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Otto Köhler EDLE KRÄFTE

aus DER SPIEGEL 6/1971

»Der Krieg«, so lesen wir Steuerzahler auf unsere Kosten, »der Krieg ist als »Phänomen der Weltstruktur« zu deuten« und keineswegs »kurzschlüssig wegzudiskutieren«. Falsch wäre es, zu schwelgen über den Segen, den er mit sich bringt, nämlich: »die Enthüllung von positiven Werten, die Entfaltung edler Kräfte, wie sie etwa in dem Freiheitswillen und der Opferbereitschaft eines Volkes im Krieg In Erscheinung treten«. Denn es ist »Tatsache, daß oft erst in der letzten Existenzbedrohung Liebe, Treue und Eingabe im vollen Sinn verwirklicht werden«.

Solche Erkenntnisse honorieren Conrad Ahlers und sein Presseamt mit jährlich über 200 000 Mark aus Steuergeldern. Gedruckt werden sie in der »Wehrkunde«, dem Blatt der »Gesellschaft für Wehrkunde«. Und die Weisheiten über den Krieg sind nicht zur Erbauung aussterbender Kriegervereine bestimmt, sondern zur Infiltration der Schulen mit Wehrpropaganda. Beide, die ebenfalls von Bonn subventionierte »Gesellschaft für Wehrkunde« wie ihr Monatsorgan, wenden sich insbesondere »an Lehrkräfte und Erzieher der Jugend«, um »den Verteidigungswillen zu stärken«.

Zu deuten ist der Krieg derart positiv, verlangt die »Wehrkunde«, im Schulunterricht. Und der Lehrer soll als Wehragitator »an seinem Platz bereits wichtige Vorarbeit leisten«, indem er so bei den jungen Menschen vor ihrer Einziehung »Aufnahmebereitschaft für die Art der Ausbildung und Unterweisung in der Bundeswehr weckt«.

Freilich, nicht immer geht es In der Schule wehrfreudig zu. Ein »Jugendoffizier« der Bundeswehr, der in gepflegtem NS-Deutsch über seinen »Einsatz« gegen die oft aus »'Apo-Deutsch' gebastelten Argumente« der Schüler berichtet, klagt, daß er dabei »den Rauschmittelabhängigen, den Kriegsdienstverweigerern und der Respektlosigkeit« begegnet.

Die »Gesellschaft für Wehrkunde«, die mit »Pädagogentagungen« die Schulen planmäßig zu unterwandern sucht, bietet in der »Wehrkunde« auch aller Welt politische Zensuren. Tadel für Norwegen und Dänemark, die von ihrer Mitgliedschaft in der Nato »militärisch nur einen zurückhaltenden Gebrauch machen«. Lob für Spanien und Portugal, die sich »ihrer Regierungssysteme wegen durch nordeuropäische Länder diskriminiert« sehen. Denn Franco -- nicht Hitler? -- ist »es zu danken, daß Spanien nicht seit 36 Jahren ein kommunistisches Land ist«. Und in Portugal hat -- Verfassungs-Untreue ist integer -- »nach dem Tode Salazars, eines der integersten und fähigsten Staatsmänner in der neueren Geschichte dieses Landes, die Verfassung wieder praktische Gültigkeit erlangt«.

Schwarzafrika baut -- anders als die weißen Länder dieser Erde -- »aus Prestigegründen oder aus Freude an einer primitiven Soldatenspielerei« und ohne »eine politische Notwendigkeit« tatsächlich »sog. »Armeen"« auf und entwickelt einen »gefährlichen Rassismus«. Die weiße Militärmacht Südafrika dagegen »ist das einzige prowestlich orientierte große Land Afrikas«. Und darum wäre es »kurzsichtig, diesen Staat seiner Rassenpolitik wegen dem Westen zu entfremden«.

Gut haben es wir Westeuropäer. Denn die Kommunisten vermeiden nach Auskunft der Wehrkunde »militärisches Vorgehen« gegen uns. Und »in überschaubarer Zeit ist eine ernstzunehmende revolutionäre Bewegung in Irgendeinem Land Westeuropas unvorstellbar«,

weil hier bekanntlich »soziale Geborgenheit und politische Gerechtigkeit herrschen«. Also keine Chance, im Krieg unsere edlen Kräfte zu entfalten?

Gemach, »Wehrkunde« hilft weiter. Sie weiß, wie der »Modellfall Vietnam« »unmittelbar taktische Relevanz für Westeuropa« hat. Denn unsere schöne »soziale Geborgenheit« wäre dahin, »falls einmal West-Europa nicht mit genügend Energie versorgt werden würde«. Libyen und Algerien müßten nur die Ölzufuhr sperren, und schon wären »die »objektiven sozialen Vorbedingungen' für einen Kampf um die Macht ... durch die sich ergebende Arbeitslosigkeit voll erreicht«.

Gegen die rebellierenden Arbeitslosen könnten dann die am »Modellfall Vietnam« gewonnenen Einsichten angewandt werden. Das bedeutet, der Westerwald würde entlaubt, Napalmbomben regneten auf die kommunistischen Nachschublinien in Rom, und My Lai fände wieder in Oradour statt.

Und für all diese schönen Aussichten zahlen wir -- dank Conny -- auch noch selber.

Otto Köhler
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