Zur Ausgabe
Artikel 17 / 68

ERZIEHUNG Eene hinten druff

In deutschen Kinderzimmern herrscht Ordnung wie eh. Neue Untersuchungen belegen, daß immer noch nach Kräften geprügelt wird: Die Zahl der Kindesmißhandlungen nimmt zu.
aus DER SPIEGEL 30/1975

Na schön, ick bin ehrlich«, sprach Hauswartsfrau Veronika Meyer* in West-Berlin, »ick hab sie jehauen, int Jesichte.«

Sie das war ihre 14jährige Tochter Angelika*, die anfangs, als Kleinkind, nur mal »ne kleene Backpfeife« bekam. mal auch »eene hinten druff«. Als es davon aber nicht besser wurde mit dem Kind, das bettnäßte und sich der Mutter oft widersetzte, hinterließen die Prügel immer häufiger sichtbar Spuren, zersprengte ein Schlag ins Gesicht schließlich eine Nasensehne. Fürsorge und Staatsanwalt griffen ein, weil das Kind nun eine Boxernase hat.

Das häusliche Martyrium der Angelika Meyer im Unterschichtmilieu des Berliner Wedding, mit sechs Geschwistern, einer überarbeiteten Mutter und einem Vater, der ihr nach Feierabend auch noch »den Arsch voll« haute (so die Ehefrau), ist einer von Tausenden

*Name von der Redaktion geändert

ähnlicher Fälle im Jahr. Die Zahl der aufgeklärten Kindesmißhandlungen wächst (auf jetzt über 2000), die Dunkelziffer schwankt je nach Schätzung zwischen 6000 und 400 000. Was ans Licht kommt, liest sich so:

* In München schlug eine 36jährige Mutter ihre Tochter Cornelia, 7, wegen Nahrungsverweigerung und Bettnässens mit Riemen und Besen blutig, verbrühte ihr Kopf und Füße und gab dem Kind dessen eigenen Kot und Urin ein.

* In Hamburg folterte ein trunksüchtiger Gerüstbauer einen Zweijährigen, mit dessen Mutter er zusammenlebte, mit Scheuerbürste, Kochlöffel, Holzschuhen, Zollstock; die Herkunft einer neun Zentimeter breiten Brandwunde des Kindes, das vor Qualen nicht mehr weinen konnte, blieb vor Gericht ungeklärt.

* In Heidelberg starb ein Zweijähriger an einer Kopfverletzung, dessen Körper mit Blutergüssen und Wunden übersät war und dessen Peiniger, ein 35jähriger Automechaniker, vor kurzem drei Jahre und vier Monate Haft erhielt.

Statistisch werden selbst solche Quälereien mit Todesfolge, mutmaßlich zwischen 200 und über 700 im Jahr, nur ungenügend erfaßt Indiz dafür. daß das Ausmaß der kindlichen Katastrophen, wie Bonns Familienminister Katharina Focke meint. »zwar alle kennen, aber nicht bewußt erkennen wollen«. Selbst im wissenschaftlichen Bereich, in der Erforschung von Mißhandlungsursachen und Präventivmaßnahmen, erweist sich nach Untersuchungen des West-Berliner Soziologie-Professors Reinhart Wolff, 36, die Bonner Republik als »rückständiges Land«. Dabei tippte der Kölner Psychotherapeut Gerd Biermann kürzlich auf die Frage von »Bild«, ob deutsche Eltern prügelfreudiger seien als andere: »Ich fürchte ja.« Gelegentliche Empörung im Bilderblatt hilft freilich wenig, sie dient im Gegenteil eher der Suche nach »Sündenböcken« (Wolff) und lenkt von Zusammenhängen mit vorherrschenden Erziehungsnormen und -methoden ab. Und die, stellten Fachwissenschaftler fest, sind die alten geblieben.

Denn daß der Autoritätsverlust der Älteren, zumal der Eltern, im Gefolge rebellierender Studenten und junger Linker in eine breite »Welle der Nachgiebigkeit und anti-autoritärer Erziehung« ausgeufert sei, gilt Pädagogen und Soziologen mittlerweile als zwar verbreitete, aber kaum noch haltbare Annahme. Wolff: »Das Gegenteil ist eher der Fall.«

Aus der zunehmenden Zahl von Verhaltens- und Entwicklungsstörungen, die spätestens in der Schule zutage treten, schließen Pädagogen auf eine sich immer noch verschlimmernde Konflikt- und Streß-Situation für Kinder in der Leistungsgesellschaft. Und auch ein West-Berliner Soziologenteam kam in einer soeben erschienenen Untersuchung über Kindesmißhandlungen zu dem Ergebnis, daß »sich bei gestiegener Belastung der Familien auch der Druck auf die Kinder verschärft hat"*.

Trunksucht und Arbeitsscheu, aber auch berufliche Überlastung oft beider Eltern, Existenzsorgen und Nervosität, stets gepaart mit mangelndem pädagogischen Wissen der Eltern -- das sind die immer wiederkehrenden Gründe für übersteigerte Reaktionen gegen die eigenen Kinder, zumal in einem Land, in dem die Tradition autoritärer, repressiver Erziehung tief verwurzelt ist.

Die einst von Fürsten und Königen mit dem Stock kujonierten Deutschen dürften vorneweg zu den von Luther-Biograph Richard Friedenthal apostrophierten »verprügelten Völkern« zählen -- noch immer, denn das Dilemma reproduziert sich. »Eltern, die ihre Kinder schlagen und mißhandeln«, weiß Biermann, »sind in ihrer Jugend selbst mißhandelt worden.« Folgerichtig fordern Wissenschaftler, wie der Nestor der deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrie Hermann Stutte, ein gesetzliches Prügelverbot für Eltern: »Solange körperliche Züchtigung in unserem Erziehungs- und Schulrecht sanktioniert und gebilligt wird, ist eine wirksame Prophylaxe der Kindesmißhandlung illusorisch.«

In Köln wies der Mediziner Wilfried Kratzsch in seiner Dissertation regelrechte Brutstätten der Brutalität nach: Über Jahre hin wurden dort Mißhandlungsfälle fast ausnahmslos aus den alten, dichtbesiedelten Arbeitervororten gemeldet, einem Elendsmilieu mit bröckelnden Fassaden, grauen Höfen und Übergangswohnungen für Obdachlose. Ganz anders in den jüngeren, mehr von aufstrebenden Familien bewohnten Arbeitervierteln am Stadtrand: Seit Jahren lag der Kriminalpolizei dort kein Fall vor.

Als Tätertyp ermittelte Kratzsch vor allem arbeitsunwillige, brutale und labile Männer, oft Alkoholiker, und reizbare. durch Familie und Beruf überforderte, oft kinderreiche Frauen. Häufig spielen Existenzsorgen nach Frühchen, aber auch Haßgefühle gegen vor- und uneheliche Kinder eine Rolle, Sadisten und gereizte Ehrgeizlinge kamen hingegen nur in Mittel- und Oberschicht vor.

Dort, bei Angestellten, Beamten oder Selbständigen, werden solche Exzesse seltener registriert - nicht zuletzt wohl, weil das Strafrecht nur besonders

* Arbeitsgruppe Kinderschutz: »Gewalt gegen Kinder. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 382 Seiten; 980 Mark

schwerwiegende Fälle erfaßt: Quälerei, rohe Mißhandlung, Gesundheitsschädigung. Überdies lassen Strafrechtler und Gerichtsmediziner über den Formen und Folgen körperlicher Züchtigung die psychischen Torturen von Kindern fast ganz außer acht: fehlende Zuwendung bis zur Nichtbeachtung, absoluten Gehorsamszwang, Lächerlichmachen und Herabsetzung, Drohung mit Liebesentzug und ständige Verbote, Einschränkungen, Überforderungen.

Wie fließend hier die Grenzen zwischen Erziehung und Mißhandlung sind, verdeutlicht, daß selbst bei Prügeleltern in höheren sozialen Schichten »abgesehen von den Kindesmißhandlungen ... das sonstige Verhalten durchaus den bürgerlichen Normen« entspricht, so Kratzsch. Erst wenn ein seelisch pausenlos traktiertes Kind sich das Leben nimmt, wie der zehnjährige Oliver Schneider in Hamburg, der, Stiefsohn eines Ingenieurs, vor sieben Monaten in die Elbe ging, nimmt die Öffentlichkeit Notiz. Doch über elterlichen Psychoterror als Ursache für bleibende Ängste oder Aggressionen, Lern- und Kontaktstörungen, aber auch Asthma oder Herzschwächen sind sich selbst Betroffene oft nicht im klaren, ja nicht einmal die Urheber.

Denn fürs Kindererziehen gewährt der Staat so gut wie keine Hilfen, verlangt er, anders als für Autofahren oder qualifiziertes Arbeiten, keinen Befähigungsnachweis. So ist einfachstes Wissen der Kinderpsychologie nicht nur in vielen Unterschichtfamilien unbekannt: etwa Bettnässen als mögliche Folge mütterlicher Lieblosigkeit, Aggressionen als häufige Folge väterlicher Über-Autorität. »Schulung der Eltern in erzieherischen Fragen« hält Mediziner Kratzsch denn auch, neben gezielter materieller Hilfe im Einzelfall, für dringend geboten. Das Berliner Soziologenteam plant den Aufbau eines Kinderschutzzentrums.

Sinnvoll erscheinen prophylaktische Maßnahmen deshalb, weil es sich bei den Kinderquälern nur ganz selten um abnorme Persönlichkeiten, um Debile oder Psychopathen, handelt. Und was elterliche Aufklärung tatsächlich bewirken kann, zeigt sich daran, daß in Köln, anders als in anderen Städten, Adoptiv- und Pflegeeltern unter den Tätern gänzlich fehlen: Das städtische Jugendamt berät alle Pflegemütter regelmäßig in Erziehungsfragen.

Neben einem verstärkten Ansporn der Bevölkerung zur Meldung von Mißhandlungen plädieren Experten daher für ein vielfältiges Verhütungsprogramm: Sonderkurse für Schwangere und künftige Väter (wie sie in Kölner Kliniken bereits stattfinden), pädagogische Pflichtkurse für minderjährige Eltern, Erziehungsforen in Elternschulen, obligatorische Erziehungshilfen für Eltern von Kindern, die, wie Prügelopfer Angelika Meyer in West-Berlin schon zweimal, nach vorübergehendem Heimaufenthalt ins Elternhaus zurückgegeben werden.

»Heute sagt man mir«, jammert Angelikas Mutter über ihr bettnässendes und geprügeltes, wieder bettnässendes und wieder geprügeltes Mädchen, »det Kind, det wollte Aufmerksamkeit erlangen, wa ... Ja, det kann ick doch aba nich riechen.«

Zur Ausgabe
Artikel 17 / 68
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.