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ERINNERUNG Echo der Gewalt

GEISTESGRÖSSEN (4): Im »Jahr der Geisteswissenschaften« stellt der SPIEGEL in einer Serie herausragende Wissenschaftler und deren Arbeit vor. Der hannoversche Sozialpsychologe Harald Welzer, 49, erforscht, warum sich auch Massenmörder für anständige Menschen halten und wie ihre Greueltaten im »sozialen Gedächtnis« nachhallen.
aus DER SPIEGEL 33/2007

Beinahe wäre Harald Welzer Galerist geworden. Lässig genug wirkt er. Aber er sei nun einmal kein Verkäufertyp, sagt er. Früher lud er oft zu Vernissagen in seine Wohnung in Hannover. Die hat immer noch etwas von einem Ausstellungsraum: wenig Möbel, viel Kunst. Da hängt etwa das ungerahmte weiße Bild an der weißen Wand. Besucher entdecken es erst, wenn sie genau hinsehen.

An diesem Punkt treffen sich Welzers Kunstbegeisterung und sein Beruf als Wissenschaftler: Er predigt das genaue, unvoreingenommene Hinsehen geradezu, die reine Empirie. »Ansonsten müsste ich spekulieren, und dann wäre das, was ich mache, Kunst und eben keine Wissenschaft.«

Als Soziologe und Sozialpsychologe dringt Welzer ins Unterbewusstsein der Gesellschaft vor, also in eigentlich schwer messbare Bereiche. Seine Forschungsgebiete sind zum einen Gewaltexzesse, zum anderen die Erinnerung (gerade auch an solche Gewalt).

Sein Fach mischt er ordentlich auf. Und er hat gleich zwei aufwendige Jobs: Er ist Forschungsprofessor an der Privatuniversität Witten/Herdecke, außerdem leitet er am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen das durchaus ungewöhnliche »Zentrum zur Gedächtnisforschung«. Das fördert die Zusammenarbeit unter anderem zwischen Soziologie und Neurologie und damit zwischen Richtungen, die sonst gern die alleinige Deutungshoheit über das Erinnern beanspruchen.

Ausgangspunkt von Welzers Studien zur Erinnerung und zum »sozialen Gedächtnis« sind fast immer historische Extremsituationen, Explosionen des Brutalen, insbesondere Holocaust und Zweiter Weltkrieg. An ihnen, an ihrer Rezeption will er nachweisen, wie Wahrnehmung von Vergangenheit funktioniert - und zwar privat, alltäglich, nicht intentional, jedenfalls fernab der Geschichtsforschung, der öffentlichen Gedenk- und Erinnerungskultur, der Museen und Mahnmale.

Anders gesagt: Bei seinen Exkursionen ins soziale Gedächtnis untersucht er, wie Menschen ihr Bild der Vergangenheit formen.

Längst hat er belegt, dass Erinnern eher ein Verfremden und grundsätzlich eine enorm emotionale Angelegenheit ist.

»Opa war kein Nazi« heißt ein 2002 erschienenes, von ihm mit herausgegebenes Buch, das Aufsehen erregte. Die Grundlage bildete eine Studie zum »Familiengedächtnis«. Für diese Arbeit waren Zeitzeugen der NS-Zeit, deren Kinder und Enkel im Familienbund befragt worden.

Häufig stießen die Wissenschaftler auf eine geschönte Version der Vergangenheit, derzufolge die Eltern oder Großeltern im Grunde Widerständler gewesen seien. Die Großmutter etwa berichtet mit Genugtuung, wie es ihr mit einem Trick gelungen sei, direkt nach Kriegsende weder »die Russen« noch »die Juden« einquartieren zu müssen. Sie erwähnt auch, sie habe von Konzentrationslagern nichts gewusst. Ihre Enkelin hatte abgespeichert: Die Großmutter habe zu Kriegszeiten Verfolgte versteckt, sie damit vor dem KZ gerettet. Ihr Idealbild speiste sich vorwiegend aus dem, was sie über andere Leute gehört und gelesen hatte.

Mit vorsätzlicher Geschichtsverfälschung hat solch individuelle Mythenbildung noch nichts zu tun, sondern mit typischen Mustern der Rekonstruktion eines Damals. Erinnern dient der Bewältigung der Gegenwart, und schon aus Selbstschutz will jeder gut abschneiden. Keiner der Befragten hätte Kriegsgreuel oder gar den Holocaust angezweifelt. Nur soll die eigene Familie nicht verstrickt gewesen sein.

Gerade erschienen ist das Buch über die Folgestudie »Der Krieg der Erinnerung«. Mit ihr wurde geprüft, welche Bilder, auch Vorurteile im »europäischen Gedächtnis« überdauert haben, ob es ein solches gemeinsames Gedächtnis überhaupt gibt. In sechs Ländern wurden - wieder generationsübergreifend - Interviews geführt. Thema war erneut der Zweite Weltkrieg.

Basierend auf den Erzählungen der ersten Generation ist das Bild der Wehrmachtssoldaten etwa in Norwegen beinahe von Mitleid geprägt. Über die Soldaten wird sogar mitfühlender gesprochen als über die verfolgten Juden. Es lässt sich insgesamt bei Europas Enkeln in latenter Form eine Judenfeindlichkeit konstatieren. »Ausgerechnet der Antisemitismus bildet die Klammer der sonst unterschiedlichen europäischen Erinnerungskulturen«, sagt Welzer. In Deutschland habe es durchaus eine »Erfolgsgeschichte der Aufarbeitung« gegeben. Inzwischen sei aber vor der Monumentalisierung der NS-Zeit zu warnen. »Sie ist gefährlich, weil sie abstrakt bleibt. Es heißt stets, das waren die Nazis, keiner fragt, wer waren die Nazis.«

Welzer ist kein verkappter Historiker, ihn interessiere, so betont er, das »Nachvibrieren der Geschichte in der Gegenwart«. Gerade Gewalt hallt als Echo nach. Viele Parolen und Methoden der RAF hält er für einen »nachgeholten Faschismus« mit neuen Feindbildern. Kurioserweise seien die Parallelen lange weder Sympathisanten noch Gegnern aufgefallen.

Aus moralischer Sicht seien seine Ergebnisse oft ernüchternd, weiß er. »Aber wir erhalten sie eben erst, weil wir nicht schon moralisch aufgeheizt an die Sache herangehen.« Wie aber nähert man sich dann dem Thema Moral? Mit dem 2005 erschienenen Buch »Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden« hat der Forscher die üblichen Vorstellungen von Gut und Böse zerplatzen lassen. Demnach sind »bis auf die üblichen paar Prozent« sogar die größten Übeltäter keine klinisch auffälligen Personen, keine Sadisten zum Beispiel. Welzer - ein Mann der unbequemen, aber plausiblen Analysen - glaubt vielmehr, was die Wissenschaft in dieser Tragweite lange nicht wahrhaben wollte: dass so ziemlich jeder Mensch zum Massenmörder werden kann, dass er fähig ist, Tötungsarbeit zu verrichten wie andere Leute Büroarbeit.

In seiner Sozialpsychologie des Massenmords geht es um die Dynamik ganzer Genozide. Er spürte dazu nicht den Randfiguren nach, die - schlimm genug - einfach zu- oder wegsehen, sondern den Personen, die selbst töten, oft im Akkord.

Eine Einsatzgruppe der SS hat bei einer sogenannten Judenaktion innerhalb von zwei Tagen mehr als 30 000 Menschen erschossen, Babys wurden wie Tontauben abgeknallt - und die Täter nannten dies »einen schönen, kurzen Tod«. Das heißt aber nicht, dass diese SS-Mörder seelenlose Schießmaschinen waren. Es ist schizophrener: Sie hielten sich selbst für anständig, gar mitmenschlich, und das betonten viele auch. Ein Mitglied eines Erschießungskommandos schrieb an seine Kinder, ihr Papa denke stets an sie - und er schieße »nicht über das Maß hinaus«.

Natürlich ist die Bestialisierung unter dem Gewand des Humanen nur im Rahmen eines verzerrten gesellschaftlichen Moralkonzeptes denkbar. Die Bedeutung dieses Referenzrahmens ist es gerade, die Welzer erstmals aufzeigt.

Demnächst will sich der Soziologe den Gegenspielern der Täter zuwenden, den Rettern und Helfern. Er lacht: »Sie werden bereits vermuten, dass meine Hypothese die ist, dass die Retter - wieder bis auf die üblichen fünf Prozent Extremfälle - auch durchschnittliche Menschen sind.«

Warum aber wird jemand Retter unter lauter Tätern? »Weil er sich entscheidet. Menschen entscheiden, ohne an Kant zu denken oder daran, welchen Namen das eigene moralische Universum noch zu bieten hat. Aber sie entscheiden sich.«

Soziale Beziehungen sind meistens maßgeblich. Ausschlaggebend kann die Nähe zu Menschen sein, die ein solches Handeln von einem erwarten, oder eine Verbindung zur Seite der Opfer - »vielleicht wird die geliebte Patentante verfolgt. Vielleicht wird jemand konkret um Hilfe gebeten«. Es gebe regelrechte ungewollte Helferkarrieren, Menschen, die Unterschlupf für eine Nacht zu geben bereit sind, und daraus wurden Jahre. Manche Leute seien dagegen einfach Spieler, »die lieben das Risiko, sehen generell mehr Handlungsspielraum«.

Geschichte wiederholt sich nicht, doch lassen sich laut Welzer Mechanismen erkennen, die Völkermorden vorausgehen - ob in Vietnam, Ruanda oder Ex-Jugoslawien. Zuerst bestehe das diffuse Gefühl, es gebe ein Problem, das könne ein reales oder ein vorgestelltes sein. Es folge das Unterteilen in »wir« und »die anderen«, wobei die »Wir«-Gruppe die definitorische Macht übernimmt; sie bestimmt, wer das Problem ist. »Gilt eine Gruppe als Problem, ist es nicht mehr weit bis zum Massenmord, bis zur ethnischen Säuberung oder gar bis zum Völkermord.«

Als Mitherausgeber des Buches »Das Ende der Bescheidenheit« hat Welzer von den Geistes- und Sozialwissenschaften vor kurzem mehr Nutzwert gefordert. Es wäre doch großartig, wenn er ein Frühwarnsystem der Gewalt entwickeln könnte.

Der produktive Quergeist ist schon dabei. Sein nächstes Buch wird von einer drohenden Katastrophe handeln: von der ökologischen Zerstörung Afrikas, von den Flüchtlingswellen in Richtung Europa, die dramatisch zunehmen werden - und davon, dass ein größerer Konflikt, eben auch schrankenlose Gewalt, gegen die Flüchtenden denkbar ist. Er prüft, an welchem Punkt der Eskalationsskala die Welt steht.

Letztlich, sagt er, drehe sich alles um die schlichte Frage, wie Menschen mit Menschen umgehen. ULRIKE KNÖFEL

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