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PROZESSE Eben ein Mensch

Seltsam, seltsam, wie in Plattdeutschland ein Bauernhof den Besitzer wechselte. *
aus DER SPIEGEL 14/1985

Karlheinz Hinrichsen, 55, lebt in einer Ein-Zimmer-Wohnung im neunten Stock eines Hamburger Hochhauses, 37 Quadratmeter inklusive Balkon. Ein Fernseher ist der einzige Luxus, der dem früheren Gelegenheitsarbeiter, bei 200 Mark Arbeitslosenhilfe in der Woche, geblieben ist. Hinrichsen: »Ich bin arm.«

Das war nicht immer so. Bis Ende 1982 gehörten ihm im schleswig-holsteinischen Tielen, zwischen Heide und Rendsburg, 26,4 Hektar besten Acker- und Weidelandes sowie ein Hof mit Wohnhaus, Stallgebäude und Einliegerwohnung. Geschätzter Wert des Familien-Erbes: mindestens 700 000 Mark.

Immer zum Wochenende kam Hinrichsen aus Hamburg in die Eider-Marsch, um sich auf eigener Scholle bei Garten- und Feldarbeit die Zeit zu vertreiben - bis ihn »ein inneres Gefühl, eine innere Stimme«, wie er sagt, unablässig mahnte: »Verschenk alles, gib deinen Besitz ab.« Dabei, erinnert er sich, »klapperten die Schuhe vorm Bett«.

Hinrichsen lebte in dem Wahn, vom Husumer Amt für Land- und Wasserwirtschaft »umgebracht zu werden« ("Die beauftragen die Bundeswehr, daß sie mich erschießen"), und schlug deshalb dem Tielener Bürgermeister Hans Clausen, 51, vor, ihm alles zu vermachen:

»Ich hab'' gedacht, der sorgt dann auch für mich.« Doch Clausen, ehrenamtlicher Dorfältester, Mitglied der CDU, aber als Kandidat einer kommunalen Wählergemeinschaft im Gemeindeparlament, sorgte zunächst einmal für sich. Er nahm das unverhoffte Angebot, das seinen Landwirtschaftsbetrieb mit zu einem der größten im Dorf machte, als sei es ein ganz normales Geschäft.

Auch der beigezogene Notar Reimer Friccius aus Friedrichstadt konnte an der »ungewöhnlichen, aber nicht außergewöhnlichen« (Clausen) Geschenkidee, die seit vorletzter Woche vor dem Landgericht Flensburg verhandelt wird, nichts Anstößiges entdecken. Für den Juristen war Hinrichsen, »was seine Geschäftsfähigkeit angeht, nicht sonderlicher als eben ein Mensch, welcher einen Besitz von ca. einer halben Million DM verschenkt«.

Zwar gibt es auch Rechtskundige vor Ort, die gegen die Transaktion Vorbehalte haben, weil Hof-Lieferant Hinrichsen bei Nachbarn durchaus im Verdacht steht, »einen Schlag an der Waffel zu haben«, wie sich ein Rendsburger Anwalt auszudrücken beliebt. Doch Friccius hatte »keine Bedenken, diesen Vertrag zu machen«, obwohl er laut Notarordnung nicht an Handlungen mitwirken darf, mit denen erkennbar »unredliche Zwecke« verfolgt werden.

Der Notar wickelte das seltsame Geschäft binnen zehn Tagen ab und beurkundete den »Hofschenkungsvertrag«. Unter dem Stichwort »Gegenleistung« von Clausen an Hinrichsen wird in der Urkunde ausdrücklich »folgendes vereinbart: keine«.

Nachforschungen im Dorf hätten schon den Bürgermeister, der als »Ehrenbeamter« dem Gesetz nach gehalten ist, »sein Amt uneigennützig« zu verwalten, stutzig machen müssen. Bereits 1976 war Hinrichsen nach Aufenthalt in einer Hamburger Nervenheilanstalt zu 50 Prozent als schwerbehindert anerkannt worden, vor allem wegen einer »Nervenfunktionsstörung«.

Seit Jahren schon galt Hinrichsen im Dorf als »Sonderling«, der, wie sein Nachbar Hans Jöns sagt, »''n beten dorchdreiht wär«. Und »voll wär he nie dorwesen«, sagt Jöns, der mit Hinrichsen seit frühester Kindheit befreundet ist. Nur, der Bürgermeister und sein Notar, der ihm als Rechtsbeistand schon häufiger zu Diensten war, wollen vom gesundheitlichen Verfall des Klienten nichts bemerkt haben. Einerseits, sagt Clausen, habe er Hinrichsen nicht so gut gekannt, um von dessen Eigenheiten zu wissen. Andererseits sei er ihm doch so vertraut gewesen, daß er das Geschenk wie selbstverständlich annahm.

Nun wissen alle Dorfbewohner, daß ihr Bürgermeister von jener dreisten Bauernschläue, wie sie schleswig-holsteinischen Landwirten nachgerühmt wird, eine anständige Portion abbekommen hat. Und viele erinnern sich daran, daß der Christdemokrat schon einmal auf umstrittene Art zu Ländereien gekommen war.

Vor zwölf Jahren übernahm Clausen, zusammen mit einem befreundeten Schlachter aus dem Nachbarort, von einem als Sonderling bekannten Bauern Land und Hof. Auch damals, erinnert sich der Landwirt und Gemeindevertreter Claudius Hasche, wurde das Geschäft ruck, zuck abgewickelt, »da kam keiner zwischen«. Der 35 Hektar große Besitz (geschätzter Wert: 1,5 Millionen Mark) wechselte gegen eine Leibrente von rund 800 Mark den Besitzer - ein »Spottgeld«, so Hasche, mindestens »fünfzig Prozent unter dem Ortsüblichen«.

Bei anderer Gelegenheit machte Clausen einem Autohändler schon mal rot für grün vor. Beim Kauf eines neuen Fahrzeugs, _(Vor dem Hinrichsen-Hof. )

Typ Mercedes, bei dem nach Landmannsart weniger auf Verträge als auf Manneswort Wert gelegt wurde, brachte der Bürgermeister einen Gebrauchtwagen in den Handel ein. Der erwartete grüne Wagen entpuppte sich jedoch später, als der neue geliefert war, als roter - und er war auch weitaus älter und weniger wert als besprochen. Erst vor Gericht bequemte sich der Dorfchef, einen entsprechenden Finanzausgleich in bar vorzunehmen.

Ein anderer Handel, bei dem sich der gewiefte Bürgermeister sein Amt zunutze machte, brachte ihm eine Strafanzeige ein. Die Flensburger Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen versuchten Betruges. Beim Amt für Land- und Wasserwirtschaft hatte der Bürgermeister für die Gemeinde zwei ausrangierte Trecker und fünf Anhänger zum Vorzugspreis erstanden - ein Privileg, das nur Kommunen zusteht. Verzichten die Gemeinden auf den Ankauf, werden die Fahrzeuge, bei öffentlicher Ausschreibung gegen Höchstgebot und etwa dreimal so teuer, an das Landvolk verhökert.

Das besorgte in diesem Fall Clausen persönlich. Nur ein Trecker ging an die Gemeinde, die übrigen Fahrzeuge teilte er sich mit Freunden und ihm nahestehenden Gemeindevertretern zum günstigen Tarif. Man könne »von einem ehrenamtlichen Bürgermeister nicht erwarten«, entschuldigt sich Clausen, »daß er sämtliche Richtlinien kennt«.

Mit Hilfe der Juristen will nun Hinrichsen seinen Hof zurückbekommen. Vor dem Landgericht Flensburg stellte er vorletzte Woche den Antrag, eine »Berichtigung des Grundbuchs« vorzunehmen und ihn wieder als »Eigentümer dieser Grundstücke« einzutragen.

Die Annullierung des sonderbaren Geschäfts betreiben seine Anwälte mit der Begründung, Hinrichsen sei zu dem Zeitpunkt, wie auch der Hamburger Amtsarzt Peter Dettmering meint, »nicht im Vollbesitz seiner Geschäftsfähigkeit gewesen«.

Der amtlich bestellte Gutachter, der Kieler Psychiatrie-Professor Hans Grahmann, hält eine Geisteskrankheit Hinrichsens für »unwahrscheinlich«, aber für »nicht völlig ausgeschlossen«. Auch Grahmann gewann den Eindruck, daß Hinrichsen ein »verschrobener Sonderling und Eigenbrötler« sei, der »zumindest zeitweise psychisch gestört, wenn nicht krank gewesen« sei.

Einen ersten Erfolg hatte Hinrichsen schon vorher verbuchen können. Das Landgericht Flensburg bestätigte die einstweilige Verfügung der Kollegen vom Schleswiger Amtsgericht, »einen Widerspruch gegen das Eigentumsrecht« von Clausen in das Grundbuch einzutragen, um Landverkäufe zu verhindern.

Die Richter waren »in Zusammenhang mit dem ausgesprochen ungewöhnlichen Schenkungsvertrag« mit der »genügenden Wahrscheinlichkeit« zu dem Schluß gekommen, daß das Geschäft wohl »nichtig« sei.

Vor dem Hinrichsen-Hof.

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