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»Durchhalten und überleben«

Aus den Erinnerungen von Willy Brandt (V): Rückkehr in die deutsche Politik 1982 by Willy Brandt. Alle Rechte der deutschen Ausgabe beim Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg. Das Buch erscheint Anfang Oktober unter dem Titel »Links und frei. Mein Weg 1930 - 1950« (464 Seiten; 39,80 Mark).
aus DER SPIEGEL 40/1982

Ab Spätsommer 1945 wohnte ich wieder in der norwegischen Hauptstadt. Ich blieb journalistisch tätig, hielt gelegentlich Vorträge und verbrachte viel Zeit im Zugabteil zwischen Oslo und Stockholm. Dort hatte ich noch eine kleine Wohnung, während ich in Oslo in einer Pension untergekommen war.

Das Kriegsende war mit einem Umbruch in meinem privaten Leben zusammengefallen. Meinen dreißigsten Geburtstag, im Dezember 1943, hatte ich mit einer schweren Gelbsucht im Bett verbracht. In jener Zeit verliebte ich mich in Rut Bergaust, geborene Hansen, die Arbeitertochter aus Hamar, der ich viel verdanke - nicht nur, weil wir dreieinhalb Jahrzehnte zusammenlebten (und drei Söhne aufzogen).

Uns verband, über den Alltag hinaus, die Herkunft aus »Der Bewegung« und die Abscheu vor jeder Art von Gewaltherrschaft. Rut überwand rasch die Distanz zu dem ihr fremden Land. Sie gewann Freunde und identifizierte sich mit den deutschen Grundproblemen, die ja auch jene Europas waren.

Meine Frau Carlota, die Mutter unserer Tochter Ninja, ließ sich als Literary Agent in Oslo nieder. Wir trennten uns ohne Groll und wurden 1947 geschieden. Kurz danach erhielten Rut und ich den Segen durch einen norwegischen Militärpfarrer, der hierzu - von seiner Einheit im Harz - nach Berlin kam.

Im Frühherbst 1945 zeichnete sich für mich die Möglichkeit ab, als Korrespondent für norwegische (und andere skandinavische) Zeitungen an dem Kriegsverbrecherprozeß teilzunehmen, der im November in Nürnberg beginnen sollte. Ich sagte zu, weil ich auf diese Weise ein Bild gewinnen konnte, was die Nazis und der Krieg von Deutschland übriggelassen hatten. Ich begab mich anderthalb Wochen vor S.212 Prozeßbeginn auf die Reise. Die Akkreditierung als »Kriegskorrespondent« für Nürnberg erhielt ich mit den Reisepapieren von der britischen Botschaft.

In Bremen hatte ich mich bei den Amerikanern zu melden, von denen die Hansestadt (mit Bremerhaven) als »Enklave« - innerhalb der britischen Zone - übernommen worden war. Ich ließ mir mein Quartier im Presseclub zuweisen.

Bremen war die erste Stadt, in der ich einen Eindruck davon gewann, wie die Menschen das Dritte Reich und den Krieg überlebt hatten: mehr ausgebombte und ausgebrannte Häuser, als man sich hatte vorstellen können - und inmitten der Trümmerfelder schlechtgekleidete, unzulänglich ernährte, vielfach überreizte Menschen.

In Bremen hatten die Amerikaner im Sommer 1945 jenen Mann eingesetzt, der bald seinen legendären Ruf als Bürgermeister gewinnen sollte: Wilhelm Kaisen. Ich bekam rasch einen Termin beim Bürgermeister.

Wilhelm Kaisen fragte mich nach dem einen und anderen: was wir draußen gemacht hätten und dächten, wie es jetzt aussehe, was für die weitere Behandlung Deutschlands zu erwarten sei. Dann schob er die Politik beiseite und sagte: »Du hast deine Mutter lange nicht gesehen. Jetzt mußt du wohl erst mal nach Haus.«

Ja, aber wie? Mir sei gesagt worden, meine Travel-Order gelte nur für die Reise nach Nürnberg, nicht für die britische Zone. Er meinte, das solle ich seine Sorge sein lassen. Er werde mit dem amerikanischen Kommandaten reden. Und wie tatsächlich hinkommen? Nun, er würde mir seinen Dienstwagen geben (einen alten Horch), und Benzin werde man wohl auch von den Amerikanern bekommen.

Die Fahrt mit dem bürgermeisterlichen Dienstwagen von Bremen nach Lübeck nahm damals - mit Reparaturen und Umleitungen - fast einen Tag in Anspruch. Der Fahrer hatte Benzin für die Hin- und Rückfahrt zugewiesen bekommen.

Es war dunkel, als ich ankam und mich zur Vorrader Siedlung durchfragte. Ich fand mich in der zerstörten Innenstadt nicht zurecht. Meine Ankunft hatte ich nicht avisieren können. Meine Mutter freute sich sehr, mich nach zehn Jahren wohlbehalten wiederzusehen. Ich befürchtete, daß es uns nicht leichtfallen würde, zu einem seelischen Gleichklang zu finden.

Doch zunächst war ich ganz einfach froh, daß sie manche Schikane der zurückliegenden Jahre gut überstanden hatte. Seit wir uns das letzte Mal in Kopenhagen gesehen hatten, war sie in Polizeihaft geraten - in der irrigen Annahme, man könnte sie dadurch aussagewilliger machen. Mehrfach war das Siedlungshaus, in dem ich nie gewohnt hatte, durchsucht worden, und man hatte Bücher und Schulhefte mitgehen lassen.

Bis zum Kriegsausbruch hatten wir über Deckadressen von Zeit zu Zeit Briefe gewechselt. Mein Stiefvater hatte mich Anfang 1938 überraschend in Oslo besucht; er war mit einem Frachter aus einem anderen Hafen gekommen.

Lübeck bot ein deprimierendes, schreckliches Bild. Jetzt, gegen Ende des Jahres 1945, gab es in der Innenstadt noch immer gewaltige Trümmerhaufen, an die sich die Menschen mehr oder weniger gewöhnt hatten.

Während meines zweiten Lübeck-Aufenthaltes, kurz vor Weihnachten 1945, sollte das ernannte Stadtparlament zum erstenmal zusammentreten. Das hatte eigentlich schon ein paar Wochen früher geschehen sollen. Doch die Sozialdemokraten teilten mit, sie würden fernbleiben, weil sie nicht angemessen repräsentiert seien.

Dann kamen Einschreibbriefe der Besatzungsengländer: Wer der nächsten S.215 Einberufung nicht Folge leiste, werde verhaftet; die Sozialdemokraten - wie sie nun einmal sind und wie die Lage war - beugten sich im Interesse der Mitbürger dieser arroganten Pression.

Im Frühherbst 1946 fanden die ersten Wahlen zur Bürgerschaft statt. Obwohl noch nicht wieder deutscher Staatsangehöriger, aber ohne Einspruch der Militärregierung, sprach ich in einer - mit den Worten des Chronisten - »stark besuchten, glänzend verlaufenden öffentlichen Versammlung« über »Die Welt und Deutschland«.

Bei den Gesprächen mit den politischen Freunden Ende 1945 und Anfang 1946 stellte sich ziemlich rasch heraus, daß ich Schwierigkeiten haben würde, mich in den, wie ich sagte, als eng empfundenen Verhältnissen zurechtzufinden. Die meisten rieten mir ohnehin, noch etwas abzuwarten. Einer meinte schon in der ersten Unterhaltung, ich würde wohl »nach Berlin gehen«.

Doch in einem Brief vom 11. Juni 1946 schrieb ich: »In Lübeck, wo ich am 20. Mai nach über 13 Jahren zum erstenmal wieder gesprochen habe, wurde ich sehr herzlich begrüßt, und die Genossen möchten gern, daß ich dorthin komme. Vielleicht tue ich das auch noch ...«

Vertreter der Lübecker Sozialdemokraten fuhren auch nach Hannover zu Kurt Schumacher, um mich auf diesem Weg zu gewinnen - »als Nachfolger von Julius Leber«, wie es schmeichelhaft hieß.

Der Landesvorsitzende der schleswigholsteinischen Sozialdemokraten - und Oberbürgermeisters von Kiel -, Andreas Gayk, bemühte sich, mich für eine schleswig-holsteinische Kandidatur zum ersten Bundestag zu gewinnen. Der Parteivorsitzende Schumacher unterstützte ihn dabei. Ich konnte dieser Aufforderung nicht nachkommen, denn ich hatte mich für Berlin entschieden.

Im Vordergrund der alliierten Pläne zur Abrechnung mit Hitler-Deutschland stand der Prozeß gegen die »Hauptkriegsverbrecher«, der am 20. November 1945 vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg begann.

Ich war von Bremen über Frankfurt in die Stadt der Meistersinger und Reichsparteitage gefahren und kam, wie die anderen akkreditierten Journalisten, auf dem dafür hergerichteten Anwesen der Bleistift-Dynastie Faber-Castell unter.

Der große Prozeß fand in dem rasch wieder hergerichteten Gerichtsgebäude statt, das bei der infernalischen Zerstörung Nürnbergs einigermaßen heil geblieben war. An die 4000 Personen waren auf die eine und andere Weise mit dem Prozeß befaßt. Die Organisation ließ zu wünschen übrig. Im Pressesektor hatte man vor allem an die amerikanischen Journalisten gedacht. Für deutsche Journalisten waren zunächst ganze fünf Plätze reserviert.

Von Anfang an fragte ich mich mit manchen anderen, warum nicht ein Weg gefunden wurde, die deutschen Antinazis mit zu Gericht sitzen zu lassen. Oder: Weshalb sie nicht wenigstens ihren Teil der Anklage in eigener Verantwortung vertreten konnten, um einige der Hauptschuldigen im mißbrauchten Namen ihres mißbrauchten Volkes zur Rechenschaft zu ziehen. Gab es kein Recht der deutschen Verfolgten auf Abrechnung mit ihren Peinigern?

Doch trotz dieser Fragen und Einwände hielt ich jenen Prozeß letztlich für nützlich. Man konnte sogar das Gefühl haben, an einem Ereignis teilzunehmen, das »den Anbruch einer neuen Gerechtigkeit in der Welt anzuzeigen schien« (Alexander Mitscherlich). Es war in der Tat ein außergewöhnliches und neuartiges Verfahren, das von dem britischen Lordrichter Lawrence geleitet wurde.

Nicht wenige der deutschen Antinazis hätten einen - im direkten und übertragenen Sinne des Wortes - kurzen Prozeß vorgezogen. Sie fürchteten, das Gericht werde es, auch wegen des sich wieder deutlich abzeichnenden Gegensatzes zwischen den Westmächten und der Sowjetunion, sehr schwer haben, angemessen zu urteilen, die Geschichte extremen menschlichen Niedergangs zu werten und einer breiten Öffentlichkeit diese Wertung zu vermitteln. Und sicher ist das nicht in dem erstrebten und zu wünschenden Maße gelungen.

Hinzu kam, daß deutsche Hitlergegner andere Maßstäbe anlegten als die Richter der siegreichen Mächte: Papen und Schacht wurden freigesprochen, aber auf Leute ihres Schlages - einflußreiche Wegbereiter und Helfer Hitlers - konzentrierte sich in Deutschland mehr Haß als auf andere.

Ich muß zugeben, daß mich die Angeklagten - mächtig, wie sie gewesen waren - nicht sonderlich interessierten. Speer war wohl der einzige, der sich (abgesehen von dem Schlächter Polens, Hans Frank, der vorgab, religiös geworden zu sein) zu einer Verantwortung bekannte und - wie ich es damals empfand und schrieb - im Schlußwort etwas von dem gefährlichen Mechanismus erklärte, der den Technokraten zum Werkzeug des schlechthin Bösen werden läßt.

Die Admiräle (Raeder und Dönitz) kamen mit ihren Zuchthausurteilen besser davon als die Spitzengenerale der Wehrmacht (Keitel und Jodl), die mit dem Tode büßen mußten. Sie trugen vielleicht wirklich unterschiedlich zu beurteilende Schuld.

Unter dem Eindruck der ersten Monate in Nürnberg - ich blieb bis Weihnachten, kam nach Neujahr wieder bis Ende S.218 Februar und dann nochmals im Frühjahr und Spätsommer -, schrieb ich unterwegs auf Norwegisch ein Buch, das auch in einer schwedischen Fassung erschien.

Ich nannte es »Forbrytere og andre tyskere": Verbrecher und andere Deutsche, im Sinne einer Gegenüberstellung von Verbrechertum, wie es im großen Nürnberger Prozeß zur Rechenschaft gezogen wurde, und dem anderen Deutschland, das sich leider nicht hatte durchsetzen können und dem auch von den Siegermächten nicht viel Beachtung geschenkt wurde.

Das war nach dem Geschehen auch kaum zu erwarten. Enttäuschend war es immerhin, wenn man alliierte Offiziere bestätigen hörte, Befehl sei Befehl, und für »Landesverrat« könne man von ihnen kein Verständnis erwarten; das wäre natürlich anders gewesen, wenn die Verschwörer gegen Hitler Erfolg gehabt hätten.

Zu meinen bitteren Erfahrungen gehörte später, wie mir - auf dieses Buch bezogen - das Wort im Munde umgedreht wurde. Bösartige Widersacher logen, ich hätte über »Die Deutschen und andere Verbrecher« geschrieben.

Der Prozeß ging am 1. Oktober 1946 zu Ende - nach 403 öffentlichen Sitzungen. Die Verteidigung hatte übrigens mehr Zeugen aufgeboten als die Anklage. Nürnberg hatte einen Komplex an Schuld aufgerollt, der die wildeste Phantasie überstieg.

Anfang Mai 1946 fuhr ich nach Hannover zum ersten Parteitag der wiedererstandenen - wie ich in Übereinstimmung mit Kurt Schumacher hoffte: neubegründeten - Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Mein Status war der eines Berichterstatters für skandinavische Zeitungen, aber ich war auch Gastdelegierter der Landesgruppe deutscher Sozialdemokraten in Schweden (und Norwegen).

Meine Aufgabe seit dem Herbst 1945 war zugleich die eines Briefboten und Kundschafters: Ich beförderte persönliche Mitteilungen hin und zurück, von denen man in jener Zeit nicht wissen konnte, ob sie auf normalen Wegen ankommen würden. Ich holte auch Nachrichten über Menschen ein, die in der neuen Völkerwanderung verschollen waren - oder tatsächlich nicht überlebt hatten.

In den voraufgegangenen Monaten hatte ich mich nicht nur in Norddeutschland - etwa in Hamburg - davon überzeugt, mit wieviel Hingabe unter den widrigen Bedingungen daran gearbeitet wurde, einer neuen deutschen Demokratie den Weg zu ebnen.

Der kriegsversehrte Westpreuße Kurt Schumacher (vor 1933 war er Parteiredakteur und Reichstagsabgeordneter) hatte seinen zehnjährigen Opfergang durch die Konzentrationslager mit potenzierter Willensstärke bestanden. Sein Büro in Hannover wurde zum Zentrum der sich wieder oder neu sammelnden Partei in den Westzonen.

Die erste internationale Konferenz in Wennigsen vom Oktober 1945 hatte ihm das selbstgegebene Mandat bestätigt. Es bedeutete nicht zuletzt strikte Unabhängigkeit von jenem sozialdemokratischen »Zentralausschuß«, der in Berlin für die sowjetisch besetzte Zone gebildet worden war und der rasch in die Gefahr geriet, sich nach den Vorgaben der kommunistischen Führung (oder der Militäradministration) richten zu müssen.

Auf regionalen Konferenzen, die nur mit unwilliger Duldung der alliierten Behörden stattfanden, warb Schumacher um Zustimmung zu seinem Kurs, der »praktische Zusammenarbeit« mit den Kommunisten nicht von vornherein ausschloß. Ich traf ihn zum erstenmal am Rande einer solchen Konferenz, Anfang 1946 in Offenbach.

Ich begriff, etwas widerstrebend, die magnetische Wirkung, die er auf viele ausübte. Er bat nicht, sondern forderte. Er wog nicht Argumente gegeneinander ab, sondern schleuderte das Ergebnis seines Nachdenkens in den Zuhörerkreis - und dies mit erheblichem Stimmaufwand.

Noch vor Wennigsen - wo mehrere Mitglieder meiner früheren Gruppe beteiligt waren - wurden Frontbegradigungen zugunsten einer einheitlichen Sozialdemokratie vorgenommen. Darüber dachten die Freunde im Land nicht anders, als wir draußen gedacht hatten. In London wurde eine einheitliche sozialdemokratische Parteiorganisation gebildet.

Als ich nach Hannover kam, waren meine Gefühle eher verwirrt. Es war eine gewaltige Sache, daß die Sozialdemokraten sich wieder zu einem Parteitag, jedenfalls für die Westzonen, zusammenfanden, doch zugleich drängte sich die Sorge auf, daß der Prozeß der deutschen (und europäischen) Teilung noch beschleunigt werden könnte. S.219

Die Parteitag begann ungewöhnlich stimmungsgeladen im Kantinensaal der Hanomag-Werke, den die Arbeiter nach schwerer Zerstörung wiederhergerichtet und festlich geschmückt hatten. Der Parteitag wurde, wie es schon bei den fast einjährigen Vorbereitungen der Fall gewesen war, eindeutig durch den 50jährigen Mann dominiert, der im ersten Krieg den rechten Arm verloren und unter den Nazis so schwer gelitten hatte.

Die Partei sah in ihm eine Verkörperung des von Hitler unbesiegten Deutschland. Gequält und ausgemergelt, wie er war, wurde der »Doktor Schumacher« für viele, über die Reihen der Parteigänger hinaus, zu einem Symbol des geschundenen und schwergeprüften Deutschland. Sein dominierender Charakterzug war ein eiserner Wille zur Macht.

Er war ein ungewöhnlicher Mensch, asketisch geworden und unbestechlich geblieben, ein dynamischer Führer und Volkstribun. Wie kaum ein anderer deutscher Politiker der ersten Nachkriegsjahre verstand er es, inmitten extremer Not neue Hoffnung zu wecken.

Es war bitter für ihn, daß seine Partei zunächst nicht zu den Konferenzen europäischer Sozialdemokraten zugelassen wurde. Dafür hatte er dann allerdings die Genugtuung, daß der Kongreß zur Neugründung der Sozialistischen Internationale 1951 in Frankfurt stattfand.

Bei der Wiederaufnahme internationaler Kontakte waren Erich Ollenhauers Erfahrungen von großem Nutzen. Er war in der zweiten Hälfte der Vierziger, als er zu Beginn des Jahres 1946 von London nach Hannover übersiedeln konnte.

Im Exil hatte er in besonderem Maße das Vertrauen des Parteivorsitzenden Otto Wels genossen. Nachdem der kurz nach Kriegsausbruch in Paris und sein Stellvertreter Hans Vogel im Herbst 1945 in London gestorben waren, fiel es Ollenhauer zu, das Mandat des Exilvorstandes in die Hände der in Deutschland neugebildeten Parteiführung zurückzugeben. Er wurde Schumachers Stellvertreter und 1952 dessen Nachfolger.

Mit seiner natürlichen Neigung zum Ausgleich erwarb Ollenhauer große Verdienste für den Zusammenhalt der sich neu formierenden Partei. Mancher, der sich durch den Parteiführer rauh behandelt fühlte, konnte sich beim Stellvertreter aussprechen und wieder aufrichten lassen. Intern hatte Ollenhauer in Partei und Fraktion einen erheblich regulierenden Einfluß auf Schumacher.

Unser Verhältnis blieb zunächst leicht unterkühlt und verbesserte sich erst im Laufe der Jahre. Unter seinem Vorsitz wurde ich Kanzlerkandidat, und in Vorahnung seines Endes ließ er mich wissen, daß er in mir auch den ihm nachfolgenden Parteivorsitzenden sehe.

Bei meinen ersten Kontakten mit Schumacher und Ollenhauer gewann ich nicht den Eindruck, daß meine rasche S.220 Mitarbeit gefragt war. Fritz Heine, der mit Ollenhauer aus London zurückgekehrt (und jetzt für Pressearbeit zuständig) war, meinte, Leute wie ich - er nannte auch Richard Löwenthal - könnten sich zunächst noch draußen nützlich machen.

Kurz danach schlug er mir vor, ich solle mich bei den Nachrichtenagenturen für die amerikanische und für die britische Zone (den Vorläufern von dpa) melden, denn bei beiden stehe ein Übergang von militärischer in zivile Verantwortung bevor, und die politische Redaktion könne im einen wie im anderen Fall interessant sein.

Nach Besprechungen mit ein paar deutschen Lizenzträgern traf ich in Bad Nauheim mit einem zuständigen amerikanischen Captain zusammen. Wir redeten ganz nett miteinander, doch ich war ihm offensichtlich »zu rechts« - denn weder mochte ich mich gegen Schumacher engagieren lassen noch meine Kritik der sowjetischen Politik unterdrücken.

Meine Besprechungen in Hamburg im August - hier traf ich in der Redaktion des »Hamburger Echo« zum erstenmal Herbert Wehner, mit dem mich in den späteren Jahrzehnten eine ungewöhnliche Weggenossenschaft verband - waren sachlich angenehmer. Ich hatte den Eindruck, mir würde hier vielleicht eine sinnvolle Aufgabe angeboten werden.

In Oslo erreichte mich gegen Ende Oktober 1946 eine telegrafische Nachricht, ich möge nach Hamburg kommen und die Chefredaktion der Nachrichtenagentur in der britischen Zone übernehmen. Inzwischen aber hatte mich Ende September Außenminister Halvard Lange gefragt, ob ich als Presseattache zur norwegischen Botschaft nach Paris gehen wolle. S.221

Als ich Mitte Oktober meinen Freund Lange aufsuchte, um die vorgesehene Aufgabe in Paris näher zu besprechen, überraschte er mich mit der Mitteilung, er und der Regierungschef hätten es sich anders überlegt: nicht nach Paris, nach Berlin wollten sie mich schicken. Sie brauchten dort einen Mann, der zuverlässig über die deutsche Entwicklung berichten könne.

Ich sollte auch dort als Presseattache tätig sein und mußte, da es sich bei der norwegischen Vertretung in Berlin um eine Militärmission beim Alliierten Kontrollrat handelte, einen »zivilmilitärischen« Rang erhalten: Daß ich auf dem Major statt des Hauptmanns bestand, hatte mit der Besoldungsgruppe zu tun.

So wurde ich Offizier, ohne Soldat gewesen zu sein. Am linken Arm der Uniformjacke, die ich in Berlin nur selten trug, war ich als »Civilian Officer« ausgewiesen.

Meine Entscheidung war gefallen. Sollte ich sie beklagen? Man hatte mich nach meinem Besuch in Hamburg immerhin zwei Monate warten lassen, und ich war mit bürokratischen Prozeduren nicht vertraut genug, um zu begreifen, daß es sich hier nahezu um eine Blitzaktion handelte.

Mit einem norwegischen Diplomatenpaß in der Tasche fuhr ich Weihnachten 1946 nach Kopenhagen und mußte dort noch vierzehn Tage auf die britischen Einreisepapiere warten. Schließlich konnte ich im Militärzug nach Hamburg und von dort nach Berlin fahren.

Über die Viermächte-Stadt war im Dezember 1946 eine ungewöhnliche Kältewelle S.222 hereingebrochen. Seit Menschengedenken hatte Berlin keinen Winter von solcher Strenge erlebt. Alles Leben in der Stadt schien zu erstarren. Als ich im Januar ankam, waren die Behörden gerade dazu übergegangen, wegen Kohlenmangels nur halbtags zu arbeiten.

Das norwegische Milieu in Berlin war freundlich und angenehm. Man traf Alliierte und Korrespondenten aus vielen Ländern. Rasch baute ich meine deutschen Kontakte aus. Außenminister Lange hatte mich gebeten, der politischen Berichterstattung besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Im Laufe jenes Jahres schrieb ich im Durchschnitt einen Bericht pro Tag.

Die politische Substanz der Rapporte handelte zunehmend vom beginnenden Kalten Krieg. 1947 war ein Jahr des Wandels. In Berlin war an den Veränderungen des Klimas im Kontrollrat und in der Kommandantur abzulesen, wie sich die Beziehungen zwischen Westalliierten und Sowjets zunehmend verschlechterten.

Es gehörte zu meinen Aufgaben, auch die Entwicklungen »auf der anderen Seite« zu beobachten. Wilhelm Pieck (damals Vorsitzender der SED) lernte ich im Frühjahr 1947 kennen, als ich einen konservativen Osloer Chefredakteur zu ihm ins Parteigebäude begleitete. Ich hatte den Wunsch um ein Interview mit dem SED-Vorsitzenden angemeldet. Der Wunsch wurde gewährt, aber das Interview verlief zunächst völlig uninteressant.

Pieck schien seinen Ruf als kommunistischer Hindenburg rechtfertigen zu wollen. Doch die Schlußpassage war bemerkenswert: Der Norweger sprach von den Konzentrationslagern, die in der Sowjetzone »wieder in Betrieb genommen« wurden (und in die auch Antinazis eingeliefert wurden, die sich der kommunistischen Gleichschaltung widersetzten).

Pieck verstand den Sinn der an ihn gerichteten Frage nicht, sondern sagte, nicht zur Veröffentlichung: »Ja, wenn Sie wüßten, was ich da an Briefen bekomme - von Genossen, deren Söhne verschwunden sind -, aber wir haben da nichts zu sagen, das liegt ganz allein bei den sowjetischen Stellen.« Schließlich bat er den konservativen Zeitungsmann, er möge »die Genossen in Norwegen« grüßen; er hatte ihn wohl mit einem KP-Redakteur verwechselt.

Nach der Sommerpause 1947 kam Erich Brost zu mir und regte an, die von ihm eingerichtete Berliner Vertretung des SPD-Vorstandes zu übernehmen. Ich fuhr nach Hannover, um die Möglichkeiten des neuen Arbeitsfeldes zu erörtern, das sich mir am 1. Januar 1948 eröffnen sollte.

Die Aufgabe sah in erster Linie einen quasidiplomatischen Kontakt zu den politischen Dienststellen der alliierten Mächte in Berlin vor. Auch um Auslandskorrespondenten und internationale Gäste hatte man sich zu kümmern.

Halvard Lange, mein Chef und Freund, hatte schon früher im Gefühl, daß ich mich der politischen Arbeit in Deutschland zuwenden würde. Anfang November 1947 schrieb ich ihm, ich hätte mich schweren Herzens entschlossen, meine Arbeit zu beenden und auf meine norwegische Staatsangehörigkeit zu verzichten.

Ich legte ihm und anderen Freunden in Oslo dar, daß ich mich zu meinem Schritt ohne Illusionen entschlossen hätte und darauf vorbereitet sei, in Berlin »die große Niederlage meines Lebens« zu erfahren: »Aber wenn es soweit kommen sollte, möchte ich dieser Niederlage mit dem Gefühl begegnen können, meine Pflicht getan zu haben.«

Um meine Unabhängigkeit deutlich zu machen, hatte ich an Schumacher geschrieben, mir sei durchaus klar, daß ich in dem mir übertragenen Amt die Auffassung des Vorstandes zu vertreten hätte, daß mir dies aber leichter fallen würde, wenn ich intern die uneingeschränkte Möglichkeit erhielte, im gegebenen Fall meine eigenen Ansichten vorzutragen.

Schumacher bezeichnete dies als eine Selbstverständlichkeit und meinte, in Hannover habe man die Weisheit ja auch nicht mit Löffeln gefressen - meine Kritik und meine Anregungen würden stets willkommen sein.

Der Parteivorstand bestätigte meine Berufung, und ich konnte mein neues Amt gleich nach dem 1. Januar 1948 antreten. Die Zuerkennung der deutschen Staatsbürgerschaft erfolgte einige Monate später. Dadurch entfiel die norwegische S.223 Staatsangehörigkeit automatisch.

Weil in Lübeck geboren, wurde ich durch die Landesregierung in Kiel eingebürgert: Man war sparsam und nahm eine alte Urkunde mit ausgetuschtem Hakenkreuz. Die Einbürgerungsurkunde enthielt meine beiden Namen - den ich von meiner Mutter erhalten und den ich in meiner politischen Tätigkeit seit dem 19. Lebensjahr gebraucht hatte. Die formelle Namensänderung genehmigte der Polizeipräsident in Berlin.

Als Willy Brandt war ich ins Ausland gegangen, hatte ich im Exil gewirkt, war ich als norwegischer Beamter nach Berlin zurückgekehrt - das sollte nun auch in Deutschland mein amtlicher Name sein.

Die Zusammenarbeit mit Ernst Reuter, dem gewählten, aber (wegen eines sowjetischen Vetos) nicht bestätigten Oberbürgermeister von Berlin, wurde zu meiner stärksten Erfahrung mit sozialdemokratischer Führerschaft. In den letzten Jahren vor Hitler war er Oberbürgermeister in Magdeburg und hatte nach Verfolgungen ins türkische Exil ausweichen können.

Als ich Reuter kennenlernte, war er der natürliche Mittelpunkt jeder Gesprächsrunde. Er sah in Berlin den Hebel der deutschen Nachkriegsentwicklung und verlieh der gequälten Stadt damit einen Rang, der ihr nicht mehr automatisch zukam - doch er half ihr zu überleben.

Hätten die Berliner aufgegeben und sich von den Westmächten trennen lassen, wären diese nicht in der Lage gewesen, ihre Position in der alten Reichshauptstadt zu halten.

Die Sowjet-Union wollte die Westmächte zum Abzug zwingen. Behinderungen S.224 auf den Zufahrtswegen hatten schon im Februar 1948 begonnen. Im März zogen die Russen aus dem Kontrollrat aus, Mitte Juni verließen sie die Vier-Mächte-Kommandantur. Lucius D. Clay, der amerikanische Militärgouverneur in Deutschland, hätte am liebsten Panzereinheiten eingesetzt, um den Zugang über die Autobahn zu erzwingen. Washington gab ihm dazu kein grünes Licht.

Die Westmächte konzentrierten sich auf die drei Luftkorridore, die vertraglich fixiert waren und von den Sowjets im wesentlichen respektiert wurden. Der Airlift wurde zur größten und organisatorisch vollkommensten Luftoperation in Friedenszeiten. Am Rekordtag, dem 16. April 1949, kamen 1364 Maschinen nach Berlin.

Die Stimmung in der Stadt erinnerte mich mehr als einmal an die Gesinnung im norwegischen Widerstand. Die Ablehnung des kommunistischen Machtanspruchs ging nicht auf Kosten eines eindeutigen Antinazismus. Die Versorgungslage war schwierig, und meine Anzüge hätten bald noch weniger gepaßt, wenn unsere Rationen nicht von skandinavischen Freunden etwas aufgebessert worden wären.

Wir beschafften uns einen Kerosinofen aus Westdeutschland, eine gute Petroleumlampe aus Schweden. Elektrischer Strom stand selbst in Krankenhäusern nur wenige Stunden am Tag zur Verfügung: Unser ältester Sohn kam bei Kerzenlicht zur Welt.

Am 8. Mai 1949 fand in Berlin ein Landesparteitag statt, auf dem ich über »Programmatische Grundlagen des demokratischen Sozialismus« zu referieren hatte. Am Rande dieses Parteitages fragte mich Bürgermeister Reuter, ob ich Stadtrat für Verkehr und Betriebe, gewissermaßen sein Nachfolger, werden wolle. Das war ein ehrenvolles Angebot, doch ich hatte mich darauf festgelegt, in den neuzuwählenden Bundestag zu gehen.

Im August 1949 war ich einer der zunächst acht Berliner Abgeordneten, die durch die Stadtverordnetenversammlung in den Deutschen Bundestag gewählt wurden. Fünf der acht waren Sozialdemokraten, zwei Kollegen kamen von der CDU, einer von der FDP. Die Alliierten hatten bestimmt, daß die Berliner in Bonn nur beratend mitwirken sollten; daraus wurde in der Praxis beider gesetzgebenden Häuser der Status einer »nicht voll stimmberechtigten Mitgliedschaft«.

Ich gehörte dem Bundestag an, bis ich Berliner Bürgermeister wurde, also in den beiden ersten Legislaturperioden 1949/57 (und dann wieder ab 1969). Die Arbeit in Bonn war - zumal für einen Berliner Abgeordneten bei den unzulänglichen Flugverbindungen jener Jahre - beschwerlicher, als man es sich heute vorstellen mag. Büroräume waren nur in geringer Zahl vorhanden, persönliche Mitarbeiter gab es nicht.

Ich kümmerte mich vor allem um die konsequente Einbeziehung West-Berlins - des Landes Berlin, wie es nach der Verfassung von 1950 hieß - in das Rechts- und Finanzsystem des Bundes. Durch beharrliche Arbeit erreichten wir, daß fast alle Bundesgesetze mit einer Berlin-Klausel versehen und vom Berliner Abgeordnetenhaus ohne Änderungen übernommen wurden.

Der deutsche Wiederaufbau war - unbeschadet der Außenfaktoren, die zu S.225 Hilfe kamen - eine der großen Leistungen dieser Zeit. Doch ist mir bewußt, daß es immer schwerer wird, dieses Empfinden einer nachwachsenden Generation weiterzuvermitteln.

Verständlicherweise messen die Jungen das, was heute ist, nicht an dem, was vorgestern war (und was nicht Teil ihrer eigenen Erlebniswelt sein kann). Sie messen es eher an dem, was heute sein müßte und übermorgen sein könnte.

Dies wird dadurch verschärft, daß die Älteren - mit den sie prägenden Erfahrungen aus dem Dritten Reich, zum Teil noch aus der Weimarer Republik, aus Krieg, Zusammenbruch, Hunger und Wiederaufbau - zu wenig Kraft gehabt oder darauf verwendet haben, sich mit den neuen Problemen und Bedrohungen auseinanderzusetzen.

Ich habe im Exil gelernt, wie unfruchtbar Sektierertum und wie impotent die Rechthaber der vermeintlich reinen Lehre notwendig sein müssen.

In Skandinavien habe ich einiges vom Sinn für die Realitäten, von den Werten einer freiheitlichen und sozialen Demokratie und von den Chancen der Weltoffenheit in mich aufgenommen.

Wir hatten gesungen, der Mensch sei gut. Ich hatte zu lernen, daß das Gegenteil ebenso zutreffen kann. Daß die Grenze zwischen Gut und Böse nicht zwischen den Völkern gezogen ist, sondern - wenn auch glücklicherweise sehr unterschiedlich - durch den einzelnen Menschen hindurchgeht.

Aus meiner frühen Jugend habe ich das Verlangen mitgebracht, daß die vielen und nicht nur die wenigen am Tisch der Gesellschaft Platz haben müssen. Und ich habe erlebt, daß aus Millionen rechtloser Proletarier (und unmündiger Frauen) weithin gleichberechtigte und selbstbewußte Staatsbürger geworden sind.

Doch es bleibt die Aufgabe, die Demokratie sozial, wirtschaftlich und kulturell auszudehnen. So wie die Frage bleibt, was am anderen Ufer des Wohlfahrtsstaats liegt. Es bleibt auch die Überzeugung, daß der in Ländern des Ostens »real existierende Sozialismus« von der Tradition der europäischen Linken nicht nur graduell abweicht, sondern prinzipiell unterschiedlich ist.

Und es bleibt als Kern allen sozialistischen Strebens die Idee einer klassenlosen Gesellschaft, die die ökonomische und politische Unterdrückung hinter sich gelassen hat: Es bleiben also Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität die großen Orientierungspunkte.

Doch meine ich, wir sollten den Zweifel höher setzen als jene Doktrin, die Würde des einzelnen höher als jedes ihn zur Botmäßigkeit zwingende Verlangen von Staat oder Partei. Dies ist der Weg, den ich noch ein Stück mitgehen will: links und frei.

Ende

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