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BERLIN Eens uff'n Kopp

Einer Schlüsselfigur im Antes Prozeß werden Mordkomplott und Mafia-Bräuche nachgesagt. *
aus DER SPIEGEL 18/1986

Nach einem ausgedehnten Zug durch Ku'damm-Lokale kam der Immobilienkaufmann und Bauunternehmer Günter Schmidt nachts gegen eins nach Hause. Das Auto parkte er in der Tiefgarage und machte sich, Salzbrunner Straße 3 in Berlin-Wilmersdorf, auf den Weg nach oben. Als er die Treppenhaustür erreichte, vernahm er ein Geräusch. Schmidt drehte sich um, sah zwei Männer und hörte zwei Schüsse.

Die galten ihm. Am Arm getroffen, rettete er sich durch die Eisentür, eilte treppauf zur Wohnung seiner geschiedenen Frau und rief »Inge, Inge, mach auf. Hilfe.«

Das geschah am 2. Oktober letzten Jahres, und der Immobilienkaufmann glaubte nicht an einen kriminellen Zufall. Er machte sich auf die Suche nach den Tätern und wandte sich deshalb an einen Unterwelt-Zuträger, im Milieu bekannt als »Arschbacken-Ede«.

Für nicht weniger als 80000 Mark fand Ede, wie Schmidt behauptet, schnell heraus, wer da nächtens auf den Kaufmann angelegt hatte. »Stephan« und »Theo« hießen demzufolge die Täter, und Ede erkundete auch, daß die beiden einen Auftraggeber gehabt hätten: Das sei der Rechtsanwalt Christoph Schmidt-Salzmann gewesen, ein mit dem Bauunternehmer Schmidt zerstrittener ehemaliger Geschäftspartner.

Schmidt ging zur Polizei, zumal er aus der Unterwelt auch noch erfuhr, daß die Attentäter, die ihn nur am Arm getroffen hatten, zur »Nachbesserung« angehalten worden seien. Die Kripo beruhigte den verängstigten Mann mit guten Worten und veranlaßte die Observation von »Stephan« und »Theo«.

Drei Abende lang machten die Observateure einen Bummel durch die Gemeinde. Mit Uhr und Protokollblock in der Hand verfolgten sie die Verdächtigen durch die Lokale beidseits des Ku'damms, wo die Aufsteiger, Abzocker und Flaneure verkehren.

Um 20.32 Uhr, so das Minuten-Protokoll eines Abends, suchten Schmidts Verfolger zunächst das Lokal »Phönix« auf, sieben Minuten später »Fofi's« Bar-Restaurant - das eine wie das andere laut Kneipenführer ein »reinrassiges In-Lokal«. Um 20.56 Uhr war das Wilmersdorfer Restaurant »Orangerie« dran ("für Paare maßgeschneidert") und vier Minuten später dann das Lokal »Guido«, wo man laut einschlägigem Brevier »sicher« sein kann, »wiederzutreffen, wem man sonst auf anspruchsvoller Bummelbahn begegnet.«

Als sie wieder vor der »Orangerie« landeten, wo sich mittlerweile das Opfer Schmidt eingefunden hatte, schnappten die Handschellen zu.

Die beiden waren einschlägig gerüstet; der eine hatte eine Derringer-Pistole, der andere eine Ceska vom Kaliber 7,65 - durchgeladen und entsichert in der Tasche.

Beide waren nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft auf der Suche nach Schmidt, um ihn »aus Habgier und heimtückisch« zu töten.

Mit dem Fang von Wilmersdorf geriet noch ein anderes Ermittlungsverfahren in die heiße Phase: Unversehens kam der Korruptionsfall um den Ex-Baustadtrat Wolfgang Antes und die Berliner CDU ins Rollen, denn auf der Suche nach Beweismaterial im Mordkomplott hatten die Fahnder bei Schmidt-Salzmann Unterlagen sichergestellt, wonach der auch in Baugeschäften tätige Anwalt den Baustadtrat mit 200000 Mark bestochen hat.

Diese Bestechungssumme, die höchste im ganzen Fall, brachte dem Anwalt einen prominenten Platz auf der Anklagebank des Antes-Prozesses ein, der jetzt - als erstes Verfahren in der Serie Berliner Korruptionsaffären - begann.

Seit Ende letzter Woche müssen sich neben dem ehemaligen christdemokratischen Baustadtrat Antes, dem stadtbekannten Bordellbetreiber Otto Schwanz und Rechtsanwalt Schmidt-Salzmann

noch weitere fünf Personen vor dem Landgericht verantworten.

Das Berliner Kriminalstück zählt mittlerweile eine halbe Hundertschaft Beschuldigte und Verdächtige, darunter vornehme Adressen ebenso wie schwere Jungs aus dem Puff- und Zocker-Kiez um die Lietzenburger Straße, jener City-Zeile, die der »Sonderkommission (Soko) Lietze« zum Namen verhalf und zudem auch noch das CDU-Hauptquartier beherbergt. Mit Brandstiftungen, Betrügereien und Bestechungen sind die Beteiligten in einem einmaligen Schmierfilz kriminell geworden.

Wie aus dem Bilderbuch verkörpert Schmidt-Salzmann die verschiedenen Strömungen der Affäre. Er entstammt einer millionenschweren Industriellenfamilie und war stets in allen Szenen zu Hause - als Herrenreiter im Grunewald, mit rockiger Lederjacke in den Charlottenburger Kiez-Kaschemmen, mal Advokat der Sanierungsmafia, mal Mitgliederwerber für die CDU.

Schmidt-Salzmann, der sich gern »CSS« titulieren läßt und in dessen Schlafzimmer die Kripo bei der Haussuchung ein gerahmtes Al-Capone-Bild erspähte, ist mit der ehemaligen Unterweltsgröße Manfred ("Manne") Brumme »gut befreundet« (Staatsanwaltschaft). Und dem Geschäftspartner Schmidt, der ihn im nachhinein für unfähig hält, »auch nur eine Mark auf normalem Wege zu verdienen«, war er immerhin als Vertrauter in seinen vielen GmbH & Co. KGs gut genug, so etwa als Halbe-Halbe-Partner in der »Sextus Decimus Grundstücks GmbH« (Schmidt: »Meine sechzehnte").

Zuerst fiel CSS mit Kleinkram auf: Die Kripo registrierte, daß der Anwalt eine als gestohlen gemeldete Luxus-Uhr vom schweizerischen Fabrikat Patek Philippe zur Reparatur einreichte. Aber später ging es dann um siebenstellige Summen. Geschäftspartner Schmidt, der im einstigen Absanierer-Dorado Kreuzberg das Beton-Monster Neues Kreuzberger Zentrum (NKZ) hochgezogen hatte, zahlte den Kompagnon im Dezember 1982 aus: Schmidt-Salzmann bekam 320000 Mark Darlehen zurück sowie eine Million Abfindung. Danach stritten die beiden noch juristisch um insgesamt zweieinhalb Millionen.

Die Forderungen der Ex-Gesellschafter untereinander sind laut Schmidt so kompliziert verschachtelt, »daß es außer mir nicht mal meine Sekretärin oder mein Steuerberater nachvollziehen kann«. Schmidt: »Hätte es am 2. Oktober« - als die Schüsse auf ihn abgefeuert wurden - »geklappt, wären sicherlich anderthalb Millionen an ihn gegangen.«

Die Ermittler konnten Schmidts Anstifter-These allerdings nicht mit erforderlicher Schlüssigkeit belegen, weshalb der Verdächtige vorerst nicht wegen Mordkomplotts prozessual verfolgt wird. Im Fall Antes jedoch hat Schmidt-Salzmann den Fahndern seine Mitwirkung unfreiwillig schriftlich gegeben.

Beschlagnahmte Papiere zeigen die Abhängigkeit des Stadtrats auf, der in Charlottenburg das Bauwesen wie auch die CDU straff regierte. Einmal vermerkt CSS apodiktisch: »Antes soll Weg in Richtung Hanna-Granate zeigen.« Das zielte auf eine Intervention bei der Senatorin Hanna-Renate Laurien, die dem Parteigewaltigen Antes verpflichtet war, seit der ihr bei dem gescheiterten Versuch, die Weizsäcker-Nachfolge anzutreten, Charlottenburger Delegierte zugetrieben hatte.

In einem Fall von Unbotmäßigkeit - der Baustadtrat war mit schon bezahlten Gefälligkeiten bei einem CSS-Projekt in der Kaiser-Friedrich-Straße in Verzug - erhielt Antes vom Advokaten sogar einen Drohbrief, wie ihn aus Vorsicht nicht einmal die Mafia geschrieben hatte: _____« Lieber Wolfgang! » _____« Aus gegebenem Anlaß muß ich Dich an unsere Abmachung » _____« erinnern. Wie Du weißt, habe ich Dir 200000,- DM bezahlt, » _____« weitere Beträge sind für Deine Parteimitglieder » _____« aufgewendet worden. Ich bin auch in der Lage, weitere » _____« CDU-Mitglieder anzuwerben. Was aber erst geschehen kann, » _____« wenn Du Deine Abmachungen einhältst. » _____« Bis jetzt hat mich die Kaiser-Friedrich 370000 DM » _____« gekostet. Wie Du Dir denken kannst, werde ich diesen » _____« Betrag nicht ohne Revanche in den Sand setzen. » _____« Besorge mir den versprochenen Erbbaurechtsvertrag » _____« sowie die Baugenehmigung, wie Du es versprochen hast, » _____« sonst werde ich sehr ungemütlich! Es gibt für mich noch » _____« einige Methoden, mein Recht zu erlangen. Am 21. oder 22. » _____« 6. würde ich Dich gerne zum Abendessen treffen, um Deine » _____« Lösungsvorschläge zu hören. » _____« Bis dahin, viele Grüße Christoph »

Wer sich CSS in den Weg stellte, hatte nach den Feststellungen der Staatsanwaltschaft gelegentlich Malheur zu beklagen. Einem Stellplatznachbarn in der Tiefgarage Salzbrunner Straße, der mit Schmidt-Salzmann in Streit lag, sei der Pkw abgebrannt, einem anderen CSS-Widerpart der Reifen zerstochen worden.

Der ungemütliche Jurist machte auch vor Weggefährten nicht halt. Den Bauunternehmer Wilhelm Mewes etwa kannte er aus gemeinsamen Aktivitäten in der Kreuzberger Absanierer-Szene. Nach Streitigkeiten wurde Mewes in seinem Schweizer Domizil anonym bedroht und mit Szenen-Tips, er sei »als nächster dran«, drangsaliert - wie Ermittler glauben, im Auftrag von Schmidt-Salzmann.

Als CSS sich mit der Ex-Frau des Prominenten-Zahnarztes Rudolf Wieners liierte, griff er in den Streit um die Kinder ein. Als erste Bemühungen, mit Hilfe einer Detektei Wieners' Umfeld auszuforschen, ergebnislos blieben, erklärte CSS nach Feststellungen der Staatsanwaltschaft, »daß er die Sorgerechtsangelegenheit jetzt auf seine Weise regeln werde«.

Die Fahnder vermuten, daß der Anwalt durch Freund Manne Brumme Hilfswillige aus dem Ringer-Milieu ("SC Berolina") rekrutierte. Der Zahnarzt wurde mit Gummiknüppeln krankenhausreif geschlagen. Zumindest einer der Schläger, die den Zahnarzt traktierten, wurde nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft auch für das Mordkomplott gedungen.

Danach hat Nachtklubinhaber Brumme die Täter für Honorare zwischen 5000 und 10000 Mark angeworben. Für den nach den Schüssen vom 2. Oktober eigentlich fälligen zweiten Anlauf wurde

ein Nachschlag bewilligt: »2900,- DM für den Besuch eines Box-Weltmeisterschaftskampfes im Mittelgewicht am 14. November 1985 in Las Vegas/ USA inklusive Flug und sieben Übernachtungen in einem Luxushotel« (Anklageschrift).

Womöglich bedeutet es für CSS die Rettung, daß die schweren Jungs Schmidts Beschuldigungen im Verfahren nicht bestätigen mögen. Im Moabiter Schwurgerichtssaal, in dem das Attentatsverfahren jetzt alternierend mit dem Antes-Prozeß abläuft, gaben sich die Meister der Matte wortkarg.

Sie bestreiten jeglichen Tatvorwurf und zeigen Gedächtnislücken. Er habe, sagt einer, mal »eens uff'n Kopp jekriegt«.

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