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Bonn/Berlin »Echte Katastrophe«

aus DER SPIEGEL 22/1996

SPIEGEL: Warum sind Sie dagegen, daß Deutschland künftig von Berlin und Bonn aus regiert wird?

Jann: Wenn wir an dem sogenannten Kombinationsmodell festhalten, demzufolge nur einige Ministerien nach Berlin umsiedeln und alle Ressorts in beiden Städten Dienstsitze unterhalten sollen, droht eine echte Katastrophe: Das Regieren wird noch teurer, langsamer und ineffektiver als ohnehin schon. Und das wissen alle Beteiligten.

SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?

Jann: Kein anderer europäischer Staat leistet sich eine derart altmodische, verkrustete Ministerialverwaltung wie wir. Nur ein Drittel der Regierungsbürokratie nimmt echte ministerielle Aufgaben wahr. Mein Vorschlag: Die Ministerien werden radikal auf ihre konzeptionell und gestaltend tätigen Bereiche beschränkt, und alle - bedeutend kleineren - Ressorts gehen nach Berlin. Damit würde zugleich der Umzug billiger und einfacher.

SPIEGEL: Kommen Sie nicht reichlich spät mit solchen Reformwünschen?

Jann: Mit dem Argument, es sei keine Zeit mehr, haben Parteien und Regierung seit 1991 immer wieder Modernisierungsdebatten totgeschlagen. Umzugsorganisation und Verwaltungsreform wurden bisher hermetisch voneinander isoliert. Bei entsprechendem politischem Willen ließe sich jetzt noch die einmalige Chance zur Reform nutzen.

SPIEGEL: Erhalten nicht die Umzugsgegner Auftrieb, wenn die Umzugsplanung jetzt in Frage gestellt wird?

Jann: Ich glaube nicht, daß das Parlament es wagen wird, sich mit einer Revision der Entscheidung für Berlin vor aller Welt lächerlich zu machen. Es gibt mittlerweile kaum noch Politiker oder Ministerialbeamte, die eine zweigeteilte Regierung befürworten. Sie sagen es bloß nicht laut.

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