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Rudolf Augstein EDLE EIN FALT, SCHIERE GRÖSSE

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 35/1967

Zieht die schiere Größe des Unternehmens, das ich aufgebaut habe, den öffentlichen Zorn auf sich wie die Eiche den Blitz?« so meditiert Axel Springer in der »Zeit«, die sich über die Fernseh-Ermittlungen des Springerschen Chefjustitiars, wie sie im SPIEGEL beschrieben worden waren, verwundert und ein ganz klein wenig empört hatte.

Ja, lieber Axel, die schiere Größe des Unternehmens ist schon ein Grund; nicht um zornig zu werden, sondern um über das System nachzudenken, das diesem Unternehmen diese schiere Größe ermöglicht hat. Ich weiß, Sie hören das nicht gern, aber natürlich stellt sich doch die Frage, welche Rolle das Privateigentum und der mächtigste aller Privateigentümer in einer demokratisch verfaßten Gesellschaft spielen dürfen. Lassen Sie uns gemeinsam einen weiteren Ansatz zum Nachdenken über Sie und Ihr Unternehmen gewinnen.

Früher haben Sie behauptet, Ihre Redaktionen seien innerhalb gewisser Grenzen »vollkommen unabhängig«, innerhalb jener Grenzen nämlich, »die durch die Ablehnung des Extremismus von rechts und links gesetzt sind«. Jetzt schreiben Sie in Ihrer Rechtfertigung, der ersten übrigens, die Sie für nötig hielten, »zwei Mitglieder Ihrer Redaktion« seien in den Besitz von Informationen gekommen, denen man habe nachgehen müssen.

Axel, wirklich Ihrer Redaktion? Sie haben doch gar nicht eine, sondern zehn Redaktionen? Und wer ist der Chefredakteur »meiner Redaktion«? Sind Sie das selbst? Offenbar nicht. Sie lassen ja durchblicken, Ihnen seien die Aktivitäten Ihres Chefjustitiars Arning nicht bekannt gewesen. Ist demnach Arning gelegentlich Chefredakteur »meiner Redaktion«, und ist »meine Redaktion« von Fall zu Fall ein Sonderstab, der unter Arnings, des Chefjustitiars, Leitung arbeitet?

»Meine Redakteure«, so schreiben Sie, »gingen zu meinem Chefjustitiar«, um die Recherchen »justitiabel« zu machen. Aber da muß es doch jemanden geben, der »meine Redakteure« einsetzt? Der eigentliche Chefredakteur »meiner Redakteure«, Herr Bluhm von »Hör zu«, war es ja nicht, da er, wie Sie richtig schreiben, »durchaus nicht einverstanden« mit Arnings Aktivitäten gewesen sei und »dementsprechend gehandelt« habe.

Sie selbst haben die Redakteure auch nicht eingeteilt. Sie lassen durchblicken, Sie hätten deren Tätigkeit »nicht inauguriert« und vielleicht nicht einmal gutgeheißen.

Wer war es also, der »zwei Journalisten und Mitglieder meiner Redaktion« eingesetzt hat? Aus den Unterlagen, die im SPIEGEL veröffentlicht wurden, geht zweifelsfrei hervor, daß es Ihr Chefjustitiar Arning war, der ja auch die Minox-Kamera wieder eingezogen hat. Verwalter des Geräteparks ist der vielbeschäftigte Mann doch nicht auch noch?

Um es noch klarer zu sagen: Es war nicht so, daß eine Ihrer Redaktionen »in den Besitz von Informationen gekommen« war, denen »nachzugehen journalistische Pflicht« war, wie Sie es darstellen. Sondern: Ein bei Ihnen angestellter Redakteur wurde, unter Umgehung seines Chefredakteurs, direkt an Ihren Chefjustitiar vermittelt, und zwar von einem Mann, der keiner Ihrer Redaktionen angehört, der bei Ihnen einen Beratervertrag hat.

Axel, erlauben Sie die Frage: Wer hätte denn, wenn das Material der beiden Ermittler von Arning für wert erachtet worden wäre, über die Veröffentlichung entschieden? Wer darüber, welche Ihrer Redaktionen es veröffentlichen solle? Sie nicht, denn Sie beschneiden die Redaktionen ja nur, wenn es um den Extremismus von rechts oder links geht. Also wer? Die schiere Größe Ihres Unternehmens zwingt uns, darüber nachzudenken.

Denn, nicht wahr, Ihr Chefjustitiar ist ja nicht nur Ihr Chefjustitiar, der Recherchen vor dem Druck »justitiabel« macht (solche Artikel, die er vorher durchsehen müßte, veröffentlichen Sie ja kaum einmal im Jahr). Im Hauptberuf ist er Ihr »Bevollmächtigter für elektronische Publikationsmittel«, vulgo Fernsehen geheißen.

Er soll Ihnen den Zugang zum Fernsehen ebnen -- nicht nur Ihnen, aber doch auch Ihnen. Soll er Material gegen die bestehenden Fernsehanstalten sammeln, das er dann an Ihre Redaktionen zur gefälligen Bedienung, in voller Freiheit versteht sich, verteilt (so man noch ungünstigere Möglichkeiten rundweg ausschließt)? Darüber hätten wir doch zu gern Auskunft. Und solange er gleichzeitig Ihr Chefjustitiar und Ihr elektronischer Bevollmächtigter ist, sollte diese Frage auch Sie beunruhigen. Sie müssen nicht alles wissen, was er tut. Aber er ist Ihr Mann. Decken Sie ihn, so fällt Ihnen zur Last, was er tut, und Sie sollten nicht rätseln, warum der Blitz die stolzesten Eichen sucht (tut er übrigens gar nicht).

Daß Sie sich »entschuldigen«, hat gar niemand verlangt. Sie sollen nur einsehen, daß es nicht Neid und Mißgunst allein sind, wenn man Sie argwöhnisch beobachtet. Zum Argwohn ist Grund.

Sie als Person, abgesehen von der schieren Größe Ihres Unternehmens, liefern den Grund. Sie schreiben, auf der Suche nach der Quelle all Ihren Ungemachs: »Die Politik, die meine Zeitungen verfechten, kann es, bei rechtem Licht besehen, nicht sein. Die gleiche Politik wird auch von anderen Zeitungen vertreten, ohne daß ihre Verleger Schmähungen und Verdächtigungen ausgesetzt gewesen wären.«

Axel, es geht hier nicht um die Politik, sondern um die Mittel, die Sie benutzen, um an den Mann zu bringen, was Sie für Ihre Politik halten.

Wären Sie wie Lord Thomson, der bedrucktes Papier verkaufen und sich die »Times« als Feder an den Hut stecken will, so wäre Ihre konkurrenzlose Stellung, viel konkurrenzloser als die Lord Thomsons, immer noch eine Gefahr, aber kaum jemand würde sich aufregen. Sie wären halt erfolgreicher als andere, und damit gut.

Der Missionar aber, der sich von innen oder von oben erleuchtet weiß, muß seine Beglaubigung vorweisen. Die Größe Ihres Konzerns steht in einem Mißverhältnis zu dem Licht, das er verbreitet, und Ihre Geschäftspolitik in einem noch auffälligeren Kontrast zu Ihren eigenen hohen Zielen.

Wären und blieben Sie Geldverdiener, so hätten Sie keines Menschen gute Laune gestört. Aber Sie sind erst Geldverdiener' und dann, wenn Sie genug haben, Missionar. Das ärgert viele Leute, und ich meine mit Grund.

Ein Beispiel: Sie finden die beiden Fernsehprogramme schlecht, und das ist Ihr Recht. Sie wollen selbst mit anderen Zeitungsverlegern ein Programm machen, und warum lassen wir die schiere Größe Ihres Unternehmens einmal aus dem Spiel -, warum eigentlich nicht, wenn die Zeitungsverleger auch für die 150 Millionen Investitionskosten aufkommen wollen.

Bei Ihnen aber liest sich das so: »Wir waren uns schnell darüber einig« (Sie und Ihr Partner Karl Andreas Voss nämlich), »daß wir nicht mehr nur für die eigenen Interessen arbeiten konnten' als das Haus eine gewisse Größe erreicht hatte. Deshalb haben wir bereitwillig die Sorgen der ganzen deutschen Presse auf uns geladen -- etwa in der Fernsehfrage.«

Wäre ich Student der Soziologie, der politischen Wissenschaften, der Philosophie: Ich würde mich aufregen. Die Jungens wissen ja nicht, daß Sie das selbst glauben.

Oder ein anderes Beispiel: Im Verleger-Aquarium der Bundesrepublik gibt es seltsame Fische, aber doch keinen Hai, der einen so großen Magen hat wie Sie. Niemanden sonst müssen die kleinen Fische so sehr fürchten. Sie aber sagen: »Ich glaube, daß das Großunternehmen in der Presse eine Art Fürsorgepflicht vor allem für die Heimatzeitung hat, die für die Information der Bürger über Vorgänge, die sie unmittelbar betreffen, eine so unerhört große Bedeutung hat.«

Sie sehen, ich zitiere fair. Ich setze mich auch mit Ihnen und Ihren Argumenten auseinander. Man muß bei Ihnen gar nicht unfair sein.

Denselben blauen Dunst, den Sie sich in Ihrer Geschäftspolitik als Schutzherr der Heimatzeitungen und als stellvertretender Sorgenbrecher »der ganzen deutschen Presse« vormachen, verbreiten Sie auch in der Politik. Der Westen ist frei, Sie sind etwas freier als der übrige Westen, und drüben sitzen die SA-Leute des Herrn Ulbricht.

Wieder hilft es uns wenig, daß Sie das selbst glauben. Was immer Ihren persönlichen und geschäftlichen Charme ausmacht: Mit Ihren politischen Ansichten sind Sie ein Puppenstuben-Papa, und für einen solchen haben Sie nun doch zuviel Tages- und Sonntagszeitungen.

In Ihrer feinsten Zeitung, der »Welt«, schreibt Ihr feinster Kommentator, Matthias Walden, für ihn sei Kommunismus wie Krebs, er wisse dagegen kein Mittel. Dies genau ist Ihre Ansicht, womit ich die Originalität des Herrn Walden nicht in Zweifel ziehen möchte.

Daß Ihre Tageszeitungen »den Leser korrekt und vollständig informieren«, wie Sie für sich beanspruchen, ist das wohl Tatsache? Erleichtern Sie den Lesern das eigene Urteil? Helfen Sie ihnen, die Ursachen der Ereignisse zu erkennen? Wecken Sie Verständnis für die Ansichten des Gegners? Ich frage Sie nur, wie Sie mit gleichem Recht auch mich fragen könnten.

Sie hätten nicht die Macht, so schreiben Sie in der »Zeit«, die Geister zu verändern. Vielleicht nicht. Aber die notwendige Veränderung der Geister zu hindern und zu hemmen, fehlt Ihnen diese Macht so völlig? Was ist unter Ihrer Ägide aus Berlin geworden?

Ihr Chefjustitiar und Chefelektroniker hat Ihnen so übel mitgespielt, weil er das Problem, das Sie uns aufgeben, bengalisch und wie aus dem Chemiebaukasten beleuchtet hat: der konkurrenzlose Zeitungsherr' der nun auch noch ins Fernsehen will und dessen Stabsabteilungen Material sammeln, um die Sender und die politischen Instanzen sturmreif zu schießen. Hier wird uns ein Eigentumsbegriff verdeutlicht, dem die DDR und die anderen kommunistischen Staaten mit Grund einen gewissen Widerstand entgegensetzen könnten: einen Widerstand, der Sie ganz verbittert und den Sie nicht verstehen.

Lieber Axel, als Sie noch ein smarter Geschäftsmann waren und nichts sonst, als Sie den Major Huijsman von wegen der britischen Lizenzen becircten, da paßten Sie ins Bild und waren auch sehr amüsant. Ersparen Sie uns einen in Selbstmitleid badenden Springer, der von »Ehrverletzung« schreibt und »Schmähungen«, die ihm angetan würden, und der nun schon der Ansicht ist, der »Zipfel Macht«, den er in Händen hält, sei ihm von den Lesern seiner Zeitungen »verliehen«; seine Federn seien eben »geschätzter« als die Federn anderer Blätter. Himmel, Axel! Das eben nicht. Sie verfügen nicht mal über eine Feder, die Ihre Verteidigung hätte übernehmen können. Immer noch rechne ich auf William S. Schlamm.

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