung in den Tagen nach dem Brand vor allem Ausdruck eines tiefsitzenden Schuldkomplexes, der die Deutschen zwanghaft zu vorauseilenden Selbstbezichtigungen treibt?

Vor allem der Blick ins Ausland spiegelte den Bundesbürgern ein düsteres Bild zurück. Kommentatoren in London, Paris oder Tel Aviv sahen in Lübeck einen »rassistischen Alptraum« (France-Soir), der liberale britische Guardian titelte forsch: »Zehn Tote bei ,Nazi''-Attacke in Deutschland«. Das israelische Massenblatt Maariv schrieb in großen Lettern von »Rassismus in Deutschland« und verbreitete die Gewißheit, es habe sich um einen »Skinhead-Angriff« gehandelt.

Die schnellen Urteile zeigten Wirkung: Vor der rauchgeschwärzten Ruine brannten Kerzen, standen Mahnwachen. Bürgern liefen die Tränen, im Unterschied zum Angolaner Bunga reagierten manche Ausländer aggressiv auf Deutsche. Unter dem Motto »Gegen Gewalt und Fremdenhaß - Menschenrechte gelten für alle« trauerten 1500 Menschen am Freitag in Berlin um die Opfer.

Den gesamten Donnerstag abend trafen sich Lübecker Bürger an der von Polizeischeinwerfern grell erleuchteten Unglücksstelle. Schweigen meist, Blumensträuße und Kränze. »In Lübeck haben Brandstiftungen jetzt schon eine traurige Tradition«, sagte Mathias Cornes, 31, Vikar.

Recep Arslan, ein Türke, der seit 1968 in Lübeck wohnt, kam mit seinen drei kleinen Kindern. »Es ist schrecklich, ich habe Lübeck doch immer als friedliche Stadt erlebt«, sagte er, »doch seit die Grenze auf ist, ist alles schlimmer geworden.« Eine Aussage, die auch von anderen Besuchern an diesem Abend immer wieder zu hören war. Denn: »Ich glaube, das war wieder Brandstiftung«, sagt Arslan und mutmaßt: »Da war wohl kein Feuerschutz, sonst könnten ja nicht so viele Menschen verbrannt sein.«

Bei einer Gedenkstunde für die Opfer der Nazi-Herrschaft am vergangenen Freitag im Bonner Parlament war Lübeck wegen der unsicheren Ermittlungslage zwar kein Thema in den offiziellen Reden. Aber viele Abgeordnete fürchteten unter dem Eindruck der Flammenbilder und der Schlagzeilen grausame Parallelen zwischen damals und heute.

Der SPD-Parlamentarier Friedhelm Julius Beucher brachte die Krisenstimmung in der Lobby auf die Formel, es habe eine »durch nichts zu übertreffende Betroffenheit« gegeben. Cornelia Schmalz-Jacobsen (FDP), Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, räumte ihre Ratlosigkeit in solchen Augenblicken ein: »Man ist da ziemlich hilflos.«

Bundespräsident Roman Herzog, der am Tattag eine Rede bei der Ostsee-Konferenz in Kiel hielt, zeigte sogleich Entschlossenheit: »Sollte es sich um einen Anschlag handeln, dann geht mir die Geduld allmählich zu Ende.« Christdemokrat Herzog kündigte an, er werde in diesem Fall die Frage stellen, »ob wir genug für unsere öffentliche Sicherheitspolitik tun« - gleichfalls ein Zeichen von Hilflosigkeit.

Ins Bild paßte, daß die Polizei noch am vergangenen Donnerstag vier junge Leute aufgriff, die allen Klischees von neonazistischen Tätern entsprachen - von den geschorenen Haaren bis zum Skinhead-Outfit mit Lederjacke und Springerstiefeln.

Am Abend nach dem Brand stand Generalbundesanwalt Kay Nehm kurz davor, die Ermittlungen an sich zu ziehen - wie bei besonders schwerer Brandstiftung mit vermutetem ausländerfeindlichem Hintergrund üblich. Doch die Verdächtigen kamen am Freitag nachmittag wieder frei.

Rene B., 26, Maik W. , 17, Heiko Patynowski, 22, und ein weiterer Kompagnon hatten ein denkbar gutes Alibi: Drei von ihnen, die aus dem mecklenburgischen Grevesmühlen und der Umgebung stammen, betankten ihren beigefarbenen Wartburg gegen 3.20 Uhr am Stadtrand von Lübeck, rund 20 Minuten vor dem ersten Alarm. Dabei wurden sie von einer Polizeistreife beobachtet, die aber dann zum Brand raste.

Die drei fuhren hinterher zum Hafenrand, wo Beamte erneut auf sie aufmerksam wurden und sich ihre Papier zeigen ließen. Sie seien erst »eine halbe Stunde später« dort angekommen, »als die Sprungkissen aufgeblasen wurden«, sagt Heiko Patynowski im SPIEGEL-Interview (Seite 26).

Bei der Vernehmung gestanden sie, in der Nacht ein Auto geknackt zu haben, das der vierte Mann bereits nach Hause geschafft hatte. Die drei Wartburg-Insassen waren bereits polizeibekannt als Gewalttäter und Diebe, nur der 17jährige Maik W. war im Juli vergangenen Jahres auch als Hakenkreuz-Schmierer aufgefallen und saß deshalb zwei Monate in Untersuchungshaft. Doch mit dem Brand hatten sie offenbar nichts zu tun.

Am Wochenende zeichnete sich ab, daß die Empörung der Realität nicht entsprach. Es handle sich, so Experten, womöglich um fahrlässige Brandstiftung, eine Zigarettenkippe vielleicht oder ein Bügeleisen.

Aber auch ohne einen Neonazi-Anschlag läßt sich wenigstens zum Teil die Frage beantworten, warum in dem Gründerzeithaus in der Lübecker Hafenstraße 52 so viele Menschen sterben mußten. Auch wenn die Ursache des Brandes etwa eine glühende Herdplatte gewesen sein sollte, wäre das kein Einzelfall. Der Fluchtpunkt Deutschland wird für Zuwanderer auch deshalb immer wieder zum tödlichen Asyl, weil sie unter gefährlichen Bedingungen hier leben.

Ausländer, ob sie als Asylbewerber, als Gäste oder als Mitbürger im Lande sind, haben selten viel Geld und nutzen Wohnraum, der den meisten Deutschen zu schäbig wäre. Sie hausen oft in heruntergekommenen Altbauten, in denen die Gasleitungen verrottet sind, die Kabel brüchig und die Fenster so zugig, daß ein Feuer rasch auflodern kann (siehe Kasten).

Selbst Großfamilien müssen vielfach auf engstem Raum zusammenleben - _(* Am Donnerstag vergangener Woche. )

mit erhöhtem Risiko von Unglücksfällen beispielsweise in improvisierten Küchen. Viele hantieren täglich mit potentiellen Brandherden wie Tauchsiedern, altersschwachen Kochern und implosionsanfälligen Uralt-Fernsehern.

Das Heim in Lübeck, in dem überwiegend Angolaner und Zairer sowie zwei libanesische Familien wohnten, war für 51 Personen zugelassen. In der Brandnacht waren offiziell 47 Menschen im Haus registriert, doch blieben Verwandte und Gäste der Heimbewohner häufig über Nacht, so daß rund 60 Menschen in dem Altbau gewesen sein sollen, als das Feuer ausbrach. Die Identifizierung der Opfer war schwierig, da die Leichen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt waren. Zudem kannten die Afrikaner einander zumeist nur mit Spitznamen.

Viele der Überlebenden standen nach dem Feuer unter Schock. Im Gemeinschaftsraum eines Lübecker Diakonieheims saßen die ganze Nacht über Männer und Frauen, die meisten aus Schwarzafrika, manche auf Stühlen, viele auf dem Boden oder einigen herbeigeschleppten Matratzen. Das Unglück schienen sie nicht zu begreifen, die meisten der Flüchtlinge waren verstummt. Einzelne Frauen schrien immer wieder klagend auf, weinten, zuckten und wanden sich vor Trauer.

Ejenga Mwula, 31, aus Zaire hielt sich ein schwarz-weiß gemustertes Baumwolltuch vor den Mund und brachte nur wenige, unzusammenhängende Sätze heraus. Freunde, die sie begleiteten, hatten sich zum Zeichen der Trauer weiße Stoffbänder um die Stirn geschlungen und brachen immer wieder in Tränen aus.

Mwula selbst blickte starr. »Ich wurde durch Schreie geweckt«, sagte sie mit matter Stimme. Sie humpelte leicht, ihr Knie war geprellt, weil sie mit ihrer siebenjährigen Tochter Paula aus dem ersten Stock des brennenden Hauses gesprungen war.

Mwulas Landsmann Jean Makudila mußte beim Gehen gestützt werden, obwohl seine eigenen Knochen heil geblieben waren. Makudila hat seine ganze Familie verloren, während er in Frankreich war, um an der Beerdigung eines Verwandten teilzunehmen. Jetzt muß er seine Frau Francoise und seine fünf Kinder, drei Töchter und zwei Söhne im Alter zwischen 3 und 16 Jahren, begraben. Die Makudilas lebten im Dachgeschoß - dort, wo das Feuer besonders schlimm tobte.

Vermutungen, das Drama von Lübeck könnte durch Mißstände in dem vom Diakonischen Werk betriebenen Heim verursacht worden sein, weist Diakonie-Chef Iwer Rinsche zurück. Seit das Haus als Ausländerunterkunft eingerichtet worden ist, habe er die Auflagen der Behörden »in jedem Punkt erfüllt«.

So hätten seine Mitarbeiter ein Zimmer im Dachgeschoß freigehalten, weil dort der vorgeschriebene zweite Ausgang gefehlt habe. Die letzte umfassende Sicherheitsbegehung der Feuerwehr habe 1993 stattgefunden, danach sei ein Toilettenfenster als zusätzlicher Ausstieg zum Hinterhof mit einem Treppchen versehen worden. In allen neun von der Lübecker Diakonie betriebenen Heimen würden die Sicherheitsvorschriften eingehalten, beteuert Rinsche. »Dennoch haben wir jetzt alle Angst.«

Trotz der hohen Zahl der Opfer - alles hätte noch schlimmer kommen können. Schon zwei Minuten nach dem Alarm um 3.42 Uhr war der erste Löschzug am Brandort, da sich der Wagen nach einem Fehlalarm gerade auf dem Weg in ein nahe gelegenes Depot befand: »Ein glücklicher Zufall«, sagt Feuerwehrchef Gerald Wegner.

Dennoch brannte das Haus sofort lichterloh. Die Flammen, soviel war am Tag nach dem Brand klar, hatten sich vom ersten Stock des Gebäudes schon in Windeseile nach oben gefressen, als die Brandbekämpfer ihre ersten Schläuche in Anschlag bringen konnten.

Daß ein diffuser ausländerfeindlicher Hintergrund beim Brand von Lübeck vielen plausibel schien, liegt auch an realen Entwicklungen in der rechten Szene. Extremistische Parteien spielen seit dem Verbot von insgesamt elf Organisationen mit zusammen rund 1700 Mitgliedern eine immer geringere Rolle, Einzelfiguren gewinnen an Bedeutung - schwer durchschaubar für Fahnder. Das Bundeskriminalamt (BKA) warnt in einem internen Lagebericht vor dem »militanten Potential« der rechten Szene: »Die Begehung schwerster Straftaten ist jederzeit möglich.«

Über seine neue Strategie sagt etwa der Extremist Siegfried Borchardt, bis zum Verbot im vergangenen Februar Vize der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei: »Seit wir keine Partei mehr haben, geht es lockerer zu, und jeder kann sich einbringen.« Fließend sind die Grenzen zur diffusen Skinhead-Szene, die nach BKA-Erkenntnissen »nicht vom organisierten Rechtsextremismus gesteuert« werde.

Zwar sank zuletzt die Zahl der registrierten fremdenfeindlichen Gewalttaten, doch die alltägliche Ablehnung, die verrückten Einzeltätern einen Hintergrund geben kann, besteht fort. Ausländer in Deutschland, so Lübecks Bürgermeister Michael Bouteiller, müßten stärker integriert werden, um Katastrophen künftig zu verhindern. »Verändert das Ausländergesetz«, forderte Bouteiller, Asylghettos wie »in der Hafenstraße müssen geschlossen werden«.

Mut und Wille zur Integration schwinden aber auch bei vielen Ausländern. Faruk Sen, Direktor des Zentrums für Türkeistudien in Essen, beobachtet, daß vor allem junge Türken »getrennt von Deutschen ihre Freizeit verbringen«. Die Zuwanderer der ersten Generation, sagt Sen, hätten noch um die Eingliederung in die deutsche Gesellschaft gekämpft. »Kinder und Enkel dagegen flüchten heute in neue türkische Identitäten.«

»Haben wir genug für Toleranz, für die Integration, gegen Rassismus getan?« fragte sich nach dem Lübecker Inferno Burkhard Hirsch, Vizepräsident des Deutschen Bundestages. »Die Antwort«, sagt der Liberale, »lautet nein.«

* Oben: Töchter Mia und Christine (v. l.), Mutter Francoise (2. v.r.), Tochter Christelle (im weißen Hemd); rechts: der Leiterwagenstürzte bei den Rettungsarbeiten um.* Am Donnerstag vergangener Woche.

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