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NACHRUF EDWARD FREDERICK LINDLEY WOOD

aus DER SPIEGEL 1/1960

An dieser Szene ist so viel sicher: daß sie nicht in der Bundesrepublik gespielt haben kann. Als der Regierungschef sah, daß seine Politik gescheitert war, und daraus wie selbstverständlich die Konsequenz zog, zurückzutreten, bat er zwei Kabinettsmitglieder zu sich, deren sachliche Ansichten sich diametral entgegenstanden. Der eine von beiden schwieg. Hätte er gesprochen, so hätte er (auch das war dort selbstverständlich) nicht etwa sich selbst, sondern den Rivalen als Regierungschef vorschlagen müssen. Der andere schwieg zunächst ebenfalls, und dann erklärte er, daß er auf die Nachfolge verzichte. Der resignierende Kabinettschef hieß Chamberlain, die Rivalen waren Churchill und Chamberlains Außenminister Halifax. Man schrieb den August 1940.

Wahrscheinlich taugen Leute, die zunächst Ehrenmänner sind (und vielleicht überhaupt nichts anderes als das), nicht mehr viel für politische Geschäfte - man mag aussuchen, gegen wen das spricht. Halifax hat sich ohnehin nicht in die Politik gedrängt, sondern ist gewissermaßen in seinen Oberhaus-Sessel hineingeboren worden - später bekam sein Platz dort einen diskreten Anschluß, in den der hagere, melancholische Lord sein

schwarzpoliertes Hörrohr stecken konnte. Von 1922 bis 1940 gab es kaum ein Insel-Kabinett, in dem er nicht irgendein Amt übernommen hätte, weil es sich für einen Mann der Familie, aus der er kam, eben so gehörte: Er war unter anderem Unterrichtsminister, Landwirtschaftsminister, Kriegsminister, Lordsiegelbewahrer. Aber so oft sich dieser Sehr Ehrenwerte Sir Edward Frederick Lindley Wood, 1. Earl of Halifax, 3. Viscount Halifax, 1. Baron Irwin getäuscht hat - und das geschah einige Male recht drastisch -, die Motive seiner Irrtümer sprechen mehr für als gegen ihn.

Als Vizekönig von Indien - er bekam dieses Amt zu seiner höchsten Überraschung 1925 - sagte er dem Gewaltverächter Ghandi für Indien den Dominion-Status zu, Jahre bevor die Regierung bereit war, dem Subkontinent diesen Rang zu konzedieren. (Durch die Initiative seines Großvaters war Indien aus dem Besitz der Ostindischen Handelskompanie in die Hand der Krone übergeführt worden.) Ghandi führte seinen Ungehorsamsfeldzug in den Jahren, in denen Halifax dort die Krone repräsentierte - aber wenn sich die beiden trafen, unterhielten sie sich »über die letzten Dinge« (Ghandi). 1950 rettete Halifax durch eine fulminante Rede im Oberhaus die gefährdete Gesetzes -Vorlage seiner politischen Gegner, der Labour Party, die Indien die Unabhängigkeit gab.

Als Außenminister des Regenschirm-Chamberlain war er an der Münchner Nachgiebigkeit gegen die Nationalsozialisten beteiligt - wahrscheinlich gab es für die uniformierten Großgermanen kaum einen weniger geeigneten Gesprächspartner als diesen Aristokraten, kirchentreuen Landedelmann und zielsicheren Jäger, dessen Phantasie es einfach überforderte, die braunen Bramarbas-Köpfe an der gebührenden Stelle im Bestiarium der Politik einzuordnen.

Als das Desaster in den grellen Blitzen von 1939 und 1940 deutlich wurde, formulierte Halifax als erster, daß dem Unglück nicht nur mit anderen Methoden, sondern vornehmlich auch von anderen Leuten begegnet werden müsse, aber er war tapfer genug, sich mit aller Kraft an den Rettungsarbeiten zu beteiligen. Allerdings: Solange er im Foreign Office etwas zu sagen hatte, verhinderte er die Ausführung der Pläne des Ministeriums für wirtschaftliche Kriegführung, im von Deutschen besetzten Gebiet Sabotage-Akte zu inszenieren. Minister Geoffrey Lloyd zu Halifax. »Sie sollte man niemals konsultieren. Aus Ihnen wird nie ein Gangster!«

Sein Plan, ein Defensiv-Bündnis mit den Sowjets unter Dach zu bringen, scheiterte zwar, weil Stalin damals auf einen Zeitzünder-Vertrag mit dem tumb-scheinheiligen Ribbentrop aus war, der das Baltikum und andere Länder zu verschenken hatte. Als Botschafter in Washington hat Halifax aber dann eine englisch-amerikanische Allianz inszenieren helfen, gegen deren militärisches Potential der europäische Nato-Part wie ein Kasperle-Spiel wirkt.

Amerikanische Isolationisten bewarfen den Bündnis-Arrangeur daraufhin mit rohen Eiern, deren Reste der wohlerzogene Engländer gelassen mit dem Handschuh vom Revers wischte: »Glückliche Leute, die noch mit Eiern werfen können.« Bei anderer Gelegenheit nahm er ein britisches Kabinetts-Mitglied beiseite »Haben Sie diese Geschichten gehört daß es vielleicht eine Invasion (Englands durch die Deutschen) geben wird? Das wäre wirklich unsäglich langweilig!«

Zu dieser Art von Langeweile ist es dann doch nicht gekommen, und als sich die Welt nach dem Kriegsende neu einrichtete, zog sich Halifax zurück. Er hatte ohnehin immer die Ansicht vertreten, er wolle lieber - nein, nicht Rosen züchten, er wolle lieber eine Jagdmeute leiten als Premierminister sein.

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