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GERICHTSFERNSEHEN Echt und billig

aus DER SPIEGEL 39/1999

Das gab's noch nie«, müsste eigentlich im Vorspann zur neuen Sat-1-Serie »Richterin Barbara Salesch« stehen. Aber auch so lassen die Einblendungen keine Zweifel über das aufkommen, was die Fernseh-Öffentlichkeit von dieser Woche an von Montag bis Freitag zur besten Werbezeit um 18 Uhr erwartet: »Die Personen sind keine Schauspieler«, »Die Fälle sind echt« und »Ihr Urteil ist rechtskräftig«. Dank eines Kniffs gelingt Sat 1 erstmals, was eigentlich verboten ist: Dass das Fernsehen die Verhandlungen eines deutschen Gerichts überträgt.

Sat 1 präsentiert zwar nicht die erste Gerichtsshow, aber die erste mit Echtheitszertifikat. Seit das ZDF für seinen Daily Court »Streit um Drei« reale Fälle fernsehgerecht umschreiben und von Darstellern nachspielen lässt und damit zweistellige Quoten einfährt, gilt Justiz-TV als Fortsetzung des Nachmittagstalks mit besseren Mitteln. Erfolglos blieb allerdings »Klarer Fall?! - Entscheidung bei Radka«, mit ähnlichen Erwartungen im August gestartet: Nach nur 15 Folgen fällte Vox eine klare Entscheidung und erklärte den Versuch, eine Talkshow mit einer Laien-Jury zu überhöhen, für beendet.

Statt »Court TV« à la O. J. Simpson ist aber auch bei Sat 1 nur ein »TV Court« zu sehen: Denn Salesch, 49, eigentlich Vorsitzende Richterin am Landgericht Hamburg, hat sich für zwei Jahre beurlauben lassen und für Sat 1 ein Schiedsgericht gegründet. Ein privates Schiedsgericht darf anstelle der staatlichen Gerichte Recht sprechen, wenn sich die Streitparteien darauf einigen, ihren Streit dort auszutragen. Das Schöne daran: Für ein Schiedsgericht gilt das gesetzliche Fernseh-Verbot nicht.

Bewerber für das Fernsehgericht gibt es offenbar genug, ob es um Streit unter Nachbarn, Zank unter Freunden oder Rechthaberei in der Familie geht. Denn bei Richterin Salesch ist das Recht billig: Kläger und Beklagte erhalten eine rechtskräftige Entscheidung, die Kosten der Verhandlung trägt Sat 1 und kommt dabei noch günstig weg. Ein bisschen Etikettenschwindel ist dafür erlaubt, denn eigentlich fällt Richterin Salesch kein »Urteil«, sondern nur einen »Schiedsspruch« - aber wer wird schon so pingelig sein.

Bereits im ersten Fall von Richterin Salesch kommt das Fernsehgericht auf den Hund: Eine Mutter verklagt ihren Sohn, weil sie ihm angeblich für 700 Mark einen Golden Retriever verkauft hat, der Sohn aber behauptet, sie habe ihm den Hund geschenkt. Dass das unterlegene Familienmitglied am Ende lauthals gegen den Spruch protestiert, fällt dabei leider dem Schnitt zum Opfer. Richterin Salesch jedenfalls verspricht: »Ich mache keine inhaltlich anderen Sachen, nur weil es Fernsehen ist.«

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